Kapitel 3

Der Plan funktionierte perfekt.

Der Angreifer, seine Augen wild vor Wut und Verzweiflung, sah seine Chance. Er ließ Kim los und stürzte sich auf Elara.

Es geschah so schnell. In einem Moment war sie in Damians Armen, im nächsten wurde ihr eine raue Hand über den Mund gepresst, und ein muskulöser Arm schlang sich um ihren Hals und zerrte sie rückwärts.

Ihr Rücken traf auf den kalten, unnachgiebigen Beton des Vorsprungs. Für eine herzzerreißende Sekunde schwankte sie am Abgrund, die Lichter der Stadt ein schwindelerregender Schleier unter ihr.

Dann war da nichts.

Das Gefühl des Fallens war absolut. Wind rauschte an ihren Ohren vorbei, ein ohrenbetäubendes Dröhnen, das jeden anderen Ton verschluckte. Ihr Magen machte einen Satz, und ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, ein hektischer, wilder Trommelschlag.

Sie schloss die Augen.

In diesem letzten, schrecklichen Moment schnitt ein Gedanke, klar und kalt, durch die Panik.

Er würde mich für sie töten.

Er hatte gesehen, wie der Mann sich auf sie stürzte, und er hatte es zugelassen. Er hatte sie als menschliches Schutzschild benutzt, als entbehrlichen Bauern, um die Sicherheit seiner kostbaren, idealisierten Kim zu gewährleisten. Die zwölf Jahre ihres Lebens, die endlosen Tage und Nächte ihres Dienstes, bedeuteten nichts.

Sie war ein akzeptabler Verlust.

Das Nächste, was sie wusste, war der sterile, antiseptische Geruch eines Krankenhauses.

Ein leises, rhythmisches Piepen erfüllte die Luft. Sie blinzelte, ihre Augen kämpften darum, sich an die grellen Leuchtstoffröhren zu gewöhnen.

Eine Krankenschwester überprüfte ihren Infusionstropf. Die Frau lächelte sanft.

„Willkommen zurück. Sie sind eine sehr glückliche junge Frau.“

„Was … ist passiert?“, war Elaras Stimme ein heiseres Flüstern.

„Sie sind aus großer Höhe gefallen“, sagte die Krankenschwester sachlich. „Aber Sie sind auf einem Auffangnetz gelandet, das das Hotel für Fensterputzer installiert hatte. Ein paar gebrochene Rippen, eine Gehirnerschütterung, aber Sie werden leben. Der Mann, der mit Ihnen gefallen ist, hatte nicht so viel Glück. Er hat das Netz verfehlt.“

Elara schloss die Augen, die Worte der Krankenschwester hallten in ihrem Kopf wider. Er hat das Netz verfehlt.

Damian hatte von dem Netz gewusst.

Der Gedanke war erschreckend. Er hatte sie nicht nur angreifen lassen; er hatte die Chancen berechnet. Er hatte gewusst, dass es eine Chance gab, dass sie überleben würde, während er sicherstellte, dass die Bedrohung für Kim dauerhaft beseitigt war. Es war keine panische, sekundenschnelle Entscheidung. Es war eine kalte, rücksichtslose Berechnung.

Die Tür zu ihrem Zimmer öffnete sich, und er trat ein. Er sah müde aus, sein teurer Anzug war zerknittert. Er kam an ihr Bett, sein Gesichtsausdruck eine Mischung aus Sorge und Ärger.

Er streckte die Hand aus, um ihre Wange zu berühren.

Sie drehte den Kopf weg.

Seine Hand erstarrte in der Luft. Er stieß einen langen, müden Seufzer aus und ergriff stattdessen ihre Hand, sein Griff war fest.

„Gibst du mir die Schuld?“, fragte er mit leiser Stimme.

Sie antwortete nicht.

„Komm schon, Ela“, schmeichelte er, sein Ton wurde kindisch, der, den er immer benutzte, wenn er etwas wollte. „Sei nicht so. Ich hatte Angst. Kim war in Gefahr.“

Elara zog langsam ihre Hand aus seinem Griff.

„Du wusstest von dem Netz“, sagte sie mit flacher Stimme.

Er erstarrte, dann lachte er kurz und ungläubig. „Ist es das, worum es geht? Du bist wütend, dass ich dich gerettet habe? Was warst du all die Jahre für mich, wenn nicht meine Beschützerin?“

Die schiere Dreistigkeit seiner Worte, die Art, wie er seine egoistische Tat in eine Art edles Opfer ihrerseits verdrehte, war überwältigend.

