Kapitel 2

Elias telefonierte immer noch, seine Stimme sanft und geduldig, während er die Details der Verlobungsfeier mit Chloe besprach.

Ava stand schweigend an der Tür und lauschte der Stimme, die einst ihre ganze Welt gewesen war.

Leise schluckte sie die Worte hinunter, die sie gerade hatte sagen wollen.

Was hätte es für einen Sinn, es ihm zu sagen?

Sie war nur sein Mündel, seine Verantwortung. An welche Universität sie ging, wohin sie ging … es würde ihn nicht kümmern.

Sie drehte sich um und ging weg, ihre Schritte leicht, als hätte sie Angst, die süße Szene im Inneren zu stören.

Zurück in ihrem Zimmer blickte sie sich in dem Raum um, in dem sie zehn Jahre lang gelebt hatte.

Es blieben noch fünfzehn Tage.

In fünfzehn Tagen würde sie diesen Ort vollständig verlassen.

Ihr Blick fiel auf die kleine Lampe auf ihrem Nachttisch. Sie hatte die Form eines Chinchillas, ein Geschenk von Elias zu ihrem zehnten Geburtstag. Das Licht, das sie warf, war ein warmes, sanftes Gelb.

Er hatte ihr damals gesagt: „Ava, von nun an werde ich wie dieses Chinchilla sein und dich immer beschützen.“

Er war ihr Beschützer gewesen.

Aber das war alles Vergangenheit.

Sie streckte die Hand aus und schaltete die Lampe aus. Das Zimmer versank in Dunkelheit.

Es war Zeit zu packen.

Sie zog einen staubigen alten Koffer aus dem hinteren Teil ihres Schranks und öffnete die Vitrine.

Darin befanden sich alle Geschenke, die Elias ihr im Laufe der Jahre gemacht hatte.

Ein Glücksbringer, für den er stundenlang in einem winzigen, renommierten Kunsthandwerksladen angestanden hatte. Ein speziell für sie gemischtes Parfüm, das er persönlich für sie kreiert hatte.

Eins nach dem anderen legte sie sie in den Koffer.

Mit jedem Gegenstand fühlte sich ihr Herz ein wenig leerer an, als ob ein Loch in ihrem Inneren aufgerissen würde.

Sie unterdrückte das Gefühl der Trostlosigkeit und öffnete die unterste Schublade des Schranks.

Darin lag ein verblichenes, vergilbtes Notizbuch.

Es war ihr Tagebuch.

Die ersten Seiten waren mit kindlichen Kritzeleien gefüllt, die ihre turbulente Kindheit nach der Scheidung ihrer Eltern und das Mobbing durch Klassenkameraden festhielten.

Elias hatte es einmal zufällig gesehen.

Er hatte damals nichts gesagt, aber später in der Nacht war er in ihr Zimmer gekommen und hatte sich an ihr Bett gesetzt.

Er hatte ihr sanft über das Haar gestrichen und gesagt: „Ava, du bist der hellste Stern in meinen Augen.“

Später fand sie heraus, dass er zu ihrer Schule gegangen war und die Mobber gewarnt hatte. Von da an hatte sich niemand mehr getraut, sie zu belästigen.

Er hatte ihre Kindheit heimlich beschützt.

Als sie älter wurde, wurde ihre Handschrift im Tagebuch ordentlicher, und die Einträge handelten alle von ihm.

Von dem Mal, als er einen großen Preis gewann und ihr sagte: „Du bist meine Ehrenmedaille.“

Von dem Mal, als er ihr eine Rose schenkte und sagte: „Ich warte, bis du erwachsen bist.“

Sie blätterte zur letzten Seite. Es war eine Nachricht, die er für sie geschrieben hatte, als sie in der Oberstufe war.

*Lerne fleißig und schaff es an die WHU. Nach deinem Abschluss kannst du in meiner Firma anfangen. Ich werde weiter auf dich aufpassen.*

Eine Träne fiel leise und verwischte die Tinte auf der Seite.

Sie wischte sich schnell die Augen, ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich.

Sie begann, das Tagebuch zu zerreißen, Seite für Seite.

Mit jeder zerrissenen Seite wurde ein Stück ihrer Vergangenheit mit ihm ausgelöscht.

Als die letzte Seite zerrissen war, warf sie alle Fragmente in den Koffer und schloss den Reißverschluss.

Genau in diesem Moment hörte sie ein Geräusch von unten.

Sie verließ ihr Zimmer und sah Chloe Becker im Wohnzimmer stehen, einen Koffer hinter sich herziehend. Elias umarmte sie von hinten.

„Du bist da“, sagte Elias mit leiser Stimme.

Chloe sah Ava auf der Treppe und lächelte, als sie auf sie zukam. „Ava, ich habe dir ein Geschenk mitgebracht.“

Sie öffnete ihren Koffer und holte eine zierliche Schachtel heraus. Darin befand sich ein wunderschöner kleiner Kuchen, eine Mango-Mousse, garniert mit frischen Früchten.

Avas Lächeln wurde gezwungen.

Sie war schwer allergisch gegen Mangos.

Sie erinnerte sich an ein Mal, als eine neue Haushälterin ein Dessert mit Mangopüree serviert hatte und sie eine schreckliche allergische Reaktion erlitten hatte, die in der Notaufnahme endete.

Elias hatte die Haushälterin auf der Stelle gefeuert und die Küche seitdem zu einer strengen Mango-freien Zone erklärt.

