Kapitel 1
Das flackernde, schwache Licht einer einzigen Kerze spiegelte sich in Elara Moons Blick, während sie den kleinen Kuchen anstarrte, der vor ihr stand. In der dichten Dunkelheit ihres Zimmers warf diese fragile Flamme bewegliche Schatten an die Wände ihrer abgenutzten Hütte, die am Rand des Territoriums des Blackwood-Rudels lag, als würde selbst das Licht zögern, dort zu verweilen.
Sie betrachtete dieses winzige Feuer lange, fast wie hypnotisiert, spielte mit ihm mit ihrem Blick, als könnte es ihr antworten. Der Raum war still, zu still, als hätte die ganze Welt vergessen, dass sie existierte.
„Alles Gute zum Geburtstag für mich", flüsterte sie schließlich, mit einer so leisen Stimme, dass sie sich im Nichts um sie herum zu verlieren schien.
Achtzehn Jahre. Das Alter, in dem normalerweise alles beginnt. Aber für sie begann nie wirklich etwas.
Heute markierte ihren achtzehnten Geburtstag, und doch gab es keine Anwesenheit, kein Wort, keinen Blick, der ihr zeigte, dass sie für jemanden zählte. Wie immer.
Elara schloss sanft die Augen und ließ einen fast flehenden Seufzer entweichen.
„Bitte... lass sich etwas ändern."
Diesen Wunsch sprach sie jeden Tag aus, wie eine Gewohnheit, die zu einem Gebet geworden war.
Tief in ihr kehrte ein Gedanke immer wieder zurück, schmerzhafter als die anderen: Ich will mehr sein als nur ein einfacher Omega.
Im Blackwood-Rudel reichte dieses Wort aus, um ein ganzes Leben einzusperren. Die Omegas standen ganz unten in der Hierarchie, verurteilt zu den niedrigsten Aufgaben, den schäbigsten Unterkünften, den verächtlichsten Blicken. Sie galten als schwach, bedeutungslos, fast unsichtbar.
Elara blies langsam die Kerze aus. Die Flamme flackerte, dann erlosch sie und verschluckte den Raum sofort in völlige Dunkelheit. Einen Moment lang blieb sie reglos, als würde diese dichte Schwärze genau widerspiegeln, was ihr Leben war.
Dann zündete sie mit einem resignierten Seufzer ihre kleine Lampe wieder an.
Das Licht enthüllte eine winzige, aber ordentliche Hütte: ein einfaches Bett, ein schmaler Tisch, ein Regal voller alter Fantasyromane mit abgenutzten Einbänden. Nichts mehr. Nichts Unnötiges. Fast nichts Lebendiges.
Doch ihre Bücher waren ihr Zufluchtsort. Zwischen ihren Seiten entkam sie dem Rudel, seinen Regeln, seinen unsichtbaren Ketten.
Ein scharfes Vibrieren durchbrach die Stille. Ihr Telefon wurde aktiv. Wahrscheinlich ihr Arbeitgeber, der sie an ihren Dienst im Restaurant des Rudels am nächsten Tag erinnerte. Sie musste nicht einmal nachsehen, um es zu wissen.
Sie ignorierte den Anruf und schleppte sich ins kleine Badezimmer.
Im Spiegel sah sie ihr Spiegelbild. Grüne, müde Augen, gezeichnet von zu kurzen Nächten und zu langen Tagen. Dunkelbraune, wellige und unordentliche Haare, die ungeordnet auf ihre Schultern fielen.
Sie war weder hässlich noch schön. Einfach durchschnittlich. Und in einem Rudel, das Stärke, Schönheit und Macht verehrte, bedeutete Durchschnittlichkeit das Auslöschen.
„Noch ein spannendes Jahr als Außenseiterin", murmelte sie, während sie kaltes Wasser über ihr Gesicht laufen ließ.
Ihr Magen knurrte sofort und erinnerte sie an die einfachste Realität. Der Cupcake war ihre einzige richtige Mahlzeit an diesem Geburtstag. Und das Abendessen hatte sie noch nicht einmal gehabt.
