Kapitel 1
Mein Chef, August von Sternberg, zwang mich, für seine Verlobte Knochenmark zu spenden. Sie hatte Angst vor einer Narbe.
Seit sieben Jahren war ich die Assistentin des Jungen, mit dem ich aufgewachsen war, des Mannes, der mich jetzt verabscheute. Aber seine Verlobte, Helena, wollte mehr als nur mein Knochenmark; sie wollte mich loswerden.
Sie hängte mir das Zerbrechen eines Fünf-Millionen-Euro-Geschenks an, und August zwang mich, auf den Glasscherben zu knien, bis meine Knie bluteten. Sie beschuldigte mich fälschlicherweise eines Angriffs auf einer Gala, und er ließ mich verhaften, wo ich in einer Zelle blutig geschlagen wurde.
Dann, um mich für ein Sexvideo zu bestrafen, das ich nie veröffentlicht hatte, entführte er meine Eltern.
Er zwang mich zuzusehen, wie er sie von einem Kran an einem unfertigen Wolkenkratzer baumeln ließ, hunderte Meter über dem Boden. Er rief mich an, seine Stimme kalt und überheblich.
„Hast du deine Lektion gelernt, Clara? Bist du bereit, dich zu entschuldigen?“
Während er sprach, riss das Seil. Meine Eltern stürzten in die Dunkelheit.
Eine schreckliche Ruhe überkam mich. Der Geschmack von Blut füllte meinen Mund, ein Symptom der Krankheit, von der er nichts wusste.
Am anderen Ende der Leitung lachte er, ein grausames, hässliches Geräusch. „Spring doch vom Dach, wenn es so weh tut. Das wäre ein passendes Ende für dich.“
„Okay“, flüsterte ich.
Und dann trat ich über die Kante des Gebäudes in die leere Luft.
Kapitel 1
Die Nadel für die Knochenmarkentnahme war dick und kalt.
Clara Schmidt lag auf dem sterilen Krankenhausbett, ihr Rücken war entblößt. Sie sah das Instrument nicht an, aber sie konnte seine Anwesenheit spüren, ein Versprechen auf den Schmerz, der kommen würde.
Der Arzt erklärte den Eingriff noch einmal, seine Stimme war sanft, aber das änderte nichts an der Realität. Es würde wehtun. Sehr sogar.
August von Sternberg stand am Fenster, den Rücken zu ihr gewandt. Er war groß, gekleidet in einen maßgeschneiderten Anzug, der mehr kostete als ihr Kleinwagen. Er blickte auf die Stadt hinaus, ein König, der sein Reich überblickt. Seine Verlobte, Helena von Arnim, hatte einen Unfall gehabt. Sie brauchte diese Transplantation, um zu überleben, aber sie konnte den Gedanken an eine Narbe auf ihrer perfekten Haut nicht ertragen.
Also hatte er sich an Clara gewandt.
Seine persönliche Assistentin. Die Frau, von der er glaubte, sie würde für Geld alles tun.
Die Nadel drang in ihre Haut ein.
Clara biss sich fest auf die Lippe, ein scharfer, metallischer Geschmack füllte ihren Mund. Sie weigerte sich, einen Laut von sich zu geben. Sie würde ihm nicht die Genugtuung geben. Ihr Körper spannte sich an, jeder Muskel schrie, als die Nadel tiefer grub, auf der Suche nach dem Mark in ihrem Hüftknochen.
Der Schmerz war ein tiefer, bohrender Schmerz, der durch ihren ganzen Körper ausstrahlte. Sie kniff die Augen zusammen, Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn.
Sie schwieg. Es war das Einzige, was ihr geblieben war.
Nach einer gefühlten Ewigkeit war es vorbei. Der Arzt verband die Wunde, seine Berührung war professionell und distanziert.
Langsam und schmerzvoll setzte Clara sich auf. Ihr Rücken pochte mit einer dumpfen, anhaltenden Qual. Mit zitternden Händen zog sie ihre Kleidung an.
