Kapitel 1
Elodie saß auf der Kante des Untersuchungstisches. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, wo sie den Riemen ihrer Handtasche umklammerten, und das Leder schnitt ihr in die Handfläche.
Der Arzt sah sie nicht an. Er scrollte durch Daten auf seinem iPad, sein Gesicht vom künstlichen blauen Licht erhellt.
„Die Gebärmutterschleimhaut ist schwer geschädigt, Mrs. Schneider", sagte er. Seine Stimme war monoton, professionell, frei von jeglicher Wärme. „Wie wir bereits besprochen haben, sind die Stresslevel wahrscheinlich ein mitwirkender Faktor bei der Abstoßung."
Elodie öffnete den Mund, aber ihre Kehle fühlte sich an, als wäre sie mit trockener Watte ausgestopft. Sie wollte fragen, warum. Sie wollte fragen, ob es irgendetwas gab, was sie in den letzten achtundvierzig Stunden anders hätte tun können.
Aber der Arzt stand bereits auf. Er tippte auf den Bildschirm seines Geräts und legte es auf die Theke.
„Ruhen Sie sich ein paar Wochen aus. Meine Sprechstundenhilfe wird Sie hinausbegleiten."
Er wartete nicht auf eine Antwort. Er ging zur Tür hinaus, mental bereits auf den nächsten VIP-Patienten im Nebenzimmer vorbereitet, und ließ Elodie allein mit dem Summen der Klimaanlage und dem dumpfen Schmerz in ihrem Unterleib zurück.
Sie ging hinaus zum Bordstein, wo der schwarze Maybach wartete. Der Fahrer, ein Mann, der seit zehn Jahren für die Familie Schneider arbeitete, blickte nicht in den Rückspiegel, als sie auf den Rücksitz glitt. Er drückte einfach einen Knopf, und die Trennscheibe fuhr mit einem leisen Zischen hoch und schloss sie in einem schalldichten Glaskasten ein.
Es war still. Zu still.
Elodie zog ihr Handy aus der Handtasche. Sie starrte auf den Bildschirm. Keyon.
Sie zögerte, ihr Daumen schwebte über der Anruftaste. Sie musste eine Stimme hören. Selbst wenn sie ungeduldig wäre. Selbst wenn sie kalt wäre. Sie musste einfach jemandem sagen, dass es kein Baby gab, dass es niemals ein Baby geben würde.
Sie drückte auf Anrufen.
Es klingelte einmal.
Klick.
Der Bildschirm wurde schwarz und leuchtete dann sofort mit einer automatisierten Textnachricht auf.
In einer Besprechung.
Elodie ließ das Handy in ihren Schoß fallen. Sie starrte aus dem getönten Fenster, während die Stadt verschwommen vorbeizog und der graue Stahl der Wolkenkratzer zu der Taubheit passte, die sich in ihrer Brust ausbreitete.
Als sie auf dem Anwesen der Schneiders ankam, ragte das Haus über der Auffahrt auf wie ein Mausoleum. Es war ein massives Bauwerk aus Stein und Glas, entworfen, um zu beeindrucken, nicht um Geborgenheit zu spenden.
Sie ging hinein. Die Eingangshalle war kalt. Die Klimaanlage war immer auf zwanzig Grad eingestellt, weil Keyon es kühl bevorzugte.
Mrs. Lee, die leitende Haushälterin, eilte mit einem Stapel Leinenwäsche durch den Flur.
Sie hielt inne, als sie Elodie sah, fragte aber nicht nach dem Termin. Sie fragte nicht, warum Elodie aussah wie ein Geist.
„Mrs. Schneider", sagte Mrs. Lee in einem knappen Ton. „Sie haben das Abendmenü für morgen nicht genehmigt. Der Koch wartet."
„Es tut mir leid", flüsterte Elodie.
Mrs. Lee seufzte, ein kurzes, scharfes Geräusch der Verärgerung, und ging weiter den Flur entlang.
Elodie ging ins Hauptwohnzimmer. Sie setzte sich auf die Kante des Sofas, die Knie aneinandergepresst. Auf dem Marmor-Couchtisch lag Keyons Ersatz-iPad neben einem Kristalluntersetzer.
Es leuchtete auf.
Die Vibration auf der Steinplatte erzeugte ein leises Summen.