Im kleinen Kühlschrank ihrer Küche blieb nur ein halbes Sandwich und etwas Saft. Nichts, um irgendetwas zu feiern, aber sie hatte längst gelernt, nicht mehr zu erwarten.
Sie aß schweigend, in Gedanken verloren.
Morgen. Morgen würde sie zurück nach Blackwood High gehen, wo sie ein Schatten unter Schatten sein würde, von der Mehrheit ignoriert und von einigen wenigen ins Visier genommen. Vor allem von Céleste Rivers.
Bei diesem Gedanken verschwand ihr Appetit fast sofort.
Céleste. Die Tochter des Betas. Alles, was Elara nicht war: Reichtum, Schönheit, Autorität, Selbstsicherheit. Und vor allem die Gewissheit, eines Tages Luna zu werden, indem sie sich mit einem der Söhne des Alpha Marcus Blackwood verband.
Jeder wusste bereits, dass sie ihr Ziel gewählt hatte: Kael, der Älteste der Drillinge.
Die Blackwood-Drillinge. Kael, Ronan und Darian. Drei Namen, gesprochen mit einer Mischung aus Respekt und Furcht. Drei mächtige, fast mythische Figuren im Rudel. Drei unzugängliche Wölfe, besonders für jemanden wie sie.
Für ein Omega waren sie wie Sterne: sichtbar, aber unerreichbar.
Ein heftiger Schlag traf plötzlich ihre Tür und ließ sie zusammenzucken.
„Mach auf, Omega!"
Ihr Atem blieb sofort stehen. Sie erkannte diese Stimme ohne nachzudenken.
Céleste.
Und sie war nicht allein. Gedämpftes Lachen war hinter der Tür zu hören.
Elara zögerte eine Sekunde. So zu tun, als wäre sie nicht da, ging ihr durch den Kopf. Aber das Licht ihrer Lampe verriet ihre Anwesenheit bereits.
Und Céleste zu ignorieren ließ Céleste niemals verschwinden. Es machte alles nur schlimmer.
Mit zitterndem Atem öffnete sie die Tür.
Céleste stand dort aufrecht, begleitet von zwei Freundinnen. Alle drei trugen luxuriöse, makellose Kleidung, die brutal mit Elara's abgenutzter Hose und verblasstem T-Shirt kontrastierte.
Ein Lächeln legte sich auf Célestes Lippen.
„Alles Gute zum Geburtstag, Versagerin."
Ihre Stimme war sanft, fast charmant. Aber ihre blauen Augen waren eisig.
Sie hielt ihr eine kleine, sorgfältig verpackte Box entgegen.
Elara bewegte sich nicht.
Im letzten Jahr war das „Geschenk" eine tote Maus gewesen.
„Nimm es", befahl Céleste, während sie die Box etwas näher hielt.
Widerwillig nahm Elara sie. Das Paket war schwerer, als sie erwartet hatte.
„Mach auf", flüsterte eine der Freundinnen und unterdrückte ein Lachen.
Elara öffnete langsam die Verpackung. Darin erschien eine polierte Holzbox, bedeckt mit seltsamen eingravierten Symbolen. Trotz sich selbst überkam sie Neugier.
Sie hob den Deckel.
Ein Schrei entfuhr ihr sofort.
Eine riesige Spinne sprang ihr ins Gesicht.
Sie wich abrupt zurück und ließ die Box fallen, während die drei Mädchen in Lachen ausbrachen.
„Du hättest dein Gesicht sehen sollen!" rief Céleste lachend.
Elara, vor Scham brennend, ballte die Fäuste.
„Lasst mich in Ruhe, Céleste..."
Ihr Ton war schwach, aber sie versuchte standzuhalten.
Célestes Lächeln verschwand leicht. Sie trat näher, und eine unsichtbare Druckwelle erfüllte die Luft. Elaras Omega-Instinkt wollte zurückweichen, verschwinden, sich auflösen.
„Hör mir gut zu", flüsterte Céleste mit schneidender Stimme.
„Du bist nichts. Und du wirst niemals etwas sein. Morgen in der Schule wirst du den Ostflur in der Mittagspause meiden."
Elara blinzelte.
