Kapitel 1
"Sieh es dir an."
Jeannette schiebt Eleanor den Bildschirm ihres Handys direkt ins Gesicht, in der Sekunde, in der die schwere Tür des schwarzen Range Rovers ins Schloss fällt. Sie ignoriert den beißenden Herbstwind von Boston, der am Logan International Airport gerade durch ihren dünnen Mantel peitschte. Sie ignoriert die Erschöpfung, die nach dem Transatlantikflug hinter ihren Augen brennt.
Eleanor, die gerade über den Bordstein gefahren ist und drei Sicherheitsleute ignoriert hat, um hier zu parken, erstarrt. Ihre Hände umklammern das Lederlenkrad. Sie blickt auf den leuchtenden Bildschirm.
Jeannette sieht, wie der Brustkorb ihrer besten Freundin aufhört, sich zu bewegen. Das Foto ist hochauflösend. Keine Unschärfe. Kein Raum für Missverständnisse. Es ist Devyn, Jeannettes Verlobter, verschlungen in weißen Laken mit Zara.
Eleanor schnappt nach Luft, ein scharfes, hässliches Geräusch. Ihr Fuß rutscht von der Bremse, und der schwere SUV macht einen Satz nach vorne, die Reifen quietschen auf dem Asphalt, bevor sie die Bremse wieder durchtritt und nur knapp eine Betonbarriere verfehlt.
"Fahr", sagt Jeannette. Ihre Stimme ist vollkommen ausdruckslos. Sie klingt nicht wie ihre eigene. Sie klingt wie die einer Fremden.
Eleanor flucht. Sie legt den Gang ein und tritt das Gaspedal durch. Der Range Rover fädelt sich mit brachialer Geschwindigkeit auf den Highway ein. "Dieses heuchlerische, lügende Stück Dreck! Die Familie Langley führt ihn herum, als wäre er ein Heiliger. Ich werde ihn umbringen, Jeannette. Ich werde ihn physisch vernichten."
Jeannette streckt die Hand aus und dreht die Heizung des Wagens herunter. Die heiße Luft, die ihr ins Gesicht bläst, verursacht ihr Übelkeit. Ihr Magen zieht sich zu einem festen, schmerzhaften Knoten zusammen, aber sie weigert sich, ihre Hände zittern zu lassen. Sie drückt ihren Daumennagel fest in die Seite ihres Zeigefingers und erdet sich mit dem scharfen Schmerzstich.
"Meine Tränen sind irgendwo über dem Atlantik getrocknet", sagt Jeannette und starrt blind auf die verschwommenen Rücklichter der Autos vor ihr. "Weinen ist nutzlos. Ich brauche ein Messer. Das schärfste, das ich finden kann."
Eleanor wirft ihr einen Blick zu, und ein Schauer läuft ihr bei der absoluten Leere in Jeannettes Augen über den Rücken.
Der SUV taucht in die dunkle Tiefgarage von Eleanors Penthouse in Back Bay ein. Die plötzliche Abwesenheit von Licht fühlt sich schwer an. Jeannette löst mit einem scharfen Klicken ihren Sicherheitsgurt. Ihre Bewegungen sind mechanisch, präzise. Wie ein Soldat, der eine Waffe lädt.
Minuten später öffnet sich der private Aufzug direkt in Eleanors Wohnung. Jeannette streift ihre High Heels ab. Sie tritt barfuß auf den weichen Perserteppich und ignoriert dabei völlig den atemberaubenden nächtlichen Blick auf den Charles River durch die bodentiefen Fenster.
Eleanor geht direkt zum Spirituosenschrank. Sie holt eine Flasche alten Macallan hervor und gießt zwei Fingerbreit puren Whiskey in schwere Kristallgläser. Sie drückt Jeannette eines in die Hand, verzweifelt bemüht, die erstickende Spannung im Raum zu durchbrechen.
Jeannette legt den Kopf in den Nacken und schluckt die bernsteinfarbene Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Der Alkohol brennt einen feurigen Pfad ihre Kehle hinab und legt sich wie glühende Kohlen in ihren Magen. Er nährt die stille Wut, die in ihren Adern pulsiert.
