Kapitel 1
Sie warf das Telefon aufs Bett und ging zum bodentiefen Fenster. Unter ihr lag der Central Park, ein weitläufiger Fleck aus Grau und Braun im Winterlicht. Er sah trostlos aus.
Sie brauchte einen Ehemann. Schnell. Sie brauchte jemanden, der keine Fragen stellen würde, jemanden, der eine Transaktion genauso dringend benötigte wie sie.
Sie ging zurück zum Bett und klappte ihren Laptop auf. Ihre Finger flogen über die Tastatur.
Babe Vincent.
Der Name kursierte seit Monaten in den untergründigen Gerüchteküchen der Upper East Side. Ein skandalöser Playboy. Von der Hälfte seiner Familie verstoßen. Gerüchten zufolge tief bei den falschen Leuten verschuldet oder vielleicht versuchend, eine Sexualität zu verbergen, die ihn vom Rest seines Erbes abschneiden würde. Die Gerüchte besagten, er suche verzweifelt nach einer Alibi-Beziehung. Einer Tarnung.
Sie fand den Kontakt zu einer diskreten Anwaltskanzlei, die sich um „sensibles Reputationsmanagement" kümmerte.
Sie tippte schnell, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel.
Anfrage: Dringende Vertragsverhandlung. Mandantin: Jocelyn Wolfe.
Sie klickte auf Senden.
Sie betrachtete ihr Spiegelbild im dunklen Glas des Fensters. Ihr Haar war zerzaust, ihre Augen rot umrandet, aber ihr Kiefer war angespannt.
„Keine Platzhalter mehr", flüsterte sie in den leeren Raum.
Die Vibration des Telefons auf dem Mahagoni-Nachttisch war kein sanftes Summen. Es war wie ein Bohrer, der sich um 6:00 Uhr morgens in die Stille des Gästezimmers bohrte.
Jocelyn Wolfe kniff die Augen fest zusammen und wünschte sich, das Geräusch würde verschwinden, aber das Summen hielt an und brachte das Wasserglas zum Klirren, das sie am Abend zuvor dort abgestellt hatte. Sie rollte sich auf die andere Seite, wobei sich die teuren Laken aus ägyptischer Baumwolle um ihre Beine verhedderten. Sie fühlten sich kalt an. Alles in Kieran Douglas' Penthouse fühlte sich kalt an, eher auf Ästhetik als auf Komfort ausgelegt.
Sie streckte die Hand aus, ihre Finger tasteten unbeholfen, bis sie auf das glatte Metall ihres Smartphones stießen. Sie blinzelte gegen das grelle blaue Licht des Bildschirms.
Es war kein Wecker. Es war eine Flut.
Benachrichtigung nach Benachrichtigung stapelte sich auf dem Sperrbildschirm wie Ziegelsteine. Twitter. Instagram. Apple News. Und ganz oben das rote Banner einer Eilmeldung von Page Six.
Tech-Mogul Kieran Douglas zeigt sich erstmals mit Aspen Schneider.
Jocelyn stockte der Atem, ein scharfer, körperlicher Schmerz, der von ihrer Brust in den Magen ausstrahlte. Ihr Daumen schwebte über der Benachrichtigung. Sie wollte sie nicht öffnen. Sie wusste, was sie sehen würde. Aber ihr Körper verriet sie, ihr Daumen tippte auf das Glas, bevor ihr Gehirn „Stopp" schreien konnte.
Das Foto lud langsam über das WLAN des Penthouses.
Es war hochauflösend. Zu hoch. Sie konnte den Schweiß auf Kierans Stirn sehen, das Aufblitzen der Paparazzi-Blitzlichter, das sich in seinen Augen spiegelte. Er war in Paris. Er hatte ihr gesagt, er sei wegen einer Vorstandssitzung in San Francisco.
Aber es war nicht Kierans Gesicht, das Jocelyn den Magen umdrehen ließ. Es war seine Hand.
