Kapitel 1
Meine Chefin stieß mich in einen Raum, um mich um eine VIP-Patientin zu kümmern, die mit Selbstmord drohte. Es war Evelin Brandt, eine berühmte Mode-Influencerin, die wegen ihres Verlobten hysterisch war.
Doch als sie mir unter Tränen ein Foto des Mannes zeigte, den sie liebte, zerbrach meine Welt. Es war mein Ehemann seit zwei Jahren, Ben, ein gutherziger Bauarbeiter, den ich nach einem Unfall gefunden hatte, der ihn mit Amnesie zurückließ. Nur auf diesem Foto war er Bernhard Lang, ein rücksichtsloser Wirtschaftsmagnat, der vor einem Wolkenkratzer mit seinem Namen stand.
Genau in diesem Moment kam der echte Bernhard Lang herein, gekleidet in einen Anzug, der mehr kostete als mein Auto.
Er schritt an mir vorbei, als wäre ich Luft, und schlang seine Arme um Evelin.
„Schatz, ich bin da“, murmelte er, seine Stimme hatte denselben tiefen, beruhigenden Ton, den er bei mir nach einem schlechten Tag benutzte. „Ich werde dich nie wieder verlassen. Ich verspreche es.“
Genau dieses Versprechen hatte er mir hundertmal gegeben.
Er küsste ihre Stirn und erklärte, dass er nur sie liebe – eine Vorstellung für ein einziges Publikum: mich. Er zeigte mir, dass unsere gesamte Ehe, unser gemeinsames Leben während seiner Amnesie, ein Geheimnis war, das begraben werden musste.
Als er sie aus dem Zimmer trug, trafen seine kalten Augen ein letztes Mal meine.
Die Botschaft war klar: Du bist ein Problem, das ausgelöscht werden muss.
Kapitel 1
Das Erste, was ich hörte, als ich die Praxis betrat, war der Schrei einer Frau. Es war nicht der Klang von Schmerz, sondern von reiner, hemmungsloser Wut. Die Art, die die Luft zum Ersticken dick macht.
Ich stellte meine Tasche an meinem Schreibtisch ab, der vertraute Geruch von Desinfektionsmittel und altem Papier ein seltsamer Kontrast zu dem Chaos, das vom Ende des Flurs kam.
„Was ist hier los?“, fragte ich meine Kollegin Sarah, die nervös aus ihrem Büro spähte.
„Das willst du nicht wissen“, flüsterte sie mit großen Augen. „Es ist eine VIP. Eine ganz große Nummer.“
Ein lautes Krachen folgte, das Geräusch von Glas, das gegen eine Wand zerschellte. Das Schreien wurde lauter.
„Er gehört MIR! Ich bringe mich um, bevor ich ihn gehen lasse!“
Ich ging auf das Geräusch zu. Im größten Beratungszimmer stand eine junge Frau in einem Designerkleid auf einem Stuhl und hielt eine Scherbe einer zerbrochenen Vase an ihre eigene Kehle. Ihr Gesicht war tränenüberströmt, ihr teures Make-up verschmiert. Sie war wunderschön, aber in diesem Moment sah sie aus wie ein in die Enge getriebenes Tier.
„Amelie, Gott sei Dank“, sagte mein Chef, Dr. Meier, und eilte auf mich zu. Er sah blass aus. „Du musst das übernehmen.“
Er schob mich nach vorne. „Sie ist Evelin Brandt. Die Mode-Influencerin. Ihre Leute haben angerufen. Sie sagten, sie würde nur mit einer weiblichen Therapeutin sprechen, und du bist die Beste, die wir haben.“
Evelin Brandt. Der Name kam mir von den Titelseiten der Zeitschriften im Supermarkt vage bekannt vor.
„Und sie ist wegen ihres Verlobten hier“, fügte Dr. Meier mit leiser Stimme hinzu. „Dem einzigartigen Bernhard Lang.“
Mein Herz setzte aus.
Bernhard Lang.
Der Name meines Mannes ist Ben Lang. Er ist Bauarbeiter. Er ist einfach, freundlich und liebt mich mehr als alles andere. Wir leben in einer kleinen Wohnung am anderen Ende der Stadt.
Es musste ein Zufall sein. Lang ist ein häufiger Name. Bernhard, seltener, aber immer noch möglich.
Ich versuchte, mir das einzureden, um das eiskalte Gefühl zu verdrängen, das sich in meiner Brust ausbreitete. Es war nur ein Name. Ein dummer, bedeutungsloser Zufall.
Dr. Meier drückte mir eine Akte in die Hände. „Hier sind ihre Informationen. Viel Glück.“
Ich öffnete die Akte. Meine Hände zitterten. Unter „Name des Verlobten“ stand es in nüchternen, offiziellen Buchstaben gedruckt: Bernhard Lang.