Elodie sah es an. Ein Benachrichtigungsbanner erstreckte sich über den Sperrbildschirm.
iMessage von Katina B.
Elodie spürte einen körperlichen Stoß in ihrer Magengegend, schärfer als die Krämpfe, mit denen sie den ganzen Morgen gekämpft hatte.
Sie streckte die Hand aus. Ihre Hand zitterte. Sie wischte über den Bildschirm. Der Passcode war 081588. Keyons Geburtstag. 15. August.
Es entsperrte sich.
Die Nachricht öffnete sich. Es war nicht nur Text. Es war ein PDF-Anhang mit dem Titel „Welcome Home, My Muse - Gala Planning".
Elodie tippte darauf. Das Dokument wurde geladen. Es war ein detaillierter Zeitplan für eine Party heute Abend. Eine Feier für Katina Bartletts Rückkehr nach New York. Der Veranstaltungsort war ein privater Club in Tribeca.
Das Datum war heute.
Heute war ihr dritter Hochzeitstag.
Sie scrollte nach oben.
Keyon: Verlasse endlich das Büro. Gott, ich kann es kaum erwarten, der düsteren Atmosphäre zu Hause zu entkommen. Es ist erstickend. Bis in zwanzig Minuten.
Katina: Komm nicht zu spät. Ich trage das Kleid, das du gekauft hast.
Elodie ließ das iPad auf den Teppich fallen.
Sie stand auf und rannte zur Gästetoilette im Erdgeschoss. Sie umklammerte die Ränder des kalten Marmorwaschbeckens und würgte trocken, bis ihre Augen tränten und ihre Rippen schmerzten. Nichts kam heraus. Sie hatte seit zwei Tagen nichts gegessen.
Sie blickte in den Spiegel. Die Frau, die zurückstarrte, war eine Fremde. Ihre Haut war blass, ihre Augen eingefallen. Sie sah aus wie eine Dekoration, die man im Regen hatte stehen lassen.
Drei Jahre lang war sie still gewesen. Sie war das perfekte Accessoire gewesen. Sie hatte ihr eigenes Licht gedimmt, damit Keyon heller strahlen konnte.
Und er nannte es erstickend.
Sie griff in ihre Handtasche und zog das kleine, zerknüllte Ultraschallfoto heraus, das sie aufbewahrt hatte, das von vor dem Herzstillstand. Sie hatte geplant, es ihm heute Abend zu zeigen, um zu versuchen, eine gemeinsame Trauer, einen gemeinsamen Trost zu finden.
Sie betrachtete das körnige Bild ein letztes Mal.
Dann zerknüllte sie es in ihrer Faust und ließ es in den Treteimer neben der Toilette fallen.
Sie verließ das Badezimmer. Ihre Absätze klickten auf dem Marmorboden. Das Geräusch war jetzt anders. Es war lauter. Entschlossener.
Sie stieg die Treppe zum Hauptschlafzimmer hinauf. Sie schaltete das Licht nicht ein. Sie ging direkt zum begehbaren Kleiderschrank, schob eine Reihe Wintermäntel beiseite und legte den Wandsafe frei.
Sie drehte am Zahlenschloss.
Darin, unter einem Stapel Wertpapiere, lag eine blaue Mappe. Sie hatte sie vor sechs Monaten vorbereitet, in einer Nacht, als Keyon ihr gesagt hatte, sie würde ihn blamieren, weil sie bei einem Wohltätigkeitsdinner zu laut atmete.
Sie nahm die Scheidungspapiere heraus.
Sie ging zum kleinen Schminktisch, schraubte die Kappe eines Füllfederhalters ab und blickte auf die Unterschriftenzeile.
Es gab kein Zögern. Kein Zittern. Sie drückte die Feder auf das Papier und unterschrieb mit Elodie Dickson. Die Feder kratzte über das Papier und riss es beim letzten Strich leicht ein.
Sie setzte die Kappe wieder auf den Stift.
Sie blickte auf ihre linke Hand. Der Diamant an ihrem Ringfinger war riesig, eher ein Symbol des Besitzes als der Zuneigung. Ihre Finger waren von dem medizinischen Eingriff und dem Stress geschwollen. Sie zerrte an dem Ring. Er rührte sich nicht. Er saß fest und schnitt ihr ins Fleisch.
Sie zerrte erneut, fester, bis die Haut rot wurde.
Er ging nicht ab.
