Kapitel 1

Kapitel 1 :

— Drücken Sie noch einmal, gnädige Frau… er ist fast da.

Die Stimme des Arztes vibrierte vor einer Mischung aus Panik und fiebriger Anspannung. Auf dem Operationstisch lag eine Frau, ihr Gesicht totenbleich und von einem feinen Schweißfilm überzogen. Ihre feuchten Strähnen klebten an ihrer Stirn, ihre rissigen Lippen zitterten, und ihre verkrampften Finger krallten sich in die Laken, als hinge ihr Leben davon ab.

Ein letzter Kraftakt brach aus ihrem erschöpften Körper hervor.

Ein schriller, durchdringender Schrei zerriss die Luft. Dann, sofort darauf, erklang ein weiterer, zarterer, reinerer: der eines Neugeborenen. Die junge Mutter atmete tief ein, ihre Lider flatterten, dann schlossen sie sich schwer, als würden sie von der Erschöpfung hinabgezogen. Sie hatte nicht einmal die Kraft, den winzigen Blick auf das Gesicht zu richten, das soeben ihr Leben erschüttert hatte.

Doch ein zitterndes Lächeln entwich ihr, als sie die Verkündung hörte:

— Es ist ein Junge.

Danach verließen sie ihre Kräfte vollständig.

Zur gleichen Zeit glitt eine dunkle Limousine lautlos vor das Krankenhaus. Sie hielt unter einem Baum an, und ein abgelöstes Blatt legte sich auf ihre glänzende Karosserie, bevor es durch ein heruntergelassenes Fenster verschwand.

— Herr, das Kind ist zur Welt gekommen.

Auf der Rückbank saß ein Mann von autoritärer Erscheinung und starrte schweigend nach draußen. Sein kantiges Profil, seine markanten Züge und die Kälte seines Blickes ließen keinen Zweifel an dem Einfluss, den er in dieser Welt ausübte.

Die Wagentür öffnete sich, und man legte ihm das noch eingewickelte Kind in die Arme.

Das herzzerreißende Weinen des Babys ließ seine Stirn sich runzeln. Der Mann, sichtlich unbehaglich, klopfte unbeholfen auf die winzige Schulter – eine zögerliche Geste eines Fremden in dieser Rolle. Doch die Wärme seiner Hände genügte, um das Kind zu beruhigen, dessen Schluchzen augenblicklich verstummte. Große schwarze Augen öffneten sich und betrachteten neugierig diesen imposanten Unbekannten.

Ein unsichtbarer Riss öffnete sich in der eisigen Rüstung des Vaters. Seine dunklen Pupillen wurden für einen Moment weicher. Seine Lippen murmelten beinahe gegen seinen Willen:

— Fahren wir.

Das Auto setzte sich sofort wieder in Bewegung und verschlang die Szene in einer Wolke aus Staub und zerdrückten Blättern.

— Fünf Jahre später, im Herzen des Sommers.

Die Bäume ragten wie ausgedörrte Silhouetten empor, ihre trockenen Zweige zerbröselten unter der unerbittlichen Sonne. Der Asphalt, von der Hitze aufgerissen, hätte den kleinsten Wassertropfen in Dampf verwandelt.

Vor dem Eingang einer psychiatrischen Klinik überschritt eine weibliche Gestalt die schweren Gitter, ihre schleppenden Schritte, als würden sie unsichtbare Ketten sprengen. Ihr schwarzes, langes und widerspenstiges Haar bedeckte ihre schmalen Schultern und verstärkte ihr Erscheinungsbild wie ein Schatten, der aus einer anderen Welt zurückgekehrt war.

Isabella Maheswara, die man nun Ella nannte, hatte nach fünf Jahren der Einschließung ihre Freiheit wiedererlangt. Man hielt sie für verwirrt, verloren in ihren eigenen Geistern. Doch unter der brennenden Sonne schloss sie die Augen und ließ sich von der glühenden Berührung des Lichts umhüllen. Sie streckte ihren steifen Körper und genoss diesen Hauch freier Luft, der ihr so lange gefehlt hatte.

Drinnen war die Luft dieselbe, doch ihre Lungen waren dort immer eingeengt, erstickt gewesen. Hier, endlich, atmete sie. Hier wurde sie neu geboren.

— Ella, wie glücklich ich bin, dich draußen zu sehen!

Eine Frau mittleren Alters, mit gezeichnetem, aber lächelndem Gesicht, näherte sich eilig. Einfach gekleidet, hatte Lina seit Stunden auf sie gewartet. Als hingebungsvolle Nanny seit ihrer Kindheit hatte sie nie das Blut des jungen Mädchens geteilt, doch Ella hatte sie immer als die einzige wahre Mutter betrachtet, die sie je gehabt hatte.