Mir stockte der Atem. Ich spürte, wie das Blut aus meinem Gesicht wich.
Ich zwang mich, professionell zu bleiben. Ich bin Therapeutin. Ich bewältige Krisen. Ich atmete tief durch, strich mein schlichtes Arbeitskleid glatt und ging in den Raum.
„Evelin“, sagte ich mit ruhiger Stimme, obwohl mein Inneres schrie. „Mein Name ist Amelie. Können wir reden?“
In dem Moment, als sie mich sah, veränderte sich ihre hektische Energie. Der wilde Blick in ihren Augen wich einer kindlichen Verletzlichkeit. Sie ließ die Glasscherbe fallen, die auf den Boden klirrte.
„Amelie“, wimmerte sie, stieg vom Stuhl und eilte auf mich zu. Sie warf ihre Arme um meinen Hals und schluchzte an meiner Schulter. „Sie müssen mir helfen.“
Ich hielt sie, mein Körper steif. Sie klammerte sich an mich wie ein Kind, ihre ganze Haltung schrie nach einem Leben, in dem sie immer bekommen hatte, was sie wollte.
Sie zog sich zurück und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab. „Es ist Bernhard. Er war in letzter Zeit so distanziert.“
Sie fummelte nach ihrem Handy, ihre Finger wischten über den Bildschirm. „Schauen Sie“, sagte sie und hielt es hoch. „Das sind wir. Sind wir nicht perfekt zusammen?“
Das Foto zeigte Evelin, wie sie einem Mann in einem perfekt sitzenden Anzug einen Kuss auf die Wange gab. Er lächelte, und die Fältchen um seine Augen waren so schmerzlich vertraut.
Es war mein Ben.
Nein, es war Bernhard Lang. Und er stand vor einem Wolkenkratzer, auf dem das Logo der Lang AG prangte.
„Er liebt mich so sehr“, prahlte Evelin, ihre Stimme wurde kräftiger. „Zu meinem letzten Geburtstag hat er mir eine Privatinsel gekauft. Er sagte, er würde alles für mich tun, mir die ganze Welt schenken.“
Meine Welt geriet aus den Fugen. Der Boden fühlte sich an, als würde er unter mir nachgeben.
„Aber vor ein paar Monaten hat sich etwas verändert“, fuhr sie fort, ihr Gesicht verdüsterte sich wieder. „Seit er zurückkam. Er war eine Weile verschwunden, wissen Sie. Zwei Jahre. Er hatte eine Art Unfall, hat sein Gedächtnis verloren. Als er endlich zurückkam, war er … anders. Kälter.“
Zwei Jahre.
Genau die Zeit, die ich mit Ben verheiratet war.
Die Wahrheit traf mich mit der Wucht eines körperlichen Schlags. Sie raubte mir den Atem und hinterließ eine hohle, schmerzende Leere.
Mein Ben. Mein liebevoller, einfacher Ehemann war Bernhard Lang, der rücksichtslose Immobilienmagnat. Und ich war das Geheimnis, das er während seiner zwei Jahre Amnesie gehütet hatte.
Eine Erinnerung blitzte in meinem Kopf auf, scharf und klar.
Vor zwei Jahren. Eine regnerische Nacht. Das zerknautschte Metall eines Autowracks auf einer verlassenen Straße. Ich war auf dem Heimweg von einer späten Sitzung, als ich es sah. Ich hielt an, mein Herz pochte. Ich fand ihn bewusstlos, blutend aus einer Kopfwunde. Er hatte keinen Ausweis, kein Telefon. Nur die Kleidung am Leib.
Ich bin Therapeutin, keine Ärztin, aber ich wusste, dass er Hilfe brauchte. Ich fuhr ihn in die nächste kleine Klinik am Stadtrand. Die Diagnose lautete: schweres Schädeltrauma mit totaler Amnesie.
Er wusste nicht, wer er war, woher er kam, gar nichts. Er war wie ein Kind im Körper eines Mannes, verloren und verängstigt. Ich empfand eine Welle des Mitgefühls für ihn. Ich konnte ihn nicht einfach zurücklassen. Die Polizei hatte keine Spuren. Er hatte nirgendwohin gehen können.
Also nahm ich ihn mit nach Hause.
Ich nannte ihn Ben. Es war der Name meines Vaters. Einfach, stark.
In dem kleinen Raum meiner Wohnung wurde eine neue Welt geboren. Er war so abhängig von mir, so dankbar. Seine Augen folgten mir überallhin. Er lernte alles neu, und ich war seine Lehrerin, seine Führerin, seine einzige Verbindung zu einer Welt, an die er sich nicht erinnerte.
