Kapitel 3
Der Bass der Musik im Soho House vibrierte durch die Dielen, doch auf der privaten Dachterrasse war die Luft schwer von Zigarrenrauch und Arroganz.
Keyon saß in einem Ledersessel, ein Glas Whiskey in der Hand. Es war kaum Mittag, aber er hatte nicht geschlafen.
Dylan Branch ließ sich in den Sessel ihm gegenüber gleiten. Er sah frisch und elegant aus und trug einen Leinenanzug, der mehr kostete als die Autos der meisten Leute. Er schwenkte sein Getränk und musterte Keyons zerzaustes Aussehen.
"Man sagt, der Vogel ist ausgeflogen", sagte Dylan. Sein Ton war leicht und spöttisch. "Ist Elodie wirklich einfach gegangen?"
Keyon zog die Stirn in Falten. "Sie schmeißt nur einen Wutanfall. Sie versucht, mich vor Katina bloßzustellen."
"Hat sie eine Tasche gepackt?"
"Eine Sporttasche", spottete Keyon. "Sie hat ein paar T-Shirts mitgenommen. Sie hat nicht einmal ihren Schmuck mitgenommen. Daran merke ich, dass sie nur blufft. Wahrscheinlich sitzt sie gerade in irgendeinem Motel in Queens, heult und wartet darauf, dass ich anrufe."
Keyon knallte seine Autoschlüssel auf den Tisch.
"Ich wette mit dir um zehntausend", sagte Keyon, seine Stimme laut genug, dass der Nebentisch es hören konnte. "Drei Tage. In drei Tagen ist sie wieder da und wird mich anflehen, ihre Kreditkartenrechnung zu bezahlen."
Dylan zog eine Augenbraue hoch. Er sah Keyon an, sah ihn wirklich an. "Und wenn nicht?"
"Wird sie", sagte Keyon. "Ohne mich kann sie nicht überleben. Die Frau weiß nicht einmal, wie man selbst tankt."
Die Gruppe junger Erben am Nebentisch lachte. "Elodie?", sagte einer von ihnen. "Die Blumenarrangeurin? Ja, die ist erledigt."
Dylan lachte nicht. Er nahm einen Schluck von seinem Getränk. "Ich weiß nicht, Keyon. Sie wirkte... anders in letzter Zeit."
Keyon machte eine abfällige Handbewegung.
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Fünf Meilen entfernt öffneten sich die Aufzugtüren direkt in das Penthouse des The Sterling.
Die Wohnung war eine Festung aus Glas und Beton. Sie war minimalistisch, kalt und atemberaubend teuer. Sie hatte Elodies Onkel gehört – oder besser gesagt, dem Mann, der sich als ihr Onkel ausgegeben hatte, um ihre Identität während ihrer Jahre am MIT vor der Welt zu verbergen. Er hatte es ihr in einem Trust hinterlassen, an den die Anwälte von Schneider nicht herankamen.
Elodie trat ein.
"Willkommen zu Hause, Solaris", sagte eine synthetische Frauenstimme aus den Wänden. Die Lichter passten sich automatisch an ein sanftes, warmes Bernsteingelb an.
Elodie ließ die Leinentasche auf ein weißes italienisches Ledersofa fallen, das vierzigtausend Dollar kostete. Sie behandelte es nicht wie ein Museumsstück. Sie ließ sich darauf fallen und vergrub ihr Gesicht in den Kissen.
Ihr Handy summte.
Sie zog es heraus. Eine unbekannte Nummer.
Eine Videodatei.
Sie drückte auf Play.
Der Bildschirm zeigte Keyon im Soho House, aufgenommen aus einem unauffälligen Winkel. Der Ton war klar.
"Sie ist nur ein Parasit. Sie kommt wieder, wenn sie hungrig wird."
Elodie beobachtete Keyons Gesicht. Der Hohn. Die absolute Gewissheit, dass sie nichts war.
Sie wusste nicht, wer es geschickt hatte. Es war Dylan, der Keyon gegenübersaß, das Handy unter dem Tisch versteckt, um zu zündeln.
Elodie weinte nicht. Sie warf das Handy nicht weg.
Sie drückte auf Löschen.
Sie setzte sich auf und klappte den alten, dicken Laptop auf.
Der Bildschirm flackerte auf. Grüne Codezeilen rauschten über das schwarze Terminal. Ihre Finger flogen über die Tastatur. Es war nicht das zögerliche Tippen einer Verwaltungsassistentin. Es war die verschwommene Bewegung einer Virtuosin.
Sie tippte einen Befehl ein: CONNECT REMOTE PORT: STOKES_GLOBAL_EXT.
Eine Eingabeaufforderung erschien: ACCESS GRANTED.
Sie öffnete eine sichere Messaging-App.
An: CYost
Nachricht: Bin raus. Brauche Laborzugang.
Die Antwort kam drei Sekunden später.
Von: CYost
Nachricht: Endlich. Das Labor gehört dir. Der Türcode sind immer noch die ersten 6 Ziffern von Pi.
Elodie klappte den Laptop zu. Sie stand auf und ging ins Hauptbadezimmer.
Der Spiegel reichte vom Boden bis zur Decke. Sie betrachtete ihr Haar. Es war lang und zu den sanften Wellen gelockt, die Keyon mochte. Er sagte, es ließe sie "feminin" aussehen.
Sie öffnete die Schublade und fand eine Friseurschere.
Sie packte eine Handvoll Haare.
Schnipp.
Die dicke Strähne fiel ins Waschbecken.
Sie hörte nicht auf. Sie schnitt mit zackigen, wütenden Bewegungen. Büschel brauner Haare fielen wie tote Blätter. Als sie fertig war, reichte ihr Haar bis knapp über die Schultern. Es war ungleichmäßig, stufig und kantig.
Sie sah wild und entschlossen aus.
Zurück im Soho House lachte Keyon, sein Arm lag um Katinas Taille. Katina sah ihn mit großen, bewundernden Augen an.
"Geht es ihr gut?", fragte Katina, ihre Stimme triefte vor geheuchelter Sorge. "Soll ich sie anrufen? Ich fühle mich schrecklich."
"Wag es ja nicht", sagte Keyon. "Lass sie leiden. Nur so lernt sie es."
In der Ecke überprüfte Dylan sein Handy. Die Nachricht war als Gelesen markiert. Keine Antwort.
Normalerweise hätte Elodie jetzt Keyons Handy zum Glühen gebracht. Oder Dylan angerufen, um zu fragen, ob es Keyon gut geht.
Stille.
Dylan runzelte die Stirn. Er nahm einen Schluck von seinem Getränk. "Interessant", murmelte er.
Im Penthouse legte sich Elodie auf das Bett. Sie nahm keine Schlaftablette. Zum ersten Mal seit drei Jahren war die Stille nicht einsam. Sie war friedlich.