Bei diesem vertrauten Anblick erhellte sich Ellas zuvor leerer Blick. Ihre eingefallenen, angespannten Züge konnten die Schönheit, die fortbestand, nicht verbergen. Sie stürzte auf Lina zu und umklammerte ihre Hand mit verzweifelter Inbrunst. Ihre Augen wurden bereits feucht.

— Sag mir, hast du meinen Sohn gefunden?

Fünf Jahre zuvor war Isabella zusammengebrochen, nachdem sie ein Kind zur Welt gebracht hatte, das die Familie als tot geboren bezeichnete. Ohne Ehe, ohne anerkannten Vater, hatte die Schande ihren Namen hinweggefegt. Ihre Angehörigen hatten sie verstoßen, gebrochen, als Verrückte weggesperrt.

— Ella… dieses Kind… — Lina senkte den Blick, unfähig, ihrem Blick standzuhalten.

— Willst du damit sagen, dass er nicht mehr da ist?

Ein raues Lachen stieg in Ellas Kehle auf. Ihre Pupillen verschleierten sich mit Ironie. Man hatte ihr wiederholt gesagt, dass das Neugeborene nicht überlebt habe. Doch sie erinnerte sich an seine Schreie, an diesen Schrei des Lebens, der noch immer in ihren Träumen widerhallte. Wie hätte sie an dem zweifeln können, was sie gehört hatte?

— Sie haben mir meine Freiheit gestohlen, und sie wollen mir auch meinen Sohn entreißen?

Ihre Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln, ihre Fäuste ballten sich, bis die Knöchel weiß hervortraten. Ein brennender Groll, lange unterdrückt, strahlte aus ihrem ganzen Wesen.

— Wenn du deinem Vater endlich sagen würdest, wer der Vater des Kindes ist, vielleicht… vielleicht würde er dir die Tür wieder öffnen.

Lina zitterte. Die unschuldige Sanftheit Isabellas war verschwunden, ersetzt durch eine fremde Härte. Diese Frau war nicht mehr das Kind, das sie einst gewiegt hatte.

Fünf Jahre zuvor hatte Ella sich hartnäckig geweigert, die Identität des Vaters preiszugeben. Dieses Geheimnis hatte den Zorn ihres Vaters geschürt, bis es ihren Sturz und ihre Verbannung auslöste.

Heute, angesichts von Linas Vorschlag, brach Ella in ein trockenes Lachen aus.

Sich entschuldigen? Sich rechtfertigen? Wozu? Ihre Familie hatte in ihr nie mehr als einen Fehler gesehen. All dies war nur eine gewaltige Verschwörung, gesponnen von ihrer Stiefmutter und ihrer Halbschwester.

Und von nun an würde sie niemals wieder das Opfer ihrer Grausamkeit sein.

Kapitel 2

Kapitel 2 :

Es war nicht das Schicksal, das Ella zerstört hatte. Es war nicht der Zufall. Ihr Leben war einzig deshalb ins Wanken geraten, weil zwei Frauen aus ihrem Umfeld sie in den Abgrund gestoßen hatten: ihre Stiefmutter und ihre Halbschwester.

Mit achtzehn Jahren, als sie zum ersten Mal ihren offiziellen Eintritt ins Erwachsenenalter feierte, hatten sie ihr eine Falle gestellt. Ein manipuliertes Glas, ein verschwörerisches Lächeln, und schon wurde sie bewusstlos in das Bett eines Fremden gebracht. Von dieser Nacht blieb nur ein schwarzes Loch zurück. Keine Erinnerung, kein Bild, nur die erschreckende Stille des Vergessens.

Einen Monat später sprach ihr Körper für sie. Sie erwartete ein Kind.

Ella klammerte sich verzweifelt an den Gedanken, dass der Mann dieser Nacht nur Haikal sein konnte, ihr damaliger Verlobter, derjenige, den sie seit ihrer Kindheit liebte. Sie redete sich ein, dass ihre erste Hingabe ihm gegolten hatte, dass er der Vater dieses zerbrechlichen Wesens war, das in ihr wuchs. Sie zog es vor, an diese Illusion zu glauben, statt an die Wahrheit, die zu unerträglich war.

Sie widersetzte sich ihrem Vater, ertrug Demütigungen und Streitigkeiten, blieb jedoch standhaft. Sie wollte dieses Leben um jeden Preis schützen.

