Kapitel 3
Die Nacht senkte sich herab und tauchte die Stadt in tiefe Schatten.
Gabriela saß über ihr Handy gebeugt, und das Display warf ein fahles Licht auf ihre angespannten Gesichtszüge. Brenden hatte kein einziges Update dazu geschickt, ob er ihre Sachen eingesammelt hatte, und machte sich nicht einmal die Mühe, auf ihre panischen Nachrichten zu antworten.
Kalte Angst kroch ihr bis in die Knochen. Worauf wartete er eigentlich? Wollte er sie etwa in die Enge treiben, nur um noch einmal mit ihr zu schlafen?
War er nach der wirren, kopflosen Nacht gestern nicht längst zufrieden?
Sie sehnte sich danach, einfach zu gehen, doch die Unruhe ließ sie nicht los.
Die Apex-Gruppe war einflussreich, und sie hielt sich für glücklich, als Praktikantin aufgenommen worden zu sein. Brenden, ihren Chef, jetzt zu verärgern, käme einem Wegwerfen ihrer eigenen Zukunft gleich.
Gabriela saß allein da, die Nerven zum Zerreißen gespannt, und ging in Gedanken immer wieder halb erinnerte Bruchstücke aus dem Firmenprotokoll durch.
Sie versuchte alle ihr bekannten Mittel, um sich zu beruhigen, selbst ihr eigenes Herz wollte sie mit bloßer Willenskraft zum Langsamerwerden zwingen.
Am Ende gewann die Realität. Schließlich hing ihre gesamte Zukunft bei der Apex-Gruppe an einem seidenen Faden, den Brenden in der Hand hielt.
Schlimmer noch: Sie war es gewesen, die ihm gestern Nacht betrunken und kopflos in die Arme gelaufen war. Selbst wenn sie ihn melden wollte, wer würde schon auf ihrer Seite stehen?
Als die Wanduhr schließlich nach neun schlug, war Gabriela in eine dumpfe Resignation versunken. Endlich hallten scharfe Schritte über den polierten Boden, Ledersohlen, die die Stille wie eine Warnung durchschnitten.
„Na, was haben wir denn hier? Wer hält sich um diese Uhrzeit noch im Gebäude auf?“ Brendens lockere Stimme durchschnitt kühl und unaufgeregt die Lobby, und ließ Gabriela erstarren.
Sie sprang auf und zwang ihre Stimme zur Ruhe. „Herr Saunders, Sie sind endlich da.“
Mit hochgezogener Augenbraue fragte er: „Sie haben wirklich auf mich gewartet?“
Als wüsste er es nicht längst.
Gabriela schluckte ihren Ärger hinunter und suchte nach einer höflichen Antwort, doch Brenden schnitt ihr das Wort ab, sein Ton plötzlich scharf: „Und was hast du da eben vor dich hingemurmelt?“
Brenden war Gabriela vom ersten Tag an aufgefallen, vor allem wegen ihres auffälligen Aussehens. Nach außen wirkte sie immer so süß und zart, eine durch und durch sanfte Schönheit, doch in Wahrheit war sie kühl, hielt Abstand und ließ sich von seiner üblichen Sorte Charme kein bisschen beeindrucken.
Warum war sie nach dem Retreat nicht einfach direkt nach Hause gegangen? Was trieb sie überhaupt noch so spät im Büro?
„Ich habe die Unternehmensrichtlinien aufgesagt“, fuhr Gabriela ihn an, presste die Kiefer zusammen und wünschte sich im selben Moment, sie könnte ihre Worte zurücknehmen.
Zwar behandelte Brenden seine Mitarbeiter normalerweise gut, doch was, wenn sie es gerade geschafft hatte, sich bei ihm unbeliebt zu machen?
Während sie fieberhaft nach einem Ausweg suchte, drang ein leises Lachen aus dem Flur. Gabriela drehte sich um und stand plötzlich Wesley gegenüber, der groß und vollkommen beherrscht wirkte, während er das ganze Schauspiel beobachtete.
Er füllte den Flur aus, und seine markanten Gesichtszüge warfen unter den Deckenlampen harte Schatten, wie ein lebendiges Kunstwerk. Kein noch so selbstgefälliges Grinsen konnte diese Ausstrahlung schmälern, ein Gesicht wie seines wirkte in jeder Stimmung unwiderstehlich.
Gabrielas Puls stolperte. Allein durch seine bloße Anwesenheit setzte Wesley die Messlatte für jeden Mann, den sie je gesehen hatte, höher.
Brenden schnaubte belustigt, offensichtlich amüsiert darüber, wie sehr Gabriela von Wesley in den Bann gezogen wurde.
Er musste seinem Cousin Wesley eines lassen, sein Charme war tatsächlich unvergleichlich. Selbst Gabriela, die unnahbare Schönheit des Unternehmens, verlor in seiner Nähe die Fassung.
