Kapitel 1

Ich war die verschollene Erbin der heiligen Weißen Wolfslinie, dazu bestimmt, die Luna unseres Rudels zu werden. Mein Gefährte, Alpha Kaelen, sollte die andere Hälfte meiner Seele sein.

Dann entdeckte ich sein fünf Jahre altes Geheimnis: eine andere Familie, mit einem Sohn, dessen Geburtstag auf denselben Tag fiel wie meiner.

Durch ein Galeriefenster sah ich, wie er eine andere Frau küsste und ihrem Kind genau den Freizeitpark versprach, um den ich ihn angebettelt hatte. Meine eigenen Eltern wussten davon und halfen ihnen, Rudelgelder zu stehlen, um dieses geheime Leben zu finanzieren.

Sie planten sogar, mich an meinem Geburtstag unter Drogen zu setzen, damit ich ihre Feier verschlafen würde.

Für sie war ich keine Tochter oder Gefährtin. Ich war nur eine Platzhalterin mit dem richtigen Blut, ein Werkzeug, das man für einen wahren Erben benutzt und dann wegwirft.

Also trank ich am Morgen meines achtzehnten Geburtstags den vergifteten Tee, den meine Mutter mir gab, täuschte meinen Zusammenbruch vor und verschwand für immer.

Aber nicht, ohne vorher eine besondere Lieferung zur Party ihres Sohnes zu arrangieren – eine Kiste, die jedes einzelne ihrer Geheimnisse enthielt.

Kapitel 1

ELARA POV:

„Er benutzt dich, Elara.“

Brennas Stimme war leise, ein beschützendes Knurren vibrierte in ihrer Brust. Sie strich sich eine verirrte Strähne ihres feuerroten Haares aus dem Gesicht, ihre grauen Augen funkelten mit der Schärfe einer Kriegerin.

Wir saßen im „Die Bohne“, einem kleinen Café an der Grenze zwischen unseren beiden Territorien. Es war neutraler Boden, einer der wenigen Orte, an denen Werwölfe willkommen waren, ohne dass wir uns wie Tiere im Käfig fühlten. Die Luft roch nach gerösteten Kaffeebohnen und regennasser Erde, eine beruhigende Mischung.

„Tut er nicht“, sagte ich, meine Stimme schwächer, als ich wollte. Ich umklammerte meine warme Tasse. „Du kennst ihn nicht so wie ich.“

„Ich weiß, was ich sehe“, beharrte sie. „Vor fünf Jahren beschuldigt Seraphina dich, Rudelgeheimnisse verraten zu haben. Eine Anschuldigung, die dich ins Exil hätte bringen können, oder Schlimmeres. Und was passiert mit ihr? Ein Klaps auf die Finger und ein voll finanzierter ‚Erholungsurlaub‘ in irgendeinem Luxusanwesen.“

Ich zuckte zusammen. Die Erinnerung war ein dumpfer Schmerz, ein blauer Fleck auf meiner Seele, der nie ganz verblasste. „Meine Eltern … Alpha Kaelen … sie sagten, es sei das Beste. Um das Rudel vor einem Skandal zu schützen.“

Meine Eltern. Der ehemalige Alpha und die ehemalige Luna des Silbermond-Rudels. Vor Jahren hatten sie mich gefunden, eine Waise, die in der Menschenwelt aufgewachsen war, unwissend über meine eigene Herkunft. Sie erzählten mir, ich sei ihre lange verschollene Tochter, die Erbin der heiligen Weißen Wolfslinie. Und Kaelen … er war mein Gefährte. Der Alpha unseres Rudels. Die andere Hälfte meiner Seele, von der Mondgöttin selbst für mich bestimmt. Die Verbindung zwischen uns sollte ein heiliges Geschenk sein, das eines Tages eine silberne Zeichnung über meinem Herzen und ein Mal auf meiner Hand hinterlassen würde.

Ich sollte der glücklichste Wolf der Welt sein.