"Wir schicken das Foto sofort an die Presse", sagt Eleanor und geht im Zimmer auf und ab.
"Nein." Jeannette schüttelt den Kopf. Sie stellt das leere Glas mit einem dumpfen Geräusch ab. "Ein Foto ist nicht genug. Die PR-Maschinerie der Langleys wird es verdrehen. Sie werden sagen, es sei mit Photoshop bearbeitet. Sie werden sagen, es sei ein KI-Deepfake. Ich brauche mehr."
Sie zieht ihren Laptop aus ihrer Handgepäcktasche und klappt ihn auf. Das grelle blaue Licht beleuchtet ihr blasses Gesicht. Ihre Finger fliegen über die Tastatur und rufen die detaillierte Vermögensaufstellung auf, die sie vor Monaten unter dem Vorwand der Ehevertragsplanung von Devyns Buchhalter verlangt hatte.
"Wonach suchst du?", fragt Eleanor und beugt sich über ihre Schulter.
"Einen blinden Fleck", murmelt Jeannette. Ihre Augen überfliegen Datenzeilen, bis sie an einer bestimmten Adresse hängen bleiben. Ein privates Luxusapartment in der Upper East Side in Manhattan. Nicht unter dem Haupt-Familientrust der Langleys registriert.
Jeannette zeigt auf den Bildschirm. Dann holt sie das Betrugsfoto auf ihrem Handy hervor und zoomt auf den Hintergrund. "Sieh dir das Kopfteil an. Sieh dir den maßgefertigten Nachttisch an. Es passt zum Portfolio des Innenarchitekten für genau diese Adresse in Manhattan."
Sie greift in den versteckten Reißverschluss ihrer Brieftasche und zieht eine schmale, schwarze Schlüsselkarte hervor. Sie knallt sie auf den gläsernen Couchtisch. Das Plastik macht ein scharfes, klatschendes Geräusch.
"Er hat sie mir vor sechs Monaten gegeben, um zu beweisen, dass er keine Geheimnisse hat", sagt Jeannette, und ein bitteres, hohles Lachen entweicht ihren Lippen. "Er hat vergessen, dass er sie mir gegeben hat."
Eleanor starrt auf die Karte, ihre Augen weiten sich. "Jeannette... was tust du da? Und bitte sag mir, dass du nicht vorhast, dieselbe verrückte Nummer abzuziehen, mit der du früher die Yachtpartys der Milliardäre in Monaco gecrasht hast. Gott sei Dank legst du endlich diese süße Verlobten-Nummer ab, aber das hier ist gefährlich."
Jeannette antwortet nicht. Sie öffnet einen neuen verschlüsselten Tab und navigiert zu einem sicheren Messaging-Netzwerk, das sie seit dem Tod ihres Großvaters nicht mehr benutzt hat. Schnell tippt sie eine Nachricht an einen alten Problemlöser der Familie, jemanden, der auf die Grauzonen der High Society spezialisiert ist. Sie fordert kompakte, leistungsstarke und absolut nicht zurückverfolgbare Überwachungsinstrumente an. Nadelöhrkameras in Militärqualität. Hochpräzise Abhörwanzen.
Eleanor holt scharf Luft. "Das ist ein Verbrechen. Du verstößt gegen die Abhörgesetze."
"In den Kreisen des alten Geldes schreibt der Gewinner die Gesetze", sagt Jeannette, und ihre Stimme sinkt zu einem gefährlichen Flüstern. "Ich brauche deine Medienkontakte. Besorg mir den Sicherheitsgrundriss für die Langley-Wohltätigkeitsgala nächste Woche."
Eleanor zögert und kaut auf ihrer Unterlippe. "Die Sicherheitsvorkehrungen dort sind der Wahnsinn."
Jeannette dreht den Kopf. Sie sieht ihrer besten Freundin fest in die Augen. Die Intensität in ihrem Blick ist furchteinflößend.
