Kapitel 1

Die sterile Kälte des Privatkrankenhauses in Manhattan traf Adriene Rodgers in dem Moment, als sich die Aufzugtüren öffneten. Sie betrat die oberste Etage, ihre Finger um den Griff der isolierten Thermoskanne klammernd. Das Metall schnitt in ihre Haut, aber sie spürte es kaum. Ihr Herz schlug zu schnell, hämmerte mit einem übel erregenden Rhythmus gegen ihre Rippen. Dallin hatte einen Autounfall gehabt. Der Anruf hatte ihr fast den Atem geraubt.

Sie zog ihren Trenchcoat enger um die Taille, die Kälte der Klimaanlage drang durch den Stoff. Sie ging den stillen Korridor entlang, ihre weich besohlten Schuhe machten kein Geräusch auf dem polierten Boden.

Am Ende des Ganges standen zwei große Bodyguards und redeten leise. Sie waren dem Fenster zugewandt, mit dem Rücken zum toten Winkel entlang der Wand. Adriene drückte sich näher an den Rand und schlüpfte an ihrem Blickfeld vorbei. Sie wollte Dallin überraschen. Sie wollte sein Gesicht sehen, wissen, dass er wirklich in Sicherheit war, bevor das Personal ihre Ankunft ankündigte.

Sie erreichte die schwere Eichentür der VIP-Suite. Ihre Hand schwebte über dem Messinggriff. Sie war gerade dabei, sie aufzustoßen, als ein Spalt grellen weißen Lichts aus dem Türspalt ihr ins Auge fiel. Sie hielt inne.

Von drinnen drang Dallins Stimme heraus. Sie war tief. Es war nicht der warme, zärtliche Ton, den er benutzte, wenn er ihr jeden Morgen auf die Stirn küsste. Er war kalt. Er klang wie brechendes Eis. Adrienes Augenbrauen zogen sich zusammen.

„Ist die Pressemitteilung fertig?"

Es war Pax Keller, Dallins leitender Anwalt. Adriene hielt den Atem an. Warum war Pax mitten in der Nacht hier und sprach über Pressemitteilungen?

„Der Skandal ist eingedämmt", sagte Pax, seine Stimme angespannt. „Aber Elainas Namen in diesem Schlamassel zu vergraben, hat uns ein Vermögen gekostet. Die Medien waren Sekunden davor, herauszufinden, dass sie mit dir im Auto war."

Adrienes Magen verkrampfte sich heftig. Ein scharfer, physischer Schmerz blühte direkt unter ihren Rippen auf. Elaina. Die Witwe seines verstorbenen Bruders.

Dallin stieß ein kurzes, humorloses Lachen aus. „Ist mir egal, was es kostet. Solange Elainas Ruf makellos bleibt, zahlt ihnen, was immer sie wollen."

Die Worte fühlten sich an wie ein Eimer Eiswasser, der direkt über Adrienes Kopf gegossen wurde. Ihre Finger wurden taub.

„Und was ist mit Adriene?", fragte Pax. „Wie erklärst du das deiner Frau?"

„Adriene ist genau das, was ich brauche, dass sie ist", sagte Dallin, seine Stimme triefte vor lässiger Verachtung. „Ein perfekter sozialer Schutzschild."

Adrienes Hand zuckte. Der Metallgriff der Thermoskanne schnappte scharf gegen ihre Handfläche, der plötzliche Schmerz biss in ihr Fleisch. Sie keuchte fast auf.

Draußen vor dem Fenster erschütterte ein gewaltiger Donnerschlag das Glas und überdeckte das scharfe Einatmen, das durch Adrienes Kehle riss.

„Ihre auffällige Persönlichkeit zieht alle Paparazzi an", fuhr Dallin fort, sein Ton klinisch. „Sie hält die Kameras beschäftigt, damit Elaina in Frieden leben kann. Das ist alles, was diese Ehe ist."

„Du verdienst einen Oscar, Dallin", kicherte Pax. „Die ganze Stadt denkt, du bist wahnsinnig in deine Frau verliebt."