„Warum?"
Sie bereute ihre Frage sofort.
Céleste lächelte.
„Weil ich die Söhne des Alphas treffen muss, um das Mondfest zu organisieren. Und ich weigere mich, dass dein Geruch die Atmosphäre ruiniert."
Sie drehte eine Haarsträhne ihres perfekt gestylten Haares.
„Die zukünftige Luna muss makellos sein."
„Du bist noch nicht Luna", murmelte Elara, ohne nachzudenken.
Im nächsten Moment schloss sich Célestes Hand um ihre Kehle.
Der Druck war sofort da, erstickend. Ihre Augen leuchteten golden auf.
„Was hast du gesagt?"
„Nichts... ich habe nichts gesagt..." keuchte Elara.
Nach einigen Sekunden ließ Céleste sie abrupt los.
„Das dachte ich mir. Alles Gute zum Geburtstag, Omega."
Dann ging sie, begleitet von ihrem Lachen.
Elara schloss die Tür mit zitternder Hand und sank dagegen zusammen. Ihre Augen brannten, aber sie weigerte sich zu weinen.
Weinen änderte nichts.
In dieser Welt hatten Tränen keine Macht.
„Ich hasse das..." murmelte sie.
Ihre Kehle brannte noch.
„Ich hasse es, ein Omega zu sein."
Ein Omega zu sein bedeutete, die Schwächste zu sein, am wenigsten mit der Magie des Rudels verbunden, verurteilt zu einem Leben ohne Zukunft. Kein Ruhm. Keine heilige Verbindung. Kein Platz unter den Mächtigen. Nichts.
Sie ließ sich auf ihr Bett fallen, ohne sich umzuziehen.
Doch bald erschien ein seltsames Gefühl in ihrer Brust.
Ein Kribbeln, wie ein innerer Ruf.
Sie runzelte die Stirn, verwirrt.
Dann verstärkte sich das Gefühl.
Sie wälzte sich im Bett, unfähig zu schlafen. Eine diffuse Wärme wuchs, wurde fast schmerzhaft.
Um Mitternacht richtete sie sich abrupt auf.
Eine brennende Welle durchlief sie. Der Raum schien für einen Moment von silbernem, unwirklichem Licht erfüllt zu sein.
Dann verschwand alles.
Atemlos flüsterte sie:
„Was war das...?"
Draußen rief eine Eule.
Sie ging zum Fenster.
Der Garten lag im kalten Licht des Vollmonds. Alles wirkte erstarrt, silbern, unwirklich.
Dann trat eine Silhouette aus den Bäumen.
Ein Mann.
Groß. Imposant. Die Ausstrahlung eines Raubtiers.
Er blieb stehen, als hätte er ihren Blick gespürt. Langsam drehte er sich zu ihrem Fenster.
Elara erstarrte.
Ihr Herz schlug zu stark.
Das Gefühl in ihrer Brust wurde zu einem Strom.
Er hob leicht die Hand.
Und ohne zu wissen warum, trat Elara zurück und verließ ihre Hütte.
Etwas rief sie.
Etwas Unmögliches zu ignorieren.
Die Nacht war kalt auf ihrer Haut.
Die Luft roch nach Kiefern, Rauch und einer wilden Kraft, die in ihr widerhallte.
Sie machte einen Schritt.
Dann noch einen.
Die Silhouette wartete.
Als sie den Rand des Gartens erreichte, erschien das Gesicht des Fremden kurz im Mondlicht.
Und Elaras Welt brach zusammen.
Kael Blackwood.
Der zukünftige Alpha.
Ihre Augen trafen seine.
Und in der Stille der Nacht erhob sich eine unmögliche Wahrheit, brennend wie der Mond selbst.
Kapitel 2
Ihre Schritte waren keine wirklichen Entscheidungen mehr. Sie wirkten, als würden sie von etwas Äußerem gelenkt, einer unsichtbaren Kraft, die jede ihrer Bewegungen leitete, als gehöre ihr Körper ihr selbst nicht mehr. Vor ihr erstreckte sich der Wald, massiv und dunkel, gebadet in kaltem Mondlicht, das den Bäumen eine fast unwirkliche Erscheinung verlieh.
