Kapitel 2

Luana POV:

Ginas Ankunft war der letzte Nagel im Sarg meiner Kindheit. Sie stand da, ein zerbrechlicher Engel in weißer Seide, während in mir ein Sturm tobte. Sie hatte die Rolle perfektioniert, die des unschuldigen Opfers, das nur Schutz brauchte.

Mein Vater trat vor, legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Mein Engel ", sagte er, seine Stimme ungewohnt sanft. Er sah sie an, als sei sie das größte Glück, das ihm widerfahren war. Mein Magen zog sich zusammen.

„Luana, du wirst dein Zimmer räumen. Gina zieht ein ", sagte mein Vater, seine Stimme wieder hart, als er mich ansah. Als würde er ein Möbelstück verschieben, nicht eine Tochter.

Ich starrte ihn an, unfähig zu sprechen. Mein Zimmer. Mein Zufluchtsort. Ich hatte dort die glücklichsten Momente meiner Kindheit verbracht, dort meine Tränen geweint, dort meine Träume gesponnen. „Das ist mein Zuhause! ", stieß ich hervor, meine Stimme bebte.

„Nicht mehr ", erwiderte er kalt. „Du hast dich entschieden, deine Familie zu verraten. Jetzt zahlst du den Preis. "

Ich packte die kleine Reisetasche fester, die ich noch von gestern Abend in der Hand hielt. „Ich gehe ", sagte ich, meine Stimme war fest, obwohl innerlich alles schrie. „Ich gehe. Aber Sie werden es bereuen. "

Mein Vater verzog das Gesicht. „Drohungen? Das ist alles, was du hast, Luana? Du bist nichts ohne mich. "

Ich drehte mich um, ließ ihn und Gina in ihrem triumphierenden Moment zurück. Ich ging. Ohne ein weiteres Wort, ohne einen Blick zurück. Ich brauchte dieses Schloss nicht mehr, wenn es zum Gefängnis meiner Seele geworden war.

Ich checkte in das teuerste Hotel Hamburgs ein, eine Suite mit Blick auf die Elbphilharmonie. Mein Rucksack mit den wenigen Habseligkeiten fühlte sich fehl am Platz an neben den goldenen Armaturen. Ich brauchte Geld. Viel Geld. Ich hatte noch eine Kreditkarte meines Vaters, ein unbegrenztes Limit für die „angemessene Repräsentation " der Familie Seifert.

Ich würde ihm zeigen, was angemessene Repräsentation wirklich bedeutete. Ich würde jeden Cent aus seinen Konten ziehen, bis ihm schwindelig wurde. Das war meine Rache.

Die nächsten Stunden verbrachte ich in den luxuriösesten Boutiquen der Stadt. Ich kaufte Kleider, Schmuck, Handtaschen. Alles, was ich nie wirklich gewollt hatte, aber nun als Waffe einsetzte. Die Verkäuferinnen lächelten, mein Name öffnete Türen. Ich genoss das Gefühl der Macht, auch wenn es eine hohle Macht war.

Mitten in einem Kaufrausch klingelte mein Handy. Mein Vater. „Luana! Was zum Teufel machst du da?! Die Bank hat mich gerade angerufen! Diese Rechnungen… Sind Sie komplett verrückt geworden?! ", schrie er.

Ich lächelte süffisant. „Ich repräsentiere unsere Familie, Vater. So, wie Sie es immer wollten. Das ist mein neues Ich, nicht wahr? Die Frau, die Sie den Schönebergs versprochen haben. "

„Du bist eine verwöhnte Göre! Ich werde deine Karten sperren lassen! ", drohte er.

„Dann tun Sie das ", sagte ich. „Aber ich habe noch viele Ideen, wie ich Ihr Vermögen sinnvoll in meine neue Identität investieren kann. " Ich legte auf.

Keine Stunde später versagte meine Kreditkarte an der Kasse einer Juwelierin. Gesperrt. Komplett. Die Verkäuferin sah mich mitleidig an. „Es tut mir leid, Fräulein Seifert. Die Karte ist nicht mehr gültig. "

Ich verließ den Laden, meine Einkaufstüten wie ein Schild vor mir. Der Hoteldirektor erwartete mich bereits in der Lobby. „Fräulein Seifert, es tut uns leid, aber wir können Ihre Suite nicht länger für Sie bereithalten. "

Ich warf meine Einkäufe in mein leeres Zimmer. Ich würde nichts zurückgeben. Das war mein neues Leben. Mein neuer Stil. Er würde dafür bezahlen. Auf die eine oder andere Weise.

Ich wanderte durch die Straßen Hamburgs, meine Designer-Handtasche schwer an meinem Arm, meine teuren Schuhe drückten. Die Realität traf mich wie ein Schlag. Ich hatte keine Freunde. Keine Familie. Niemanden, der mich auffangen würde. Die Einsamkeit war ein eisiger Mantel.