Für den Mann, den sie liebte. Für das Kind, das sie trug.

Doch die Lüge zerbrach brutal.

Eines Nachts drangen Stöhnen durch die Wände ihres Zimmers. Nicht bloß leise Geräusche, sondern absichtlich laute, obszöne Ausbrüche, als wollten die beiden Schuldigen, dass sie es hörte. Sie erkannte die Stimme ihrer Halbschwester. Sie erkannte auch die von Haikal, dem Mann, den sie für den ihren gehalten hatte.

Nur wenige Meter entfernt ließen sie sich einander hingebungsvoll hin, ohne Scham, als wollten sie ihr ihren Verrat ins Gesicht schleudern. Jeder Laut war eine Ohrfeige, eine Beleidigung ihrer Unschuld. Alles, woran sie geglaubt hatte, war nur eine sorgfältig inszenierte Falle gewesen.

Der Schock war so heftig, dass ihr Körper nachgab. Sie brachte ihr Kind zu früh zur Welt. Doch als sie es an sich drücken wollte, war es verschwunden.

In nur einer Nacht war alles zusammengebrochen. Ihr Sohn, ihr Verlobter, ihre Familie. Sogar ihr Vater entschied sich, sie noch weiter zu erniedrigen, indem er sie in eine psychiatrische Einrichtung sperren ließ, als wäre sie eine Verrückte, die man vergessen sollte.

Fünf Jahre des Überlebens hinter Mauern, fünf Jahre des Kampfes gegen die Gewissheit ihrer eigenen Einsamkeit. Fünf Jahre, in denen der Tod süßer erschienen wäre.

Fünf Jahre auch, in denen sie sich immer wieder dieselbe Frage stellte: War ihr Baby wirklich tot? Immer wieder sah sie das Gesicht, das sie nie betrachtet hatte, hörte die Schreie, die sie nur ein einziges Mal vernommen hatte. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass man es ihr entrissen hatte.

Sie, die älteste Tochter einer mächtigen Familie, schön, gebildet, bestimmt für eine Zukunft wie die einer Prinzessin, war behandelt worden wie eine Wertlose. Mit Füßen getreten, verachtet, zum Schweigen gebracht.

Mit achtzehn Jahren hatte sie naiv an die Liebe und die Loyalität ihrer Angehörigen geglaubt. Mit achtzehn Jahren war sie so tief gefallen, dass ihr nichts mehr geblieben war.

Doch heute hatte sich alles verändert.

Ella war nicht mehr das zerbrechliche Kind von einst. Sie war nun dreiundzwanzig Jahre alt, und in ihrem Blick brannte ein Versprechen. Diejenigen, die sie zerstört hatten, würden bezahlen. Sie würde ihren Sohn wiederfinden, und sie würde niemandem erlauben, ihr erneut das zu nehmen, was sie liebte.

Sie hob den Kopf und sagte zu Lina mit eisiger Stimme:

— Ich will zu den Maheswara zurückkehren.

Ein Lächeln teilte ihre Lippen, doch es hatte nichts Unschuldiges an sich. Es trug das Gewicht der Rache in sich. Lina, die sie wie ihre eigene Tochter aufgezogen hatte, wich leicht zurück, verstört von diesem Gesicht, das sie nicht mehr wiedererkannte.

— Nicht heute, Ella… ich flehe dich an, nicht heute.

Die alte Frau zitterte, ihre Augen voller Angst. Sie kannte das Kind, das sie hatte aufwachsen sehen, viel zu gut, um nicht zu wissen, dass Ella direkt auf neue Wunden zusteuerte.

Ella sah sie an, verwundert.

— Warum?

Lina senkte die Stimme, als würden ihr die Worte selbst Schmerzen bereiten:

— Weil sich deine Schwester Indri heute Nachmittag mit Haikal verlobt.

Ellas Herz erstarrte für einen Moment. Dieser Name, den sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte, hallte in ihr wider wie eine rostige Klinge. Haikal, ihre erste Liebe, ihr Verlobter, ihr Peiniger. Der Mann, der ihr Ehe und Treue versprochen hatte, bevor er sich schamlos ihrer eigenen Halbschwester hingab.

Ein höhnisches Lachen entwich ihrer Kehle.

— Meine Schwester verlobt sich? Wie könnte ich eine so schöne Gelegenheit verpassen, ihr zu gratulieren?

Ihre Augen verdunkelten sich mit einem Glanz, den Lina nie zuvor gesehen hatte. Das leichtgläubige Mädchen war verschwunden. Übrig blieb eine gebrochene, wiederaufgebaute, gefährliche Frau.

