Kapitel 3
Valerie ließ der Bitterkeit, die sie lange vergraben hatte, freien Lauf, ihre Stimme war kalt und scharf wie Eis. Sie starrte den Vater und die Tochter vor ihr mit distanzierter Gleichgültigkeit an. Der jahrelang geschwelte Groll kam nun an die Oberfläche und durchschnitt die Spannung wie eine Klinge.
Achtzehn Jahre lang hatte Craig Valerie den Rücken gekehrt und sich stattdessen dafür entschieden, seine andere Tochter ständig zu verhätscheln und zu beschützen.
Valerie hatte sich einst nach seiner Aufmerksamkeit gesehnt und einst von der Liebe eines Vaters geträumt. Doch als sie jetzt vor Craig stand, wurde ihr klar, dass sie kein Verlangen mehr danach hatte.
Ihr Blick wanderte zu Javier, der wie angewurzelt dastand. Er schien die Last ihrer Verachtung zu spüren und trat, ohne es zu merken, mehrere Schritte zurück. Seine Lippen zitterten, aber er konnte nicht den Mut aufbringen zu sprechen.
Die Feigheit, die Valerie jetzt so deutlich sah, widerte sie an. Wie konnte sie so blind sein? Wie hatte sie sich nur in einen so schwachen, rückgratlosen Mann verlieben können?
Craigs Gesicht verzog sich vor Wut, seine Nasenflügel blähten sich, als sein Blick sie durchbohrte. „Du verwöhntes Gör! Mit welchem Recht kritisieren Sie mich?" brüllte er, seine Stimme zitterte vor Wut.
„Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen? Ist dir deine Mutter egal?" Craigs Stimme dröhnte, doch unter der Wut lag etwas Dunkleres – Bosheit flackerte in seinen Augen.
Valerie erstarrte, ihr Herz hämmerte, als eine Welle der Panik durch sie hindurchschwappte. „Meine Mutter? Wie meinst du das? Was hast du mit ihr gemacht?" schrie sie mit heiserer Stimme, die blutunterlaufene Wut war deutlich in ihren Augen zu sehen.
Craigs Lippen verzogen sich zu einem selbstgefälligen Grinsen. "Beruhige dich. „Ich habe sie gerade aus dem Krankenhaus geholt“, antwortete er, seine Worte bewusst langsam, und genoss die Kontrolle, die sie ihm gaben.
Valeries ganzer Körper zitterte, die Wut in ihr drohte zu explodieren.
Ihre Mutter – ihr einziger Anker in dieser verdrehten Welt. Sie hatte ihr Leben der Rettung ihrer Tochter gewidmet und war vom Maschinenbau auf das Medizinstudium umgestiegen, nur um einen Weg zu finden, sie nach dem Unfall zu heilen.
Sie hatte alles – Zeit, Geld, Energie – in den Aufbau eines medizinischen Forschungsinstituts gesteckt und damit echte Fortschritte bei der Behandlung ihrer Mutter erzielt.
Und jetzt stellte Craig das Leben ihrer Mutter als Druckmittel in Aussicht.
Als Craig sah, welche Wirkung seine Worte auf sie hatten, schnaubte er leise, und die Wut, die noch vor wenigen Augenblicken sein Gesicht verzerrt hatte, verschwand. An seine Stelle trat ein dünnes, berechnendes Lächeln, kalt und triumphierend.
„Jonathan Holt hatte einen Autounfall“, sagte Craig kalt und kniff die Augen zusammen. „Ich kann Lacey nicht heiraten lassen und ihr ganzes Leben lang ein Gemüse pflegen. Aber da Sie sich bereits bei einem Mann blamiert haben, können Sie ihren Platz einnehmen und etwas Nützliches für die Familie Brown tun.“
Valeries Gedanken schwirrten.
Jonathan Holt? Der Chef der Holt Group? Ein Autounfall?
Wie konnte ein so schwerwiegender Vorfall unbemerkt bleiben?
Doch ihre Gedanken änderten sich schnell. Nichts davon war im Moment wichtig – weder Jonathan noch die Ehe.
Das Einzige, was zählte, war ihre Mutter.