Sie stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus und ließ ihre Hand sinken.
Sie wandte sich dem Kleiderschrank zu. Reihen von Designerroben, farblich nach Saison sortiert, hingen in Plastikhüllen. Sie ignorierte sie alle.
Sie griff zum obersten Regal und zog eine abgenutzte Reisetasche aus Segeltuch herunter. Es war die Tasche, die sie im College benutzt hatte.
Sie packte drei T-Shirts ein. Zwei Paar Jeans. Unterwäsche.
Dann griff sie unter die unterste Schublade des Schminktischs und zog einen alten, dicken Laptop hervor. Er war zerkratzt, schwer und sah im Vergleich zu den eleganten Geräten, auf die Keyon bestand, wie Elektroschrott aus.
Sie steckte den Laptop in die Tasche.
Sie zog den Reißverschluss zu.
Elodie ging die Treppe hinunter und setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer. Sie schaltete das Licht nicht ein. Sie saß im Dunkeln, die Hände im Schoß gefaltet, die Reisetasche zu ihren Füßen.
Sie wartete.
Stunden vergingen. Das Haus setzte sich um sie herum und ächzte im Wind.
Um 3:00 Uhr morgens strichen Scheinwerfer über die vorderen Fenster und schnitten wie Suchscheinwerfer durch die Dunkelheit. Das Dröhnen eines Sportwagenmotors zerriss die Stille.
Sie hörte, wie die schwere Haustür aufgeschlossen wurde. Die Zuhaltungen klickten.
Keyon kam herein. Er roch nach kalter Luft und teurem Scotch. Er griff nach dem Lichtschalter und flutete den Raum mit blendender Helligkeit.
Er hielt inne, als er sie sah.
Er runzelte die Stirn und blickte sie an, wie sie mitten in der Nacht steif auf dem Sofa saß.
„Was machst du hier im Dunkeln?", fragte er mit einer von Verärgerung schweren Stimme. „Du siehst aus wie ein Geist."
Kapitel 2
Der Duft erreichte sie, noch bevor er zu Ende gesprochen hatte.
Es war Gardenie. Schwer, aufdringlich, süß. Es war das Parfüm, das Katina Bartlett trug, seit sie neunzehn war. Es hing an Keyons Wollmantel, strömte in Wellen von ihm aus und füllte den Raum zwischen ihnen.
Elodie stand auf. Ihr Blick fixierte seinen Kragen.
Dort, scharf abgezeichnet gegen die frische weiße Stärke seines Hemdes, war ein roter Fleck. Es war keine unauffällige Übertragung. Es war eine absichtliche Markierung.
Keyon sah, dass sie hinsah. Er zuckte nicht zusammen. Er rieb sich mit zwei Fingern die Schläfe, sein Gesicht zu einer Grimasse der Erschöpfung verzogen.
„Sieh mich nicht so an, Elodie", sagte er und ging an ihr vorbei zur Hausbar. „Es war nur ein Geschäftsessen. Die Investoren waren anhänglich."
„Geschäftlich", wiederholte Elodie. Ihre Stimme war rau.
„Ja. Geschäftlich." Keyon schenkte sich ein Wasser ein. „Etwas, das du nicht verstehen würdest."
Elodie rührte sich nicht, um ihm den Mantel abzunehmen. Sie fragte nicht, ob er hungrig sei. Sie griff zum Couchtisch und nahm die blaue Mappe auf.
Sie schob sie über die Marmoroberfläche. Es erzeugte ein trockenes, kratzendes Geräusch.
Keyon blickte über den Rand seines Glases darauf. „Was ist das? Hat Mrs. Lee gekündigt? Oder ist das ein neuer Speiseplan für die Woche?"
„Das sind die Scheidungspapiere", sagte Elodie. „Ich habe sie bereits unterschrieben."
Keyon erstarrte. Das Glas hielt auf halbem Weg zu seinem Mund an. Er blinzelte, verarbeitete die Worte, und dann entwich seinen Lippen ein kurzes, ungläubiges Lachen.
„Scheidungspapiere?" Er setzte das Glas ab, ein wenig zu hart. Wasser schwappte über den Rand. „Elodie, im Ernst? Ist das die neue Strategie? Damit drohen zu gehen, damit ich dir Aufmerksamkeit schenke?"
„Ich drohe nicht", sagte sie. „Ich gehe."