Seine große, manikürte Hand lag besitzergreifend auf der Taille einer Frau in einem schimmernden silbernen Kleid. Aspen Schneider.
Jocelyn zoomte heran.
Kieran lächelte. Es war ein echtes Lächeln, die Art, die Fältchen um seine Augenwinkel warf. So hatte er Jocelyn seit sechs Monaten nicht mehr angesehen. Vielleicht seit einem Jahr.
Sie las die Bildunterschrift. „Douglas bezeichnet die Erbin auf der Givenchy-Afterparty als seine ‚langjährige Muse‘ und ‚Seelenverwandte‘."
Muse. Seelenverwandte.
Jocelyn setzte sich auf, der Raum drehte sich. Sie war nicht die Freundin. Sie erkannte es mit einer Klarheit, die sich wie ein Schlag ins Gesicht anfühlte. Sie war nie die Freundin gewesen. Sie war die Platzhalterin. Der warme Körper im Bett, wenn er einsam war. Die effiziente Assistentin, die seinen Terminkalender und seine Libido verwaltete, bis jemand mit einem besseren Nachnamen auftauchte.
Sie warf die Decke weg. Der Marmorboden war eiskalt an ihren nackten Füßen.
Sie schritt im Zimmer auf und ab, ihre Hände zitterten unkontrolliert. Sie schlang die Arme um sich, um ihre zerbrechende Fassung zusammenzuhalten.
Pling.
Ein Textnachrichten-Banner glitt vom oberen Bildschirmrand herunter.
Kieran: Flug landet um 6. Anschlussflug nach LA wegen der Serverfarm-Krise. Donnerstag zurück in NY. Halte die Quartalsberichte bereit.
Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Kein „wir müssen reden". Nur ein Befehl.
Er wusste nicht einmal, dass sie es gesehen hatte. Oder schlimmer, es war ihm egal. Für ihn war sie ein Haushaltsgerät. Eine Kaffeemaschine, die auch Sex lieferte.
Jocelyn hörte auf, auf und ab zu gehen. Sie starrte auf das Telefon, ihre Finger zitterten, als sie eine Antwort tippte. Du Lügner. Du absoluter-
Sie hielt inne. Sie löschte es.
Ihr Daumen schwebte über der Rücktaste, bis das Textfeld leer war. Wut war ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte. Noch nicht.
Das Telefon klingelte in ihrer Hand und erschreckte sie so sehr, dass sie es beinahe fallen ließ. Die Anrufer-ID zeigte ein einziges Wort: Mutter.
Jocelyn schloss die Augen und holte tief und zittrig Luft. Sie nahm ab.
„Hallo."
„Ich habe es dir gesagt", drang Elouise Steins Stimme durch die Leitung, scharf und ohne jede Wärme. Sie sagte nicht Hallo. Sie fragte nicht, wie es Jocelyn ging. „Ich habe dir gesagt, dass er eine Wolfe nicht ohne Mitgift heiraten würde."
Jocelyn umklammerte das Telefon so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. „Das will ich jetzt nicht hören."
„Du musst es hören", schnappte Elouise. „Du hast zwei Jahre damit verschwendet, mit diesem Tech-Jungen auf Familie zu machen, und jetzt sieh dich an. Gedemütigt auf der Titelseite jeder Klatschzeitung in New York."
„Ich lege auf", sagte Jocelyn mit hohler Stimme.
„Die Henderson-Fusion erfordert eine Braut", wechselte Elouise sofort das Thema, ihr Tonfall schlug von Spott in Geschäftliches um. „Du kommst nach Hause. Ich habe ein Abendessen arrangiert."
Jocelyn spürte, wie Galle in ihrer Kehle aufstieg. Mr. Henderson war zweiundsechzig. Er hatte ein Lachen, das wie ein feuchter Husten klang, und Hände, die zu lange verweilten.
„Ich heirate nicht für deine Geschäftsabschlüsse", sagte Jocelyn. „Ich bin kein Vermögenswert, den du handeln kannst, um deine schlechten Investitionen zu decken."