Unsere Verbindung wuchs schnell und tief. Er war so offen, so verletzlich. Ohne die Last einer Vergangenheit war er pure Zuneigung. Er sagte mir, er fühle sich, als sei er an dem Tag geboren worden, an dem ich ihn gefunden hatte.
Er lernte, für mich zu kochen. Er fand einen Job auf einer örtlichen Baustelle und kam stolz mit schwieligen, schmutzigen Händen nach Hause, um Geld für uns zu verdienen. Er sparte wochenlang, um mir eine einzige, perfekte Rose zu kaufen.
Er liebte mich mit einer atemberaubenden Intensität. Er sagte mir, ich sei seine Sonne, sein Mond, sein ganzer Himmel. Er sagte, selbst wenn er sein Gedächtnis nie wiedererlangen würde, wäre es ihm egal, denn sein Leben begann mit mir.
Sechs Monate, nachdem ich ihn gefunden hatte, machte er mir einen Antrag. Er hatte keinen Ring, nur einen kleinen, glatten Stein, den er am Elbufer gefunden hatte. Er kniete in unserem winzigen Wohnzimmer nieder, seine Augen glänzten vor Tränen.
„Amelie“, hatte er mit erstickter Stimme gesagt. „Ich habe keine Vergangenheit, aber ich weiß, dass ich meine ganze Zukunft mit dir verbringen will. Heirate mich.“
Ich sagte ohne eine Sekunde zu zögern Ja.
Wir hatten eine kleine Zeremonie im Standesamt. Nur wir beide. Es war der glücklichste Tag meines Lebens.
Unser erstes Ehejahr war ein Rausch aus Leidenschaft und einfachen Freuden. Wir hatten nicht viel Geld, aber wir hatten uns. Wir waren unzertrennlich. Er betete mich an, und ich vergötterte ihn.
Dann, vor etwa drei Monaten, sagte er mir, er müsse für einen „Job“ weg. Er war vage, sagte, es sei ein großes Bauprojekt außerhalb des Bundeslandes. Er war eine Woche lang weg.
Als er zurückkam, war er anders. Die Veränderung war anfangs subtil. Er war zurückhaltender, weniger körperlich liebevoll. Er hörte auf, mich bei den Kosenamen zu nennen, die er erfunden hatte. Er sagte, er sei nur müde von der Arbeit.
Jetzt sehe ich alles. Dieser „Job“ war kein Job. Es war sein Gedächtnis, das zurückkehrte. Es war er, der in sein wahres Leben zurückkehrte. In das Leben von Bernhard Lang.
Und unser Leben, unsere Ehe, war nur ein vorübergehender Halt auf dem Weg. Ein Geheimnis. Eine Unannehmlichkeit.
Evelin redete immer noch, aber ihre Stimme war ein fernes Summen. Alles, was ich fühlen konnte, war die kalte, harte Realität, die auf mich einstürzte.
„Hören Sie mir überhaupt zu?“, fragte Evelin genervt. Sie stieß mich in den Arm. „Ihre Augen sind ganz rot. Weinen Sie um mich? Sie müssen denken, mein Leben ist so tragisch.“
Ihre Worte waren so absurd ironisch, dass ich fast gelacht hätte.
Plötzlich flog die Tür zum Beratungszimmer auf.
„Evelin!“
Bernhard Lang stand in der Tür. Er trug einen teuren Anzug, der wahrscheinlich mehr kostete als mein Auto. Er sah mächtig, gebieterisch und so völlig anders aus als der Mann, der letzte Woche meinen tropfenden Wasserhahn repariert hatte.
Seine Augen fanden mich. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich ein Flackern von Schock, von Wiedererkennen. Dann war es verschwunden, ersetzt durch eine kalte, harte Maske.
Er warf mir einen Blick zu. Es war nicht nur ein Blick; es war eine Warnung. Ein stiller, brutaler Befehl, still zu sein.
Er schritt an mir vorbei, als wäre ich Luft, und schlang seine Arme um Evelin. „Schatz, ich bin da. Es ist alles gut.“
„Bernhard!“, rief sie und schmolz in seine Umarmung. „Du hast so lange gebraucht! Ich hatte solche Angst.“
„Ich weiß, ich weiß“, murmelte er, seine Stimme hatte denselben tiefen, beruhigenden Ton, den er früher bei mir benutzte, wenn ich einen schlechten Tag hatte. „Ich werde dich nie wieder verlassen. Ich verspreche es.“
Die Worte waren ein unerträglicher Stich in mein Herz. Genau dieses Versprechen hatte er mir hundertmal gegeben.