Früher hatte er sich an jede Vorliebe, jede Schwäche erinnert.

„Ava“, kam Elias' Stimme von hinter Chloe, ein Hauch von Missfallen in seinem Ton. „Chloe hat das für dich ausgesucht. Nimm es.“

Ava sah Elias an. Er hatte einen Ausdruck, der besagte, dass dies nur natürlich sei.

Ihr Herz schmerzte mit einem dumpfen Gefühl.

Er hatte nicht nur seine Zuneigung zurückgenommen, sondern auch ihre Schwächen vergessen.

Sie atmete tief durch, nahm die Schachtel und zwang sich zu einem Lächeln.

„Danke, Chloe. Er ist wunderschön.“

Aber es war ihr egal.

Tatsächlich sollte sie ihnen danken.

Ihnen danken, dass sie ihre Entscheidung, zu gehen, noch fester gemacht hatten.

Kapitel 3

Chloe blieb über Nacht.

Ava lag in ihrem Bett, die dünnen Wände konnten die zweideutigen Geräusche aus dem Nebenzimmer nicht abhalten.

An Schlaf war nicht zu denken.

Sie stand auf, ging auf den Balkon und zündete sich eine Zigarette an. Sie hatte schon vor langer Zeit heimlich das Rauchen gelernt.

Der bittere Geschmack füllte ihren Mund, genau wie die Bitterkeit in ihrem Herzen.

Am nächsten Morgen ging sie mit dunklen Ringen unter den Augen nach unten.

Chloe, die erfrischt und strahlend aussah, zog sie zu sich auf das Sofa.

„Ava, Elias hat bald Geburtstag. Was für eine Party würde ihm deiner Meinung nach gefallen? Ein Strandthema?“

Die leichten roten Flecken an Chloes Hals waren gerade noch über ihrem Kragen sichtbar. Sie fühlten sich für Ava wie Nadelstiche an.

Sie erinnerte sich, wie sie eines Abends mit Elias an einem Strand spazieren gegangen war. Sie hatte ihm gesagt, dass sie das Meer liebte.

Er hatte ihr versprochen, dass von da an jeder seiner Geburtstage am Meer gefeiert werden würde.

Damals waren seine Augen voll von ihr.

Jetzt mied er sie wie die Pest. Er hatte alles vergessen, was sie mochte und was nicht.

Gerade als Ava sprechen wollte, unterbrach Elias sie aus der Küche. „Wenn du etwas über meine Angelegenheiten wissen willst, solltest du mich direkt fragen.“

Chloe schmollte spielerisch. „Ich dachte nur, Ava würde dich besser kennen.“

Ava zwang sich zu einem Lächeln, ihr Herz schmerzte. „Ich kenne ihn nicht so gut.“

Sie stand auf, um zu gehen, die Bitterkeit in ihrem Herzen drohte sie zu überwältigen.

„Wohin gehst du so früh?“, hielt Elias' plötzlich kalte Stimme sie auf.

Avas Herz zitterte. „Ich habe einen Termin, um mein Visum zu beantragen.“

Chloe sah überrascht aus. „Ein Visum? Machst du eine Reise? Mit deinem Freund?“

Elias' Stirn legte sich in Falten, sein Ton war scharf und missbilligend. „Ava, ich will nicht, dass du dich mit irgendwem einlässt, bevor du dich im Studium eingelebt hast.“

Seine kalte Verurteilung traf ihr Herz. Sie hatte nicht einmal die Kraft, es zu erklären.

Chloe glättete die Wogen mit einem Lächeln. „Oh, Elias, sei nicht so streng. Ava ist ein großes Mädchen. Es ist normal, sich zu verlieben.“

Elias und Chloe gingen zusammen, Hand in Hand.

Ava stand im Wohnzimmer, ihre Hände ballten sich langsam zu Fäusten.

Sie hatte nur ein achtzehntes Lebensjahr, und sie hatte es ihm ganz geschenkt.

Sie würde nicht zulassen, dass ihre Jugend in einem Sumpf unerwiderter Liebe begraben wurde.

Sie verließ das Haus. Ein leichter Nieselregen fiel, und die Luft war kalt.

Sie erinnerte sich, wie Elias sie an Regentagen persönlich abgeholt und nach Hause gebracht hatte, einen Regenschirm über sie haltend. Er hatte immer gesagt, sie sei sein geschützter Hafen im Sturm.

Sie sagte sich, sie müsse sich daran gewöhnen, allein zu gehen.

Sie öffnete ihren Regenschirm und ging in den Regen hinaus.

Nachdem sie ihr Visum bekommen hatte, wollte sie gerade ein Taxi rufen, als sie instinktiv auf Elias' Profil klickte, das sie als besondere Benachrichtigung eingestellt hatte.

Er hatte gerade einen neuen Beitrag veröffentlicht.

*Ein Regentag ist perfekt für eine offizielle Ankündigung.*

Das beigefügte Foto war ein Hochzeitsbild von ihm und Chloe. Er lächelte, seine Augen voller Zärtlichkeit.

Der Kommentarbereich war überflutet mit Glückwünschen.

Ihre linke Brusthälfte schmerzte nicht mehr mit diesem vertrauten Gefühl. Sie war taub.

Ruhig tippte sie einen Kommentar.

*Ein Traumpaar.*

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Verbotene Liebe, Wächterzorn

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