„Nächste Woche ist mein achtzehnter Geburtstag, Brenna“, wechselte ich das Thema, ein hoffnungsvolles Flattern in meiner Brust. „Der Tag meiner ersten Wandlung.“

Ein ehrliches Lächeln huschte über ihre Lippen. „Ich weiß. Ich kann es kaum erwarten, deine Wölfin zu sehen. Sie wird prächtig sein.“

„Ich hoffe es.“ Ich beugte mich näher zu ihr und senkte meine Stimme zu einem Flüstern. Ich wollte nicht, dass neugierige Ohren uns belauschten. Stattdessen griff ich über die besondere Verbindung, die alle Rudelmitglieder teilen. Den Gedanken-Link. Es war eine stille, private Gedankenlinie, ein Geschenk der Göttin.

*Ich habe Kaelen gesagt, dass ich in den Mondlicht-Park möchte*, sandte ich ihr, die Worte formten sich in ihrem Kopf, als wären es ihre eigenen Gedanken. *Ich habe irgendwie angedeutet, dass es die perfekte Überraschung wäre.*

Brennas mentale Stimme war von Skepsis durchzogen. *Und was hat der große Alpha gesagt?*

Bevor ich antworten konnte, durchflutete eine andere Stimme meinen Geist. Sie war tief, kraftvoll und von einer Autorität umgeben, die meine Knochen summen ließ. Kaelen.

*Elara.*

Mein Herz machte einen Sprung. Er dachte an mich.

*Kaelen! Ich habe gerade von dir gesprochen.* Eine Wärme durchströmte mich, die einfache Wirkung seiner Anwesenheit in meinem Geist.

Seine Antwort war kurz und ungeduldig. *Ich habe ein wichtiges Rudeltreffen. Bleib zu Hause. Mach keinen Ärger.*

Die Worte waren einfach, aber unter ihnen lag das erdrückende Gewicht des Alpha-Befehls. Es war keine Bitte. Es war ein mit Magie verwobener Befehl, der Gehorsam erzwang. Meine Schultern sackten sofort in sich zusammen, der Drang, ihm zu gefallen, eine gute Gefährtin zu sein, überschwemmte mich.

*Oh. Okay*, sandte ich zurück und versuchte, meine Enttäuschung zu verbergen.

Brenna muss die Veränderung meiner Stimmung gespürt haben. Sie griff über den Tisch und drückte meine Hand. „Lass ihn das nicht mit dir machen. Geh zu ihm. Bring ihm seinen Lieblingskaffee. Überrasche ihn im Turm der Schwarzholz AG und sag ihm von Angesicht zu Angesicht, was du willst.“

Ihr Mut war ansteckend. Sie hatte recht. Ich war seine Gefährtin, seine zukünftige Luna. Meine Wünsche zählten.

Eine Stunde später ging ich durch die glänzende Lobby des Wolkenkratzers der Schwarzholz AG, ein Papptablett mit zwei Kaffees in der Hand. Das Gebäude war das menschliche Gesicht unseres Rudels, ein milliardenschweres Unternehmen, das unsere wahre Natur vor aller Augen verbarg.

Kaelens menschliche Sekretärin, eine unscheinbare Frau namens Klara, schenkte mir ein höfliches, aber bestimmtes Lächeln. „Es tut mir leid, Frau Donovan. Alpha Schwarzholz ist nicht im Haus. Er hatte einen Termin in einer privaten Kunstgalerie im Westend. Ein Ort namens ‚Rhes‘.“

Ein Knoten der Unruhe zog sich in meinem Magen zusammen. Eine private Galerie? Das klang nicht nach einem Rudeltreffen.

Ich fuhr zu der Adresse, die sie mir gegeben hatte, meine Hände waren schweißnass am Lenkrad. Die Galerie war ein schickes, modernes Gebäude mit riesigen Glasfenstern. Ich parkte auf der anderen Straßenseite, mein Herz hämmerte einen rasenden Rhythmus gegen meine Rippen.

Und dann sah ich sie.

Durch das Fenster, klar und deutlich, stand mein Gefährte. Mein Alpha. Kaelen. Er war nicht allein. Neben ihm stand Seraphina, ihr dunkles Haar glänzte unter den Galerielichtern. Zwischen ihnen, an beiden Händen gehalten, war ein kleiner Junge mit Kaelens dunklem Haar und Seraphinas blauen Augen. Er konnte nicht älter als fünf Jahre sein.