Endlich drehte August sich um. Sein Gesicht war so gutaussehend wie immer, aber seine Augen waren kalt, völlig leer von der Wärme, die sie einst für sie gehegt hatten.
„Ist es erledigt?“, fragte er mit flacher Stimme.
Clara nickte, ihrer eigenen Stimme nicht trauend. Sie wollte nur, dass es vorbei war. Sie wollte gehen.
„Unsere Vereinbarung“, brachte sie mit heiserer Stimme hervor. „Ist sie beendet?“
Sie meinte den Vertrag, die verdrehte Abmachung, die sie an ihn band. Den Job. Die endlose, tägliche Folter, in seiner Nähe zu sein.
August verstand falsch. Oder vielleicht wollte er es.
Er griff in seine Anzugjacke und zog ein Scheckbuch hervor. Er kritzelte eine Zahl, riss den Scheck heraus und hielt ihn ihr hin.
„Hier“, sagte er, seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. „Dein Preis. Du warst schon immer gut darin, Teile von dir zu verkaufen, nicht wahr, Clara?“
Seine Worte trafen sie härter als jeder körperliche Schmerz.
Sie blickte auf den Scheck, dann zurück in sein Gesicht. Das Gesicht, das sie seit ihrer Kindheit geliebt hatte. Das Gesicht, das sie jetzt mit nichts als Verachtung ansah.
Ihre Hand zitterte, als sie danach griff. Ihre Finger streiften seine, und er zuckte zurück, als hätte er sich verbrannt.
Sie nahm den Scheck. Sie brauchte das Geld. Dringend.
Sie faltete ihn sorgfältig und steckte ihn in ihre Tasche, den Kopf gesenkt, um die Tränen zu verbergen, die zu fallen drohten. Sie nahm ihre Tasche und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.
Als die Krankenhaustüren hinter ihr ins Schloss fielen, fühlte sich die Stadtluft kalt auf ihrer Haut an. Sie lehnte sich gegen die Wand, der Schmerz in ihrem Rücken und der Schmerz in ihrem Herzen wurden zu einer unerträglichen Last.
Es war nicht immer so gewesen.
Es gab eine Zeit vor dem Geld, vor dem Hass.
Eine Zeit, in der August von Sternberg kein kaltherziger Milliardär war, sondern nur August. Ihr August.
Er war als Pflegekind in ihre Familie gekommen, ein ruhiger, brillanter Junge, von der Welt verlassen. Die Schmidts nahmen ihn auf, liebten ihn wie ihren eigenen Sohn. Er war der Star ihrer kleinen, glücklichen Familie. Er und Clara wuchsen wie Geschwister auf, aber ihre Bindung war tiefer. Es war eine geheime, unausgesprochene Liebe, die im Schatten der Platane blühte, die sie gemeinsam im Garten gepflanzt hatten.
Er war der Goldjunge, der in allem brillierte, für Großes bestimmt. Clara war sein Schatten, seine Vertraute, die Hüterin seines Lächelns. Im Privaten war er nur ein Junge, der ihre Familie liebte, der sie liebte.
Ihre perfekte Welt zerbrach an dem Tag, als sein leiblicher Vater auftauchte.
Cornelius von Sternberg war ein Name, der in der Tech-Welt Furcht einflößte. Ein rücksichtsloser Titan, der Menschen als Schachfiguren betrachtete. Er wollte seinen brillanten Sohn zurück, und er würde vor nichts haltmachen, um ihn zu bekommen.
Er begann damit, Claras Familie zu zerstören. Ihre Eltern wurden unter mysteriösen Umständen entlassen. Ihr Vater, ein guter und ehrlicher Mann, wurde eines Angriffs beschuldigt, den er nicht begangen hatte. Ihre Mutter wurde Opfer einer Fahrerflucht, ein „Unfall“, der sie verkrüppelt und in ständigen Schmerzen zurückließ.