Er küsste ihre Stirn. „Ich liebe dich, Evelin. Nur dich.“
Ich drehte den Kopf weg, unfähig, zuzusehen. Meine Augen brannten, aber ich weigerte mich, die Tränen fließen zu lassen.
Er gab eine öffentliche Erklärung ab, eine Vorstellung für ein einziges Publikum: mich. Er zeigte mir meinen Platz. Er zeigte mir, dass ich nichts war.
Er hob Evelin in seine Arme und trug sie wie einen kostbaren Schatz. Als er hinausging, trafen seine kalten Augen über ihre Schulter hinweg ein letztes Mal meine. Die Botschaft war klar: Du bist ein Problem, das ausgelöscht werden muss.
Ich stand da, wie erstarrt, lange nachdem sie gegangen waren. Der Raum war wieder still, bis auf das Geräusch meines eigenen zerbrochenen Herzens.
Ich ging auf wackeligen Beinen zu meinem Schreibtisch zurück. Ich nahm mein Handy. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich drei Versuche brauchte, um es zu entsperren.
Ich scrollte durch meine Kontakte, bis ich eine Nummer fand, die ich seit Jahren nicht mehr angerufen hatte.
Meine Mutter.
Sie meldete sich beim zweiten Klingeln. „Amelie? Bist du das, Liebling?“ Ihre Stimme war klar, mit einem leichten europäischen Akzent.
„Mama“, sagte ich, meine eigene Stimme ein ersticktes Flüstern. „Ich brauche deine Hilfe.“
„Natürlich, Süße. Alles. Was ist los?“
„Ich … ich will auswandern. Ich will zu dir kommen. So schnell wie möglich.“
Es gab eine Pause. „Aber was ist mit deinem Mann? Was ist mit Ben?“
Ich kniff die Augen zusammen. Ein bitteres, schmerzhaftes Lachen entfuhr meinen Lippen. „Er kommt nicht mit.“
Als ich meine Sachen zusammenpackte, bereit, die Praxis zu verlassen und nie wiederzukommen, fiel ein Schatten über meinen Schreibtisch.
Ich blickte auf.
Es war Bernhard. Er war zurückgekommen.
„Wir müssen reden“, sagte er, seine Stimme leise und ohne jede Emotion.
Kapitel 2
Er stand da, eine perfekt geschneiderte Silhouette gegen das grelle Neonlicht des Praxisflurs. Der Bernhard Lang vor mir war ein Fremder. Die teure Uhr an seinem Handgelenk, die kalte Berechnung in seinen Augen, die schiere Aura der Macht – das alles hatte nichts mit dem sanften, einfachen Mann zu tun, den ich zu heiraten geglaubt hatte.
„Okay“, hörte ich mich mit leiser Stimme sagen. Ich war nur eine Therapeutin aus bescheidenen Verhältnissen. Welche Wahl hatte ich?
Er führte mich nach draußen zu einem eleganten, schwarzen Auto, das wahrscheinlich mehr kostete als mein gesamtes Wohnhaus. Ein Chauffeur hielt mir die Tür auf.
Innen roch es nach teurem Leder und einem Parfüm, das nicht meins war. Ein flauschiges, rosa Kissen mit den golden gestickten Initialen „E.B.“ lag auf dem Sitz. Evelin Brandt. Natürlich.
Ich spürte eine Welle von etwas – nicht ganz Wut, eher ein dumpfer, pochender Schmerz. Ich nahm das Kissen und legte es auf die Fußmatte, ein kleiner, pathetischer Akt des Trotzes.
Mein Ben – der Mann, den ich kannte – fuhr einen alten Pick-up, der immer leicht nach Sägespänen und Kaffee roch. Er hatte ein Jahr lang gespart, um die abgenutzten Reifen zu ersetzen. Dieses Auto, dieses Leben, es stammte aus einem anderen Universum.
Die Fahrt war still. Die Spannung in dem kleinen Raum war erdrückend. Ich starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter der Stadt und fühlte mich wie in einem Film, nicht in meinem eigenen Leben.
Er brachte mich ins „The Table“, das exklusivste Restaurant der Stadt. Die Art von Ort mit einer sechsmonatigen Warteliste.
Mein Herz zog sich zusammen. Ben und ich waren einmal an diesem Ort vorbeigegangen. Ich hatte mein Gesicht wie ein Kind gegen die Scheibe gedrückt und die Kristalllüster und die wunderschön gekleideten Gäste bewundert.
„Eines Tages, Amelie“, hatte er versprochen und seinen Arm um meine Schultern gelegt. „Wenn mein großes Projekt sich auszahlt, bringe ich dich hierher. Wir bestellen alles auf der Speisekarte.“
Jetzt war ich hier. Aber der Traum hatte sich in einen Albtraum verwandelt.