"Okay", haucht Eleanor. "Ich besorge ihn."
Jeannette wendet sich wieder dem Bildschirm zu. Sie bucht ein Erste-Klasse-Ticket für den ersten Flug am Morgen von Boston nach New York. Abflug ist im Morgengrauen, was ihr gerade genug Zeit gibt, sich mental auf die Infiltration vorzubereiten.
"Schlaf eine Nacht", fleht Eleanor. "Du siehst aus, als würdest du gleich umkippen."
Jeannette schnappt sich ihr leeres Whiskeyglas und knallt es auf den Tisch, das Kristallglas klingt laut nach. "Das Feuer brennt jetzt, El. Ich lasse es nicht ausgehen."
Es klingelt an der Tür. Der örtliche Kurier.
Jeannette geht zur Tür. Sie unterschreibt auf dem digitalen Pad. Ihre Hand zittert nicht um einen Millimeter. Sie nimmt das schwarze Paket, reißt es auf der Kücheninsel auf und überprüft fachmännisch die Akkus und Übertragungssignale der winzigen Linsen.
Sie stopft die Ausrüstung in einen unauffälligen schwarzen Rucksack. Sie streift ihre Reisekleidung ab und zieht eine schwarze Leggings, einen schwarzen Kapuzenpullover und eine dunkle Baseballkappe an.
Bevor sie zur Tür hinausgeht, bleibt sie vor dem Spiegel im Eingangsbereich stehen. Sie starrt die Frau an, die ihr entgegenblickt – kalt, erschöpft und tödlich. Sie blickt auf ihre linke Hand hinab. Sie packt den fünkarätigen Diamant-Verlobungsring, zieht ihn von ihrem Finger und wirft ihn achtlos auf den Schuhschrank. Er landet mit einem dumpfen Klirren.
Die schwere Haustür fällt hinter ihr ins Schloss. Jeannette tritt allein in die eiskalte Nacht von Boston hinaus.
Kapitel 2
Das gelbe Taxi kommt auf der Fifth Avenue ruckartig zum Stehen.
Es ist nach Mitternacht. Die Luft in Manhattan ist schwül und feucht. Jeannette steigt auf den Bürgersteig und zieht sich die Krempe ihrer schwarzen Baseballkappe tief über die Augen. Sie bezahlt in bar, kehrt dem Haupteingang des ultraluxuriösen Wohngebäudes den Rücken und geht zügig in Richtung der Seitengasse.
Ihr Herz hämmert gegen ihre Rippen, ein hektischer, schwerer Rhythmus, der ihr das Atmen erschwert. Sie findet die diskrete, nur für Anwohner bestimmte Seitentür. Ihre Finger sind eiskalt, als sie Devyns schwarze Schlüsselkarte aus ihrer Tasche zieht.
Sie drückt sie gegen den Scanner.
Ein winziges Licht blinkt grün auf. Das schwere Magnetschloss klickt auf.
Jeannette drückt die Tür auf und schlüpft hinein. Der Flur ist schummrig beleuchtet und riecht nach teurem Bohnerwachs. Sie macht zwei Schritte nach vorn und erstarrt.
Ein Wachmann der Nachtschicht in einem maßgeschneiderten Anzug kommt mit einer Taschenlampe in der Hand um die Ecke.
Panik schnürt Jeannette die Kehle zu. Ihre Beinmuskeln blockieren. Sie senkt sofort den Kopf und wühlt panisch in ihrem Rucksack, als ob sie etwas suchen würde.
„Entschuldigen Sie, Miss?", die Stimme des Wachmanns ist scharf und misstrauisch.
Jeannette zwingt ihre Lungen, sich zu weiten. Sie kneift sich fest in den eigenen Oberschenkel, um sich aus der Schockstarre zu lösen. Als sie aufblickt, reckt sie ihr Kinn in einem arroganten Winkel und lässt ihre Stimme in einen perfekten, schleppenden Akzent der Upper East Side fallen.