Cornelius stellte Clara vor eine unmögliche Wahl. Er bot ihr fünf Millionen Euro.
„Nimm das Geld“, hatte er mit emotionsloser Stimme gesagt. „Und sag meinem Sohn, dass du ihn nie geliebt hast. Sag ihm, du hättest lieber das hier als eine Zukunft mit ihm. Oder sieh zu, wie deine Familie komplett zerbricht.“
Um sie zu retten, um August vor dem Gift seines Vaters zu schützen, traf sie ihre Wahl.
Sie stand vor August, dem Jungen, den sie mehr als das Leben selbst liebte, und sprach die grausamsten Worte, die sie je gesagt hatte.
„Ich nehme das Geld, August. Fünf Millionen Euro. Was könntest du mir schon bieten, das mehr wert ist?“
Der Ausdruck in seinen Augen – der rohe, zerbrochene Herzschmerz – war eine Wunde, die sie für den Rest ihres Lebens tragen würde.
Er glaubte ihr. Er ging, ohne sich umzudrehen, sein Herz erfüllt von einem brennenden Verlangen nach Rache an dem Mädchen, das Geld ihm vorgezogen hatte.
Sieben Jahre vergingen.
August kehrte zurück, nicht mehr als ein Junge mit gebrochenem Herzen, sondern als Selfmade-Milliardär, kälter und rücksichtsloser als sein eigener Vater. Und er war gekommen, um sich zu rächen.
Er machte sie zu seiner persönlichen Assistentin, ein Platz in der ersten Reihe für sein neues Leben, seine neue Verlobte und seine endlose, kreative Grausamkeit. Jeder Tag war eine neue Qual, eine neue Erinnerung an ihren „Verrat“.
Clara nahm den Scheck aus ihrer Tasche und sah sich die Zahl an. Es war eine Menge Geld.
Genug für die steigenden Arztrechnungen ihrer Eltern.
Und genug für ihre eigenen.
Was August nicht wusste, was niemand wusste, war, dass Clara Schmidt im Sterben lag.
Leukämie im Endstadium. Die Ärzte hatten ihr Wochen gegeben, vielleicht einen Monat, wenn sie Glück hatte.
Das Geld war nicht für eine Zukunft, die sie nicht hatte. Es war, um es ihren Eltern in der kurzen Zeit, die ihr noch blieb, um für sie zu sorgen, angenehm zu machen.
Sie ging zu einem kleinen, ruhigen Park und setzte sich auf eine Bank. Sie sah wieder auf den Scheck, dann zog sie ihr Handy heraus.
Sie öffnete ihre Nachrichten. Der Chat mit August war ganz oben, angeheftet. Sein Profilbild war ein kaltes Firmenlogo. Ihres war immer noch ein Foto der Platane im Garten ihrer Eltern.
Der Chatverlauf war einseitig. Voll von Nachrichten, die sie getippt, aber nie gesendet hatte.
August, es regnet heute. Erinnerst du dich, wie wir uns einen Regenschirm geteilt haben?
Die Platane ist jetzt so groß. Sie hat bald Geburtstag.
Ich habe dich heute in den Nachrichten gesehen. Du siehst müde aus.
Es waren kleine, erbärmliche Versuche, eine Kluft von sieben Jahren des Schweigens und des Hasses zu überbrücken.
Sie tippte eine neue Nachricht, ihre Finger waren ungeschickt.
August, es tut mir leid.
Sie starrte auf die Worte, ihre Sicht verschwamm.
Was tat ihr leid? Dass sie sein Herz gebrochen hatte? Dass sie ihre Familie gerettet hatte? Dass sie ihn immer noch liebte?
Sie löschte die Nachricht. Es war sinnlos. Er würde sie sowieso nicht sehen. Er hatte sie vor Jahren blockiert.