„Dann bekommst du gar nichts", drohte Elouise. Das Gift in ihrer Stimme war spürbar. „Der Treuhandfonds bleibt gesperrt. Das Testament deines Vaters war eindeutig, Jocelyn. Du erhältst die Kontrolle über das Vermögen erst nach deiner Heirat. Bis dahin bin ich die Testamentsvollstreckerin. Und ich sage, du bekommst nichts."
Jocelyn erstarrte.
Der Treuhandfonds. Das Vermächtnis ihres Vaters. Es war das Einzige, was sie aus diesem Leben befreien konnte. Es war genug Geld, um ihre eigene Firma zu gründen, ein Haus zu kaufen und sich nie wieder vor einem Douglas oder einer Schneider verantworten zu müssen.
„Die Klausel", flüsterte Jocelyn. „Darin steht nur Heirat. Es wird nicht spezifiziert, mit wem."
„Sei nicht dumm", spottete Elouise. „Du brauchst meine Zustimmung."
„Nein", sagte Jocelyn, während ihre Gedanken rasten. Sie erinnerte sich an das juristische Dokument, das sie vor Jahren auswendig gelernt hatte. „Darin steht ‚rechtmäßige Ehe‘. Das ist alles."
„Das wagst du nicht", zischte Elouise.
„Ich werde heiraten", erklärte Jocelyn, und ihre Stimme wurde kalt und hart wie Eis. „Aber nicht Henderson."
„Jocelyn-"
Sie legte auf.
Kapitel 2
Das Wartezimmer der Anwaltskanzlei roch nach Zitronenpolitur und altem Geld.
Jocelyn strich zum zehnten Mal den Stoff ihres Rocks glatt. Sie saß mit steifem Rücken auf der Kante eines weichen Ledersessels. Der Vermittler war effizient gewesen. *Mr. Vincent sucht heute eine Kandidatin. Seien Sie um 9 Uhr dort.*
Sie sah auf ihre Uhr. 8:58 Uhr.
Die schwere Eichentür schwang auf.
Jocelyn stand instinktiv auf.
Ein Mann trat ein.
Er war nicht das, was sie erwartet hatte. Die Klatschpresse zeigte Babe Vincent für gewöhnlich, wie er aus Clubs stolperte, das Hemd aufgeknöpft, eine verschwommene Erscheinung aus Bewegung und Laster.
Dieser Mann war die personifizierte Stille.
Er war groß, breitschultrig und trug einen maßgeschneiderten, anthrazitfarbenen Anzug, der ihm mit architektonischer Präzision passte. Sein dunkles Haar war ordentlich frisiert, keine Strähne war verrutscht. Er strahlte eine Autorität aus, die die Luft im Raum dünner erscheinen ließ.
Jocelyn stockte der Atem. Er war persönlich weitaus attraktiver. Die verschwommenen Fotos wurden der scharfen Linie seines Kiefers oder der Intensität seiner dunklen Augen nicht gerecht.
Der Mann hielt inne, als er sie sah. Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte seine Hand auf dem Türknauf.
Gaston Collins starrte die Frau an, die neben dem Sessel stand.
*Sie ist es.*
Die Erkenntnis traf ihn wie ein körperlicher Schlag. Das Mädchen von der Gala vor drei Jahren. Die im blauen Kleid, die sich in der Bibliothek versteckt hatte, um zu lesen, während alle anderen Champagner tranken. Er hatte sie fasziniert vom Balkon aus beobachtet, sich ihr aber nie genähert. Sie war mit Douglas zusammen.
Jetzt war sie hier. In der Kanzlei eines Anwalts, der dafür bekannt war, Scheinehen zu arrangieren.
Jocelyn streckte eine Hand aus, ihre Finger zitterten leicht. „Mr. Vincent? Ich bin Jocelyn Wolfe."
Gaston sah auf ihre Hand. Dann sah er ihr ins Gesicht. Sie hielt ihn für Babe.