Ich fühlte mich in meinem schlichten Arbeitskleid zwischen dem Meer aus Seide und Juwelen fehl am Platz. Bernhard passte jedoch perfekt hinein. Der Maître d' begrüßte ihn mit Namen und verbeugte sich leicht.
Wir wurden zu einem abgeschiedenen Tisch mit Blick auf die ganze Stadt geführt. Bernhard bestellte für uns beide in fließendem Französisch, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, zu fragen, was ich wollte.
Er wartete, bis der Kellner den Wein eingeschenkt und sich zurückgezogen hatte, bevor er endlich sprach. Seine Stimme war so kalt wie das Eis in den Wassergläsern.
„Wann hast du es herausgefunden?“
Ich starrte ihn an, mein Weinglas zitterte in meiner Hand. „Heute“, flüsterte ich. „In der Praxis. Als sie mir dein Bild zeigte.“
Er nickte langsam, sein Gesichtsausdruck unleserlich. „Verstehe.“ Er schob mir ein Glas Wein zu. „Trink.“
Es war kein Vorschlag. Es war ein Befehl.
„Ich brauche dich, um in dieser Sache klug zu sein, Amelie“, sagte er mit leiser, gefährlicher Stimme. „Evelin und ich werden heiraten. Unsere Familien planen das seit Jahren. Du warst … eine unvorhergesehene Komplikation.“
Mir stockte der Atem. „Eine Komplikation?“
Er beugte sich vor, seine Augen fixierten meine. „Was ich vorschlage, ist, dass du weiterhin meine Frau bleibst. Im Geheimen, natürlich. Du kannst die Wohnung behalten. Ich werde dir ein großzügiges monatliches Taschengeld zur Verfügung stellen. Alles, was du tun musst, ist, still zu sein. Dich zu benehmen.“
Die Dreistigkeit raubte mir den Atem. „Du willst, dass ich deine Geliebte bin?“, fragte ich, die Worte schmeckten wie Gift. „Deine heimliche Ehefrau, weggesperrt, während du dein wahres Leben mit ihr lebst?“
Ein grausames Lächeln umspielte seine Lippen. Es erreichte seine Augen nicht. „Schmeichel dir nicht, Amelie. Hier geht es nicht um Liebe oder Verlangen. Ich empfinde nichts für dich. Mein Körper empfindet nichts für dich. Betrachte es als … Abfindung. Eine Bezahlung für geleistete Dienste.“
Geleistete Dienste. Er sprach von den zwei Jahren, in denen ich ihn geliebt, gepflegt und ein Leben mit ihm aufgebaut hatte.
„Du hast mich gerettet“, fuhr er in geschäftsmäßigem Ton fort. „Ich bin dankbar. Also werde ich diese Schuld begleichen. Nenn deinen Preis. Einen Scheck. Ein Haus. Was auch immer du willst. Dann verschwindest du.“
Der Schmerz war so intensiv, dass er sich körperlich anfühlte, wie eine Faust, die mein Herz zusammendrückte. Aber meine Ausbildung setzte ein. Ich behielt ein ausdrucksloses Gesicht. Ich würde ihn nicht sehen lassen, wie ich zerbrach.
„Was ist mit unserer Heiratsurkunde?“, fragte ich mit leicht zitternder Stimme. „Bedeutet die nichts?“
Er schnaubte, ein kurzes, scharfes Geräusch der Verachtung. „Dieses Stück Papier? Es ist bedeutungslos. Ich habe es unterschrieben, als ich keine Erinnerung daran hatte, wer ich war. Es war ein Fehler. Ein Produkt der Umstände.“
„Die Gefühle waren echt, Ben“, flehte ich, der Name rutschte mir heraus, bevor ich ihn aufhalten konnte.
Sein Gesicht verhärtete sich. „Mein Name ist Bernhard. Und ‚Ben‘ mag vielleicht etwas für dich empfunden haben. Aber ich bin nicht Ben. Unsere Welten sind zu verschieden. Wir waren nie füreinander bestimmt.“
Er nahm einen Schluck Wein, sein Blick unerschütterlich. „Ich werde Evelin nicht verletzen. Sie hat zwei Jahre auf mich gewartet. Sie hat es nicht verdient, verletzt zu werden.“
Und ich? Was hatte ich verdient?
Tränen brannten hinter meinen Augen, aber ich schluckte sie hinunter. Ich würde nicht vor ihm weinen. Ich hob mein Kinn.
