Kapitel 2

Die Welt kehrte nicht als Licht zurück, sondern als gedämpfte Kakophonie panischer Stimmen und dem unerbittlichen Kreischen des Windes. Ich lag in einer flachen Vertiefung im Schnee, einer hastig gegrabenen Grube. Bastian und Klara kauerten über mir, ihre Gestalten waren verschwommene Silhouetten gegen das wirbelnde Weiß.

„Sie ist einfach schlaff geworden!“, sagte Klara, ihre Stimme ein hohes Wimmern, das in meinen Ohren schmerzte. „Sie hat ihre eigene Jacke zerrissen und ist dann einfach… ohnmächtig geworden. Ich glaube, die Höhe macht ihr zu schaffen.“

Bastian schüttelte mich, sein Griff war rau an meinen Schultern. „Alex! Alex, wach auf! Hör auf mit diesem Unsinn!“

Ich versuchte zu sprechen, ihnen zu sagen, dass sie Mörder waren, aber mein Kiefer war wie blockiert. Meine Lungen brannten bei jedem flachen, keuchenden Atemzug. Die Kälte war jetzt eine invasive Präsenz, in meiner Brust, meinem Schädel, meinem Mark. Es war kein Gefühl mehr; es war das, was ich wurde.

„Sie simuliert doch nur“, spottete eine neue Stimme. Einer der anderen Kletterer, ein Freund von Bastian, blickte in meine Schneegrube hinab. „Sie ist nur sauer, dass du Klara die Decke gegeben hast. Was für ein Kind.“

Bastian stieß einen Seufzer verärgerter Luft aus. Er sah mich nicht mit Sorge an, sondern mit völliger Verachtung. „Ich wusste es. Sie versucht, mich zu manipulieren. Versucht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen.“

„Bastian, sie bewegt sich nicht“, sagte Klara, ein Hauch echter Panik färbte nun ihre falsche Sympathie. „Vielleicht sollten wir…“

„Vielleicht sollte sie lernen, dass sich nicht alles um sie dreht“, schnauzte Bastian. Er packte mich unter den Armen und zerrte mich tiefer in die Schneegrube, meine Stiefel scharrten nutzlos über das Eis. Er schaufelte Schnee um die Ränder und begrub mich praktisch. „Sie braucht eine Auszeit, um sich abzukühlen. Wortwörtlich.“

Er stand auf und klopfte sich den Schnee von seinen teuren Handschuhen mit einer Geste der Endgültigkeit.

Ich versuchte, sein Bein zu packen, meine Finger schlossen sich mit letzter Kraft um den Stoff seiner Schneehose. „Bastian… bitte…“

Er sah nach unten und trat meine Hand weg, sein Ausdruck war einer reinen Abscheu. „Du bist erbärmlich.“

Durch den tosenden Wind hörte ich Klaras sanfte Stimme. „Sei nicht zu hart zu ihr, Bastian. Sie ist einfach nicht so zäh, wie sie denkt.“

„Du bist zu gütig, Klara“, antwortete er, und die Wärme in seiner Stimme war ein körperlicher Schlag. „Lass uns gehen. Sie wird schon zum Hauptzelt gekrochen kommen, wenn sie hungrig genug ist.“

Ihre Schritte verklangen, vom Sturm verschluckt.

Ich war allein.

Völlig, restlos allein. Zum Sterben zurückgelassen von dem Mann, dem ich versprochen hatte, ihn zu heiraten.

Die Kälte war ein Raubtier, das seine Zähne tiefer grub. Mein Körper hatte jetzt aufgehört zu zittern, ein erschreckender Meilenstein. Ich wusste, was das bedeutete. Meine Kerntemperatur war kritisch. Meine Muskeln froren ein, meine Organe begannen zu versagen.

Mein Blick fiel auf meinen Anzug. Der Riss war direkt unter meiner Schulter. Ein langer, gezackter Schnitt von etwa zwanzig Zentimetern, der die inneren Schichten den Elementen aussetzte. Der Wind pfiff direkt in die Lücke, ein ständiger, brutaler Angriff auf meinen bereits versagenden Körper. Klara hatte nicht nur meine Ausrüstung sabotiert; sie hatte einen Todesstoß versetzt.

Ein urwüchsiger, verzweifelter Überlebenswille durchströmte mich. Mein Satellitentelefon war weg. Aber es gab eine letzte Chance. Ein Geheimnis, das ich nicht einmal Bastian je verraten hatte.

Mein Anzug. Der, den ich trug. Es war nicht nur ein Standard-Gipfel-Tek-Anzug. Es war ein sekundärer Prototyp, entworfen, um mit der Smart-Decke zu interagieren. Und versteckt in der Manschette des linken Ärmels, in die Naht selbst eingenäht, befand sich ein winziger, druckaktivierter Notsender. Ein redundantes System. Meine eigene private Versicherungspolice.

Ich musste ihn erreichen.