„Lass meine Mutter gehen, oder du kriegst nichts von mir“, knurrte Valerie mit zusammengebissenen Zähnen. Ihre Stimme war heiser, aber voller gefährlicher Entschlossenheit. Jedes Wort jagte jedem Zuhörer einen Schauer über den Rücken.
Craigs spöttisches Grinsen wurde noch tiefer, sein Blick scharf und kalt. Er nahm seine Brille mit bewusster Langsamkeit ab und putzte sie, als hätte er alle Zeit der Welt.
"Verzeihung? „Sie sind nicht in der Position, mit mir zu verhandeln“, antwortete er mit ruhiger, aber dennoch bedrohlicher Stimme. „Morgen wird Sie jemand zu einem Treffen mit der Familie Holt bringen. Wenn Sie Ihre Mutter wiedersehen möchten, tun Sie, was ich sage. Ansonsten geben Sie mir nicht die Schuld für die Folgen.“
Seine Worte waren wie ein Schlag, kalt und brutal. Er zuckte nicht einmal zusammen, als er Valeries zitternde, wütende Gestalt erblickte. Sie war seine eigene Tochter, aber für ihn war sie kaum mehr als eine Schachfigur.
Stattdessen wandte Craig seine Aufmerksamkeit Lacey zu und holte einen Erste-Hilfe-Kasten hervor, um ihren verletzten Finger sorgfältig zu versorgen. Seine Berührung war sanft, sein Ausdruck voll väterlicher Sorge.
Die zärtliche Szene war ein Dolchstoß in Valeries Herz. Der Anblick von Craig, der Lacey verwöhnte und gleichzeitig ihre eigene Mutter als Druckmittel benutzte, machte den Schmerz unerträglich.
Aber sie konnte es sich nicht leisten, sich von dem Schmerz verzehren zu lassen. Ihrer Mutter zuliebe hatte Valerie keine Wahl. Sie musste ihren Zorn hinunterschlucken und zustimmen – vorerst.
Auch wenn das bedeutete, sich mit der Familie Holt einzulassen – sie hatte keine andere Wahl.
"Bußgeld. Ich stimme zu. „Jetzt raus“, schrie Valerie und ballte ihre Fäuste so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden.
Ihre trockenen und rissigen Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst und ihre Augen brannten vor kalter Entschlossenheit.
Sie würde vorerst nachgeben. Doch sobald ihre Mutter in Sicherheit war, würde sie dafür sorgen, dass alle Rechnungen beglichen waren – die der Vergangenheit und der Gegenwart.
Nachdem sie endlich gegangen waren, verschwendete Valerie keine Zeit. Sie zog sich schnell an, bereit, diesen erstickenden Ort zu verlassen.
Doch gerade als sie losgehen wollte, fiel ihr Blick auf etwas, das sie abrupt innehalten ließ.
Auf dem Nachttisch lag ein Manschettenknopf – vergoldet, sein Design unverkennbar. Eine Mondsichel mit komplizierten Hohlmustern.
Ihre Schöpfung.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Vor Jahren hatte ein mysteriöser Kunde dieses Stück zu einem astronomischen Preis bei ihr in Auftrag gegeben. Hundert Millionen Dollar.
Sie hatte ihre ganze Seele hineingesteckt und es nicht nur als exquisites Accessoire, sondern auch als Werkzeug entworfen – ausgestattet mit einem GPS-Ortungsgerät und einem versteckten lebensrettenden Mechanismus. Es wurde nur ein einziges Exemplar hergestellt.
Wie war es dort gelandet?
Valeries Atem wurde flacher, ihre Gedanken rasten.
Der Besitzer dieses Manschettenknopfes war nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Sie konnte es sich nicht leisten, unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen, nicht jetzt.
Sie hob es auf, ihre Finger zitterten nur leicht, als sie eine dünne silberne Nadel aus ihrer Tasche holte.
Mit geübter Leichtigkeit bediente sie den Manschettenknopf, und ein scharfes Klicken hallte durch den Raum, als sie die Ortungsfunktion deaktivierte.
Vorerst würde sie den damit verbundenen Ärger vermeiden.
Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass dies kein Zufall war.