„Gut“, sagte ich mit kalter Stimme. „Ich nehme das Geld.“
Wenn er unsere Liebe auf eine Transaktion reduzieren wollte, dann würde ich nehmen, was mir zustand. Er schuldete mir die zwei Jahre meines Lebens, die ich ihm gegeben hatte, für die Schulden, die ich aufgenommen hatte, um seine Arztrechnungen zu bezahlen, als ich ihn fand.
Ein Ausdruck der Erleichterung huschte über sein Gesicht. „Gut. Mein Anwalt wird einen Vertrag aufsetzen.“
„Und das Restaurant?“, fragte ich mit einem bitteren Geschmack im Mund. „Du hast mich hierher gebracht. An den Ort, an den ich immer wollte.“
Für einen flüchtigen Moment flackerte etwas in seinen Augen. Ein Geist des Mannes, den ich kannte. „Ich habe mich daran erinnert, dass du hierher wolltest“, sagte er fast sanft.
Mein Herz machte einen dummen kleinen Sprung.
Dann klingelte sein Telefon.
Der Klingelton war die Stimme einer Frau, süß und kichernd. „Bernhard, mein Schatz, geh ran!“ Es war Evelin.
Das Flackern der Wärme in seinen Augen verschwand, ersetzt durch sofortige Besorgnis. Er antwortete sofort.
„Evelin? Was ist los?“ Seine Stimme war erfüllt von einer zärtlichen Angst, die er mir nie gezeigt hatte, nicht ein einziges Mal, seit er „zurückkam“.
Ich konnte ihre Seite des Gesprächs nicht hören, aber sein Gesicht wurde immer angespannter.
„Okay. Beweg dich nicht. Ich bin auf dem Weg“, sagte er und legte auf.
Er stand abrupt auf und packte meinen Arm. „Komm. Wir müssen gehen.“
„Wohin? Was ist passiert?“
„Evelin hatte einen Albtraum. Sie hat Angst“, sagte er und zog mich so schnell aus dem Restaurant, dass ich fast stolperte.
Ein Albtraum. Er zerrte mich aus unserem „Geschäftsessen“, weil seine Verlobte einen schlechten Traum hatte. Die Absurdität war überwältigend.
Wir kamen an einem riesigen Anwesen an, das eher wie ein Schloss auf einem Hügel aussah. Er verlangsamte nicht, sondern zog mich durch den großen Eingang und eine geschwungene Treppe hinauf.
„Sie braucht eine Therapeutin“, sagte er mit angespannter Stimme. „Das bist du. Geh und beruhige sie.“
Er schob mich zu einer verzierten Doppeltür. Er benutzte mich. Ich war nicht seine Frau, nicht einmal eine Erinnerung. Ich war ein Werkzeug, um seine kostbare Verlobte zu beruhigen.
Er öffnete die Türen. Evelin, in einem seidenen Morgenmantel, saß in einem riesigen Bett. In dem Moment, als sie Bernhard sah, krabbelte sie heraus und warf sich in seine Arme, wobei sie meine Anwesenheit völlig ignorierte.
„Bernhard! Ich hatte den schrecklichsten Traum!“, jammerte sie. „Ich habe geträumt, du verlässt mich!“
„Niemals“, murmelte er und strich ihr durchs Haar. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie tief. „Ich liebe dich. Ich werde dich immer lieben.“
Er zog sich zurück und knöpfte sein Hemd oben auf, um seine Brust zu enthüllen. Dort, über seinem Herzen, war ein Tattoo. Ein zartes, verschlungenes Design einer einzelnen, blühenden Rose mit dem Buchstaben „E“, der in den Stiel eingewoben war.
„Siehst du das?“, sagte er zu ihr, seine Stimme ein leises Grollen der Hingabe. „Das habe ich für dich stechen lassen, meine Liebe. Ein Symbol meines Herzens, das nur dir gehört.“
Ich starrte auf das Tattoo, und der letzte Rest Luft verließ meine Lungen.
Vor einem Jahr war Ben mit demselben Tattoo nach Hause gekommen. Er hatte mir erzählt, es sei eine Rose für mich, weil meine Liebe ihn wieder zum Blühen gebracht hätte. Er hatte gesagt, der Buchstabe stünde für „Ewigkeit“. Er hatte gelogen. Er stand für Evelin.
Es war immer für Evelin gewesen.
Ich drehte mich um, um zu gehen. Ich konnte in diesem Raum keine Sekunde länger atmen.
„Wo glaubst du, gehst du hin?“, Bernhards Stimme war scharf und schnitt durch meinen Schmerznebel.
„Meine Arbeit ist getan“, sagte ich, ohne mich umzudrehen. „Sie scheint jetzt in Ordnung zu sein. Ich habe keine Verpflichtung zu bleiben.“
„Doch, die hast du, wenn du das hier zurückhaben willst“, sagte er kalt.