Mein linker Arm war ein fremdes Ding, ein Klotz aus gefrorenem Fleisch. Ich versuchte, ihm zu befehlen, sich zu bewegen, sich zu meinem Gesicht zu beugen, aber er zuckte kaum. Mein rechter Arm war etwas reaktionsfähiger. Mit quälender Langsamkeit zog ich ihn über meine Brust, meine behandschuhten Finger krallten sich am gegenüberliegenden Ärmel fest.

Der Stoff war steif vor Eis. Meine Finger, taub und nutzlos, fanden keinen Halt. Ich konnte nicht zugreifen.

Tränen froren auf meinen Wangen. Das war es. So endete es. Verraten, verlassen und festgefroren in einem Graben, der von meinem eigenen Verlobten gegraben wurde.

Wut, rein und unverdünnt, gab mir einen letzten Kraftschub. Ich würde nicht so sterben. Ich würde sie nicht gewinnen lassen.

Ich führte mein linkes Handgelenk zu meinem Mund und biss fest auf die Manschette. Meine Zähne klemmten sich in das dicke Material und ignorierten den erschütternden Schmerz in meinem Kiefer. Ich benutzte meinen Kopf, um den Ärmel hochzuziehen und die Naht freizulegen.

Da war er. Eine kleine, fast unsichtbare Beule im Stoff.

Ich schlug mein Handgelenk gegen die eisige Wand der Grube. Einmal. Zweimal. Nichts. Der Drucksensor war eingefroren. Er brauchte einen scharfen, gezielten Stoß.

Mit einem gutturalen Schrei, der vom Wind gestohlen wurde, schlug ich mein Handgelenk gegen meinen eigenen Helm.

Ein winziges, fast unmerkliches rotes Licht blinkte einmal aus der Naht heraus.

Er war aktiv.

Erleichterung überkam mich, so stark, dass es fast schmerzhaft war. Unmittelbar darauf folgte eine überwältigende Welle der Erschöpfung. Mein Körper hatte nichts mehr zu geben.

Mein Kopf sank zurück gegen den Schnee. Meine Augenlider fühlten sich unmöglich schwer an. Die Welt verblasste zu einem friedlichen, betäubenden Weiß. Es wäre so einfach, einfach die Augen zu schließen. Zu schlafen.

Gerade als die Dunkelheit begann, mich zu beanspruchen, fiel ein Schatten über meine Schneegrube.

Ich blinzelte, meine Sicht war verschwommen. Es war Klara. Sie blickte auf mich herab, das blaue Licht meiner Decke erhellte ihr Gesicht. Die falschen Tränen waren verschwunden. Ihr Ausdruck war einer kalter, berechnender Neugier.

„Immer noch am Leben?“, murmelte sie, ihre Stimme kaum ein Flüstern gegen den Wind. „Du bist zäher, als ich dachte.“

Sie hielt den Eispickel hoch. Ein kleines, grausames Lächeln spielte auf ihren Lippen. „Bastian ist so leichtgläubig. Er glaubt wirklich, du hättest nur einen Wutanfall. Er hat mir erzählt, dass er dich seit Jahren verabscheut. Er hasst es, in deinem Schatten zu leben. Hasst es, dass jeder weiß, dass du das wahre Genie bei Gipfel-Tek bist. Er hat nur auf einen Grund gewartet, dich zurechtzustutzen.“

Die Worte waren Eiszapfen, die den letzten warmen Teil meines Herzens durchbohrten.

„Er war froh, es zu tun“, flüsterte sie, ihr Lächeln wurde breiter. „Froh, dich scheitern zu sehen.“

Sie warf den Eispickel neben mich in den Schnee, eine letzte, verächtliche Geste. „Keine Sorge. Ich werde mich gut um ihn kümmern.“

Sie drehte sich um und ging weg, verschwand im Whiteout und ließ mich mit der schrecklichen, gefrorenen Wahrheit meiner eigenen Zerstörung zurück.

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Kapitel 3

Der Wind heulte, eine traurige Symphonie für meinen bevorstehenden Tod. Das winzige rote Licht des Senders war ein geheimes Versprechen, aber ein Versprechen, das mit jeder vergehenden Sekunde verblasste. Die Zeit war mein Feind. Die Kälte war mein Henker.

Klaras Worte hallten in meinem Kopf wider, ein grausames Mantra des Verrats. Er war froh, es zu tun.

Der Riss in meinem Anzug war eine klaffende Wunde. Die GORE-TEX-Hülle, die wasser- und winddichte Barriere, die meine letzte Verteidigungslinie war, war kompromittiert. Meine Basisschichten waren nun freigelegt und sättigten sich schnell mit dem feinen, vom Wind getriebenen Schnee. Ich konnte spüren, wie die Feuchtigkeit auf meiner Haut zu Eis wurde.

Mein Leben wurde in Minuten gemessen.