Die Dämmerung brach herein. Ich fand eine Parkbank an der Alster, setzte mich und starrte auf das glitzernde Wasser. Der Tag der Schöneberg-Hochzeit rückte näher. Ich musste einen Plan haben.

Plötzlich spürte ich Blicke auf mir. Eine Gruppe junger Männer, grinsend, näherte sich. „Na, Prinzessin, allein unterwegs? ", fragte einer. Ihre Augen musterten meine teuren Kleider.

Ich stand auf, versuchte, mich zwischen den Bäumen zu verstecken, aber es war zu spät. Sie umzingelten mich.

Ein Schatten fiel über sie. Eine kalte, autoritäre Stimme ertönte. „Lasst sie in Ruhe. "

Es war Magnus. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Verwirrung, Hoffnung, Wut – alles tobte in mir. Die Männer zogen sich widerwillig zurück. Magnus stand da, seine Präsenz war überwältigend. Sein Blick fiel auf meine zerrissene Kleidung, auf die Schrammen an meinen Händen. Seine Augen, sonst so eisig, trugen einen Ausdruck, den ich zu kennen glaubte. „Was ist los mit dir, Luana? ", fragte er, und in dieser einen Frage lag eine ganze Welt von Erinnerungen und Verrat.

Kapitel 3

Luana POV:

Magnus' Frage hing schwer in der Luft, ein unerwarteter Hauch von Sorge, der mich fast zusammenbrechen ließ. Er wartete nicht auf eine Antwort. Er griff nach meinem Arm, seine Berührung war fest, aber nicht grob. „Komm mit ", sagte er, und seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu.

Er führte mich zu seinem Wagen, einem schwarzen Luxus-SUV, der in der Dunkelheit lauerte. Ich stieg ein, wie ferngesteuert. Meine Gedanken rasten. Warum jetzt? Warum er? Nach allem, was geschehen war.

Wir fuhren schweigend durch die Hamburger Nacht, die Lichter der Stadt zogen wie verschwommene Streifen vorbei. Ich spürte seinen Blick ab und zu auf mir, aber ich wagte nicht, ihn anzusehen. Ich war eine Schiffbrüchige, die von dem Mann gerettet wurde, der mein Schiff versenkt hatte.

Er brachte mich in sein Penthouse, das gleiche, in dem unsere Affäre begonnen hatte, in dem ich die Nachricht von Gina gefunden hatte. Meine Kehle schnürte sich zu. Jeder Winkel dieses Ortes schrie Erinnerungen.

„Du kannst in meinem Schlafzimmer schlafen ", sagte er, seine Stimme war neutral.

Ich schüttelte den Kopf, meine Augen blieben fest auf den Boden gerichtet. „Nein. Ich nehme das Gästezimmer. " Es war ein kleiner Akt des Widerstands, ein Versuch, die letzten Reste meiner Würde zu bewahren. Ich wollte seine Nähe nicht mehr. Nicht so.

Er zuckte die Achseln. „Wie du willst. Du kannst bleiben, so lange du möchtest. "

„Drei Tage ", sagte ich scharf. „Länger nicht. Dann verschwinde ich aus deinem Leben. "

Er sah mich überrascht an, aber ich wich seinem Blick aus. Ich würde dieses Ultimatum einhalten. Drei Tage, um meine Gedanken zu sammeln, um einen neuen Plan zu schmieden. Drei Tage, dann war ich weg.

Die erste Nacht verbrachte ich wach. Seine Nähe in der Wohnung war eine Qual. Ich hörte seine Schritte, sein Räuspern. Ich erinnerte mich an die Nächte, die wir hier verbracht hatten, an seine Hand, die nach meiner suchte. Aber diese Nächte waren vorbei. Er würde nicht kommen. Gina war da.

Am nächsten Morgen saß ich am Frühstückstisch, als er hereinkam. Die Stille zwischen uns war drückend. Ich hob den Blick. „Gina ", sagte ich, der Name war ein Test auf meinen Lippen. „Ist sie schon wieder fit? Für ihren großen Auftritt? "

Magnus' Miene verfinsterte sich kaum merklich. „Sie erholt sich gut ", sagte er.

„Hat sie Ihnen schon erzählt, wie sie den Überfall vor Jahren verhindert hat? Wie sie ihr Leben riskiert hat, um Sie zu retten? ", fragte ich, meine Stimme triefte vor Sarkasmus. Ich sah ihn direkt an. „Oder darf ich raten: Sie wussten es bereits, nicht wahr? "

Er sah mich kalt an. „Ich bin mir der Umstände bewusst, Luana. " Seine Stimme war flach, schuldlos.