Elara spürte, wie ihr Herz gegen ihre Brust hämmerte, als sie sich dem Ort näherte, an dem sie Kael Blackwood kurz zuvor gesehen hatte.
Doch als sie schließlich die Grenze zwischen der zivilisierten Welt und dem Wald erreichte, war niemand mehr da.
Die Leere.
Nur der Wind, unbewegte Baumstämme und ein seltsames Gefühl, das sich in ihrem Inneren verkrampfte.
„Ist da jemand?", rief sie leise, ihre zitternde Stimme verlor sich in der schweigenden Unendlichkeit.
Keine menschliche Antwort. Nur das gleichmäßige Zirpen der Nachtinsekten, unbeeindruckt von ihrer Unruhe.
Sie runzelte die Stirn, unsicher. Vielleicht hatte sie geträumt. Vielleicht hatten Müdigkeit, Angst oder Emotionen ihre Wahrnehmung verzerrt. Doch der Druck in ihrer Brust verschwand nicht. Im Gegenteil, er wurde stärker, wie eine unsichtbare Schnur, die sie aus der Dunkelheit des Waldes herauszog.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Allein hier in der Nacht zu sein war reine Wahnsinnigkeit. Noch mehr für eine wehrlose Omega wie sie. Und doch flüsterte ihr eine seltsame, fast instinktive Gewissheit, weiterzugehen.
Sie atmete tief ein und überschritt die Baumgrenze.
Sobald sie unter das Blätterdach trat, schien der Wald sich hinter ihr wie ein lebendiges Wesen zu schließen. Die Äste bildeten ein dichtes Dach, durch das Mondlicht fiel und den Boden in blasse, bewegte Flecken tauchte.
Elara ging weiter.
Mit jedem Schritt verstärkte sich das Gefühl in ihrer Brust, als würde etwas oder jemand sie aus der Tiefe des Waldes rufen.
„Das ist absurd...", murmelte sie und ballte die Fäuste. „Ich sollte umkehren."
Doch ihr Körper gehorchte dieser Logik nicht. Er ging weiter, gegen ihren Willen gezogen.
Und je weiter sie ging, desto klarer wurde das Gefühl: warm, fast beruhigend, wie eine vertraute Präsenz, die sie vergessen hatte.
Ein Detail beunruhigte sie noch mehr.
Der Wald verhielt sich nicht normal.
Die Äste schienen sich leicht vor ihr zu öffnen. Die Wurzeln, sonst gefährlich, lagen ungewöhnlich verborgen unter ihren Füßen, als würde der Boden sie führen statt sie zu hindern.
Und vor allem... die Stille.
Die üblichen Geräusche der Nacht waren verschwunden. Kein Ruf eines Nachtvogels, kein Rascheln von Blättern, kein Tierlaut. Als würde alles den Atem anhalten.
Oder jemanden erwarten.
Nach etwa zehn Minuten durchbrach Stimmen die ungewöhnliche Stille.
Männliche Stimmen.
Elara blieb sofort stehen, ihr Körper angespannt. Ihr Instinkt schrie ihr zu, zurückzugehen. War es eine Falle? Hatte Céleste sie hierhergelockt?
Doch der Druck in ihrer Brust wurde so stark, dass er beinahe schmerzte.
Sie ging weiter, vorsichtig, bis sie den Rand einer Lichtung erreichte.
Was sie sah, ließ sie erstarren.
Drei männliche Gestalten standen in der Mitte und bildeten ein perfektes Dreieck. Halb entblößte Oberkörper, ihre kräftigen Körper glänzten leicht vor Schweiß trotz der kühlen Nachtluft.
Schon aus der Ferne erkannte sie sie sofort.
Die Blackwood-Drillinge.
Kael, Ronan und Darian, die Söhne des Alpha Marcus.
Kael stand leicht voraus, imposant, charismatisch, sein dunkles Haar kurz geschnitten, sein Gesicht konzentriert. Er bewegte sich mit kalter Präzision, als würde er jeden Atemzug kontrollieren.