Der Schmerz in ihrem Rücken war eine ständige, pochende Erinnerung an diesen Tag. Eine physische Manifestation der Wunde in ihrer Seele.
Sie wusste, dass sie seinen Hass verdiente. Sie hatte ihre Wahl getroffen.
Aber manchmal, mitten in der Nacht, wenn der Schmerz sie wach hielt, erlaubte sie sich zu fragen.
Dachte er jemals an sie? An die echte sie? Das Mädchen, das mit ihm auf Bäume kletterte und ihre Träume unter den Sternen teilte?
Oder war sie nur ein Geist, ersetzt durch das geldgierige Monster, das er in seinem Kopf erschaffen hatte?
Sie lehnte den Kopf zurück und spürte eine Welle der Erschöpfung über sich hereinbrechen.
Die Leukämie war ein leiser Dieb, der ihr die Kraft, den Atem, das Leben stahl.
Sie hatte bereits einen Anwalt kontaktiert und alles für die Zeit nach ihrem Tod geregelt. Einen Treuhandfonds für ihre Eltern. Eine einfache, stille Beisetzung.
Sie spürte eine seltsame Ruhe. Eine Befreiung.
Der Kampf war fast vorbei.
Sie dachte ein letztes Mal an August.
Ich liebe dich, dachte sie, die Worte ein stilles Gebet an einen Gott, an den sie nicht mehr glaubte. Das habe ich immer.
Es tut mir leid, dass ich dich mit diesem Hass zurücklassen muss.
Wir sind jetzt quitt, August. Ich schulde dir nichts mehr.
Sie stand auf, ihr Körper schmerzte. Die physische Wunde an ihrem Rücken war frisch und roh, genau wie die alte Wunde in ihrem Herzen.
Sie war jetzt taub gegenüber seiner Kälte. Es war ein vertrauter Schmerz, ein Teil ihrer täglichen Existenz.
Sie war ein Schiff, das langsam in einen dunklen, kalten Ozean sank. Und es gab nichts, was sie tun konnte, um es aufzuhalten.
Aber selbst als sie sank, weigerte sich ein kleiner, hartnäckiger Teil von ihr, vollständig gebrochen zu werden.
Es war der Teil, der den Jungen unter der Platane immer noch liebte.
Eine Liebe, die mit einem Hass verflochten war, der so tief war, dass er sie erstickte.
Liebe und Hass. Das war alles, was ihr geblieben war.
Kapitel 2
Eine Woche später summte ihr Handy mit einer Nachricht von August.
„Wohltätigkeitsauktion. 20 Uhr. Hotel Atlantic.“
Es war ein Befehl, keine Bitte.
Clara kam pünktlich an, ihr schlichtes schwarzes Kleid ein starker Kontrast zu den glitzernden Roben und Juwelen um sie herum. Sie fand August in einer privaten Loge, er sah gelangweilt aus, während der Auktionator unbezahlbare Antiquitäten und Kunst präsentierte.
Er beachtete sie nicht. Er starrte nur auf die Bühne, sein Ausdruck war unleserlich.
Ein Gegenstand nach dem anderen wurde versteigert. Ein Oldtimer, eine Diamantkette, ein Gemälde eines verstorbenen Meisters. August zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Dann enthüllte der Auktionator den nächsten Gegenstand.
„Und nun, ein wirklich einzigartiges Stück! Ein Paar handgeschnitzte Kristallschwäne, ein Symbol ewiger Liebe!“
Sie waren wunderschön, fingen das Licht ein und brachen es in hundert winzige Regenbögen.
Zum ersten Mal an diesem Abend richtete August sich auf. Ein Funke Interesse in seinen dunklen Augen.
Ein anderer Mann begann mit dem Bieten. August konterte sofort.
Der Preis stieg und übertraf schnell den tatsächlichen Wert der Schwäne. Es wurde zu einem Willenskampf, einer Machtdemonstration zwischen August und dem anderen Bieter.