Ich war deine bezahlte Angestellte, dachte sie.

„Du solltest gehen“, sagte sie, ihre Stimme kaum ein Flüstern. „Kim muss schreckliche Angst haben. Sie wird dich brauchen.“

Er schien dies zu überlegen, nickte dann, erleichtert, eine Ausrede zum Gehen zu haben.

„Du hast recht. Sie ist ein Wrack. Ich komme zurück, wenn ich Zeit habe.“

Er drehte sich um und verließ das Zimmer.

Er kam nie zurück.

In den folgenden Tagen sah Elara ihn gelegentlich von ihrem Fenster aus, wie er mit Kim in den Krankenhausgärten spazieren ging. Er war ein anderer Mensch mit ihr. Sanft, aufmerksam, er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Er fütterte sie mit Eis, legte ihr seine Jacke um die Schultern, wenn sie fror, und sie küssten sich, lang und langsam, ohne die Welt um sich herum wahrzunehmen.

Elara beobachtete sie und fühlte nichts. Keine Eifersucht, keinen Herzschmerz. Nur ein tiefes, bodenloses Gefühl der Erleichterung.

Am Tag ihrer Entlassung traf sie sie in der Lobby. Kim, ihr Gesicht eine Maske süßer Sorge, eilte an ihre Seite und hakte sich bei Elara unter.

„Elara! Du bist wieder ganz gesund! Damian, wir sollten ihr eine Mitfahrgelegenheit nach Hause geben, oder?“

Das Lächeln auf Kims Gesicht war dasselbe zuckersüße, unaufrichtige Lächeln, das Elara erwartet hatte, ein krasser Gegensatz zu der bösartigen SMS, die sie geschickt hatte.

Im Auto plapperte Kim ununterbrochen, ihre Hand ruhte besitzergreifend auf Damians Oberschenkel. Elara saß schweigend auf dem Rücksitz, ein Geist in ihrer neuen, perfekten Welt.

Plötzlich drehte sich Kim um, ihr Gesichtsausdruck wurde ernst.

„Damian“, fragte sie, ihre Stimme eine sorgfältig kalibrierte Mischung aus Unschuld und Angst. „Hast du … jemand anderen? Eine andere Freundin?“

Die Luft im Auto wurde still. Damians Hände umklammerten das Lenkrad fester. Er war ein schrecklicher Lügner.

Bevor er eine Leugnung herausstottern konnte, beugte sich Elara mit einem kleinen, wissenden Lächeln auf den Lippen vor.

„Natürlich hat er die.“

Kims Kopf schnellte herum, ihre Augen waren weit aufgerissen. Damian warf Elara einen panischen Blick im Rückspiegel zu.

„Wer?“, forderte Kim, ihre Stimme scharf.

Elaras Lächeln wurde breiter. Sie sah Kim direkt an.

„Dich.“

Sie spann eine wunderschöne, kunstvolle Lüge. Sie erzählte Kim, wie Damian zwölf Jahre lang nie aufgehört hatte, sie zu lieben. Wie er stundenlang über sie sprach, wie jede Frau, die er je traf, nur eine blasse Nachahmung von ihr war. Sie beschrieb sein Sehnen, seine Hingabe, seinen unerschütterlichen Glauben, dass sie füreinander bestimmt waren.

Als sie fertig war, war Kim in Tränen aufgelöst, ihr Gesicht in Damians Schulter vergraben, völlig und restlos überzeugt.

Damian setzte Kim zuerst ab. Als sie allein waren, hielt er das Auto an, sein Gesichtsausdruck eine Mischung aus Verwirrung und Wut.

Er packte ihr Handgelenk. „Was war das? Welches Spiel spielst du?“

„War es nicht das, was du wolltest?“, fragte Elara mit ruhiger Stimme. „Eine perfekte Liebesgeschichte? Ich habe dir nur geholfen, sie zu verkaufen.“

Er beugte sich vor, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt, seine Augen suchten sie nach jedem Anzeichen von Eifersucht, von Schmerz ab.

„Du bist nicht einmal ein bisschen traurig“, sagte er, seine Stimme ein leises, frustriertes Knurren. „Warum bist du nicht traurig?“

Weil ich nie glücklich war, dachte sie, eine Welle der Erschöpfung überkam sie. Weil ich dich nicht liebe. Das habe ich nie.

Aber sie sagte es nicht. Es hatte keinen Sinn. Er würde es nicht verstehen.

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Seine rücksichtslose Liebe, ihr zerbrochenes Leben

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