Ronan wirkte wilder, voller ungezähmter Energie, die Muskeln gespannt, ein gefährliches Lächeln auf den Lippen, als würde er ständig eine Herausforderung erwarten.
Darian beobachtete. Still, berechnend, seine Bewegungen kontrolliert, seine Augen analysierten alles mit beunruhigender Präzision.
Sie trainierten... oder kämpften. Elara konnte es nicht unterscheiden. Ihre Bewegungen waren zu schnell, zu kraftvoll für ihre menschlichen Augen. Alles verschmolz zu einer brutalen, zugleich perfekten Choreografie.
Dann plötzlich: Stille.
Gleichzeitig.
Die drei Brüder erstarrten und drehten sich synchron zu ihr um.
„Wer ist da?", fragte Kael mit tiefer, autoritärer Stimme, die wie ein Befehl durch die Luft vibrierte.
Elara wich instinktiv zurück, blieb jedoch an einer Wurzel hängen. Sie stolperte, stieß einen kurzen Schrei aus und fiel am Rand der Lichtung auf die Knie.
„Ich... tut mir leid!", stammelte sie hastig. „Ich wollte nicht schauen, ich..."
Die Worte starben in ihrer Kehle.
Die drei Blicke waren auf sie gerichtet.
Und etwas stimmte nicht.
Ihre Augen.
Sie leuchteten nicht golden wie bei normalen Rudelwölfen. Sie reflektierten ein silbernes, kaltes, unwirkliches Licht, identisch mit dem, das sie zuvor bei Kael gesehen hatte.
Eine heftige Wärme explodierte in Elara.
Sie atmete scharf ein, völlig aus dem Gleichgewicht. Das Gefühl in ihrer Brust dehnte sich aus, vervielfachte sich, als würde eine unsichtbare Verbindung zwischen ihr und ihnen entstehen.
Für den Bruchteil einer Sekunde hätte sie schwören können, silberne Lichtfäden zwischen ihnen in der Luft gesehen zu haben.
Die drei Brüder reagierten gleichzeitig.
Kael trat zurück, als hätte ihn eine unsichtbare Kraft getroffen. Ronan stieß ein raues Geräusch aus, zwischen Knurren und Überraschung. Darian erstarrte vollkommen, die Augen weit geöffnet.
„Was ist das?", knurrte Kael und griff sich an die Brust.
„Ich mache nichts!", rief Elara hastig und wich zurück. „Ich verstehe das nicht..."
Ronan trat näher und atmete tief die Luft um sie herum ein.
„Sie ist es...", murmelte er verwirrt. „Sie ist es wirklich."
„Unmöglich", widersprach Kael sofort. „Sie ist eine Omega."
„Schau ihre Augen an", sagte Darian leise.
Elara fasste sich instinktiv ans Gesicht.
„Meine Augen sind braun..." protestierte sie.
„Nicht mehr", flüsterte Ronan und kam näher.
Ihr Instinkt schrie ihr zu, zu fliehen, doch ihr Körper blieb reglos.
Kael trat vor.
„Zurück", befahl er seinen Brüdern, dann fixierte er Elara. „Wer bist du?"
Sie schluckte.
„Elara Moon... ich arbeite im Restaurant des Rudels. Ich lebe in den Hütten an der Grenze."
Ein Hauch von Erkenntnis glitt über Darian.
„Die Waise", sagte er ruhig. „Ohne Familie."
„Ich habe eine Familie!", antwortete sie sofort, doch ihre Stimme zitterte.
Kael verengte die Augen.
„Warum bist du hier, zu dieser Zeit?"
Sie zögerte.
„Ich... ich habe etwas gespürt, das mich gerufen hat", gab sie schließlich zu. „Ich konnte nicht widerstehen."
Ein stummer Austausch ging zwischen den Brüdern hin und her.
Darian brach die Stille.
„Es ist ihr Geburtstag. Achtzehn Jahre."
Elara blinzelte überrascht.
„Woher weißt du das?"
Keine Antwort.
Ronan trat näher.
„Silberne Augen... Anziehung...", murmelte Darian.
Kael spannte den Kiefer.
