Kapitel 2
Eine Woche später summte ihr Handy mit einer Nachricht von August.
„Wohltätigkeitsauktion. 20 Uhr. Hotel Atlantic.“
Es war ein Befehl, keine Bitte.
Clara kam pünktlich an, ihr schlichtes schwarzes Kleid ein starker Kontrast zu den glitzernden Roben und Juwelen um sie herum. Sie fand August in einer privaten Loge, er sah gelangweilt aus, während der Auktionator unbezahlbare Antiquitäten und Kunst präsentierte.
Er beachtete sie nicht. Er starrte nur auf die Bühne, sein Ausdruck war unleserlich.
Ein Gegenstand nach dem anderen wurde versteigert. Ein Oldtimer, eine Diamantkette, ein Gemälde eines verstorbenen Meisters. August zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Dann enthüllte der Auktionator den nächsten Gegenstand.
„Und nun, ein wirklich einzigartiges Stück! Ein Paar handgeschnitzte Kristallschwäne, ein Symbol ewiger Liebe!“
Sie waren wunderschön, fingen das Licht ein und brachen es in hundert winzige Regenbögen.
Zum ersten Mal an diesem Abend richtete August sich auf. Ein Funke Interesse in seinen dunklen Augen.
Ein anderer Mann begann mit dem Bieten. August konterte sofort.
Der Preis stieg und übertraf schnell den tatsächlichen Wert der Schwäne. Es wurde zu einem Willenskampf, einer Machtdemonstration zwischen August und dem anderen Bieter.
„Eine Million Euro!“, rief der Konkurrent.
August zögerte nicht. „Fünf Millionen.“
Der Raum wurde still. Der andere Bieter schüttelte den Kopf und setzte sich.
Der Auktionator, fassungslos, schlug mit seinem Hammer. „Verkauft! An Herrn von Sternberg für fünf Millionen Euro!“
Er wandte sich an August, ein neugieriges Lächeln auf seinem Gesicht. „Herr von Sternberg, wenn ich so kühn sein darf, diese sind doch sicher für eine ganz besondere Dame?“
Augusts kalter Ausdruck wurde weicher. Er nahm das Mikrofon auf seinem Tisch, und seine Stimme, sanft und tief, erfüllte den Ballsaal.
„Sie sind für meine Verlobte, Helena“, sagte er, und ein warmes Lächeln huschte über seine Lippen. Es war ein Lächeln, das Clara seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hatte. „Sie ist das Kostbarste in meinem Leben. Nichts ist zu teuer für sie.“
Die Menge applaudierte.
Clara spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Jedes Wort war ein Schlag. Er spielte für die Menge, aber die Botschaft war für sie. Es war eine weitere Art, ihr zu zeigen, was sie verloren hatte, was sie für Geld weggeworfen hatte.
Sie wusste jetzt, was ihr Platz war. Sie war eine Erinnerung an seine Vergangenheit, ein Schleifstein, an dem er seine Grausamkeit schärfte. Nichts weiter.
Als August sich zum Gehen bereit machte, wurde der nächste Gegenstand auf die Bühne gerollt.
Es war ein großer, abgedeckter Käfig.
Die Stimme des Auktionators dröhnte. „Und für unseren letzten, aufregendsten Gegenstand ... eine prächtige, reinrassige Tibetdogge!“
Die Decke wurde weggezogen.
Darin befand sich ein riesiger Hund, schwarz wie die Nacht, mit Augen wie glühende Kohlen. Er knurrte, fletschte die Zähne und stemmte sich gegen die Gitterstäbe des Käfigs. Es war eine Bestie, kein Haustier.
Ein nervöses Murmeln ging durch die Menge.
Plötzlich, mit einem lauten Knacken, brach einer der Käfigverschlüsse. Der Hund warf sich gegen die Tür, die aufflog.
Chaos brach aus. Menschen schrien und rannten durcheinander, als der riesige Hund von der Bühne sprang.
Es war ein Wirbel aus schwarzem Fell und knurrenden Zähnen.
Und er raste direkt auf August zu.
Die Zeit schien sich zu verlangsamen. Bevor sie denken konnte, bewegte sich Claras Körper von selbst.
Sie warf sich vor ihn.