Sie sahen aus wie eine Familie.

Mein Atem stockte. Mein ganzer Körper wurde eiskalt. Das musste ein Missverständnis sein. Das musste es einfach.

Dann beugte Kaelen sich hinunter. Er nahm Seraphinas Gesicht in seine Hände, sein Ausdruck voller einer Zärtlichkeit, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er küsste sie. Kein einfacher Kuss. Es war ein tiefer, langer Kuss, genauso wie er mich an diesem Morgen geküsst hatte, bevor er unser Bett verließ.

Ein Schmerz, so scharf, so absolut, zerriss meine Seele. Es fühlte sich an, als würde mein innerstes Wesen in zwei gerissen. Die Gefährtenbindung, die heilige Verbindung zwischen uns, schrie vor Qual.

Ich stolperte aus dem Auto, getrieben von einem morbiden Bedürfnis, es zu wissen. Ich schlich näher an das Fenster, versteckte mich im Schatten des Eingangs. Ihre Stimmen drangen durch das dicke Glas.

„… den ganzen Park nur für Leos Geburtstag?“, sagte Seraphina, ihre Stimme triefte vor Zufriedenheit. „Du bist der Beste, Kaelen.“

Leos Geburtstag. Der Freizeitpark.

„Alles für meinen Sohn“, antwortete Kaelen und wuschelte dem Jungen durchs Haar. „Er hat es verdient.“

Mein Blut gefror zu Eis. Leos Geburtstag war am selben Tag wie meiner.

Seraphina lachte, ein grausames, klingelndes Geräusch. „Was ist mit deinem kleinen Findelkind? Wird sie nicht enttäuscht sein?“

Kaelens Lachen war das grausamste Geräusch, das ich je gehört hatte. „Elara? Sie ist so dankbar, eine Familie zu haben, sie wird alles glauben, was wir ihr erzählen.“

Genau in diesem Moment glitt seine Stimme in meinen Geist, eine beiläufige, intime Störung. Ein Gedanken-Link von Kaelen.

*Treffen gerade beendet. So müde. Denke an dich, meine Gefährtin.*

Die Lüge, so offensichtlich und mit solch beiläufiger Grausamkeit vorgetragen, brach mein Herz nicht. Sie zertrümmerte es in eine Million Stücke, und an seiner Stelle begann sich etwas Kaltes und Hartes zu formen.

Das Spiel war aus. Und ich war fertig damit, eine Schachfigur zu sein.

Kapitel 2

ELARA POV:

In dieser Nacht fühlte sich das Alpha-Anwesen weniger wie ein Zuhause und mehr wie ein wunderschön eingerichteter Käfig an. Die Luft war dick von Lügen.

Als Kaelen durch die Tür kam, hing der Geruch von Seraphina an ihm. Nicht ihr Parfüm, sondern ihr einzigartiger Wolfsgeruch – eine widerlich süße Mischung aus Honig und Nachtschatten, die meinen Magen umdrehte. Es war ein intimer Geruch, einer, der nur durch engen, langen Kontakt entstand. Das Zeichen einer anderen Wölfin auf meinem Gefährten.

Meine innere Wölfin, ein Teil von mir, den ich kaum kannte, zuckte mit einem Knurren zurück.

„Da bist du ja“, sagte er, seine Stimme so glatt wie polierter Stein. Er wollte seine Arme um mich legen.

Ich wich einen Schritt zurück. Es war keine Entscheidung; es war ein Reflex. Mein Körper, meine Seele, weigerte sich, ihn zu berühren. Die Gefährtenbindung, die einst nach seiner Anwesenheit verlangte, sah ihn nun als eine Quelle des Gifts.

Kaelens Lächeln erstarb. Er sah die Ablehnung in meinen Augen. „Immer noch sauer wegen des Freizeitparks? Sei nicht kindisch, Elara. Ich kaufe dir diese Diamantkette, die du dir angesehen hast. Die teuerste in der ganzen Stadt.“

Er dachte, er könnte meine Vergebung kaufen. Er dachte, ich wäre so oberflächlich. So einfach.