„Nein. Nicht bei einer Omega."
„Wir haben es alle gespürt", antwortete Ronan.
Die Luft wurde elektrisch geladen.
„Genug!", donnerte Kael.
Seine Alpha-Aura ließ Elara unwillkürlich erzittern.
Stille senkte sich, schwer und erdrückend.
Elara trat zurück.
„Ich sollte gehen..."
„Warte", sagte Darian.
Er kam langsam näher.
„Dein Handgelenk."
Zögernd streckte sie den Arm aus.
Darian betrachtete ihre Haut aufmerksam, als suche er etwas Unsichtbares.
„Da ist nichts", sagte Kael.
„Noch nicht", antwortete Darian.
Ronan umkreiste sie leicht. Sie war von ihrer Präsenz umgeben. Ihre Gerüche vermischten sich und benommen sie:
Kiefer, Rauch, Regen... und etwas Urzeitliches.
Ein Heulen zerriss die Nacht.
Die drei Brüder erstarrten.
„Vater", sagte Kael. „Er ruft uns."
„Wir können sie nicht hierlassen", protestierte Ronan.
„Doch, das können wir", erwiderte Kael hart.
„Geh nach Hause, Omega", befahl er Elara schließlich.
Seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu.
Elara wich zurück.
„Das ist nicht vorbei!", rief Ronan.
„Doch", sagte Kael. „Es ist vorbei."
Sie rannte.
Ohne anzuhalten. Ohne zu verstehen.
Bis zu ihrer Hütte.
Die Tür verriegelt. Ihr Atem gebrochen. Ihr Geist im Chaos.
Und doch vibrierte etwas in ihrer Brust weiter.
Bis sie schließlich einschlief, erschöpft, verfolgt von silbernen Fäden und einer unsichtbaren Stimme.
„Der Mond hat gewählt..."
Als sie erwachte, flutete Tageslicht den Raum.
Sie stand auf, schwankend, ging zum Spiegel.
Und schrie.
Auf ihrem Handgelenk eine leuchtende Marke.
Und in ihren Augen... war das Braun durch Silber ersetzt worden.
Kapitel 3
Der Spiegel zeigte ihr nicht mehr das Gesicht, das sie kannte.
Elara blieb reglos stehen, die Finger fest um den Rand des Waschbeckens gekrallt, als könnte diese einfache Geste sie in einer plötzlich instabil gewordenen Realität verankern. Ihr Atem war kurz, abgehackt, und ihre Augen... ihre Augen waren nicht mehr dieselben wie gestern.
Ein silbriges Leuchten lag darin, kalt und unwirklich.
Und auf ihrem Handgelenk pulsierte die Marke weiterhin sanft, wie ein zweites Herz unter der Haut.
„Atme...", flüsterte sie mit gebrochener Stimme. „Atme..."
Sie holte tief Luft, doch die Luft schien ihre Lungen zu verbrennen. Mit zitternder Bewegung berührte sie das in ihre Haut eingravierte Symbol: eine Mondsichel, begleitet von drei perfekt gezeichneten Sternen. Unter ihren Fingern vibrierte die Marke, warm, lebendig, fast bewusst. Nichts verschwand, trotz ihrer verzweifelten Versuche, die Haut bis zur Schmerzgrenze zu reiben.
Ein heftiger Schlag ertönte gegen die Tür.
Elara zuckte so stark zusammen, dass sie fast das Gleichgewicht verlor.
„Elara! Mach sofort auf!"
Mias Stimme.
Ihre einzige Freundin.
In einem hastigen Reflex zog Elara den Ärmel herunter und eilte zum Eingang. Kaum hatte sie geöffnet, stürmte Mia bereits hinein, die Augen weit aufgerissen, der Atem schwer.
„Stimmt es?", platzte sie heraus, ohne zu grüßen. „Das ganze Rudel spricht darüber... sie sagen, die Blackwood-Drillinge hätten diese Nacht ihre Seelengefährtin gefunden, und dass..."
Mia brach abrupt ab.
Ihr Blick war auf Elaras Gesicht fixiert.
„Deine Augen...", flüsterte sie. „Sie sind silbern!"