„Weil ich spät nach Hause gekommen bin?" Keyon schüttelte den Kopf und sah sie mitleidig an. „Du bist hysterisch. Nimm eine Xanax und geh schlafen."
„Ich hoffe, du und Katina werdet glücklich", sagte Elodie. „Ihr müsst keine geheimen Galas mehr planen. Du kannst mit ihr in der Öffentlichkeit ausgehen."
Keyons Gesicht verfinsterte sich augenblicklich. Die Belustigung verschwand, ersetzt durch kalten, scharfen Zorn.
„Du hast mich ausspioniert?", warf er ihr vor und trat näher. Er überragte sie und nutzte seine Größe als Waffe.
„Ich musste nicht spionieren. Du hast dein iPad auf dem Tisch liegen lassen. Es hat sich synchronisiert."
„Ich habe keine Zeit für diese Eifersucht", fuhr Keyon sie an. „Ich muss eine Firma leiten. Ich habe echte Probleme."
„Nicht mehr", sagte Elodie. Sie bückte sich und hob die Leinentasche auf.
Keyon sah zu, wie sie die billige Tasche anhob. Seine Augen verengten sich.
„Wenn du aus dieser Tür gehst", sagte er, seine Stimme sank in ein tiefes, gefährliches Register, „werde ich dir alles streichen. Den Treuhandfonds. Die Kreditkarten. Den Fahrer. Alles endet in der Sekunde, in der du diese Schwelle überschreitest."
Elodie schwang die Tasche über ihre Schulter. „Tu es."
„Du wirst in dieser Stadt keine Woche überleben", höhnte Keyon. „Du hast keine Fähigkeiten. Du hast keinen Job. Du hast nichts ohne den Namen Schneider."
„Ich werde es riskieren."
Sie ging um ihn herum.
Keyon trat vor sie und versperrte den Weg zum Foyer. „Lies den Ehevertrag, Elodie. Wenn du gehst, bekommst du nichts. Keinen Cent. Ich werde dafür sorgen, dass du verhungerst."
Elodie blickte zu ihm auf. Zum ersten Mal seit drei Jahren sah sie keinen Gott. Sie sah einen Mann mit einem Fleck auf dem Kragen und Angst in den Augen.
„Ich brauche dein Geld nicht, Keyon", sagte sie leise. „Spar es dir. Katina hat einen teuren Geschmack, was Handtaschen angeht."
Sie trat um ihn herum. Er packte sie nicht. Er war zu schockiert.
Elodie zog die schwere Mahagonitür auf. Die kalte Nachtluft strömte herein und biss in ihr unbedecktes Gesicht.
„Komm nicht angekrochen, wenn du merkst, dass du nicht mal ein U-Bahn-Ticket bezahlen kannst!", schrie Keyon ihr nach.
Elodie drehte sich nicht um. Sie zog die Tür hinter sich zu.
Bumm.
Das Geräusch hallte durch das riesige Haus.
Drinnen stand Keyon allein im Foyer. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, ein hektischer Rhythmus, den er sich nicht erklären konnte. Es war nur ein Wutanfall. Sie würde zum Frühstück wieder da sein.
Draußen ging Elodie.
Die Auffahrt war eine Viertelmeile lang. Der Wind schnitt durch ihre dünne Jacke, aber sie hielt nicht an. Sie ging, bis sie die öffentliche Straße erreichte.
Sie zog ihr Handy heraus und öffnete die Uber-App. Sie rief nicht den privaten Fahrdienst. Sie bestellte einen Toyota Camry.
Zehn Minuten später saß sie auf dem Rücksitz eines Autos, das nach Kiefern-Lufterfrischer und altem Zigarettenrauch roch.
„Wohin soll's gehen?", fragte der Fahrer. Er war ein älterer Mann mit einem starken Akzent.
„Nach Midtown", sagte Elodie. „Zum Sterling."
Ihr Handy summte in ihrer Hand. Eine Benachrichtigung von der Bank.
WARNUNG: Zusatzkarte mit der Endung 4098 wurde vom Hauptkontoinhaber gesperrt.
Er hatte nicht einmal fünf Minuten gewartet.
Elodie geriet nicht in Panik. Sie weinte nicht. Sie legte ihren Daumen auf die Banking-App und wechselte das Profil.