Ich zwang mich zu einem kleinen, zerbrechlichen Lächeln. „Ich bin nur müde. Langer Tag.“ Ich spielte die Rolle, die er von mir erwartete: die gehorsame, leicht mürrische Gefährtin.

Er kaufte es mir ab. Das tat er immer.

Später, als er tief und gleichmäßig neben mir schlief, schlich ich aus unserem Bett. Das Mondlicht fiel durch das Fenster und beleuchtete den Weg zu seinem privaten Arbeitszimmer. Die eine Tür im ganzen Anwesen, die immer verschlossen war. Nicht mit einem Schlüssel, sondern mit einem schweren, verzierten Schloss aus reinem Silber.

Silber. Die einzige Substanz, die unsere Art verbrennen konnte, die unsere Stärke und Heilung blockierte. Was auch immer hinter dieser Tür war, er versteckte es vor anderen Werwölfen.

Ich stand vor dem Tastenfeld neben dem Schloss, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich atmete zittrig ein und tippte die Zahlen ein. Meinen Geburtstag. Der Tag, an dem ich meine erste Wandlung haben sollte. Derselbe Tag wie der Geburtstag seines Sohnes.

2-1-0-8.

Ein leises Klicken hallte durch den stillen Flur. Das Silberschloss zog sich zurück.

Die Tür schwang auf.

Das Arbeitszimmer war dunkel und roch nach alten Büchern und seinem Duft – Zeder und Winterfrost. Ich machte das Licht nicht an. Ich brauchte es nicht. Meine Werwolfsicht durchdrang die Dunkelheit.

Ich ging direkt zu seinem Schreibtisch. In der untersten Schublade, unter einem Stapel Finanzberichte, lag ein in Leder gebundenes Fotoalbum. Meine Hände zitterten, als ich es öffnete.

Das erste Bild zeigte Kaelen und eine schwangere Seraphina, beide strahlten vor Glück. Das nächste zeigte Kaelen, wie er ein neugeborenes Baby hielt. Seite für Seite dokumentierte ein Leben, von dem ich nie gewusst hatte, dass es existiert. Geburtstagsfeiern, Familienurlaube, Weihnachtsmorgen.

Und dann sah ich es. Ein Foto, das mir die Luft raubte. Es war ein Familienporträt. Kaelen, Seraphina und der kleine Leo. Neben ihnen standen lächelnd meine Eltern. Der ehemalige Alpha Richard und die ehemalige Luna Eleonore. Meine Mutter hatte ihren Arm um Seraphinas Schultern gelegt.

Sie wussten es. Sie alle wussten es. Sie waren von Anfang an Teil dieser Lüge gewesen.

Meine Trauer verwandelte sich in eiskalte Wut. Ich ging zu seinem Laptop. Er war natürlich passwortgeschützt. Aus einer verzweifelten Ahnung heraus tippte ich dieselben Zahlen ein. Meinen Geburtstag.

Zugriff gewährt.

Ich fand alles. Ein Ordner mit der Bezeichnung „Leo“ enthielt seine Geburtsurkunde, Heimvideos von seinen ersten Schritten, seinen ersten Worten. Ein anderer Ordner, „Finanzen“, legte die gesamte Verschwörung offen.

In den letzten fünf Jahren hatten meine Eltern Millionen von Euro von den öffentlichen Konten des Rudels abgezweigt. Das Geld wurde an eine Briefkastenfirma überwiesen. Der Name der Firma war Rhes Galerie.

Sie benutzten Rudelgelder, um ein geheimes Leben für meinen Gefährten und seine andere Familie zu finanzieren. Für meinen Ersatz.

Meine Hände bewegten sich wie von selbst. Ich fand einen USB-Stick in seiner Schreibtischschublade und begann, alles zu kopieren. Jede Datei, jedes Foto, jeder Transaktionsdatensatz. Ich verschlüsselte den Stick mit einer komplexen Reihe alter Werwolfrunen, einer Sprache, auf die mein Vater stolz war, die er aber seiner echten Tochter nie beigebracht hatte. Ich hatte sie mir selbst beigebracht.