„Wurde auch Zeit", schnauzt sie und verdreht die Augen. „Ich suche seit zehn Minuten meinen Lipgloss. Sagen Sie der Rezeption, dass die Beleuchtung in diesem Korridor eine Zumutung ist. Ich werde das bei der nächsten Vorstandssitzung zur Sprache bringen."
Der Wachmann blinzelt, aus dem Konzept gebracht von der schieren Selbstverständlichkeit, die sie ausstrahlt. Er senkt die Taschenlampe. „Ich bitte um Entschuldigung, Ma’am. Ich werde es im Protokoll vermerken."
Er nickt und geht an ihr vorbei.
Jeannette atmet erst aus, als er um die Ecke biegt. Sie rennt praktisch zur privaten Aufzugsgruppe und drückt den Knopf für das Penthouse. Die Türen gleiten zu. Der Aufzug schießt mit einer übel erregenden Geschwindigkeit nach oben, die ihren Magen heftig verkrampfen lässt. Sie presst ihre Hand auf ihren Bauch und zwingt sich, durch die Nase zu atmen.
Die Türen öffnen sich direkt in ein weitläufiges, dunkles Foyer. Sie zieht die Karte noch einmal durch das Lesegerät an der schweren Mahagonitür. Sie entriegelt.
Sie tritt ein.
Die Luft in der Wohnung trifft sie wie ein körperlicher Schlag. Es riecht penetrant nach Bvlgari-Parfüm. Zaras unverkennbarer Duft. Säure brennt in Jeannettes Rachen. Sie schluckt die Galle hinunter.
Sie zieht ein Paar enge medizinische Gummihandschuhe aus ihrer Tasche und lässt sie über ihre Hände schnappen. Sie schaltet die Taschenlampe ihres Handys ein und hält den Lichtkegel auf den Boden gerichtet. Das Wohnzimmer ist riesig. Sie lässt das Licht über den teuren weißen Perserteppich und das maßgefertigte italienische Sofa gleiten.
Dort, achtlos über die Armlehne drapiert, liegt ein Stück schwarzer Spitzenunterwäsche.
Ein stechender Schmerz durchzuckt Jeannettes Brust. Ihre Finger ballen sich so fest zu Fäusten, dass sich ihre Nägel durch die Handschuhe in ihre Handflächen bohren. Sie will schreien. Sie will einen Baseballschläger nehmen und jedes Stück Glas in diesem Raum zerschmettern.
Stattdessen klettert sie auf das Sofa. Sie streckt sich zum Sockel des riesigen Kristallleuchters, der in der Mitte des Raumes hängt. Sie zieht die erste Lochkamera aus ihrer Tasche.
Der Metallspalt zwischen dem Sockel und der Decke ist unglaublich eng. Sie zwängt das winzige Gerät hinein. Die scharfe Kante der Metallhalterung schneidet durch den dünnen Gummihandschuh in ihren Zeigefinger.
Ein schwerer, dunkler Blutstropfen quillt hervor. Er schwebt in der Luft, kurz davor, direkt auf den makellos weißen Teppich unter ihr zu fallen.
Jeannette schnappt nach Luft. Sie lässt die Kamera fallen, greift mit der anderen Hand nach einem Taschentuch aus ihrer Tasche und fängt den Blutstropfen in der Luft auf. Sie wickelt das Taschentuch fest um ihren blutenden Finger und ignoriert den pochenden Schmerz. Sie zwängt die Kamera in den Spalt und richtet das Objektiv perfekt aus.
Sie springt hinunter, zieht ihren Empfänger heraus und überprüft den Feed. Eine kristallklare Weitwinkelansicht des Wohnzimmers füllt ihren Bildschirm.
Sie geht zum Hauptschlafzimmer. Die Tür aufzustoßen fühlt sich an, als würde sie ein Schlachtfeld betreten. Das Kingsize-Bett ist ein einziges Gewirr aus Laken. Benutzte Kondome liegen offen auf dem Nachttisch. Es ist eine brutale, visuelle Bestätigung jeder einzelnen Lüge.