„Sprich leiser!", erwiderte Elara und zog sie am Arm weiter hinein, bevor sie die Tür nervös schloss.
Ihr Herz schlug viel zu schnell.
„Ich verstehe nicht, was mit mir passiert...", gab sie atemlos zu.
Mia musterte sie intensiv, dann glitt ihr Blick zu ihrem Ärmel.
„Zeig mir dein Handgelenk."
Zögernd gehorchte Elara.
Sobald Mia die Marke sah, verzog sich ihr Gesicht.
„Das ist echt...", flüsterte sie. „Es ist wirklich echt..."
Sie hob den Blick zu Elara, erschüttert.
„Du bist mit den Söhnen des Alphas verbunden... allen drei."
Elara schüttelte heftig den Kopf.
„Nein... das ist unmöglich. Ich bin eine Omega. Nichts weiter."
Mia zögerte einen Moment, dann veränderte sich ihr Ausdruck, eine Mischung aus Aufregung und Unglauben.
„Und wenn das nicht wahr ist? Wenn du nie nur das warst?"
Bevor Elara antworten konnte, ertönten erneut Schläge. Lauter. Autoritärer.
Diesmal war die Stimme tief, offiziell.
„Elara Moon! Auf Befehl von Alpha Marcus Blackwood müssen Sie uns sofort folgen."
Elara wurde eiskalt.
Zwei Wachen standen vor der Tür. Ihre Haltung war starr, ihr Blick unerbittlich.
„Was passiert hier?", fragte sie mit zugeschnürter Kehle.
„Der Alpha will Sie sehen", antwortete einer von ihnen.
„Jetzt."
Ihre Hände zitterten, als sie ihre Jacke anzog. Mia griff nach ihrem Arm.
„Pass auf dich auf", flüsterte sie. „Lass dich nicht unterdrücken."
Elara lächelte bitter.
Leichter gesagt als getan.
Sie folgte den Wachen durch das Territorium des Rudels. Blicke richteten sich auf sie. Flüstern erhob sich, Finger zeigten auf sie. Sie senkte den Kopf, unfähig, diese unsichtbare Last zu tragen.
Die Residenz des Alphas ragte vor ihr auf wie eine Festung.
Imposant.
Erdrückend.
Jeder Stein schien ihre Schritte zu beobachten.
Im Inneren wartete bereits eine Frau.
Luna Evelyn Blackwood.
Perfekt. Kalt. Unerreichbar.
„Danke", sagte sie zu den Wachen mit ruhiger Stimme. Dann betrachtete sie Elara lange.
„Also stimmt es... deine Augen haben sich verändert."
„Ich verstehe nichts...", murmelte Elara.
Ein kurzer Hauch von Sanftheit erschien in den Augen der Luna.
„Das vermute ich. Komm."
Sie führte sie durch einen Gang in einen kleineren Raum, wo bereits eine ältere Frau wartete.
Elara erkannte sie sofort: Ruth, die Heilerin des Rudels.
„Zeig es ihr", befahl Luna.
Elara zögerte, dann zog sie den Ärmel hoch.
Ruth trat näher, nahm sanft ihr Handgelenk und betrachtete die Marke mit fast religiöser Aufmerksamkeit.
„Drei Sterne...", murmelte sie erschüttert. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Nie."
Elara spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Was bedeutet das?"
Ruth atmete langsam ein.
„Es ist eine Seelengefährten-Marke."
Sie machte eine Pause.
„Aber keine gewöhnliche Verbindung. Diese ist außergewöhnlich. Ein Mond mit drei Sternen... das bedeutet drei Partner."
Die Stille wurde schwer.
„Die Drillinge...", murmelte Luna Evelyn.
Ruth nickte.
„Es ist eine wahre Seelenbindung. Extrem selten. Die Mondgöttin selbst hat Sie markiert."
Elara wich leicht zurück, schwindelig.
„Warum ich? Ich bin niemand..."
Ruth sah sie mit neuer Intensität an.
„Und wenn Sie sich selbst falsch einschätzen?"
Ihr Blick wanderte zu Elaras Augen.
