Kapitel 1
Die Welle der Übelkeit überkam sie ohne Vorwarnung. Im einen Moment starrte Aubree Hamilton in ihr Spiegelbild im vergoldeten Spiegel der Damentoilette von Le Ciel, im nächsten taumelte sie in eine Marmorkabine, ihr Magen verkrampfte sich heftig. Sie umklammerte das kalte Porzellan der Toilettenschüssel, ihr Körper krampfte sich in einer Reihe trockener, quälender Würgeanfälle zusammen.
Nichts kam hoch. Es gab nichts, was hätte hochkommen können.
Es ist der Wein, sagte sie sich und presste eine feuchte Hand an ihre Stirn. Die billige Flasche Pinot Grigio, die sie letzte Nacht getrunken hatte. Ein Kater. Das musste es sein.
Doch die Ausrede wirkte fad, abgenutzt. Dieses Gefühl – diese aufwühlende, saure Übelkeit – war ihr seit Tagen ein unerwünschter Begleiter.
Sie richtete sich schließlich auf, ihre Beine unsicher, und stellte sich wieder dem Spiegel. Die Frau, die zurückblickte, war ein Geist. Ihre Haut war blass, ihr professionelles Lächeln war einer angespannten, gezeichneten Linie gewichen. Dunkle Ringe blühten unter ihren Augen, scharf abgezeichnet gegen ihre Blässe. Sie sah überhaupt nicht aus wie die Top-Assistenz der Geschäftsleitung eines der furchterregendsten Titanen der Wall Street.
Ein Schwindelanfall überkam sie, und sie umklammerte den Rand des Marmorwaschbeckens, um sich zu stabilisieren. Die polierte Oberfläche war kühl an ihren zitternden Fingern. Im makellosen Spiegelbild löste sich die elegante Damentoilette auf, ersetzt durch ein Bild, das sich hinter ihren Augenlidern einbrannte.
Eine Hotelsuite, vor einem Monat. Regen peitschte gegen die bodentiefen Fenster. Der Duft von teurer Bettwäsche und etwas anderem – etwas, das einzigartig er war. Beck Francos nackter Oberkörper, Muskeln im gedämpften Licht definiert. Das ungezügelte Feuer in seinen tiefgrauen Augen, als er sie ansah.
Sie schüttelte den Kopf, eine scharfe, heftige Bewegung, als wollte sie die Erinnerung physisch vertreiben. Ein Knoten aus Bedauern und purer, unverfälschter Angst zog sich in ihrem Bauch zusammen.
Es war ein Fehler. Ein einziger, katastrophaler Fehler.
Sie hatte sich darum gekümmert. Der Gedanke war ein verzweifeltes Mantra. Sie war am nächsten Morgen zur 24-Stunden-Apotheke gegangen, ihre Hände zitterten, als sie die kleine weiße Schachtel bezahlte. Sie hatte die Pille genommen. Es würde keine Konsequenzen geben. Es durfte keine geben.
Ihr Telefon summte auf der Ablage und riss sie gewaltsam in die Gegenwart zurück. Eine Nachricht von Paige, ihrer Freundin und Kollegin.
„Er ist zurück! Becks Jet ist gerade gelandet!"
Aubrees Herz sank nicht nur. Es stürzte ab, ein totes Gewicht, das durch ihren Magen auf den Boden fiel. Ein Monat. Er war einen ganzen Monat in Europa gewesen. Eine gesegnete, dreißigtägige Gnadenfrist, die gerade zu Ende gegangen war.
Sie atmete tief und zitternd ein. Dann noch einmal. Sie richtete ihren schwarzen Blazer, strich ihren Bleistiftrock glatt. Sie war eine Professionalistin. Sie brauchte diesen Job. Das Gehalt, die Leistungen, die Wohnung, die er bezahlte – das war ihr ganzes Leben. Sie durfte nicht gefeuert werden.
Gefasst, oder zumindest so tuend, verließ sie die Damentoilette und kehrte zu ihrem Tisch zurück.
Ihr gegenüber saß Julian Fletcher, der Executive Assistant von Alistair Rhodes-Prescott. Er war ein bekanntes Gesicht aus ihren Studientagen, voller geschliffenem Charme und Ehrgeiz.
Er lächelte, als sie sich setzte. „Alles in Ordnung?"
„Nur ein bisschen Kopfschmerzen", log sie und zwang sich zu einem eigenen Lächeln.
Er schob eine wunderschön verpackte, schlanke Schachtel über den Tisch. Sie war schwer, teuer. „Eine Kleinigkeit für Ihren Chef", sagte er, sein Tonfall lässig, aber seine Augen aufmerksam. „Alistair wollte ein Zeichen des guten Willens senden."
Darin, wusste sie, würde ein Füllfederhalter in limitierter Auflage oder ein anderes absurd teures Schmuckstück sein.
„Ich hatte gehofft, Sie könnten es ihm geben", fuhr Julian fort. „Jeder weiß, dass Sie die einzige Person sind, der er wirklich vertraut."
Die Worte waren als Kompliment gemeint, doch sie fühlten sich an wie ein Todesurteil. Das Letzte, was sie auf der Welt wollte, war, Beck Franco gegenüberzutreten.
„Es tut mir leid, Julian, aber Herr Franco nimmt keine Geschenke an", sagte sie mit angespannter Stimme. Es war eine bekannte Regel.
Julians Lächeln stockte. „Aubree, bitte. Alistair ist… hartnäckig. Es würde mich wirklich schlecht aussehen lassen, wenn ich das nicht einmal durch die Tür bekomme."