Er zog eine Augenbraue hoch. Er hätte sie korrigieren können. Er hätte ihr sagen können, dass er Gaston Collins war, der Erbe des Collins-Bankenimperiums, und dass er nur hier war, um seinen inkompetenten Nachlassanwalt zu feuern.
Aber wenn er das täte, würde sie sich entschuldigen und gehen.
„Bitte", sagte Gaston. Seine Stimme war tief, ein sanfter Bariton, der durch die Dielen zu vibrieren schien. Er nahm ihre Hand. Sein Händedruck war warm, fest und trocken. „Lassen Sie uns die Formalitäten überspringen."
In diesem Sekundenbruchteil entschied er sich. Wenn es ihm ein Gespräch einbrachte, „Babe" zu sein, dann würde er Babe sein.
Sie setzten sich an den Mahagonitisch. Jocelyn schob eine blaue Mappe über die Tischplatte.
„Mein Vorschlag", sagte sie. Ihre Stimme war fest, aber er sah den Puls an ihrem Hals pochen. „Ein Jahr. Rein platonisch. Gütertrennung."
Gaston öffnete die Mappe. Die Überschrift lautete *Ehevertrag*.
Er unterdrückte den Drang zu lächeln. Sie wollte eine Geschäftsvereinbarung. Damit konnte er arbeiten.
„Ich brauche Zugang zu meinem Treuhandfonds", erklärte Jocelyn mit unverblümtem Ton. „Und Sie brauchen … Ansehen? Oder eine Tarnung?"
Sie warf ihm einen Blick zu, ihre Augen musterten sein Gesicht. Sie versuchte, höflich bezüglich der Gerüchte zu sein. Sie dachte, er sei schwul. Sie dachte, er bräuchte eine Frau zum Vorzeigen, um eine konservative Familie zu besänftigen.
„Eine Tarnung", stimmte Gaston zu und spielte mit. Er lehnte sich im Sessel zurück und musterte sie. „Meine Familie ist … anspruchsvoll."
„Ich verlange keine Liebe", fügte Jocelyn hinzu. Ihre Stimme zitterte bei dem Wort *Liebe*, ein Riss in ihrer Rüstung. „Nur eine Unterschrift."
Gaston sah sie an. Er sah die Erschöpfung in ihren Augen, die Art, wie sie sich hielt, als würde sie sich auf einen Aufprall vorbereiten. Jemand hatte sie verletzt. Schlimm.
Er nahm die Kappe von einem Füllfederhalter aus seiner Tasche. Es war ein Montblanc, schwer und schwarz.
„Erledigt", sagte er.
Jocelyn blinzelte fassungslos. „Sie haben weder das Honorar noch die Bedingungen besprochen."
„Ich brauche Ihr Geld nicht, Ms. Wolfe." Gaston unterzeichnete das Papier mit einem schwungvollen Zug. Er machte die Unterschrift unleserlich, ein scharfes, zackiges Gekritzel, das alles hätte sein können.
Er stand auf und knöpfte sein Sakko zu. „Wir gehen jetzt zum City Hall."
Jocelyn starrte ihn an. „Jetzt sofort?"
„Es sei denn, Sie wollen warten?", forderte er sie heraus, ein amüsiertes Funkeln in seinen dunklen Augen. „Ich nehme an, die Zeit drängt."
Jocelyn griff nach ihrer Handtasche. „Gehen wir."
Sie verließen das Gebäude und traten in den beißenden New Yorker Wind hinaus. Eine schwarze Limousine stand mit laufendem Motor am Straßenrand.
Der Fahrer, ein Mann namens Henri, der seit dreißig Jahren bei der Familie Collins war, stieg aus und öffnete die hintere Tür. Er sah Gaston an, dann Jocelyn, und Verwirrung huschte über sein Gesicht.
Gaston warf ihm einen Blick zu. Einen scharfen, warnenden Blick. *Sprich nicht.*
Er deutete Jocelyn an, zuerst einzusteigen.
