Kapitel 3
Das Revier war ein chaotischer Bienenstock aus Elend und Bürokratie. Die Leuchtstoffröhren über ihnen summten mit einer kopfschmerzverursachenden Frequenz. Die Luft roch nach abgestandenem Kaffee, Bohnerwachs und ungewaschenen Körpern.
Aurora saß auf einer harten Holzbank, ihr Koffer schützend zwischen ihren Beinen verstaut. Sie hatte ihre Aussage gemacht. Die Beamten waren beeindruckt, aber misstrauisch. Eine Frau ihrer Statur, die zwei bewaffnete Angreifer überwältigte, warf Fragen auf, die sie nicht beantworten konnten.
Quer durch den Raum, nahe dem Büro des Captains, stand Elias Thorne. Er war separat hereingebracht worden, um eine Zeugenaussage zu machen. Er stand in einer Blase der Stille; das Chaos der Wache schien sich um ihn herum zu teilen. Sein Anzug kostete mehr als das Jahresbudget des Reviers.
Er hatte nicht mit ihr gesprochen. Er hatte ihr keine Mitfahrgelegenheit angeboten. Er hatte sie lediglich mit diesen kalten, grauen Augen beobachtet, als die Polizei sie in getrennte Wagen geleitete.
Nun, als er das Gespräch mit dem Captain beendet hatte, drehte er sich um. Er ging zum Ausgang, sein Weg führte ihn an ihrer Bank vorbei.
Er hielt inne.
Aurora blickte auf. Aus der Nähe war er noch eindrucksvoller. Aber sie sah auch die Anspannung in seinem Kiefer, die leichte Blässe seiner Haut.
„Sie haben einen einzigartigen Überlebensinstinkt", sagte Elias. Es war kein Kompliment; es war eine Beobachtung.
„Notwendig in dieser Stadt", erwiderte Aurora, ihre Stimme kühl.
Elias blickte auf ihre verletzten Fingerknöchel. Dann wanderte sein Blick zu ihrem Gesicht. Er schien etwas zu suchen – Angst, Stolz, Anerkennung. Er fand nichts davon.
Er hob die Hand, um seinen Manschettenknopf zu richten, seine Hand zitterte leicht. Es war eine mikroskopische Bewegung, ein Fehler in seiner perfekten Fassung.
Auroras Augen verengten sich. Sie berührte ihn nicht. Das brauchte sie auch nicht. Sie sah, wie seine Pupillen in Reaktion auf die grellen Lichter leicht ungleich waren. Sie sah den Schimmer kalten Schweißes an seiner Schläfe, trotz der kühlen Luft.
„Sie sollten wegen dieses Zitterns einen Arzt aufsuchen", sagte sie leise. „Und wegen der Migräne, die sich um Ihr linkes Auge legt."
Elias erstarrte. Seine Hände verharrten an seinem Manschettenknopf. Seine Augen schärften sich, das Grau verdunkelte sich wie ein Sturm.
„Entschuldigen Sie?"
„Ihr Mediannerv ist nicht das Problem", fuhr Aurora fort und senkte ihre Stimme, damit die nahestehenden Beamten sie nicht hörten. „Es ist eine systemische Entzündung, die einen neuronalen Spike auslöst. Sie trinken zu viel Kaffee und schlafen nicht. Das baut die Myelinscheide ab."
Elias starrte sie an. Die Luft zwischen ihnen wurde schwer. Er hatte die besten Spezialisten in der Schweiz gesehen. Keiner von ihnen hatte ihn auf einen Blick in einer schmutzigen Polizeiwache diagnostiziert.
„Wer sind Sie?", verlangte er zu wissen, seine Stimme tief und gefährlich.
„Nur eine Zeugin", sagte Aurora. Sie stand auf und nahm ihren Koffer. „Versuchen Sie Magnesium und Baldrianwurzel. Und Schlaf."
Sie wartete nicht auf seine Antwort. Sie ging zum Ausgang, ihre Absätze klickten rhythmisch auf dem Linoleum.
Elias stand wie angewurzelt da. Der Schmerz in seinem Kopf pochte, eine brutale Erinnerung daran, dass sie Recht hatte.
Graves erschien an seiner Seite. „Der Wagen ist bereit, Sir."
Elias rührte sich nicht sofort. Er sah zu, wie sich die automatischen Türen hinter ihr schlossen.
„Graves", sagte Elias.
„Sir?"
„Vergessen Sie die Standardüberprüfung. Ich möchte ein vollständiges Dossier. Wo sie geboren wurde, was sie liest und wer ihr Medizin beigebracht hat."
„Ja, Sir. Haben Sie ihren Namen?"
„Aurora", murmelte Elias, das Gewicht des Wortes prüfend. „Finden Sie sie."