Ihre Hände zittern, als sie die zweite Kamera – die mit der Wanze – hinter dem Auge eines modernen Kunstporträts installiert, das direkt über dem Bett hängt.
Sie testet gerade den Audio-Feed, als ein scharfes „Ding" aus dem Flur draußen ertönt.
Der private Aufzug ist angekommen.
Jeannette gefriert das Blut in den Adern. Ihr Puls schnellt so schnell in die Höhe, dass ihr schwindelig wird. Sie schaltet die Taschenlampe ihres Handys sofort aus. Sie schießt durch den Raum, zwängt sich in den riesigen begehbaren Kleiderschrank und zieht die Lamellentüren zu, genau in dem Moment, als sich die Eingangstür der Wohnung öffnet.
„Ich schwöre bei Gott, was die für eine Sauerei hinterlassen", beschwert sich eine Frauenstimme laut. Das Klackern von Stöckelschuhen hallt über den Parkettboden. Es ist die exklusive Nacht-Reinigungskraft des Gebäudes.
Die Lichter im Wohnzimmer gehen an. Helles, grelles Licht schneidet durch die Lamellen der Schranktür und trifft Jeannettes Gesicht. Sie presst ihren Rücken gegen die Rückwand des Schranks und vergräbt ihr Gesicht in einer Reihe von Devyns teuren Anzügen, um ihr Atmen zu dämpfen. Sie umklammert die kleine Dose Pfefferspray in ihrer Tasche.
Die Reinigungskraft betritt das Hauptschlafzimmer. Ihre Schritte sind schwer. Sie beginnt, das Bett abzuziehen, und murmelt dabei vor sich hin. Sie ist weniger als zwei Meter von der Schranktür entfernt.
Jeannettes Waden beginnen vom Hocken zu krampfen. Der Schmerz ist unerträglich, ein scharfes, reißendes Gefühl in ihren Muskeln. Sie beißt sich so fest auf die Innenseite ihrer Lippe, dass sie Kupfer schmeckt, und weigert sich, einen Laut von sich zu geben.
Die Reinigungskraft ist mit dem Bett fertig. Sie dreht sich um und geht direkt auf den Schrank zu. Ihre Hand streckt sich aus. Ihre Finger umschließen den Messinggriff der Lamellentür.
Jeannette hält den Atem an. Ihr Daumen schwebt über dem Auslöser des Pfeffersprays.
Plötzlich erinnert sich Jeannette an das Zweithandy, das Devyn für seine ‚Beratungs‘-Arbeit benutzt. Ihr Daumen fliegt über ihren eigenen Bildschirm und wählt schnell seine geheime Nummer. Eine Sekunde später schrillt ein lauter, aufdringlicher Klingelton aus der Tasche eines Blazers, der achtlos über einen nahegelegenen Sessel geworfen wurde.
Die Reinigungskraft stöhnt auf und lässt den Schrankgriff los. „Diese reichen Kinder und ihre Wecker", murmelt sie und wendet sich ab, um die Lärmquelle zu finden. Sie findet den Blazer, schaltet das klingelnde Handy aus und schüttelt den Kopf.
Sie schaltet das Schlafzimmerlicht aus und eilt hinaus. Die schwere Eingangstür fällt ins Schloss. Das Schloss rastet ein.
Jeannette sackt auf dem Boden des Schranks zusammen. Kalter Schweiß durchnässt ihren schwarzen Hoodie und klebt an ihrer Wirbelsäule. Sie ringt nach Luft, ihre Brust hebt und senkt sich heftig, während sie darauf wartet, dass sich ihr Herzschlag verlangsamt.
Sie zwingt sich aufzustehen. Sie wischt den Türgriff ab, überprüft ein letztes Mal die Kamera-Feeds und schlüpft aus der Wohnung.
Als sie aus dem Gebäude auf die Fifth Avenue tritt, färbt das erste Licht der Morgendämmerung den Himmel über New York. Der eiskalte Morgenwind trocknet den Schweiß auf ihrem Gesicht. Sie steigt in ein Taxi, das zurück zum Flughafen JFK fährt.