„Eine Million Euro!“, rief der Konkurrent.
August zögerte nicht. „Fünf Millionen.“
Der Raum wurde still. Der andere Bieter schüttelte den Kopf und setzte sich.
Der Auktionator, fassungslos, schlug mit seinem Hammer. „Verkauft! An Herrn von Sternberg für fünf Millionen Euro!“
Er wandte sich an August, ein neugieriges Lächeln auf seinem Gesicht. „Herr von Sternberg, wenn ich so kühn sein darf, diese sind doch sicher für eine ganz besondere Dame?“
Augusts kalter Ausdruck wurde weicher. Er nahm das Mikrofon auf seinem Tisch, und seine Stimme, sanft und tief, erfüllte den Ballsaal.
„Sie sind für meine Verlobte, Helena“, sagte er, und ein warmes Lächeln huschte über seine Lippen. Es war ein Lächeln, das Clara seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hatte. „Sie ist das Kostbarste in meinem Leben. Nichts ist zu teuer für sie.“
Die Menge applaudierte.
Clara spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Jedes Wort war ein Schlag. Er spielte für die Menge, aber die Botschaft war für sie. Es war eine weitere Art, ihr zu zeigen, was sie verloren hatte, was sie für Geld weggeworfen hatte.
Sie wusste jetzt, was ihr Platz war. Sie war eine Erinnerung an seine Vergangenheit, ein Schleifstein, an dem er seine Grausamkeit schärfte. Nichts weiter.
Als August sich zum Gehen bereit machte, wurde der nächste Gegenstand auf die Bühne gerollt.
Es war ein großer, abgedeckter Käfig.
Die Stimme des Auktionators dröhnte. „Und für unseren letzten, aufregendsten Gegenstand ... eine prächtige, reinrassige Tibetdogge!“
Die Decke wurde weggezogen.
Darin befand sich ein riesiger Hund, schwarz wie die Nacht, mit Augen wie glühende Kohlen. Er knurrte, fletschte die Zähne und stemmte sich gegen die Gitterstäbe des Käfigs. Es war eine Bestie, kein Haustier.
Ein nervöses Murmeln ging durch die Menge.
Plötzlich, mit einem lauten Knacken, brach einer der Käfigverschlüsse. Der Hund warf sich gegen die Tür, die aufflog.
Chaos brach aus. Menschen schrien und rannten durcheinander, als der riesige Hund von der Bühne sprang.
Es war ein Wirbel aus schwarzem Fell und knurrenden Zähnen.
Und er raste direkt auf August zu.
Die Zeit schien sich zu verlangsamen. Bevor sie denken konnte, bewegte sich Claras Körper von selbst.
Sie warf sich vor ihn.
„August, pass auf!“
Der Hund prallte gegen sie, sein Gewicht warf sie zu Boden. Sie spürte einen brennenden, unglaublichen Schmerz, als seine Zähne sich in ihren Arm gruben. Sie schrie, ein roher, entsetzter Laut.
Sie schlang ihren anderen Arm um den dicken Hals des Hundes und versuchte, ihn wegzuziehen, aber er war zu stark. Er schüttelte den Kopf und riss an ihrem Fleisch.
„Clara!“
Sie hörte August ihren Namen rufen. Es war das erste Mal seit Jahren, dass er ihn mit etwas anderem als Verachtung aussprach. In seiner Stimme hörte sie für einen Sekundenbruchteil Panik. Sie hörte Angst.
Sie sah, wie er sich bewegte, sein Körper schützte ihren, versuchte, sich zwischen sie und die Bestie zu drängen.
Sicherheitsleute stürmten herbei und schafften es schließlich, den Hund von ihr wegzuzerren.
Ihr Arm war ein Chaos aus Blut und zerrissenem Stoff. Der Schmerz war immens, und die Welt begann in einer schwindelerregenden Schwärze zu verschwimmen.