„August, pass auf!“
Der Hund prallte gegen sie, sein Gewicht warf sie zu Boden. Sie spürte einen brennenden, unglaublichen Schmerz, als seine Zähne sich in ihren Arm gruben. Sie schrie, ein roher, entsetzter Laut.
Sie schlang ihren anderen Arm um den dicken Hals des Hundes und versuchte, ihn wegzuziehen, aber er war zu stark. Er schüttelte den Kopf und riss an ihrem Fleisch.
„Clara!“
Sie hörte August ihren Namen rufen. Es war das erste Mal seit Jahren, dass er ihn mit etwas anderem als Verachtung aussprach. In seiner Stimme hörte sie für einen Sekundenbruchteil Panik. Sie hörte Angst.
Sie sah, wie er sich bewegte, sein Körper schützte ihren, versuchte, sich zwischen sie und die Bestie zu drängen.
Sicherheitsleute stürmten herbei und schafften es schließlich, den Hund von ihr wegzuzerren.
Ihr Arm war ein Chaos aus Blut und zerrissenem Stoff. Der Schmerz war immens, und die Welt begann in einer schwindelerregenden Schwärze zu verschwimmen.
Sie brach zusammen, ihr Kopf landete in Augusts Schoß.
Das Letzte, was sie sah, bevor sie das Bewusstsein verlor, war sein Gesicht, blass und angespannt, seine dunklen Augen weit aufgerissen von einer Emotion, die sie nicht benennen konnte.
Sie wachte in einem Krankenhauszimmer auf. Der Geruch von Desinfektionsmittel war scharf in ihrer Nase.
Ihr Arm war dick bandagiert, und an ihrer anderen Hand war eine Infusion befestigt.
August saß auf einem Stuhl neben ihrem Bett. Er sah erschöpft aus, sein sonst perfekter Anzug war zerknittert, und auf seinem Kiefer lag ein dunkler Bartschatten.
Als er ihre Augen sich öffnen sah, flackerte ein Licht in seinen eigenen.
„Du bist wach“, sagte er mit rauer Stimme.
Er stand auf, ging zum Bett und nahm eine Akte in die Hand. „Der Arzt sagte, du hast viel Blut verloren. Deine Anämie ist schwer.“
Anämie. Das war es, was er dachte.
Clara versuchte, ihm den Bericht aus der Hand zu reißen, aber die Bewegung schickte einen Schmerzstoß durch ihren Arm. Sie zuckte zusammen, und in diesem Moment sah sie es.
Auf seinem Handrücken war ein frischer Verband und ein kleiner Einstich. Ein Nadelstich.
Eine Krankenschwester kam herein und lächelte strahlend. „Oh, gut, Sie sind wach! Sie haben wirklich Glück, einen so fürsorglichen Partner zu haben. Er ist die ganze Nacht geblieben und hat sogar selbst Blut für Sie gespendet, als die Blutbank knapp an Ihrer Blutgruppe war.“
Clara starrte ihn schockiert an. Er hatte ihr sein Blut gegeben.
Sie blickte zu ihm auf, aber er drehte schnell den Kopf und wich ihrem Blick aus.
Die Krankenschwester fuhr fort: „Wir müssen nur noch einige Details für die Unterlagen bestätigen. Er ist Ihr Partner, richtig?“
„Nein“, sagte Clara, ihre Stimme klar und fest, und durchbrach die Stille des Raumes. „Das ist er nicht.“
„Er ist mein Chef. Herr von Sternberg.“
Die Luft im Raum wurde augenblicklich eiskalt.
Augusts Kopf schnellte zu ihr zurück, sein Gesicht war finster. Der kurze Moment der Wärme war verschwunden, ersetzt durch die vertraute eisige Maske.
Die Krankenschwester, die die plötzliche Anspannung spürte, entschuldigte sich schnell.
„Ihr Chef?“, wiederholte August, seine Stimme gefährlich leise. „Ist das alles, was ich für dich bin?“
Er trat einen Schritt näher, sein Schatten fiel auf sie. „Warum hast du das getan, Clara? Warum bist du vor mich gesprungen?“
Seine Augen suchten ihre und verlangten eine Antwort. „War es für einen größeren Bonus? Eine bessere Leistungsbeurteilung? Alles hat bei dir einen Preis, nicht wahr?“
Die Frage war so unfair, so grausam, dass sie sie sprachlos machte. Bitterkeit stieg ihr in die Kehle.