Jocelyn glitt auf den Ledersitz. Der Innenraum roch nach Sandelholz und teurer Haarspülung. Es roch nicht nach abgestandenen Zigaretten oder billigem Kölnischwasser, so wie sie es sich bei Babe Vincent vorgestellt hatte.
*Für einen degenerierten Playboy ist er überraschend gentlemanlike*, dachte sie.
Gaston glitt neben sie. Die Tür klickte ins Schloss und schloss sie ein.
„Zum City Hall, Henri", sagte Gaston.
Der Wagen fädelte sich geschmeidig in den chaotischen Morgenverkehr von Manhattan ein und trug sie einer bindenden rechtlichen Verbindung entgegen, die vollständig auf einer Lüge beruhte.
Kapitel 3
Die Wintersonne blendete auf dem grauen Bürgersteig vor dem Standesamt, sodass Jocelyn die Augen zusammenkneifen musste.
Es war vollbracht.
Sie hielt die Heiratsurkunde wie eine Waffe in der Hand. Das Papier war unscheinbar, aber die Macht, die es besaß, war immens. Es war ihr Schlüssel. Ihr Schild. Ihre Augen überflogen das Dokument, aber die Worte verschwammen. Alles, worauf sie sich konzentrieren konnte, war das offizielle Siegel und das eine, wunderschöne Wort ganz oben: VERHEIRATET. Die Details, die Namen … sie waren nur Hintergrundrauschen. Das Ziel war erreicht.
„Es ist vollbracht", sagte sie, halb zu sich selbst.
Gaston stand neben ihr auf den Betonstufen. Er schaute auf sein Handy, und seine Stirn legte sich in Falten.
„Ich muss mich mit meinen Anwälten treffen", sagte er. „Ich lasse dir einen Schlüssel schicken."
Jocelyn sah zu ihm auf. „Ich ziehe noch nicht ein. Ich muss noch ein paar Dinge regeln. Ich muss packen."
Gaston nickte. Er drängte sie nicht. Er schien zu verstehen, dass sie Zeit brauchte, um ihr altes Leben abzubauen, bevor sie in dieses seltsame neue treten konnte.
„Wie du wünschst", sagte er. Er griff in seine Tasche und zog eine schlichte, mattschwarze Visitenkarte hervor. Sie hatte keinen Firmennamen, keinen Titel. Nur eine in Silber geprägte Telefonnummer und in der Mitte ein Monogramm: GC.
Jocelyn runzelte die Stirn, als sie die Karte nahm. „GC? Für … Babe?"
Gaston zuckte nicht mit der Wimper. „Es ist ein Familienname", log er glatt. „Gaston. ‚Babe‘ ist ein Spitzname, den ich abzulegen versuche."
Sie akzeptierte das. Es ergab Sinn. Wenn er versuchte, sein Image aufzupolieren, war das Ablegen des lächerlichen Spitznamens der erste Schritt.
„Okay, Gaston."
Er hob eine Hand, und sofort hielt ein gelbes Taxi, als hätte er es allein durch seinen Willen herbeigerufen. Er öffnete ihr die Tür.
„Ruf mich an", sagte er. Es klang wie ein Befehl, aber seine Augen waren weich.
Jocelyn nickte und glitt ins Taxi. Sie beobachtete ihn durch die Heckscheibe, als das Taxi losfuhr. Er stand da, eine dunkle Statue vor dem geschäftigen Treiben der Stadt, und sah ihr nach, bis sie um die Ecke bog.
Sie drehte sich wieder nach vorn, ihr Herz raste.
Schritt eins: Erledigt.
Schritt zwei: Verbrannte Erde.
Sie zog ihr Handy hervor. Sie öffnete Instagram. Blockieren. Sie öffnete WhatsApp. Blockieren. Sie öffnete iMessage. Blockieren.
Sie löschte Kieran Douglas aus ihrer digitalen Existenz.
Dann wählte sie.
Elouise ging beim zweiten Klingeln ran.
„Na?" Die Stimme ihrer Mutter klang selbstgefällig. „Bist du bereit, die Einladung von Mr. Henderson anzunehmen? Er ist ziemlich begierig darauf, dich kennenzulernen."