Sie brach zusammen, ihr Kopf landete in Augusts Schoß.
Das Letzte, was sie sah, bevor sie das Bewusstsein verlor, war sein Gesicht, blass und angespannt, seine dunklen Augen weit aufgerissen von einer Emotion, die sie nicht benennen konnte.
Sie wachte in einem Krankenhauszimmer auf. Der Geruch von Desinfektionsmittel war scharf in ihrer Nase.
Ihr Arm war dick bandagiert, und an ihrer anderen Hand war eine Infusion befestigt.
August saß auf einem Stuhl neben ihrem Bett. Er sah erschöpft aus, sein sonst perfekter Anzug war zerknittert, und auf seinem Kiefer lag ein dunkler Bartschatten.
Als er ihre Augen sich öffnen sah, flackerte ein Licht in seinen eigenen.
„Du bist wach“, sagte er mit rauer Stimme.
Er stand auf, ging zum Bett und nahm eine Akte in die Hand. „Der Arzt sagte, du hast viel Blut verloren. Deine Anämie ist schwer.“
Anämie. Das war es, was er dachte.
Clara versuchte, ihm den Bericht aus der Hand zu reißen, aber die Bewegung schickte einen Schmerzstoß durch ihren Arm. Sie zuckte zusammen, und in diesem Moment sah sie es.
Auf seinem Handrücken war ein frischer Verband und ein kleiner Einstich. Ein Nadelstich.
Eine Krankenschwester kam herein und lächelte strahlend. „Oh, gut, Sie sind wach! Sie haben wirklich Glück, einen so fürsorglichen Partner zu haben. Er ist die ganze Nacht geblieben und hat sogar selbst Blut für Sie gespendet, als die Blutbank knapp an Ihrer Blutgruppe war.“
Clara starrte ihn schockiert an. Er hatte ihr sein Blut gegeben.
Sie blickte zu ihm auf, aber er drehte schnell den Kopf und wich ihrem Blick aus.
Die Krankenschwester fuhr fort: „Wir müssen nur noch einige Details für die Unterlagen bestätigen. Er ist Ihr Partner, richtig?“
„Nein“, sagte Clara, ihre Stimme klar und fest, und durchbrach die Stille des Raumes. „Das ist er nicht.“
„Er ist mein Chef. Herr von Sternberg.“
Die Luft im Raum wurde augenblicklich eiskalt.
Augusts Kopf schnellte zu ihr zurück, sein Gesicht war finster. Der kurze Moment der Wärme war verschwunden, ersetzt durch die vertraute eisige Maske.
Die Krankenschwester, die die plötzliche Anspannung spürte, entschuldigte sich schnell.
„Ihr Chef?“, wiederholte August, seine Stimme gefährlich leise. „Ist das alles, was ich für dich bin?“
Er trat einen Schritt näher, sein Schatten fiel auf sie. „Warum hast du das getan, Clara? Warum bist du vor mich gesprungen?“
Seine Augen suchten ihre und verlangten eine Antwort. „War es für einen größeren Bonus? Eine bessere Leistungsbeurteilung? Alles hat bei dir einen Preis, nicht wahr?“
Die Frage war so unfair, so grausam, dass sie sie sprachlos machte. Bitterkeit stieg ihr in die Kehle.
Sie hatte gerade sein Leben gerettet. Und das war seine Antwort.
Die Stille zwischen ihnen dehnte sich aus, schwer und erstickend.
Kapitel 3
Clara schloss die Augen, ihre Hand umklammerte die Ecke der Krankenhausdecke.
„Es war mein Job“, sagte sie mit heiserer Stimme. „Als Ihre Assistentin ist Ihre Sicherheit meine Verantwortung.“
Sie sagte es noch einmal und verstärkte die Mauer zwischen ihnen. Die professionelle Grenze, die er selbst errichtet hatte.
„Das war alles.“
Augusts Gesicht wurde noch finsterer. Er sah aus wie eine Gewitterwolke, die kurz vor dem Platzen stand.