Ich drehte mich um. Er hielt etwas hoch. Eine kleine Holzkiste.
Mein Herz sank mir in die Magengrube. Es war die Spieluhr meines Vaters. Das Einzige, was ich von ihm noch hatte. Ich dachte, ich hätte sie vor anderthalb Jahren an ein Pfandleihhaus verkauft, um die letzten von Bens Arztrechnungen zu decken. Es hatte mir das Herz gebrochen, aber ich hätte alles für ihn getan.
Und er hatte sie. Er hatte sie die ganze Zeit gehabt.
„Bleib“, befahl er, seine Augen wie Eissplitter. „Oder du siehst sie nie wieder.“
Kapitel 3
Ich machte einen Schritt auf das Bett zu, meine Augen auf die Spieluhr in Bernhards Hand gerichtet. Diese kleine Holzkiste enthielt das letzte greifbare Stück der Erinnerung an meinen Vater.
Als ich näher kam, flog ein Kissen durch die Luft und traf mich mitten ins Gesicht.
„Schaff sie hier raus!“, kreischte Evelin, ihr Gesicht von Eifersucht und Wut verzerrt. „Ich will sie nicht sehen! Bernhard, du hast eine andere Frau in mein Schlafzimmer gebracht!“
„Schatz, beruhige dich“, sagte Bernhard, seine Stimme ein beruhigendes Murmeln, das nur für sie bestimmt war. „Sie ist nur eine Therapeutin. Ich habe sie für dich gerufen.“
„Ich will sie nicht! Ich will, dass sie geht! Raus! Raus!“, schrie Evelin und zeigte mit einem zitternden Finger auf mich. Sie war wie ein verwöhntes Kind, das einen Wutanfall bekam.
Bernhard warf mir einen Blick aus purem Eis zu. „Du hast sie gehört“, sagte er zu mir, seine Stimme flach. Dann wandte er sich an die beiden bulligen Leibwächter, die an der Tür standen. „Schafft sie aus meinem Haus.“
Ich hatte nicht einmal Zeit zu reagieren, bevor die Wachen meine Arme packten. Sie waren grob, ihre Finger gruben sich in meine Haut, als sie mich aus dem Zimmer, die große Treppe hinunter und zur Haustür zerrten.
Sie stießen mich auf die Schotterauffahrt und schlugen die Tür hinter mir zu.
Die kalte Nachtluft traf mich wie ein Schlag. Ich war auf einem abgelegenen Hügel, meilenweit von der Stadt entfernt, ohne Auto und ohne Handyempfang. Der Wind peitschte durch mein dünnes Kleid, und ich begann zu zittern.
Es gab nichts anderes zu tun, als zu laufen.
Ich begann die lange, kurvenreiche Straße hinunterzugehen, meine schicken Abendschuhe drückten meine Füße. Jeder Schritt war eine neue Welle der Qual, sowohl körperlich als auch seelisch.
Eine Erinnerung tauchte unaufgefordert auf. Vor einem Jahr waren Ben und ich auf einem Wanderweg unweit von hier gewandert. Ich war gestolpert und hatte mir den Knöchel verstaucht. Ohne ein Wort hatte er sich hingehockt und darauf bestanden, mich den ganzen Weg zurück zum Pick-up zu tragen. Sein Rücken war warm und stark.
„Ich werde immer da sein, um dich aufzufangen, Amelie“, hatte er geflüstert, sein Atem warm an meinem Ohr. „Immer.“
Ich stolperte über einen losen Stein, meine Knie schlugen hart auf den Asphalt. Der scharfe Schmerz holte mich in die Gegenwart zurück.
Dieser Mann, Ben, war weg. Vielleicht hatte er nie wirklich existiert. Die Liebe, die er mir gezeigt hatte, die Versprechen, die er gemacht hatte – sie gehörten einem Geist, einem Mann ohne Gedächtnis. Bernhard Lang erinnerte sich an alles, und er hatte sich entschieden, mich zu vergessen.
Die Erkenntnis war ein kalter, harter Stein in meinem Bauch. Es war vorbei. Vollständig und endgültig vorbei.
Ich rappelte mich auf, meine Hände aufgeschürft und blutend, und setzte meinen langen, einsamen Weg den Berg hinunter fort. Tränen strömten über mein Gesicht und gefroren in der kalten Luft.
Als ich die Hauptstraße erreichte und es schaffte, ein Taxi anzuhalten, begann die Sonne aufzugehen.
Ich betrat meine Wohnung, den Ort, der unser Zuhause gewesen war, und es fühlte sich an wie ein Grab.