Der Bildschirm aktualisierte sich. Die Benutzeroberfläche wechselte vom gemeinsamen Chase-Konto zu einem sicheren, verschlüsselten Dashboard.
Konto: Swiss Credit Union / Inhaber: Solaris
Kontostand: 1.540.000.000 CHF
Die Zahl erstreckte sich über den Bildschirm, eine zehnstellige Summe, die sich aus frühen Bitcoin-Investitionen und den stillen Lizenzgebühren ihrer Algorithmen angesammelt hatte. Es war genug, um das Schneider-Anwesen zehnmal zu kaufen.
Sie schloss die App.
Sie öffnete ihre Kontakte. Sie scrollte zu „Ehemann".
Sie tippte auf Bearbeiten. Sie löschte das Wort „Ehemann" und tippte Keyon Schneider ein.
Dann tippte sie auf Anrufer blockieren.
Zurück im Anwesen trat Keyon gegen den Mülleimer im Wohnzimmer. Er schepperte gegen die Wand und sein Inhalt ergoss sich.
Ein zerknüllter Ball aus glänzendem Papier rollte über den Teppich. Es war das Ultraschallbild.
Keyon warf einen Blick darauf, nahm an, es sei eine Quittung oder ein Taschentuch, und stieg darüber hinweg.
Er zog sein Handy heraus und wählte Arlens Nummer.
„Sperren Sie ihre Karten", bellte Keyon ins Telefon. „Und sagen Sie der Security am Tor, dass sie nicht eingelassen werden soll, wenn sie heute Nacht versucht zurückzukommen. Lassen Sie sie auf der Straße schlafen."
Hinten im Uber beobachtete Elodie, wie die Sonne am Horizont zu verbluten begann und die Skyline von Manhattan in Tönen von violettem Blau und Gold malte.
Sie atmete tief ein. Es tat weh, aber die Luft gehörte ihr.
Kapitel 3
Der Bass der Musik im Soho House vibrierte durch die Dielen, doch auf der privaten Dachterrasse war die Luft schwer von Zigarrenrauch und Arroganz.
Keyon saß in einem Ledersessel, ein Glas Whiskey in der Hand. Es war kaum Mittag, aber er hatte nicht geschlafen.
Dylan Branch ließ sich in den Sessel ihm gegenüber gleiten. Er sah frisch und elegant aus und trug einen Leinenanzug, der mehr kostete als die Autos der meisten Leute. Er schwenkte sein Getränk und musterte Keyons zerzaustes Aussehen.
"Man sagt, der Vogel ist ausgeflogen", sagte Dylan. Sein Ton war leicht und spöttisch. "Ist Elodie wirklich einfach gegangen?"
Keyon zog die Stirn in Falten. "Sie schmeißt nur einen Wutanfall. Sie versucht, mich vor Katina bloßzustellen."
"Hat sie eine Tasche gepackt?"
"Eine Sporttasche", spottete Keyon. "Sie hat ein paar T-Shirts mitgenommen. Sie hat nicht einmal ihren Schmuck mitgenommen. Daran merke ich, dass sie nur blufft. Wahrscheinlich sitzt sie gerade in irgendeinem Motel in Queens, heult und wartet darauf, dass ich anrufe."
Keyon knallte seine Autoschlüssel auf den Tisch.
"Ich wette mit dir um zehntausend", sagte Keyon, seine Stimme laut genug, dass der Nebentisch es hören konnte. "Drei Tage. In drei Tagen ist sie wieder da und wird mich anflehen, ihre Kreditkartenrechnung zu bezahlen."
Dylan zog eine Augenbraue hoch. Er sah Keyon an, sah ihn wirklich an. "Und wenn nicht?"
"Wird sie", sagte Keyon. "Ohne mich kann sie nicht überleben. Die Frau weiß nicht einmal, wie man selbst tankt."
Die Gruppe junger Erben am Nebentisch lachte. "Elodie?", sagte einer von ihnen. "Die Blumenarrangeurin? Ja, die ist erledigt."
Dylan lachte nicht. Er nahm einen Schluck von seinem Getränk. "Ich weiß nicht, Keyon. Sie wirkte... anders in letzter Zeit."
Keyon machte eine abfällige Handbewegung.
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Fünf Meilen entfernt öffneten sich die Aufzugtüren direkt in das Penthouse des The Sterling.