„Dein Job“, wiederholte er, die Worte trieften vor Sarkasmus. „Richtig.“
Er zog seine Brieftasche heraus und warf einen dicken Stapel Hunderteuroscheine auf ihren Nachttisch. Das Geld verteilte sich auf den weißen Laken.
„Dann ist das deine Bezahlung“, höhnte er. „Für gute Arbeit. Du hattest schon immer einen Durst nach Geld, nicht wahr, Clara? Ich erinnere mich, dass du einmal verzweifelt nach fünf Millionen warst.“
Die Erwähnung dieser Zahl, der Preis ihres Verrats, war wie ein Schlag ins Gesicht.
Er wartete nicht auf eine Antwort. Er drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum, den Duft seines teuren Parfums und das Gewicht seiner Verachtung hinterlassend.
Ein paar Tage später, nachdem sie entlassen worden war, wurde Clara mit einer letzten Aufgabe im Zusammenhang mit der Auktion betraut. Sie musste die fünf Millionen Euro teuren Kristallschwäne persönlich an Helena von Arnim in Augusts Villa übergeben.
Helena empfing sie an der Tür, ganz Lächeln und gespielte Sorge.
„Clara! Vielen Dank, dass du die vorbeibringst. Oh, dein armer Arm! Tut er noch weh?“
„Mir geht es gut“, sagte Clara mit gesenktem Kopf.
Als sie nach unten blickte, sah sie, wie Helenas Augen mit einem Ausdruck reinen, unverfälschten Hasses aufblitzten. Er war in einer Sekunde verschwunden, ersetzt durch ihr süßes Lächeln.
„Sie sind wunderschön“, schwärmte Helena und nahm die schwere Kiste. „August ist so gut zu mir.“
Dann, als sie sich umdrehte, „rutschte“ ihre Hand ab.
Die Kiste krachte auf den Marmorboden. Ein widerliches Knirschen hallte durch die große Eingangshalle.
Clara blickte schockiert auf. Die wunderschönen Kristallschwäne, das Symbol ewiger Liebe, das fünf Millionen Euro gekostet hatte, waren jetzt ein Haufen glitzernder Scherben.
Helenas Maske der Süße verschwand, ersetzt durch einen Ausdruck triumphierender Bosheit.
Genau in diesem Moment kam August herein, vom Lärm angezogen. Er sah das zerbrochene Kristall auf dem Boden, und sein Gesicht verhärtete sich sofort.
„Was ist passiert?“, verlangte er zu wissen, seine Augen fixierten Clara.
„Clara, du ...“, begann Helena, ihre Stimme zitterte, als sie zu weinen anfing. „Ich weiß, du wolltest es nicht ...“
„Ich habe es nicht angefasst!“, versuchte Clara zu erklären, ihre Stimme stieg in Panik an. „Sie hat es fallen lassen!“
Augusts Blick war eisig. „Das war ein Geschenk für Helena. Sie sollten ein Symbol unserer Liebe sein.“
Er schritt vorwärts und packte Claras unverletztes Handgelenk, sein Griff war wie Eisen. „Gibt es nichts, was du nicht ruinieren würdest? Bist du so eifersüchtig, so verbittert, dass du alles Schöne in meinem Leben zerstören musst?“
„Nein! August, hör mir zu ...“
Aber Helenas Schluchzen wurde lauter, eine meisterhafte Darbietung eines Opfers mit gebrochenem Herzen. „August, sei nicht böse auf sie. Es war ein Unfall. Ich bin sicher, es tut ihr leid.“
August blickte von Helenas tränenüberströmtem Gesicht zurück zu Claras. Seine Entscheidung war bereits gefallen.