„Ich bin verheiratet", verkündete Jocelyn. Ihre Stimme war ruhig, fest und frei von der zitternden Angst, die sie früher beim Sprechen mit ihrer Mutter empfunden hatte.
Stille. Absolute, fassungslose Stille am anderen Ende der Leitung.
Dann: „Was? Mit wem?"
„Ein Geschäftsmann", sagte Jocelyn. „Die Urkunde ist eingereicht. Gib den Trust frei."
„Du undankbare Göre!", kreischte Elouise. Die Fassung war dahin. „Wer ist er? Hast du irgendeinen Kellner aufgelesen? Ich werde es annullieren lassen!"
„Jemand mit genug Vermögen, sodass ich deins nicht brauche", bluffte Jocelyn. Sie hoffte, dass Babe Vincent noch Geld übrig hatte. „Ich will, dass die Eigentumsurkunde für das Wolfe-Anwesen in den Hamptons bis morgen übertragen wird."
„Das Haus gehört Aspen für den Sommer!", protestierte Elouise. „Sie plant dort schon ihre Verlobungsfeier!"
„Es gehörte meinem Vater", unterbrach Jocelyn sie. „Es ist Teil des Trusts. Übertrage es, oder meine Anwälte werden die Konten der Schneiders prüfen."
Die Leitung war wieder still. Die Drohung lag schwer in der Luft. Die Schneiders lebten verschwenderisch, aber jeder wusste, dass ihre Liquidität fragwürdig war. Eine Prüfung wäre katastrophal.
„Schön", spuckte Elouise das Wort aus wie Gift. „Nimm das verdammte Haus. Aber erwarte keinen Cent mehr von mir."
„Ich will dein Geld nicht, Mutter. Ich will nur, was mir gehört."
Jocelyn legte auf.
Ein Adrenalinstoß durchflutete ihre Adern. Es fühlte sich an wie Sauerstoff. Zum ersten Mal seit Jahren konnte sie atmen.
„Wohin, die Dame?", fragte der Taxifahrer und beäugte sie im Rückspiegel.
„Upper West Side", sagte Jocelyn. „Das Penthouse in der 72nd."
Sie musste zurück. Sie musste packen.
Als sie bei Kierans Gebäude ankam, tippte der Portier, ein freundlicher älterer Mann namens Ralph, an seinen Hut. Er sah sie mit traurigen Augen an. Wahrscheinlich hatte er den Artikel in der Page Six auch gesehen.
„Guten Morgen, Ms. Wolfe", sagte er sanft.
„Guten Morgen, Ralph."
Sie fuhr mit dem Aufzug nach oben, die Zahlen stiegen stetig an. 10 … 20 … 30 …
Sie betrat das Penthouse. Es war still. Kieran war noch nicht zurück.
Sie ging ins Gästezimmer. Sie weinte nicht. Sie schrie nicht. Sie arbeitete einfach.
Sie zog ihre Koffer aus dem Schrank. Sie packte ihre Kleidung, ihre Bücher, ihre teure Hautpflege. Sie zog die Bettlaken ab, die sie von ihrem eigenen Geld gekauft hatte. Es war kleinlich, aber das war ihr egal. Sie würde ihm nichts dalassen.
Sie ging in die Küche. Sie legte ihren Schlüssel auf die Marmorarbeitsplatte, direkt neben eine halb leere Kaffeetasse, die Kieran vor Tagen hatte stehen lassen. Auf der Oberfläche der Flüssigkeit begann sich Schimmel zu bilden.
Sie sah auf ihre linke Hand. Sie war nackt.
Ihr wurde klar, dass sie vergessen hatte, einen Ring zu besorgen.
„Falscher Ehemann, falsche Ehe", murmelte sie vor sich hin.
Sie zerrte ihre Koffer zum Aufzug. Die Rollen ratterten laut über den Boden, ein Geräusch der Endgültigkeit.