Kapitel 3
Die Wintersonne blendete auf dem grauen Bürgersteig vor dem Standesamt, sodass Jocelyn die Augen zusammenkneifen musste.
Es war vollbracht.
Sie hielt die Heiratsurkunde wie eine Waffe in der Hand. Das Papier war unscheinbar, aber die Macht, die es besaß, war immens. Es war ihr Schlüssel. Ihr Schild. Ihre Augen überflogen das Dokument, aber die Worte verschwammen. Alles, worauf sie sich konzentrieren konnte, war das offizielle Siegel und das eine, wunderschöne Wort ganz oben: VERHEIRATET. Die Details, die Namen … sie waren nur Hintergrundrauschen. Das Ziel war erreicht.
„Es ist vollbracht", sagte sie, halb zu sich selbst.
Gaston stand neben ihr auf den Betonstufen. Er schaute auf sein Handy, und seine Stirn legte sich in Falten.
„Ich muss mich mit meinen Anwälten treffen", sagte er. „Ich lasse dir einen Schlüssel schicken."
Jocelyn sah zu ihm auf. „Ich ziehe noch nicht ein. Ich muss noch ein paar Dinge regeln. Ich muss packen."
Gaston nickte. Er drängte sie nicht. Er schien zu verstehen, dass sie Zeit brauchte, um ihr altes Leben abzubauen, bevor sie in dieses seltsame neue treten konnte.
„Wie du wünschst", sagte er. Er griff in seine Tasche und zog eine schlichte, mattschwarze Visitenkarte hervor. Sie hatte keinen Firmennamen, keinen Titel. Nur eine in Silber geprägte Telefonnummer und in der Mitte ein Monogramm: GC.
Jocelyn runzelte die Stirn, als sie die Karte nahm. „GC? Für … Babe?"
Gaston zuckte nicht mit der Wimper. „Es ist ein Familienname", log er glatt. „Gaston. ‚Babe‘ ist ein Spitzname, den ich abzulegen versuche."
Sie akzeptierte das. Es ergab Sinn. Wenn er versuchte, sein Image aufzupolieren, war das Ablegen des lächerlichen Spitznamens der erste Schritt.
„Okay, Gaston."
Er hob eine Hand, und sofort hielt ein gelbes Taxi, als hätte er es allein durch seinen Willen herbeigerufen. Er öffnete ihr die Tür.
„Ruf mich an", sagte er. Es klang wie ein Befehl, aber seine Augen waren weich.
Jocelyn nickte und glitt ins Taxi. Sie beobachtete ihn durch die Heckscheibe, als das Taxi losfuhr. Er stand da, eine dunkle Statue vor dem geschäftigen Treiben der Stadt, und sah ihr nach, bis sie um die Ecke bog.
Sie drehte sich wieder nach vorn, ihr Herz raste.
Schritt eins: Erledigt.
Schritt zwei: Verbrannte Erde.
Sie zog ihr Handy hervor. Sie öffnete Instagram. Blockieren. Sie öffnete WhatsApp. Blockieren. Sie öffnete iMessage. Blockieren.
Sie löschte Kieran Douglas aus ihrer digitalen Existenz.
Dann wählte sie.
Elouise ging beim zweiten Klingeln ran.
„Na?" Die Stimme ihrer Mutter klang selbstgefällig. „Bist du bereit, die Einladung von Mr. Henderson anzunehmen? Er ist ziemlich begierig darauf, dich kennenzulernen."
„Ich bin verheiratet", verkündete Jocelyn. Ihre Stimme war ruhig, fest und frei von der zitternden Angst, die sie früher beim Sprechen mit ihrer Mutter empfunden hatte.
Stille. Absolute, fassungslose Stille am anderen Ende der Leitung.
Dann: „Was? Mit wem?"
„Ein Geschäftsmann", sagte Jocelyn. „Die Urkunde ist eingereicht. Gib den Trust frei."
„Du undankbare Göre!", kreischte Elouise. Die Fassung war dahin. „Wer ist er? Hast du irgendeinen Kellner aufgelesen? Ich werde es annullieren lassen!"
„Jemand mit genug Vermögen, sodass ich deins nicht brauche", bluffte Jocelyn. Sie hoffte, dass Babe Vincent noch Geld übrig hatte. „Ich will, dass die Eigentumsurkunde für das Wolfe-Anwesen in den Hamptons bis morgen übertragen wird."
„Das Haus gehört Aspen für den Sommer!", protestierte Elouise. „Sie plant dort schon ihre Verlobungsfeier!"
„Es gehörte meinem Vater", unterbrach Jocelyn sie. „Es ist Teil des Trusts. Übertrage es, oder meine Anwälte werden die Konten der Schneiders prüfen."
Die Leitung war wieder still. Die Drohung lag schwer in der Luft. Die Schneiders lebten verschwenderisch, aber jeder wusste, dass ihre Liquidität fragwürdig war. Eine Prüfung wäre katastrophal.
„Schön", spuckte Elouise das Wort aus wie Gift. „Nimm das verdammte Haus. Aber erwarte keinen Cent mehr von mir."
„Ich will dein Geld nicht, Mutter. Ich will nur, was mir gehört."
Jocelyn legte auf.
Ein Adrenalinstoß durchflutete ihre Adern. Es fühlte sich an wie Sauerstoff. Zum ersten Mal seit Jahren konnte sie atmen.
„Wohin, die Dame?", fragte der Taxifahrer und beäugte sie im Rückspiegel.
„Upper West Side", sagte Jocelyn. „Das Penthouse in der 72nd."
Sie musste zurück. Sie musste packen.
Als sie bei Kierans Gebäude ankam, tippte der Portier, ein freundlicher älterer Mann namens Ralph, an seinen Hut. Er sah sie mit traurigen Augen an. Wahrscheinlich hatte er den Artikel in der Page Six auch gesehen.
„Guten Morgen, Ms. Wolfe", sagte er sanft.
„Guten Morgen, Ralph."
Sie fuhr mit dem Aufzug nach oben, die Zahlen stiegen stetig an. 10 … 20 … 30 …
Sie betrat das Penthouse. Es war still. Kieran war noch nicht zurück.
Sie ging ins Gästezimmer. Sie weinte nicht. Sie schrie nicht. Sie arbeitete einfach.
Sie zog ihre Koffer aus dem Schrank. Sie packte ihre Kleidung, ihre Bücher, ihre teure Hautpflege. Sie zog die Bettlaken ab, die sie von ihrem eigenen Geld gekauft hatte. Es war kleinlich, aber das war ihr egal. Sie würde ihm nichts dalassen.
Sie ging in die Küche. Sie legte ihren Schlüssel auf die Marmorarbeitsplatte, direkt neben eine halb leere Kaffeetasse, die Kieran vor Tagen hatte stehen lassen. Auf der Oberfläche der Flüssigkeit begann sich Schimmel zu bilden.
Sie sah auf ihre linke Hand. Sie war nackt.
Ihr wurde klar, dass sie vergessen hatte, einen Ring zu besorgen.
„Falscher Ehemann, falsche Ehe", murmelte sie vor sich hin.
Sie zerrte ihre Koffer zum Aufzug. Die Rollen ratterten laut über den Boden, ein Geräusch der Endgültigkeit.