Sie blickt zurück auf das hoch aufragende Luxusgebäude, zieht ihr Handy heraus und drückt den Aktivierungsknopf der Überwachungs-App. Die Falle ist gestellt.
Kapitel 3
Der Becher mit schwarzem Kaffee brennt in Jeannettes Handflächen, doch sie lässt ihn nicht los.
Sie sitzt im Schneidersitz auf Eleanors plüschigem Wohnzimmersofa in Boston, ihr Blick starr auf den riesigen, an der Wand montierten Fünfundachtzig-Zoll-Fernseher gerichtet. Der Bildschirm ist zweigeteilt. Links das stille, leere Wohnzimmer des Manhattan-Penthouses. Rechts das perfekt gemachte Ehebett.
Drei Tage lang verlässt Jeannette die Wohnung nicht. Sie isst kaum. Sie sitzt da wie eine Statue, die dunklen Ringe unter ihren Augen vertiefen sich zu blauen Schatten. Eleanor beobachtet sie, kaut nervös an ihren Nägeln, entsetzt bei dem Gedanken, dass ihre beste Freundin den Verstand verliert.
In der vierten Nacht geschieht es.
Der linke Bildschirm leuchtet plötzlich auf. Das Geräusch eines Schlüssels, der sich im Schloss dreht, knistert durch die High-Fidelity-Lautsprecher in Eleanors Wohnzimmer.
Jeannettes Rücken richtet sich schlagartig auf. Ihr Daumen hämmert auf den Aufnahmeknopf ihres Laptops. Eleanor lässt ihre Zeitschrift fallen und eilt zum Sofa, ihre Augen weit aufgerissen.
Auf dem Bildschirm stolpert Devyn durch die Haustür. Seine Krawatte ist gelöst. Er lacht, ein lallendes, betrunkenes Geräusch. Sein Arm ist fest um Zaras Taille geschlungen. Zara kichert, stößt die Tür mit dem Absatz zu, bevor sie ihm die Arme um den Hals schlingt. Sie prallen gegen die Wand und küssen sich gierig.
„Gott, wann wirst du diese langweilige, verklemmte Schlampe endlich abservieren?", jammert Zara, ihre Stimme hallt scharf durch den stillen Raum.
Devyn grinst, während seine Hände über ihren Körper wandern. „Bald, Baby. Sobald die letzte Auszahlung aus dem Treuhandfonds der Familie Beaumont auf meinem Konto eingeht. Dann werde ich Jeannette rauswerfen wie den Müll, der sie ist."
Die Worte treffen Eleanor wie ein Faustschlag. Sie schnappt sich ein Samtkissen und schleudert es wütend gegen den Fernsehbildschirm. „Dieses parasitäre, goldgierige Stück Scheiße!", schreit sie, ihr Gesicht rot vor Zorn.
Jeannette blinzelt nicht. Ihr Gesicht ist eine Maske absoluter, furchterregender Ruhe. Ihre Augen sind tot, völlig emotionslos, während sie zusieht, wie der Mann, den sie heiraten sollte, eine andere Frau auf das Sofa zerrt. Sie tippt auf das Trackpad und zoomt auf ihre Gesichter, um sicherzustellen, dass die Auflösung makellos ist.
Das folgende Gespräch ist abscheulich. Sie machen sich über Jeannettes konservative Kleidung lustig. Sie lachen darüber, wie sie es in Devyns Auto getrieben haben, während Jeannette in einem Restaurant auf ihn wartete.
Die Kamera schaltet auf das Hauptschlafzimmer um. Das Nadelöhr-Objektiv fängt jede widerliche, unbestreitbare Sekunde ihres Verrats ein.
Zwei Stunden später stoppt die Aufnahme.
Jeannette atmet langsam aus. Ihre Finger fliegen über die Tastatur und verschlüsseln die riesige Videodatei. Sie lädt sie auf drei separate, sichere Cloud-Server in der Schweiz und in Singapur hoch. Sie lädt eine Kopie auf einen verschlüsselten USB-Stick herunter.