Adrienes Augen brannten. Die Hitze stieg ihr ins Gesicht, und sie biss sich so fest auf die Unterlippe, dass sie Kupfer schmeckte.

„Es kostet mich alles", sagte Dallin, seine Stimme ging in ein höhnisches Grinsen reiner Abscheu über. „Jedes Mal, wenn ich Adriene anfassen muss, wird mir körperlich schlecht. Die einzige Art, wie ich es ertragen kann, ist, indem ich die Augen schließe und an Elaina denke."

Die Worte waren ein physischer Schlag. Adrienes Knie gaben nach. Ihre Beine wurden zu Wasser, und sie stolperte rückwärts. Ihr Rücken prallte hart gegen die kalte Wand des Korridors.

Im Zimmer brach das Gespräch abrupt ab.

„Hast du das gehört?", fragte Pax. Schwere Schritte bewegten sich zur Tür.

Reine, tierische Panik ergriff Adrienes Brust. Ihr Überlebensinstinkt setzte ein. Sie drehte sich um, ihre Augen huschten panisch umher, und warf sich in den leicht geöffneten Abstellraum, nur wenige Zentimeter entfernt.

Die schwere Suitetür schwang auf. Pax trat auf den Flur, seine Augen suchten den leeren Raum ab. Ein kalter Luftzug wehte an ihm vorbei. Er runzelte die Stirn, sein Kiefer angespannt, sah aber nichts.

Im stockfinsteren Abstellraum presste Adriene beide Hände auf den Mund. Tränen quollen über ihre Wimpern, heiß und schnell, liefen über ihre Wangen. Ihre Schultern zitterten heftig, ihre Brust hob und senkte sich, während sie kämpfte, um ihr Atmen geräuschlos zu halten.

Pax trat wieder hinein und die Tür klickte zu.

Die unmittelbare Gefahr war vorüber. Adriene ließ die Hände sinken, nach Luft schnappend, als wäre sie unter Wasser gehalten worden. Sie blickte auf die Thermoskanne in ihren zitternden Händen. Die Suppe, die sie drei Stunden lang zubereitet hatte. Sie fühlte sich schwer an. Sie fühlte sich wie ein Witz an. Eine Welle intensiver Übelkeit durchzog ihren Magen.

Sie stieß die Schranktür auf und stolperte heraus. Sie ging direkt zum großen Metallmülleimer neben dem Aufzug. Sie zögerte nicht. Sie ließ die Thermoskanne hineinfallen.

Sie traf mit einem hohlen, schweren Aufprall den Boden. Drei Jahre ihres Lebens, drei Jahre der Hingabe, zerbrachen in Stücke.

Sie zog ihr Handy aus der Tasche. Der Bildschirm leuchtete mit einer Nachricht auf, die Dallin vor einer Stunde geschickt hatte: Ich vermisse dich, Schatz.

Ein bitteres, gebrochenes Lachen entwich ihren Lippen. Ihr Daumen schwebte über dem Bildschirm, und sie drückte auf Löschen.

Adriene drehte sich um und ging in den Aufzug. Ihre Schritte, die noch vor Momenten wackelig gewesen waren, wurden fest. Die sanfte, liebevolle Wärme in ihren Augen war verschwunden, ersetzt durch einen harten, eiskalten Hass.

Die Türen öffneten sich zur Lobby. Sie trat hinaus und sah ihr Spiegelbild in den Glastüren. Ihre Wimperntusche war verschmiert. Sie hob den Handrücken und wischte die Tränen weg, ihre Haut wurde rot von der Reibung.

Sie drückte sich durch die Drehtüren und trat in den strömenden Regen hinaus. Die eiskalten Tropfen trafen ihr Gesicht, durchnässten ihr Haar sofort. Die Kälte war ein Schock für ihr System, klärte den Nebel aus ihrem Gehirn.

Ein Parkservice-Mitarbeiter rannte auf sie zu, einen großen Regenschirm haltend. „Mrs. Morales! Soll ich Herrn Morales' Fahrer anrufen?"

„Nein", sagte Adriene, ihre Stimme völlig leblos.