Die Wohnung war eine Festung aus Glas und Beton. Sie war minimalistisch, kalt und atemberaubend teuer. Sie hatte Elodies Onkel gehört – oder besser gesagt, dem Mann, der sich als ihr Onkel ausgegeben hatte, um ihre Identität während ihrer Jahre am MIT vor der Welt zu verbergen. Er hatte es ihr in einem Trust hinterlassen, an den die Anwälte von Schneider nicht herankamen.
Elodie trat ein.
"Willkommen zu Hause, Solaris", sagte eine synthetische Frauenstimme aus den Wänden. Die Lichter passten sich automatisch an ein sanftes, warmes Bernsteingelb an.
Elodie ließ die Leinentasche auf ein weißes italienisches Ledersofa fallen, das vierzigtausend Dollar kostete. Sie behandelte es nicht wie ein Museumsstück. Sie ließ sich darauf fallen und vergrub ihr Gesicht in den Kissen.
Ihr Handy summte.
Sie zog es heraus. Eine unbekannte Nummer.
Eine Videodatei.
Sie drückte auf Play.
Der Bildschirm zeigte Keyon im Soho House, aufgenommen aus einem unauffälligen Winkel. Der Ton war klar.
"Sie ist nur ein Parasit. Sie kommt wieder, wenn sie hungrig wird."
Elodie beobachtete Keyons Gesicht. Der Hohn. Die absolute Gewissheit, dass sie nichts war.
Sie wusste nicht, wer es geschickt hatte. Es war Dylan, der Keyon gegenübersaß, das Handy unter dem Tisch versteckt, um zu zündeln.
Elodie weinte nicht. Sie warf das Handy nicht weg.
Sie drückte auf Löschen.
Sie setzte sich auf und klappte den alten, dicken Laptop auf.
Der Bildschirm flackerte auf. Grüne Codezeilen rauschten über das schwarze Terminal. Ihre Finger flogen über die Tastatur. Es war nicht das zögerliche Tippen einer Verwaltungsassistentin. Es war die verschwommene Bewegung einer Virtuosin.
Sie tippte einen Befehl ein: CONNECT REMOTE PORT: STOKES_GLOBAL_EXT.
Eine Eingabeaufforderung erschien: ACCESS GRANTED.
Sie öffnete eine sichere Messaging-App.
An: CYost
Nachricht: Bin raus. Brauche Laborzugang.
Die Antwort kam drei Sekunden später.
Von: CYost
Nachricht: Endlich. Das Labor gehört dir. Der Türcode sind immer noch die ersten 6 Ziffern von Pi.
Elodie klappte den Laptop zu. Sie stand auf und ging ins Hauptbadezimmer.
Der Spiegel reichte vom Boden bis zur Decke. Sie betrachtete ihr Haar. Es war lang und zu den sanften Wellen gelockt, die Keyon mochte. Er sagte, es ließe sie "feminin" aussehen.
Sie öffnete die Schublade und fand eine Friseurschere.
Sie packte eine Handvoll Haare.
Schnipp.
Die dicke Strähne fiel ins Waschbecken.
Sie hörte nicht auf. Sie schnitt mit zackigen, wütenden Bewegungen. Büschel brauner Haare fielen wie tote Blätter. Als sie fertig war, reichte ihr Haar bis knapp über die Schultern. Es war ungleichmäßig, stufig und kantig.
Sie sah wild und entschlossen aus.
Zurück im Soho House lachte Keyon, sein Arm lag um Katinas Taille. Katina sah ihn mit großen, bewundernden Augen an.
"Geht es ihr gut?", fragte Katina, ihre Stimme triefte vor geheuchelter Sorge. "Soll ich sie anrufen? Ich fühle mich schrecklich."
"Wag es ja nicht", sagte Keyon. "Lass sie leiden. Nur so lernt sie es."
In der Ecke überprüfte Dylan sein Handy. Die Nachricht war als Gelesen markiert. Keine Antwort.
Normalerweise hätte Elodie jetzt Keyons Handy zum Glühen gebracht. Oder Dylan angerufen, um zu fragen, ob es Keyon gut geht.
Stille.
Dylan runzelte die Stirn. Er nahm einen Schluck von seinem Getränk. "Interessant", murmelte er.
Im Penthouse legte sich Elodie auf das Bett. Sie nahm keine Schlaftablette. Zum ersten Mal seit drei Jahren war die Stille nicht einsam. Sie war friedlich.