Ella wandte sich ab, der Wind ließ ihr langes Haar um ihr eingefallenes Gesicht tanzen. Als sie das Tor des Krankenhauses verließ, sah sie nicht mehr aus wie ein Opfer. Sie trug die Anmut jener, die zurückkehrt, um Gerechtigkeit einzufordern.

Im Spiegelbild einer geparkten Autoscheibe erkannte sie ihr eigenes Gesicht. Die Züge waren dieselben, doch das Lächeln hatte sich verändert. Es war nicht mehr die frühere Sanftheit, sondern die kalte Waffe einer Seele, die im Begriff war, ihre Rechnungen zu begleichen.

Isabella Maheswara kehrte in die Welt zurück.

Und dieses Mal war sie nicht gekommen, um zu vergeben.

Kapitel 3

Kapitel 3 :

In der weitläufigen Residenz der Maheswara erfüllte ein kultivierter Trubel den Garten, in dem die Verlobungsfeier stattfand. Die Blumenbeete erblühten zu einer strahlenden Kulisse, und eine Bühne, die im Zentrum errichtet worden war, unterstrich die Feierlichkeit des Abends.

Indriani Maheswara, gekleidet in ein elfenbeinfarbenes Kleid, das ihre Silhouette mit strahlender Anmut betonte, zog alle Blicke auf sich. Jedes Detail ihrer Erscheinung schien darauf ausgelegt, sowohl Neid als auch Bewunderung zu wecken. An ihrem Arm stand Haikal Adisurya, in einem hellen Anzug, der eine sorgfältig inszenierte Eleganz ausstrahlte, wie ein Erbe, der dazu bestimmt war zu herrschen. Beide lächelten den Gästen zu und verteilten Begrüßungen mit der Selbstsicherheit derjenigen, die es gewohnt sind, im Mittelpunkt zu stehen.

— Haikal, glaubst du, dass Christian wirklich kommen wird? fragte Indri mit honigsüßer Stimme, ihre Lippen geschmückt mit dem Lächeln eines launischen Mädchens.

Christian Adipamungkas. Allein sein Name genügte, um Schweigen zu erzwingen. Eine schwer fassbare Gestalt, für die meisten unsichtbar, verkörperte er eine Macht, die niemand infrage stellte. Seine öffentlichen Auftritte ließen sich an einer Hand abzählen, sodass sein Gesicht ein Rätsel blieb.

Die Familien Adisurya und Adipamungkas verband ein entferntes, zerbrechliches, aber noch anerkanntes Band. Beim Versenden der Einladungen hatten die Maheswara darauf geachtet, seinen Namen einzuschließen, in der Hoffnung, ihn in ihren Kreis zu ziehen. Doch Haikal war sich nicht sicher, ob er erscheinen würde.

— Warten wir ab, antwortete er ruhig, auch wenn die Ungeduld in seinem Blick seine eigene Hoffnung verriet. Er versuchte, Indri mit einem sanften Lächeln zu beruhigen, eine Geste, die ihm ganz natürlich kam.

Ein anderer Ort, ein anderer Atem.

Ella ging mit zögernden Schritten den Weg entlang, der zu dem Haus führte, in dem sie aufgewachsen war. Die Kälte ihres Gesichts bekam Risse, und ein alter Schmerz trat hervor. Ihre Augen, verdunkelt von Wut und Trauer, richteten sich auf die Fassade, die sie bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr beherbergt hatte. Einst ein Zufluchtsort, war dieses Haus ihr Schutz gewesen, ihr Paradies gegen die Härte der Welt. Jetzt klang jedes Lachen, jede Stimme, die daraus drang, wie eine Beleidigung.

Sie begriff mit Bitterkeit, wie schmal die Grenze zwischen Glück und Verdammnis sein konnte. Dort, wo sie einst Trost gefunden hatte, blieb nun nur noch ein Abgrund aus verbrannten Erinnerungen.

In Gedanken versunken, wurde sie brutal aus ihrer Benommenheit gerissen durch das Aufheulen einer Hupe. Geblendet vom grellen Licht der Scheinwerfer, taumelte sie. Das Auto raste direkt auf sie zu. Ein schrilles Quietschen von Reifen zerriss die Luft. Der Schock der Gefahr ließ sie schwanken, ihr Körper von einem Gefühl der Schwerelosigkeit durchzogen, als hätte sich die Zeit verlangsamt.

— Ist alles in Ordnung?