Sie ging an ihm vorbei, direkt in den Sturm. Als der Regen ihren Mantel durchnässte, dachte sie an die Lawine in Aspen zurück. Sie erinnerte sich, wie sie Dallin aus dem Schnee gegraben hatte, bis ihre Finger bluteten. Sie lachte laut über ihre eigene Dummheit.

Ein gelbes Taxi fuhr an den Bordstein. Sie öffnete die Tür und glitt auf den rissigen Ledersitz.

„Morales Estate", sagte sie dem Fahrer. Ihre Stimme enthielt keinerlei Emotionen.

Das Taxi reihte sich in den Verkehr ein. Draußen vor dem Fenster verschwammen die Neonlichter Manhattans im Regen. Adriene ballte ihre Hände zu festen Fäusten, ihre Nägel gruben sich tief in ihre Handflächen. Sie würde sie bezahlen lassen. Beide.

Kapitel 2

Adriene stieß die schweren, geschnitzten Türen des Hauptanwesens der Morales auf. Das große Foyer war blendend hell. Der Geruch von teuren Lilien und Zitronenpolitur stieg ihr in die Nase, und zum ersten Mal seit drei Jahren verursachte der schiere Luxus bei ihr Übelkeit.

Brenda, die Hausdame, eilte herbei und griff nach ihrem durchnässten Trenchcoat.

Adriene wich zurück und vermied die Berührung. „Lassen Sie einfach ein heißes Bad ein", befahl sie, ihre Stimme war emotionslos.

Leise Schritte hallten von der Spitze der geschwungenen Marmortreppe wider. Elaina kam langsam die Stufen herunter, gehüllt in einen Morgenmantel aus reiner Seide. Sie blickte auf Adriene herab, ihre Augen waren erfüllt von einem widerlichen, überlegenen Mitleid.

„Adriene, warum bist du ganz nass?", fragte Elaina, ihre Stimme triefte vor gespielter Besorgnis. „Mitten in der Nacht in der Stadt herumzulaufen? Das ist nicht sicher."

Adriene starrte sie an. Das kalte Wasser tropfte aus ihren Haaren auf den Marmorboden. Sie sagte kein Wort. Sie drehte sich um und ging in Richtung des Flurs, der zu ihrem Flügel führte.

Elainas Schritte wurden schneller. Sie stellte sich direkt vor Adriene und versperrte ihr den Weg.

Elaina beugte sich vor und legte die süße Stimme ab. „Du kannst nicht einmal die Aufmerksamkeit deines eigenen Mannes halten", flüsterte sie, ein grausames Lächeln verzerrte ihre Lippen. „Im Regen herumrennen wie ein streunender Hund."

Adriene zuckte nicht zusammen. Sie musterte Elaina von Kopf bis Fuß. „Wenigstens bin ich eine Ehefrau. Keine Witwe, die wie ein Parasit von der Familie ihres toten Mannes lebt."

Elainas Gesicht verzerrte sich augenblicklich. Die Selbstgefälligkeit verschwand, ersetzt durch eine dunkle, hässliche Wut.

Aus dem Augenwinkel sah Elaina den Scheinwerferstrahl über die vorderen Fenster huschen. Dallins Wagen fuhr vor. Ein bösartiges, berechnendes Licht funkelte in Elainas Augen.

Sie wirbelte herum, ging direkt zum Ausstellungsockel und stieß Eleonoras kostbare Ming-Dynastie-Porzellanvase um.

Der Aufprall war ohrenbetäubend. Das unbezahlbare Antiquitätenstück zersplitterte auf dem Marmorboden und schleuderte messerscharfe Scherben in alle Richtungen. Ein großes Stück schnitt direkt in Adrienes Wade.

Ein stechender Schmerz schoss Adriene ins Bein. Warmes Blut begann sofort, ihre Haut herunterzurinnen.

Elaina brach auf dem Boden zusammen, vergrub ihr Gesicht in den Händen und stieß ein durchdringendes, hysterisches Schluchzen aus. Sie zitterte heftig und tat so, als hätte sie gerade einen Angriff überlebt.

Die Eingangstüren sprangen auf. Dallin stürmte herein, die kalte Nachtluft wirbelte um ihn herum. Seine Augen fixierten sofort Elaina, die inmitten des Trümmerfeldes saß.