Als die letzte Datei kopiert war, durchdrang ein scharfer, bösartiger Gedanke meinen Geist. Es war nicht mein eigener. Es war eine Projektion, eine Verletzung. Seraphina benutzte Kaelens Verbindung zu mir und zwang mir ein Bild in den Kopf.

Es war das Familienporträt mit meinen Eltern darin.

Dann kam Seraphinas Stimme, triefend vor Gift und Triumph.

*Habe gehört, du fühlst dich ausgeschlossen. Nur eine kleine Erinnerung an deinen Platz, kleiner Omega. Du bist nur ein bequemer Ersatz. Eine Platzhalterin mit dem richtigen Blut.*

Omega. Der niedrigste Rang. Ein Begriff für die Schwachen, die Unterwürfigen, die Wertlosen.

Das war es. Das war der letzte Stoß. Die Trauer war weg. Der Schmerz war weg. Alles, was blieb, war ein brennendes, alles verzehrendes Feuer.

Sie wollten, dass ich eine Platzhalterin bin? Gut. Ich würde ihnen zeigen, was passiert, wenn man versucht, eine Weiße Wölfin in einen Käfig zu sperren.

Kapitel 3

ELARA POV:

Am nächsten Morgen wusste ich, was ich tun musste. Ich brauchte mehr. Mehr Beweise. Mehr Informationen. Ich musste den Käfig, den sie für mich gebaut hatten, mit eigenen Augen sehen.

Ich musste in die Rhes Galerie gelangen.

Als ich selbst zu gehen, war unmöglich. Also wurde ich jemand anderes. Ich benutzte ein Wegwerfhandy, um die Personalagentur der Galerie anzurufen, und schuf eine falsche Identität – Hope, eine menschliche Frau, die verzweifelt nach Arbeit suchte. Eine kleine Bestechung in bar, die von einem nicht nachverfolgbaren Konto überwiesen wurde, das Brenna mir eingerichtet hatte, sorgte dafür, dass ich als temporäre Reinigungskraft für den Tag eingestellt wurde.

Bevor ich ging, zerrieb ich eine Handvoll Minze und Rosmarin aus dem Garten und rieb die duftenden Öle auf meine Haut und Kleidung. Der starke Kräuterduft würde meine eigene einzigartige Wolfsessenz überdecken, das verräterische Zeichen einer Weißen Wölfin, das jeder Werwolf identifizieren konnte. Ich würde wie ein Mensch riechen.

Ich zog eine Mütze tief über meine Haare und setzte eine Einweg-Gesichtsmaske auf. Als ich in den Spiegel schaute, sah ich eine Fremde. Nicht Elara, die verlorene Erbin. Nicht die zukünftige Luna. Nur Hope, ein Mädchen mit gequälten Augen. Angst hatte mich zu einem Geist gemacht. Wut machte mich zu einer Strategin.

Als Reinigungskraft in die Galerie zu gehen, war eine surreale Erfahrung. Der Ort war ein Denkmal für ihren Verrat, finanziert mit dem Geld meines Rudels. Ich wurde beauftragt, den zweiten Stock zu reinigen, der auch die privaten Büros umfasste. Seraphinas Büro.

Ihre Tür war unverschlossen. Der Raum war opulent, in Creme- und Goldtönen gehalten. Und auf ihrem Schreibtisch, in einem silbernen Rahmen, war ein Foto von ihr und Kaelen. Sie posierten förmlich, wie ein wahrer Alpha und eine wahre Luna. Ein „Paarfoto“, das ihre Verbindung zur Welt erklären sollte. Das war nicht nur eine Affäre. Das war eine Schattenregierung, eine geheime Familie, die von den Ältesten des Rudels – meinen eigenen Eltern – sanktioniert wurde.