Eine männliche Stimme holte sie zurück in die Realität. Als sie die Augen öffnete, erkannte sie das verschlossene Gesicht eines Fremden, der sich zu ihr hinabgebeugt hatte. Noch bevor sie antworten konnte, entfernte er sich und wandte sich hastig an einen anderen Mann, der im Auto geblieben war.

— Herr, diese Frau scheint unter Schock zu stehen, erklärte er mit betonter Ehrfurcht.

Ella hob den Blick. Hinter der heruntergelassenen Scheibe saß ein Mann regungslos. Makelloser schwarzer Anzug, aufrechte Haltung, eine Aura eisiger Macht: allein seine Präsenz schuf Distanz. Sie hatte das seltsame Gefühl, ihm bereits begegnet zu sein.

— Ich habe in zehn Minuten eine Besprechung.

Die Stimme, trocken und kühl, kam vom Rücksitz. Christian ließ den Blick nicht vom Bildschirm des Laptops auf seinen Knien ab. Seine Antwort war scharf, klar wie eine Klinge.

Der Assistent blieb ratlos. Warum war sein Vorgesetzter nur für wenige Augenblicke zu einer Verlobungsfeier erschienen? Diese Unlogik überstieg sein Verständnis.

Ella hingegen runzelte die Stirn, getroffen von dieser Gleichgültigkeit.

— Sehr gut, ich kümmere mich darum, fuhr der Assistent fort, sichtlich in Eile.

Er zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche und hielt es Ella als hastige Entschädigung hin, bevor er schnell wieder ins Auto stieg.

— Meine aufrichtige Entschuldigung, rief er eilig.

Als das Fahrzeug wieder anfuhr, stellte sich Ella abrupt davor, die Handfläche auf die Motorhaube gelegt, den Blick herausfordernd auf den Mann im Fond gerichtet.

— Nun, Sie sind robuster, als Sie aussehen, spottete der Assistent, sein Ton triefend vor Verachtung. Das Geld wurde Ihnen bereits gegeben. Treten Sie zur Seite. Mein Chef hat keine Minute zu verlieren.

— Auf keinen Fall!

Ella blieb mit fester Haltung vor dem Wagen stehen und starrte Christian durch die Scheibe an. Ihre Augen funkelten vor Zorn.

— Sie sind im Unrecht. Glauben Sie, Sie könnten andere ohne Scham niederfahren?

Der Assistent kochte vor Wut. Bereit auszusteigen, um sie zu vertreiben, wurde er durch ein einziges Wort gestoppt.

— Vorwärts.

Christian hatte die Stimme nicht erhoben. Der Ton war lässig, doch der Befehl unbestreitbar.

— Wie bitte? Sie meinen…

Der ungeduldige Blick seines Vorgesetzten brachte ihn zum Schweigen. Von Panik ergriffen, umklammerte der Assistent das Lenkrad, seine Hände feucht. Christian zu widersprechen war keine Option. Zitternd drückte er auf das Gaspedal.

Das Auto schoss nach vorn.

Ella riss die Augen weit auf, erstaunt darüber, dass man tatsächlich versuchen würde, sie zu überfahren. Dennoch wich sie nicht zurück. Sie stellte sich der metallenen Masse mit unbeugsamer Entschlossenheit entgegen, als könnte allein ihr Blick das Fahrzeug aufhalten.

Der Aufprall traf ihr Knie. Ihr Körper wurde zurückgeschleudert, vom Stoß zu Boden geworfen, heftig genug, um sie zu Fall zu bringen, aber nicht, um sie schwer zu verletzen.

Ein abruptes Quietschen zerriss die Luft. Es war nicht der Assistent gewesen, der gebremst hatte: Christian hatte selbst die Handbremse gezogen.

— Mein Gott… habe ich sie getötet? stammelte der Assistent, erschrocken, die Augen noch immer geschlossen.

Ohne zu antworten, stieg Christian aus dem Wagen. Sein verschlossenes Gesicht verdunkelte sich, als er Ella am Boden liegen sah.

Sie hob die Lider. Ihre schwarzen, intensiven Augen bohrten sich in die des Mannes, der vor ihr stand. Weder Angst noch Flehen: nur eine brennende Herausforderung.

Ihr stummes Duell dauerte lange Sekunden. Auf der einen Seite ein harter, unbeweglicher Blick, auf der anderen ein Stolz, der nichts nachgab.

Schließlich brach Christian das Schweigen.

— Solche Tricks anzuwenden, um mich dazu zu bringen, Sie wahrzunehmen, kann bei mir nur Abscheu hervorrufen.

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Die charmante Ehefrau des CEOs

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