Das Erste, was ich tat, war, meinen Laptop einzuschalten. Ich füllte die Einwanderungsformulare für Europa aus, meine Finger flogen über die Tastatur. Ich musste hier raus. Ich musste dieser Stadt, diesem Leben, diesem Schmerz entkommen.
Dann rief ich in meiner Praxis an und kündigte mit sofortiger Wirkung. Ich sagte ihnen, es sei ein familiärer Notfall.
Mein Telefon klingelte, als ich einen Koffer packte. Es war eine unbekannte Nummer. Ich hätte sie fast ignoriert, aber etwas ließ mich antworten.
„Amelie.“
Bernhards Stimme. Kalt und herrisch.
„Ich brauche dich, um zum Hotel Vier Jahreszeiten zu gehen. Hol ein Kleid für Evelin ab. Es ist für die Gala der Familie Lang heute Abend.“
Es war keine Bitte. Es war ein Befehl. Er behandelte mich wie ein Laufmädchen.
„Bernhard“, sagte ich, meine Stimme gefährlich leise. „Du und ich sind fertig. Der Vertrag wird aufgesetzt. Ich habe keine Verpflichtung dir oder deiner Verlobten gegenüber.“
Er kicherte, ein leises, bedrohliches Geräusch. „Hast du die Spieluhr deines Vaters vergessen? Sie ist ein zerbrechliches kleines Ding. Es wäre schade, wenn etwas … damit passieren würde.“
Die Drohung hing in der Luft, dick und erstickend.
„Und wenn du schon dabei bist“, fügte er hinzu, „wirst du dich bei Evelin dafür entschuldigen, dass du sie letzte Nacht verärgert hast.“
Mein Blut gefror in meinen Adern. „Entschuldigen? Wofür?“
„Für deine Existenz“, sagte er, seine Stimme triefte vor Verachtung. „Sei in einer Stunde da.“ Er legte auf, bevor ich ein weiteres Wort sagen konnte.
Ich stand da, zitternd vor einer Wut, die so tief war, dass sie mir den Atem raubte. Aber der Gedanke, dass die Spieluhr meines Vaters, das letzte Stück von ihm, von diesem Monster zerstört werden könnte … Ich konnte es nicht ertragen.
Ich warf einen Mantel über und ging zum Hotel.
Die Suite war im obersten Stockwerk. Die Tür stand einen Spalt offen. Ich stieß sie auf und trat ein, meine Hand umklammerte den Riemen meiner Handtasche.
Und dann hörte ich ihre Stimmen aus dem Schlafzimmer.
Ich erstarrte und versteckte mich hinter einer großen Zierpflanze im Eingangsbereich.
„Es war nur ein Unfall, meine Liebe“, sagte Bernhard, seine Stimme von einer honigsüßen Süße durchzogen, die mich krank machte. „Meine zwei Jahre Amnesie … sie zu finden, sie zu heiraten … es war alles ein Fehler. Ein unglücklicher Umweg auf meinem Weg zurück zu dir.“
„Aber du warst bei ihr!“, Evelins Stimme war ein hohes Wimmern. „Du hast sie berührt!“
„Nur einmal, nachdem mein Gedächtnis zurückkam“, sagte er schnell. „Und ich schwöre, ich dachte, du wärst es. Ich wurde bei einem Geschäftstreffen unter Drogen gesetzt, ich war desorientiert. Als ich neben ihr aufwachte, bin ich sofort gegangen. Sie bedeutet mir nichts, Evelin. Absolut nichts. Ich habe sie bereits bezahlt, damit sie verschwindet. Du wirst sie nie wieder sehen müssen, das verspreche ich.“
Eine Lüge. Eine bösartige, kalkulierte Lüge, um sich selbst zu schützen. In dieser Nacht war er nach Hause gekommen und hatte mit einer verzweifelten Leidenschaft mit mir geschlafen, die ich fälschlicherweise für Liebe gehalten hatte.
„Wirklich?“, fragte Evelin, ihre Stimme wurde weicher.
„Wirklich“, bestätigte er. „Jetzt komm her. Ich habe dich so sehr vermisst.“
Ich hörte das Rascheln von Laken, ein leises Stöhnen von Evelin.
„Bernhard, hör auf … die Anprobe …“, kicherte sie.
„Die Anprobe kann warten“, murmelte er, seine Stimme dick vor Verlangen. „Ich will dich. Jetzt.“
„Du bist so unartig“, schnurrte sie. „Was wirst du wegen dieser Frau tun? Die, die du gerufen hast? Wie sollen wir sie bestrafen?“
Es gab eine Pause, dann Bernhards Stimme, dunkel und nachsichtig. „Was immer du willst, meine Liebe. Was immer dich glücklich macht.“