Sie hatte gerade sein Leben gerettet. Und das war seine Antwort.
Die Stille zwischen ihnen dehnte sich aus, schwer und erstickend.
Kapitel 3
Clara schloss die Augen, ihre Hand umklammerte die Ecke der Krankenhausdecke.
„Es war mein Job“, sagte sie mit heiserer Stimme. „Als Ihre Assistentin ist Ihre Sicherheit meine Verantwortung.“
Sie sagte es noch einmal und verstärkte die Mauer zwischen ihnen. Die professionelle Grenze, die er selbst errichtet hatte.
„Das war alles.“
Augusts Gesicht wurde noch finsterer. Er sah aus wie eine Gewitterwolke, die kurz vor dem Platzen stand.
„Dein Job“, wiederholte er, die Worte trieften vor Sarkasmus. „Richtig.“
Er zog seine Brieftasche heraus und warf einen dicken Stapel Hunderteuroscheine auf ihren Nachttisch. Das Geld verteilte sich auf den weißen Laken.
„Dann ist das deine Bezahlung“, höhnte er. „Für gute Arbeit. Du hattest schon immer einen Durst nach Geld, nicht wahr, Clara? Ich erinnere mich, dass du einmal verzweifelt nach fünf Millionen warst.“
Die Erwähnung dieser Zahl, der Preis ihres Verrats, war wie ein Schlag ins Gesicht.
Er wartete nicht auf eine Antwort. Er drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum, den Duft seines teuren Parfums und das Gewicht seiner Verachtung hinterlassend.
Ein paar Tage später, nachdem sie entlassen worden war, wurde Clara mit einer letzten Aufgabe im Zusammenhang mit der Auktion betraut. Sie musste die fünf Millionen Euro teuren Kristallschwäne persönlich an Helena von Arnim in Augusts Villa übergeben.
Helena empfing sie an der Tür, ganz Lächeln und gespielte Sorge.
„Clara! Vielen Dank, dass du die vorbeibringst. Oh, dein armer Arm! Tut er noch weh?“
„Mir geht es gut“, sagte Clara mit gesenktem Kopf.
Als sie nach unten blickte, sah sie, wie Helenas Augen mit einem Ausdruck reinen, unverfälschten Hasses aufblitzten. Er war in einer Sekunde verschwunden, ersetzt durch ihr süßes Lächeln.
„Sie sind wunderschön“, schwärmte Helena und nahm die schwere Kiste. „August ist so gut zu mir.“
Dann, als sie sich umdrehte, „rutschte“ ihre Hand ab.
Die Kiste krachte auf den Marmorboden. Ein widerliches Knirschen hallte durch die große Eingangshalle.
Clara blickte schockiert auf. Die wunderschönen Kristallschwäne, das Symbol ewiger Liebe, das fünf Millionen Euro gekostet hatte, waren jetzt ein Haufen glitzernder Scherben.
Helenas Maske der Süße verschwand, ersetzt durch einen Ausdruck triumphierender Bosheit.
Genau in diesem Moment kam August herein, vom Lärm angezogen. Er sah das zerbrochene Kristall auf dem Boden, und sein Gesicht verhärtete sich sofort.
„Was ist passiert?“, verlangte er zu wissen, seine Augen fixierten Clara.
„Clara, du ...“, begann Helena, ihre Stimme zitterte, als sie zu weinen anfing. „Ich weiß, du wolltest es nicht ...“
„Ich habe es nicht angefasst!“, versuchte Clara zu erklären, ihre Stimme stieg in Panik an. „Sie hat es fallen lassen!“
Augusts Blick war eisig. „Das war ein Geschenk für Helena. Sie sollten ein Symbol unserer Liebe sein.“
Er schritt vorwärts und packte Claras unverletztes Handgelenk, sein Griff war wie Eisen. „Gibt es nichts, was du nicht ruinieren würdest? Bist du so eifersüchtig, so verbittert, dass du alles Schöne in meinem Leben zerstören musst?“
„Nein! August, hör mir zu ...“
Aber Helenas Schluchzen wurde lauter, eine meisterhafte Darbietung eines Opfers mit gebrochenem Herzen. „August, sei nicht böse auf sie. Es war ein Unfall. Ich bin sicher, es tut ihr leid.“
August blickte von Helenas tränenüberströmtem Gesicht zurück zu Claras. Seine Entscheidung war bereits gefallen.