„Natürlich sind Sie das ", sagte ich. „Ihr kleiner Engel ist ja auch so zerbrechlich. Man muss sie beschützen, nicht wahr? "

„Ich schulde ihr etwas ", sagte er, seine Augen waren hart. „Du solltest das verstehen. "

Ich lachte, ein bitteres, kehliges Geräusch. „Verstehen? Ich verstehe nur, dass meine Mutter auf der Straße liegt, während Ihr Engel auf Rosen gebettet wird. "

„Ich warne dich, Luana ", sagte er, seine Stimme war leise, aber gefährlich. „Lass Gina aus dem Spiel. Sie ist nicht stark genug für deine Boshaftigkeit. "

Ich sah ihn an, spürte, wie meine Wut in mir kochte, aber ich sagte nichts. Ich nickte nur, eine leere Geste, die vorgab, sein Ultimatum zu akzeptieren. Was hatte es für einen Sinn, zu streiten? Er würde immer auf ihrer Seite stehen.

Den Rest des Tages verbrachte ich in meinem Zimmer, die Tür fest verschlossen. Das Essen wurde mir gebracht, schweigend an die Tür gestellt. Ich war eine Gefangene in goldenen Ketten. Ein Luxus-Gefängnis.

Die Nacht war wieder schlaflos. Ich erinnerte mich an die kleinen Gesten der Zärtlichkeit, die er mir früher gezeigt hatte. Die Hand, die er in der Nacht nach mir ausgestreckt hatte. Die leisen Küsse auf meine Stirn. Sie waren verschwunden. Gina war zurück. Und mit ihr die Mauer zwischen uns.

Am nächsten Morgen kam Magnus ins Gästezimmer. „Heute Abend ist eine Party ", sagte er, seine Stimme war befehlshaberisch. „Du kommst mit. "

Ich sah ihn überrascht an. „Warum sollte ich? "

„Weil es dir guttun wird, unter Leute zu kommen. Und weil ich es sage. " Seine Augen ließen keinen Widerspruch zu.

Ich überlegte. Allein sein im Penthouse war unerträglich. Vielleicht würde die Ablenkung guttun. Oder vielleicht wollte ich nur sehen, wie er Gina öffentlich bevorzugte. „Gut ", sagte ich. „Ich komme mit. "

Wir fuhren zu einem exklusiven Club in der Hamburger Innenstadt. Schon von Weitem sah ich die festliche Beleuchtung, die überladene Dekoration. Das war keine gewöhnliche Firmenfeier. Es war etwas Größeres, Intimeres.

Als wir den Saal betraten, kam Gina uns entgegen. Sie trug ein schimmerndes, weißes Kleid, das ihre vermeintliche Zerbrechlichkeit betonte. Ihre Augen leuchteten, als sie Magnus sah. Sie warf sich ihm in die Arme. „Magnus! Du bist da! Ich habe dich vermisst, mein Liebster! "

Sie löste sich von ihm, ihr Blick fiel auf mich. „Luana! Was für eine Überraschung! Ich hätte nicht gedacht, dass du kommst. " Ihre Stimme war süßlich, aber ihre Augen strahlten schadenfroh.

An der Wand hing ein riesiges Spruchband: „Willkommen zurück, unser Engel Gina! " Mir wurde schlecht. Das war Ginas Willkommensparty.

Ich wollte nur noch rennen, mich verstecken. Doch Magnus hielt meinen Arm fest.

Gina wandte sich wieder an ihn, ihre Stimme war zart. „Magnus, ich bin so froh, dass du da bist. Mein Vater... Er ist immer noch so wütend auf Luana. Er sagt, sie hat uns alles genommen. Ich habe Angst, dass sie uns wieder Schaden zufügen will. " Sie sah mich kurz an, ihre Augen waren voller gespielter Traurigkeit.

„Ihr Vater ist ein Opportunist, Gina ", sagte ich, meine Stimme war scharf. „Er hat mich aus dem Haus geworfen, weil ich nicht bereit war, mich für seine Geschäfte zu verkaufen. Und Sie sind mehr als glücklich, meinen Platz einzunehmen. "

Gina zuckte zusammen, ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Magnus! Sie ist so gemein zu mir! Sie versucht uns auseinanderzubringen! "

Magnus legte einen Arm um Gina, zog sie eng an sich. Seine Augen bohrten sich in meine. „Luana, ich habe dich gewarnt. Hör auf damit. " Seine Stimme war kalt, sein Blick eisig. Dann senkte er den Kopf zu Gina, flüsterte ihr etwas zu, strich zärtlich über ihr Haar. Eine Zärtlichkeit, die für mich nie bestimmt gewesen war.

Ich sah sie an, wie er sie hielt, wie er sie tröstete. Mein Herz verkrampfte sich schmerzhaft in meiner Brust. Ich würde diese Art von Zuneigung niemals von ihm bekommen. Er würde sie niemals mir zeigen. Dieser Schmerz war unerträglich. Ich musste ihn betäuben. Ich griff nach dem Champagnerglas, die Kälte des Glases ein schwacher Trost gegen die eisige Kälte in meiner Seele.

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Der Verräter, die Braut und das Feuer

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