Das scharfe Geräusch holte Gabriela zurück in die Realität.
Das war Wesley, der Mann, der ihre Gehaltschecks unterschrieb, ihre verbotene Obsession. und sie stand da und starrte ihn schamlos an wie ein verliebter Teenager. Hatte sie einen Todeswunsch?
Gabriela fokussierte ihre Gedanken, zuerst musste sie ihre Sachen von Brenden zurückbekommen.
Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf Brenden. „Herr Saunders, wegen letzter Nacht—“
Bevor sie ein weiteres Wort hervorbringen konnte, durchschnitt Wesleys Stimme die angespannte Stille. „Brenden, hol den Wagen.“
Wesley hatte zwar immer seinen eigenen Fahrer, doch Brenden wusste offensichtlich, dass Widerspruch zwecklos war. Er nickte ihm steif zu und verschwand ohne ein einziges Widerwort.
Nun war Gabriela allein mit Wesley in der widerhallenden Lobby zurückgeblieben, die Nerven so angespannt, dass sie kaum atmen konnte. Was sollte sie jetzt tun?
Wesleys Gesichtsausdruck war nicht zu deuten, doch sein kühler Blick ließ sie fragen, ob er etwas zwischen ihr und Brenden bemerkt hatte.
Draußen fuhr Brenden den Wagen vor, gerade als sein Handy vibrierte. Als er sah, dass seine Freundin anrief, verabschiedete er sich fröhlich von Wesley und raste davon, ganz versessen auf seinen eigenen Abend.
Wesley schenkte Brenden keinerlei Beachtung. Er stieg in den Wagen und schloss die Tür mit endgültiger Entschlossenheit.
Für den Bruchteil einer Sekunde atmete Gabriela endlich aus, und Erleichterung durchströmte sie. Vielleicht konnte sie jetzt entkommen.
Wesleys Präsenz war so überwältigend, dass sie kaum zu atmen wagte.
Doch noch bevor sie sich auch nur bewegen konnte, glitt Wesleys Fenster nach unten. Seine dunklen, prüfenden Augen ruhten auf ihr. „Wie kommst du nach Hause?“
Um möglichst beiläufig zu klingen, antwortete Gabriela: „Oh, ich nehme einfach den Bus, Herr Moss.“
Eine scharfe Falte erschien zwischen Wesleys Brauen. „Steige ein.“
Panik flammte in ihrer Brust auf. Der Gedanke, sich vom CEO irgendwohin fahren zu lassen, war unvorstellbar. Hastig schüttelte sie den Kopf und hob abwehrend die Hände. „Nein, wirklich, das ist schon in Ordnung. Ich kann den Bus nehmen, ehrlich.“
Wesley musterte sie mit einem Blick, der so undurchdringlich war, dass ein unwillkürliches Frösteln Gabrielas Rücken hinaufkroch. Sie atmete kaum, als sie die Autotür vorsichtig öffnete und direkt auf den Rücksitz zusteuerte. Abstand bedeutete Sicherheit, und genau jetzt brauchte sie jeden Zentimeter davon.
Noch bevor sie sich setzen konnte, schnitt Wesleys Stimme kühl und messerscharf durch die Stille. „Sehe ich aus, als würde ich einen Taxiservice betreiben?“
Sein Tonfall war oberflächlich höflich, doch die Schärfe darunter ließ ihr Herz heftig stolpern. Verlegen gab Gabriela den Rücksitz sofort auf, rutschte auf den Beifahrersitz und schnallte sich mit zitternden Händen an.
Während der gesamten Fahrt sagte sie kein einziges Wort. Wesleys Gesicht blieb eisig, sein Kiefer fest angespannt, und der Mund zu einer strengen Linie gepresst.
Gabriela klammerte sich so fest an ihre Tasche, dass ihre Knöchel weiß hervortraten, ihre Finger zitterten unkontrolliert.
Nach mehreren Begegnungen mit Wesley an diesem Tag wurde Gabriela klar, dass er einfach nur schwierig war, denn seine Stimmungen wechselten wie Gewitterwolken.
Sie fasste einen Entschluss: Von nun an würde sie Abstand halten.
Als sie an einer roten Ampel hielten, wirkte es, als wolle Wesley etwas sagen, doch nach kurzem Zögern starrte er nur schweigend geradeaus.
Selbst nachdem sie aus dem Wagen gestiegen war, lag dieser kalte, herablassende Ausdruck noch immer auf seinem Gesicht.
Gabrielas Brust zog sich vor Frustration und einem schmerzhaften Gefühl von Ungerechtigkeit zusammen.
Sie hatte nichts falsch gemacht. Sie hatte ihn nie um eine Mitfahrgelegenheit gebeten, warum also musste er sich so genervt verhalten?
Doch ihre düstere Stimmung hielt nicht lange an. Ihr Ärger flammte auf, denn genau in diesem Moment entdeckte sie ihren Ex, Dustin Owen, der am Eingang stand.