Er stieg direkt über das zerbrochene Porzellan, seine teuren Schuhe knirschten auf den Scherben, und zog Elaina fest an seine Brust. Er schlang die Arme um sie, drehte dann langsam den Kopf, um Adriene wütend anzustarren. Seine Augen waren mörderisch.

Adriene stand kerzengerade da. Sie spürte, wie das Blut ihr Bein herunterlief und sich leicht an ihrer Ferse sammelte. Sie sah die beiden an und beobachtete die erbärmliche Vorstellung mit absolut keinerlei Emotionen.

„Was zum Teufel ist los mit dir?", brüllte Dallin, seine Stimme hallte von den hohen Decken wider. „Warum hast du sie gestoßen? Warum hast du die Vase zerschlagen?"

Adriene öffnete den Mund, um zu sprechen, doch das schwere, rhythmische Aufschlagen eines Holzstocks auf den Dielen unterbrach sie. Eleonora, die Matriarchin der Familie Morales, stand oben auf der Treppe. Ihr Gesicht war eine Maske purer Wut.

Eleonora blickte auf die zerschmetterte Ming-Vase, und ihre Brust hob und senkte sich heftig. Sie zeigte mit zitterndem Finger auf Adriene. „Du unkultivierter Abschaum! Du bringst nichts als Chaos in dieses Haus!"

Dallin stand auf. Er ging zu Adriene hinüber und blieb wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht stehen. Er beugte sich vor, seine Stimme sank zu einem rauen, gefährlichen Flüstern, das nur sie hören konnte.

„Gib zu, dass du es warst. Sofort. Oder ich streiche die Finanzierung für die Krankenhausrechnungen deines Vaters."

Adrienes Pupillen weiteten sich. Ihr Herz krampfte sich in ihrer Brust zusammen, ein schmerzhaftes, erstickendes Gefühl. Ihr Vater. Er war ihre einzige Schwäche. Sie presste die Kiefer zusammen, ihre hinteren Zähne rieben aneinander.

Eleonora schrie immer noch über die Familienehre. Adriene schloss die Augen. Die Demütigung brannte ihr wie Säure in der Kehle.

„Es tut mir leid", sagte Adriene, ihre Stimme klang hohl. „Ich habe sie versehentlich umgestoßen."

Eleonora stieß ein angewidertes Schnauben aus. „Das ist eine Entweihung unseres Hauses", verkündete sie laut. Sie wandte sich an den Butler. „Sperren Sie sofort alle ihre zusätzlichen Black Cards."

Aber Eleonora war noch nicht fertig. „Und entziehen Sie ihr den Zugang zum Familientrust. Sie bekommt nichts, bis sie sich zu benehmen lernt."

Adriene hielt den Kopf gesenkt. Ihre Fingernägel bohrten sich so tief in ihre Handflächen, dass die Haut beinahe aufbrach. Sie spürte das absolute, erdrückende Gewicht, wie ihr in Sekundenschnelle jegliche Macht entzogen wurde.

Dallin sagte kein Wort zu ihrer Verteidigung. Er kehrte ihr den Rücken zu, bückte sich und hob Elaina sanft in seine Arme.

Er trug Elaina an Adriene vorbei, seine Augen waren ganz auf die Frau in seinen Armen gerichtet. Er warf nicht einmal einen Blick auf das Blut, das von Adrienes Bein tropfte.

Als Dallin sie wegtrug, legte Elaina ihr Kinn auf seine Schulter. Sie blickte zu Adriene zurück und lächelte. Es war ein breites, triumphierendes, zutiefst bösartiges Lächeln.

Das Foyer leerte sich langsam, bis Adriene völlig allein inmitten des zerbrochenen Porzellans zurückblieb.

Brenda näherte sich nervös mit einem Erste-Hilfe-Kasten.

„Danke, Brenda. Ich kümmere mich darum", sagte Adriene leise. Sie drehte sich um und humpelte die Treppe hinauf, jeder Schritt zog an der Wunde an ihrer Wade.