Sie geht zum Wandsafe, schließt den Stick darin ein und wendet sich Eleanor zu. Ein langsames, eiskaltes Lächeln breitet sich auf Jeannettes Gesicht aus.
„Die Jagd ist vorbei", flüstert Jeannette.
Eleanor schaudert. „Was wirst du damit machen? Dieses Video ist eine Atombombe."
Jeannette geht zur Küchentheke und nimmt den dicken, cremefarbenen Umschlag, der dort liegt. Es ist die Einladung zur jährlichen Wohltätigkeitsgala der Familie Langley. Sie fährt mit dem Fingernagel über das goldfolierte Langley-Wappen, das auf die Vorderseite geprägt ist.
„Ich werde ihnen ein Geschenk machen", sagt Jeannette, ihre Stimme glatt wie Glas. „Vor jeder einzelnen Person, die in Boston von Bedeutung ist."
Eleanor stößt ein scharfes, aufgeregtes Lachen aus. Sie greift sofort nach ihrem Handy. „Ich rufe meinen Stylisten an. Wir brauchen eine Rüstung."
Am nächsten Nachmittag schiebt ein Team von Stylisten Kleiderständer mit Haute Couture in die Wohnung. Jeannette geht an den weichen, ätherischen weißen Kleidern vorbei, ohne ihnen einen zweiten Blick zu würdigen.
Ihr Blick bleibt an einem Kleid am Ende des Ständers hängen. Es ist ein Vintage-Neckholder-Kleid mit tiefem V-Ausschnitt aus schwerem, rotem Samt. Die Farbe ist brutal. Es sieht aus wie frisch vergossenes Blut.
Als Jeannette es tragend aus der Umkleidekabine tritt, wird es im Raum still. Das Kleid schmiegt sich an ihre Kurven wie eine zweite Haut. Das strenge, scharfe Make-up, das die Visagistin aufgetragen hat, hat jede Spur der sanften, gefügigen Verlobten ausgelöscht. Sie sieht tödlich aus.
Eleanor stößt einen lauten, durchdringenden Pfiff aus. „Boston wird heute Nacht brennen."
Jeannette zieht ein Paar ellbogenlange, schwarze Samthandschuhe an. Sie lässt ihr Handy – auf dem die Hacking-Software installiert ist – in eine schlichte schwarze Clutch gleiten.
Gerade als sie gehen will, summt ihr Handy. Eine Nachricht von Devyn.
Vermisse dich so sehr, Liebling. Hoffe, Europa behandelt dich gut. Vergiss nicht, deine Vitamine zu nehmen. Liebe dich.
Jeannette starrt auf den Bildschirm. Eine Welle puren Ekels überrollt sie. Sie blockiert die Nummer.
Sie tritt aus dem Gebäude und gleitet auf den Rücksitz der schwarzen Lincoln-Stretchlimousine, die Eleanor organisiert hat. Der Regen fällt in einem stetigen, kalten Nieselregen über Boston. Jeannette lehnt ihren Kopf gegen die getönte Scheibe, schließt die Augen und geht jeden Schritt ihres Plans durch.
Die Limousine fährt in die VIP-Tiefgarage des Boston Plaza Hotel. Jeannette stößt die Tür selbst auf. Ihr Stilettoabsatz platscht in eine kleine Pfütze und lässt Wassertropfen aufspritzen.
Sie winkt dem Fahrer ab, der ihr einen Regenschirm anbietet. Sie geht allein auf den privaten Aufzug zu, der zum großen Ballsaal führt, ihre Haltung steif, ihre Aura raumfordernd.
Als sie sich der Aufzugsgruppe nähert, nimmt sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Eine Mauer aus massigen Männern in identischen schwarzen Anzügen bewegt sich auf denselben Aufzug zu und umgibt eine überragende Gestalt in ihrer Mitte.
Jeannette ist das egal. Sie beschleunigt ihre Schritte, drückt den „HOCH"-Knopf und tritt ein, als die Metalltüren beginnen, sich zu schließen.