„Entschuldige dich“, befahl er, seine Stimme kalt wie Stahl. „Geh auf die Knie und entschuldige dich bei Helena.“
Clara starrte ihn entsetzt an. „Was? Nein! Es gibt Überwachungskameras im Foyer. Überprüfen Sie die Aufnahmen! Sie werden Ihnen zeigen, was passiert ist!“
Helenas Schluchzen stockte für einen Moment, ein Funke Angst in ihren Augen. Aber dann entspannte sie sich. Sie wusste etwas, was Clara nicht wusste.
Zwei große Bodyguards traten vor und packten Claras Schultern.
„Herr von Sternberg“, sagte einer von ihnen mit flacher Stimme. „Die Überwachungsanlage im Foyer ist seit heute Morgen wegen Wartungsarbeiten ausgefallen.“
Natürlich war sie das.
Die Bodyguards zwangen sie nach unten.
Ihre Knie landeten direkt auf den Scherben des zerbrochenen Kristalls.
Ein scharfes, knirschendes Geräusch hallte in der stillen Halle wider, gefolgt von dem brennenden Schmerz, der ihre Beine hochschoss. Sie schrie auf, ein ersticktes Keuchen der Qual.
Sie blickte zu August auf, ihre Augen flehten. Er sah, wie das Blut durch ihre Hose zu sickern begann. Er sah den Schmerz in ihrem Gesicht.
Und er tat nichts.
Er glaubte Helena. Er würde immer Helena glauben.
„Entschuldige dich“, wiederholte er, seine Stimme noch kälter als zuvor. „Und du wirst dafür bezahlen. Fünf Millionen Euro. Ich werde es von deiner Abfindung abziehen lassen.“
Abfindung. Er feuerte sie.
Der Schmerz in ihren Knien war nichts im Vergleich zum Schmerz in ihrem Herzen.
Tränen strömten über ihr Gesicht und vermischten sich mit dem Blut auf dem Boden. Sie blickte zu Helena, die jetzt ein kleines, triumphierendes Lächeln hinter ihrer Hand verbarg.
„Ich ... es tut mir leid“, würgte Clara hervor, die Worte schmeckten wie Asche in ihrem Mund.
„Ich glaube nicht, dass sie aufrichtig genug ist, Auggie“, sagte Helena, ihre Stimme ein grausames Schnurren. „Vielleicht muss sie darüber nachdenken, was sie getan hat.“
Helena ging zu den großen Glastüren und öffnete sie. Draußen war der Himmel dunkel geworden, und ein plötzlicher Sturm hatte zu toben begonnen. Regen peitschte herab, und der Wind heulte.
„Lass sie draußen knien“, schlug Helena vor. „Bis ich das Gefühl habe, dass es ihr wirklich leidtut.“
August blickte auf Clara, die in einer Lache ihres eigenen Blutes kniete, und dann auf seine Verlobte. Er nickte.
„Tut es.“
Die Bodyguards zerrten sie nach draußen und zwangen sie auf die Knie auf den kalten, nassen Stein der Veranda. Der Regen durchnässte sie sofort und klebte ihr dünnes Kleid an ihre Haut.
Sie zitterte, die Kälte kroch in ihre Knochen. Der Schmerz in ihren Knien war ein weißglühendes Feuer.
Durch die Glastüren konnte sie sehen, wie August sanft eine Decke um Helenas Schultern legte und ihr tröstende Worte zuflüsterte.
Clara schloss die Augen, ihre Gedanken schweiften ab. Sie erinnerte sich an einen anderen Sturm, vor Jahren. Sie hatte Angst vor dem Donner gehabt, und August hatte sie gehalten und ihr gesagt, er würde sie immer beschützen.
Sie öffnete die Augen. Die Erinnerung war verschwunden. Alles, was blieb, war der kalte Regen, die gleichgültigen Bodyguards und der Mann, der jetzt ein Fremder war.
Ihre Tränen vermischten sich mit dem Regen und wuschen das Blut von ihren Knien die Steinstufen hinunter.
Sie war allein. Völlig und ganz allein.