Ich arbeitete schnell, meine Hände bewegten sich wie von selbst, während mein Verstand raste. Im Pausenraum der Angestellten fand ich meine Chance. Eine junge Wölfin, kaum älter als ich, wischte die Theke ab. Ihr Geruch war schwach, ihre Haltung unterwürfig. Ein Omega. Auf ihrem Namensschild stand „Anna“.

„Viel los heute“, sagte ich mit sorgfältig neutraler, menschlicher Stimme.

Sie zuckte erschrocken zusammen. „Oh! Ja. Die Ältesten sind in letzter Zeit oft hier.“

„Älteste?“, fragte ich und tat unwissend, während ich einen Mülleimer leerte.

„Ja, der ehemalige Alpha Richard ist fast jeden Tag hier“, flüsterte sie und beugte sich verschwörerisch vor. „Er überwacht die Geschäfte der Galerie selbst. Verbringt mehr Zeit hier als im Rudelrat, das schwöre ich.“

Mein Blut gefror. Mein Vater.

„Und die ehemalige Luna Eleonore“, fuhr Anna mit großen Augen fort, „sie bringt ständig Gäste aus anderen Rudeln hierher. Wichtige Alphas und Lunas. Sie stellt Frau Seraphina immer als ‚die Tochter, die sie sich immer gewünscht hat‘ vor.“

Jedes Wort war ein körperlicher Schlag. Die Tochter, die sie sich immer gewünscht hat. Was machte das aus mir? Die Tochter, mit der sie festsaß?

Genau in diesem Moment klingelte die Eingangstür. Mein Kopf schnellte hoch. Kaelen kam herein und hielt Leo an der Hand. Seraphina war an seiner anderen Seite und strahlte.

Ich drehte mich schnell um, griff nach einer Sprühflasche und einem Lappen und tat so, als wäre ich damit beschäftigt, eine Vitrine zu reinigen. Mein Herz war ein rasender Trommelwirbel gegen meine Rippen.

„… wann können wir sie endlich loswerden?“, war Seraphinas Stimme ein scharfes Jammern. „Ich bin es leid, dich zu teilen, Kaelen. Ich bin es leid, im Schatten zu leben.“

Kaelens Antwort war ungeduldig, harsch. „Du weißt warum, Seraphina. Alles, was wir haben, diese Galerie, Leos Zukunft, hängt von ihr ab. Von ihrem Status als Erbin der Weißen Wölfin. Sobald sie vollständig an mich gebunden ist, sobald sie einen eigenen Erben hervorgebracht hat, dann können wir uns um sie kümmern. Bis dahin wirst du geduldig sein.“

Er benutzte mich. Für meine Blutlinie. Für einen Erben. Die Erkenntnis war erstickend.

Ich musste hier raus. Ich bewegte mich in Richtung Ausgang und hielt den Kopf gesenkt. Ich war fast an der Tür.

„Du.“

Die Stimme war leise, von Macht durchdrungen. Die Stimme eines Alphas. Kaelens Stimme.

Ich erstarrte, den Rücken immer noch zu ihm gewandt.

„Ich erkenne deinen Geruch nicht“, knurrte er. „Du bist neu.“

Mein ganzer Körper spannte sich an. Er war ein Alpha. Seine Sinne waren tausendmal schärfer als die eines normalen Wolfs. Die Kräuter … waren sie genug?

Ich hielt mein Gesicht verborgen und nickte leicht.

„Dreh dich um“, befahl er.

Ich blieb stehen, meine Füße fühlten sich an, als wären sie am Boden festgeklebt.

Seine Stimme wurde leiser, nun erfüllt von der unverkennbaren, unwiderstehlichen Kraft des Alpha-Befehls. Sie vibrierte durch die Luft, ergriff die Kontrolle über meine Muskeln, meine Nerven, meinen Willen.

„Ich sagte, dreh dich um. Und nimm diese Maske ab. Sofort!“

Jetzt die ganze Geschichte lesen
Unterstütze den Autor und inspiriere weitere tolle Geschichten von Moboreader
Alle Kapitel freischalten

Der geheime Sohn meines Alpha-Gefährten: Meine ultimative Zurückweisung

Kapitel 1
Kapitel
Anpassen
Nächstes Kapitel