Sie ging in ihr eiskaltes, leeres Schlafzimmer und schloss die Tür ab. Sie rutschte die Wand hinunter, bis sie den Boden erreichte. Sie starrte auf das Blut, das auf ihrer Haut trocknete. Sie vergoss keine einzige Träne.

Sie griff unter den doppelten Boden ihrer Nachttischschublade und zog ein verstecktes Ersatztelefon heraus. Ihre Augen waren scharf, fokussiert und tödlich. Sie wählte die verschlüsselte Nummer ihrer besten Freundin Kaia.

Kapitel 3

Adriene presste das Ersatztelefon fest ans Ohr. Sie sprach leise, ihre Worte kamen schnell und eiskalt heraus, während sie Kaia die Ereignisse der Nacht erklärte.

Durch den Lautsprecher schrie Kaia. Sie nannte Dallin jedes erdenkliche Schimpfwort, ihre Stimme zitterte vor Wut. „Ich rufe sofort den besten Scheidungsanwalt in New York an", versprach Kaia.

„Stellen Sie sicher, dass die Scheidungspapiere als kommerzielle Treuhanddokumente getarnt sind", wies Adriene an, ihr Tonfall war völlig ruhig. „Dallin darf nichts ahnen."

Sie legte das Telefon auf und schob es zurück an seinen Versteckplatz. Sie ging zum großen Erkerfenster und starrte hinaus auf das pechschwarze Anwesen. Sie atmete tief und langsam ein und versuchte, ihr rasendes Herz zu beruhigen.

Plötzlich durchbrach ein hoher, qualvoller Schrei die Stille der Nacht. Er kam aus Richtung des Glashauses im Hinterhof.

Adrienes Brust zog sich heftig zusammen. Ihr stockte der Atem. Es war Max. Der reinrassige Golden Retriever, den ihr Vater ihr vor seiner Insolvenz geschenkt hatte. Max war das einzige Lebewesen auf diesem riesigen Anwesen, das sie tatsächlich liebte.

Sie dachte nicht einmal an die blutende Schnittwunde an ihrem Bein. Sie ignorierte den stechenden Schmerz, der ihr die Wade hochfuhr, schnappte sich einen schweren Wollmantel und eine schwere Metalltaschenlampe vom Schreibtisch und rannte aus dem Schlafzimmer. Sie rannte die dunklen Korridore entlang, ihre nackten Füße schlugen auf den Holzböden auf, ihr Hinken verwandelte sich in einen verzweifelten, ungleichmäßigen Lauf.

Sie stieß die Seitentür auf, die zu den Gärten führte. Der eiskalte Wind schlug ihr ins Gesicht und trug einen dicken, metallischen Geruch mit sich. Blut. Adrienes Atem wurde keuchend.

Sie stolperte über das nasse Gras, ihre Beine zitterten, und erreichte die Glastüren des Gewächshauses. Sie schaltete die Taschenlampe ein. Der Strahl durchbrach die Dunkelheit und traf die Mitte des Raumes.

Adrienes Gehirn setzte aus.

Max lag inmitten der seltenen weißen Orchideen. Sein Bauch war weit aufgeschlitzt worden. Dickes, dunkles Blut tränkte die makellosen weißen Blütenblätter. Seine Brust war völlig regungslos.

Adrienes Knie trafen den Erdboden. Die Taschenlampe glitt ihr aus den Fingern, rollte weg und warf verrückte Schatten an das Glas. Sie streckte ihre zitternde Hand aus, ihre Finger schwebten über Max' Fell, aber sie konnte sich nicht dazu durchringen, seinen kalten Körper zu berühren.

Eine Welle der Trauer, so schwer, dass es sich anfühlte, als würde physischer Druck ihre Lungen zerquetschen. Doch bevor der erste Schluchzer aus ihrer Kehle reißen konnte, sprang die gegenüberliegende Tür des Gewächshauses auf.

Elaina stand dort in einem dünnen, weißen Seidennachthemd. Sie sah den toten Hund an, schlug die Hände vor den Mund und stieß einen ohrenbetäubenden, theatralischen Schrei des absoluten Schreckens aus.