„Diese silbernen Augen sind kein Zufall."
„Aber ich bin eine Omega!", protestierte Elara.
Ein stummer Austausch ging zwischen den Frauen hin und her.
„Sind Sie sicher?", fragte Ruth leise.
Die Tür flog auf.
Kael Blackwood trat ein.
Gefolgt von Ronan und Darian.
Die Luft veränderte sich sofort.
Elara spürte erneut diesen Druck in ihrer Brust, stärker, gewaltsamer. Und die drei Brüder erstarrten, als sie ihn ebenfalls wahrnahmen.
„Mutter", sagte Kael, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Wir wurden gerufen."
„Ja", antwortete Luna.
„Ruth hat bestätigt, was wir vermutet haben."
Stille.
„Dieses Mädchen trägt die Marke eurer Verbindung."
Kael trat leicht vor.
„Zeig es."
Elara streckte die Hand aus.
Sobald die Drillinge sich näherten, begann die Marke stärker zu leuchten.
Ronan war der Erste, der sie berührte.
Ein elektrischer Schauer durchlief Elara, heftig, unmittelbar.
„Das ist... unglaublich...", murmelte er und berührte die eingravierten Sterne.
Darian trat näher, beobachtend.
„Drei Sterne... einer für jeden von uns."
Kael blieb stehen.
Doch sein Blick war dunkel.
„Das ändert nichts", sagte er kalt.
Die Worte trafen Elara härter, als sie erwartet hatte.
Sie zog ihre Hand zurück.
„Ich habe das nicht gewollt."
Ihre Stimme zitterte.
„Und ich will es genauso wenig wie ihr."
„Kael", sagte Luna Evelyn ernst. „Die Mondgöttin hat gewählt."
„Dann hat sie sich geirrt", erwiderte er scharf.
Die Stille wurde eisig.
Sogar Ronan und Darian wirkten erschüttert.
Ruth trat wieder vor.
„Es gibt noch etwas."
Sie zog eine dünne Klinge hervor.
„Darf ich?"
Elara zögerte... dann nickte sie.
Ein Tropfen Blut trat hervor.
Silbern.
Rein.
Unbegreiflich.
Ruth trat erschüttert zurück.
„Silbernes Blut... wie ich vermutet habe."
Ronan beugte sich vor.
„Was bedeutet das?"
„Sie ist keine Omega", sagte Ruth sofort.
Völlige Stille.
„Ihre Natur wurde verborgen. Vergraben."
Lunas Gesicht wurde blass.
Ein plötzliches Lärmchaos brach draußen aus.
Die Tür wurde aufgerissen.
Céleste trat ein, die Augen vor Wut glühend.
Hinter ihr erschien Alpha Marcus.
Imposant.
Unausweichlich.
„Ist das wahr?", spie Céleste. „Dieses Mädchen behauptet, ihre Seelengefährtin zu sein?"
Ronan machte einen Schritt vor.
„Pass auf deinen Ton auf."
Marcus hob die Hand. Stille kehrte zurück.
Sein Blick glitt über Elara.
„Meine Söhne... verbunden mit einer Omega?"
Ruth korrigierte sofort.
„Sie ist keine Omega."
Céleste lachte scharf.
„Lächerlich. Sie ist nichts. Ich sollte Luna werden!"
„Die Mondgöttin hat anders entschieden", sagte Luna ruhig.
Marcus umrundete Elara langsam.
Wie ein Raubtier.
„Ob besonders oder nicht... sie kann nützlich sein."
Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Kael biss die Zähne zusammen.
„Sie bleibt hier", erklärte Marcus. „Bis wir verstehen, was sie ist."
„Ich kann nicht...", begann Elara.
„Das ist keine Bitte."
Ronan trat leicht näher zu ihr, unauffällig, aber schützend.
Céleste trat wütend zurück.
„Das ist nicht vorbei!", rief sie und verschwand.
Doch während die Spannung explodierte, spürte Elara etwas.
Einen Blick.
Durch das Fenster.
Ein Fremder.
Und in ihrem Geist flüsterte eine Stimme:
Du bist hier nicht sicher, kleine Wölfin.