Das leise Geräusch von knirschendem Schnee ließ mich meine schweren Augenlider öffnen. Es waren Bastian und die anderen, die vom Hauptzelt zurückkehrten. Für einen wilden, wahnsinnigen Moment entzündete sich ein Funke Hoffnung in meiner Brust. Er ist für mich zurückgekommen.

Dann sah ich sein Gesicht.

Klara klammerte sich an seinen Arm und schluchzte theatralisch. „Sie hat mich angegriffen, Bastian! Ich wollte nur nach ihr sehen, und sie ist mit ihrem Eispickel auf mich losgegangen! Sie hat den Verstand verloren!“

Mein Eispickel. Der, den sie benutzt hatte, um meinen Anzug aufzuschlitzen. Der, den sie gerade neben mich geworfen hatte. Er lag da im Schnee, ein verdammendes, stummes Beweisstück, das zu einer Waffe gegen mich verdreht wurde.

„Was zum Teufel ist das?“, brüllte Bastian, sein Blick fiel auf den Riss in meiner Jacke. Er sah den Riss nicht als tödliche Wunde, sondern als Beweis für meinen angeblichen Wahnsinn.

„Sie hat es selbst getan!“, warf ein anderer Kletterer ein. „Sie versucht, es Klara anzuhängen!“

Ich versuchte zu sprechen, es zu leugnen. „Sie… sie hat ihn geschnitten…“ Die Worte kamen als gefrorenes Krächzen heraus, verloren im Wind.

Bastian hörte mich nicht. Oder er wollte es nicht. Er blickte von Klaras tränenüberströmtem Gesicht zu meiner gebrochenen Gestalt, und sein Urteil war augenblicklich und absolut.

Der Blick in seinen Augen war das, was mich endgültig brach. Es war keine Wut. Es war keine Verwirrung. Es war eine kalte, harte Gewissheit. Er glaubte ihr. Er sah mich an, seine Verlobte, die Frau, die er lieben und beschützen sollte, und er sah ein Monster.

„Du warst schon immer eifersüchtig auf jeden, dem ich Aufmerksamkeit schenke“, knurrte er, seine Stimme triefte vor Gift. „Aber das? Das ist ein neuer Tiefpunkt, selbst für dich.“

„Sie ist einfach nicht für diesen Druck gemacht“, sagte jemand anderes mit einem abfälligen Achselzucken. „Muss immer der Star sein. Kann es nicht ertragen, wenn ein hübsches neues Gesicht etwas Aufmerksamkeit bekommt.“

„So unprofessionell“, fügte eine andere Stimme hinzu. „Völlig durchgedreht.“

Die Worte schlugen auf mich ein, jedes ein körperlicher Schlag. Sie bauten eine Geschichte um mich herum auf, einen Käfig aus Lügen, aus dem ich zu schwach war, um auszubrechen.

Bastian kniete neben Klara nieder und wickelte meine Smart-Decke enger um sie. „Alles gut, Schatz“, murmelte er, seine Stimme war dick von einer Zärtlichkeit, die er mir seit Jahren nicht mehr gezeigt hatte. „Ich bin hier. Ich lasse nicht zu, dass sie dir wehtut.“

Das Kosewort, so beiläufig, so intim, war der letzte Stich des Messers.

Klara schniefte und vergrub ihr Gesicht in seiner Brust. Aber über seine Schulter trafen ihre Augen meine. Sie glänzten triumphierend.

„Du bist eine Belastung, Alex“, sagte Bastian, seine Stimme flach und ohne jede Emotion. Er stand auf und blickte auf mich herab, als wäre ich ein defektes Gerät, das man wegwirft. „Du bist eine Gefahr für das Team und eine Gefahr für dich selbst.“

Meine Hoffnung, dieser winzige, törichte Funke, erlosch vollständig. Es gab kein Missverständnis zu klären. Es gab keine Liebe mehr, an die man appellieren konnte. Es gab nur die kalte, harte Realität seiner Verachtung.

Ich sank zurück in den Schnee, der letzte Rest meines Kampfgeistes wich von mir. Die Kälte war jetzt ein Trost, ein Versprechen für ein Ende des Schmerzes.

„Ich bin der Projektleiter“, verkündete Bastian, seine Stimme nahm einen offiziellen, autoritären Ton an, zum Nutzen der anderen. „Und ich entziehe Alex Voss offiziell die Freigabe für diese Expedition. Sie bleibt hier, bis wir ihre Evakuierung arrangieren können.“

Er formalisierte mein Todesurteil.

Eine neue Welle von Schwindel überkam mich, und die Welt begann zu verschwimmen. Mein Körper gab auf.

Ich fiel, fiel in einen tiefen, weißen Abgrund.

Gerade als mein Bewusstsein zu schwinden begann, durchdrang ein neues Geräusch das Tosen des Schneesturms. Es war ein Geräusch, das hier nicht hingehörte, ein tiefes, rhythmisches Dröhnen, das immer lauter wurde.

Womp. Womp. Womp.

Ein Hubschrauber.

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Der Verlobte, der sie zum Sterben zurückließ

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