Der Schrei zerstörte die Stille des Anwesens. Innerhalb von Sekunden hallten schwere Schritte von Leibwächtern und Personal über den Rasen. Taschenlampenstrahlen sprangen wild umher, als Menschen ins Gewächshaus strömten.

Elaina brach in die Arme einer verängstigten Zofe zusammen. Sie zeigte mit zitterndem Finger direkt auf Adriene. „Sie hat es getan!", schluchzte Elaina, ihre Worte purzelten in panischer Eile heraus. „Adriene hat den Verstand verloren! Sie hat den Hund getötet!"

Ein kollektives Keuchen entzog dem Raum die Luft. Das Personal starrte Adriene an, ihre Augen weit aufgerissen vor Angst und tiefem Ekel.

Adriene drückte sich langsam vom Erdboden hoch. Sie sah das Personal nicht an. Sie blickte direkt durch die Menge und fixierte ihre Augen auf Elainas Gesicht.

Elaina weinte, aber Adriene sah es. Direkt unter den falschen Tränen glänzten Elainas Augen vor kranker, verdrehter Aufregung. Sie genoss dies.

Adriene schrie nicht. Sie verteidigte sich nicht. Eine einzelne, heiße Träne reiner Wut bahnte sich einen Weg durch den Schmutz auf ihrer Wange. Die Trauer verschwand nicht; sie kristallisierte sich zu etwas Härterem, Kälterem. Ein Versprechen. Ihr Verstand wurde erschreckend klar. Das schiere Ausmaß ihres Hasses trieb ihr Gehirn über den anfänglichen Schock hinaus in einen hyperfokussierten Zustand der Ruhe.

Sie ließ ihre Augen über die Szene schweifen und nutzte die verstreuten Lichtstrahlen der Taschenlampen, um jeden Zentimeter des Raumes abzusuchen.

Dann sah sie es.

Ganz unten am Saum von Elainas weißem Seidennachthemd. Ein einziger, winziger, leuchtend roter Tropfen frischen Blutes.

Adriene reagierte nicht. Sie hob ihren Blick sanft an, und ihr Mundwinkel zuckte zu einem langsamen, gruseligen Lächeln. Es war ein Lächeln, so menschenleer, dass Elaina tatsächlich zusammenzuckte und einen winzigen Schritt zurückmachte.

Der Oberhofmeister trat vor und streckte die Hand aus, um Adrienes Arm zu packen. „Mrs. Morales, bitte kommen Sie mit mir. Wir müssen warten, bis Mr. Morales sich darum kümmert."

Adriene schlug seine Hand heftig weg. „Fassen Sie mich nicht an", befahl sie. Ihre Stimme war nicht laut, aber sie schnitt wie eine Peitsche durch den Raum. „Niemand berührt etwas. Belassen Sie diese Szene genau so, wie sie ist."

Die rohe Autorität, die von ihr ausging, ließ den ganzen Raum erstarren. Sogar der Butler blieb wie angewurzelt stehen, zu eingeschüchtert, um sich zu bewegen.

Adriene drehte sich um. Sie zog ihren schweren Wollmantel aus und legte ihn sanft und respektvoll über Max' verstümmelten Körper, um das Gemetzel vor Blicken zu verbergen.

Sie stand auf und ging langsam auf Elaina zu. Sie blieb erst stehen, als sie nur noch wenige Zentimeter entfernt war und in Elainas persönlichen Raum eindrang.

Adriene beugte sich vor. „Du hast einen fatalen Fehler gemacht", flüsterte sie direkt in Elainas Ohr.

Elainas Gesicht verlor einen Bruchteil seiner Farbe. Sie versuchte, ihre unschuldige Fassade aufrechtzuerhalten, stieß ein weiteres pathetisches Wimmern aus und wich zurück.

Schwere, wütende Schritte dröhnten auf dem Steinweg draußen. Dallins massiger Körper füllte den Türrahmen des Gewächshauses. Seine Brust hob und senkte sich, sein Gesicht war dunkel vor absoluter Wut, als er auf sie zumarschierte.

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Die gnadenlose Rückkehr der verschmähten Ehefrau an die Wall Street

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