„Entschuldige dich“, befahl er, seine Stimme kalt wie Stahl. „Geh auf die Knie und entschuldige dich bei Helena.“
Clara starrte ihn entsetzt an. „Was? Nein! Es gibt Überwachungskameras im Foyer. Überprüfen Sie die Aufnahmen! Sie werden Ihnen zeigen, was passiert ist!“
Helenas Schluchzen stockte für einen Moment, ein Funke Angst in ihren Augen. Aber dann entspannte sie sich. Sie wusste etwas, was Clara nicht wusste.
Zwei große Bodyguards traten vor und packten Claras Schultern.
„Herr von Sternberg“, sagte einer von ihnen mit flacher Stimme. „Die Überwachungsanlage im Foyer ist seit heute Morgen wegen Wartungsarbeiten ausgefallen.“
Natürlich war sie das.
Die Bodyguards zwangen sie nach unten.
Ihre Knie landeten direkt auf den Scherben des zerbrochenen Kristalls.
Ein scharfes, knirschendes Geräusch hallte in der stillen Halle wider, gefolgt von dem brennenden Schmerz, der ihre Beine hochschoss. Sie schrie auf, ein ersticktes Keuchen der Qual.
Sie blickte zu August auf, ihre Augen flehten. Er sah, wie das Blut durch ihre Hose zu sickern begann. Er sah den Schmerz in ihrem Gesicht.
Und er tat nichts.
Er glaubte Helena. Er würde immer Helena glauben.
„Entschuldige dich“, wiederholte er, seine Stimme noch kälter als zuvor. „Und du wirst dafür bezahlen. Fünf Millionen Euro. Ich werde es von deiner Abfindung abziehen lassen.“
Abfindung. Er feuerte sie.
Der Schmerz in ihren Knien war nichts im Vergleich zum Schmerz in ihrem Herzen.
Tränen strömten über ihr Gesicht und vermischten sich mit dem Blut auf dem Boden. Sie blickte zu Helena, die jetzt ein kleines, triumphierendes Lächeln hinter ihrer Hand verbarg.
„Ich ... es tut mir leid“, würgte Clara hervor, die Worte schmeckten wie Asche in ihrem Mund.
„Ich glaube nicht, dass sie aufrichtig genug ist, Auggie“, sagte Helena, ihre Stimme ein grausames Schnurren. „Vielleicht muss sie darüber nachdenken, was sie getan hat.“
Helena ging zu den großen Glastüren und öffnete sie. Draußen war der Himmel dunkel geworden, und ein plötzlicher Sturm hatte zu toben begonnen. Regen peitschte herab, und der Wind heulte.
„Lass sie draußen knien“, schlug Helena vor. „Bis ich das Gefühl habe, dass es ihr wirklich leidtut.“
August blickte auf Clara, die in einer Lache ihres eigenen Blutes kniete, und dann auf seine Verlobte. Er nickte.
„Tut es.“
Die Bodyguards zerrten sie nach draußen und zwangen sie auf die Knie auf den kalten, nassen Stein der Veranda. Der Regen durchnässte sie sofort und klebte ihr dünnes Kleid an ihre Haut.
Sie zitterte, die Kälte kroch in ihre Knochen. Der Schmerz in ihren Knien war ein weißglühendes Feuer.
Durch die Glastüren konnte sie sehen, wie August sanft eine Decke um Helenas Schultern legte und ihr tröstende Worte zuflüsterte.
Clara schloss die Augen, ihre Gedanken schweiften ab. Sie erinnerte sich an einen anderen Sturm, vor Jahren. Sie hatte Angst vor dem Donner gehabt, und August hatte sie gehalten und ihr gesagt, er würde sie immer beschützen.
Sie öffnete die Augen. Die Erinnerung war verschwunden. Alles, was blieb, war der kalte Regen, die gleichgültigen Bodyguards und der Mann, der jetzt ein Fremder war.
Ihre Tränen vermischten sich mit dem Regen und wuschen das Blut von ihren Knien die Steinstufen hinunter.
Sie war allein. Völlig und ganz allein.