Sie spürte das Gewicht seiner Bitte, die ungeschriebenen Regeln ihrer Welt. Gefälligkeiten waren Währung. Allianzen waren alles. Er brachte sie in eine unmögliche Lage.
Ihr Magen krampfte sich wieder zusammen. Sie sah die Schachtel an, dann sein hoffnungsvolles Gesicht. Mit einem Gefühl der Furcht, so tief, dass es sich anfühlte, als würde sie Glas schlucken, nahm sie es an.
Es fühlte sich an wie eine Bombe in ihren Händen.
Zurück in der Zentrale von Franco Enterprises war die Luft im 50. Stock anders. Sie war still, aufgeladen, wie die Luft vor einem Blitzeinschlag. Er war hier. Man konnte es spüren.
Paige fing sie bei den Aufzügen ab, ihre Augen weit. „Er ist schlecht gelaunt", flüsterte sie. „Hat gerade dem Leiter des Investmentbankings die Hölle heiß gemacht. Sagte, sein zehnjähriger Neffe hätte eine bessere Prognose erstellen können."
Die Bombe in Aubrees Händen fühlte sich schwerer an.
Sie ging den langen, stillen Korridor zu seinem Eckbüro entlang. Sie fühlte sich wie eine Gefangene auf ihrem letzten Gang. Die massiven Mahagonitüren ragten vor ihr auf.
Gerade als sie die Hand zum Klopfen heben wollte, öffnete sich die Tür und Alex Nash, Becks leitender Assistent, trat heraus. Sein Gesicht war grimmig, seine Schultern angespannt. Er sah aus, als hätte er gerade einen Hurrikan überlebt.
Eine Idee – ein letzter, verzweifelter Plan – blitzte in Aubrees Gedanken auf.
„Alex", sagte sie, ihre Stimme ein leises, dringendes Flüstern. „Können Sie mir helfen?" Sie hielt das Geschenk hoch. „Das ist von Rhodes-Prescott. Könnten Sie vielleicht –"
Alex blickte von der Schachtel in ihren Händen zur geschlossenen Tür und dann zurück zu ihr. Sein Ausdruck war einer von reinem, unverfälschtem Mitleid. Es war der Blick, den man jemandem zuwirft, von dem man weiß, dass er gleich verschlungen wird.
„Tut mir leid, Aubree", sagte er, seine Stimme kaum hörbar. „Er war sehr spezifisch. Er will die Person sehen, die es gebracht hat. Persönlich."
Der Boden schien unter ihren Füßen zu schwanken. Eine weitere Welle der Übelkeit überkam sie, heiß und säuerlich. Sie schluckte sie hinunter, zwang sie zurück. Es ist nur Stress, sagte sie sich. Es ist nur Stress.
Es gab kein Entrinnen.
Sie atmete tief ein, die Luft fühlte sich dünn und nutzlos in ihren Lungen an. Sie hob eine zitternde Hand und klopfte an das massive Holz, das sie von dem Mann trennte, der ihr Leben mit einem einzigen Wort ruinieren konnte.
Ein Moment der Stille, dann eine Stimme von drinnen. Kalt, tief und völlig emotionslos.
„Kommen Sie herein."
Kapitel 2
„Alex, bitte", flüsterte Aubree, ein letzter, verzweifelter Appell. Ihre Hand war am Türknauf erstarrt. „Du kennst seine Regel bezüglich Geschenken. Das ist –"
„Es tut mir leid, Aubree." Alex’ Augen waren voller aufrichtiger Sympathie, doch seine Haltung war unerschütterlich. „Er ist gerade erst zurück, er ist schlecht gelaunt, und seine genauen Worte waren: ‚Ich will sie sehen.‘ Ich kann dir nicht helfen."
Sein Ton sagte, was seine Worte nicht taten: Du bist auf dich allein gestellt.
Ihr Herz sank ihr in die Sohlen ihrer teuren Absätze. Es gab keinen Ausweg. Sie war gefangen.
Sie drehte sich zur Tür zurück, ihre Handfläche schwitzte gegen das kühle Messing des Griffs. Sie konnte sich nicht dazu durchringen, sie aufzustoßen. Ihre Gedanken rasten, eine verzweifelte Suche nach einer Ausrede, irgendeiner Ausrede. Familiennotfall. Plötzliche Krankheit. Eine Feueralarmübung. Jede klang erbärmlicher als die letzte.
Dann fasste ein wilder, verrückter Gedanke Wurzel.
Lauf weg.
Einfach umdrehen, die Schachtel Alex zuschieben und zu den Aufzügen rennen. Es wäre beruflicher Selbstmord, aber es fühlte sich unendlich besser an, als in dieses Büro zu gehen.
Sie spannte ihre Muskeln an, bereit, sich zu drehen und zu fliehen, als hinter ihr ein leises Husten ertönte. Es war Alex, eine sanfte Erinnerung daran, dass er noch da war, dass die gesamte Führungsetage zusah.
Sie schloss die Augen, eine stille Kapitulation. Die Fluchtphantasie verflog, und es blieb nur die kalte, harte Realität der Mahagonitür.
Sie stieß sie auf.
Das Büro war riesig, eine Höhle aus Glas und Stahl mit Blick auf die weitläufige Skyline von Manhattan. Und da war er. Beck Franco stand mit dem Rücken zu ihr, eine große, imposante Silhouette vor dem Nachmittagslicht. Seine Schultern waren breit unter seinem perfekt geschnittenen Anzug, seine Haltung strahlte eine unantastbare Autorität aus.
Der Raum war so still, dass sie das hektische, hasenschnelle Pochen ihres eigenen Herzens hören konnte.
„Herr Franco, Sir?" Ihre Stimme war ein dünnes Flüstern.
Er drehte sich langsam um. Die Bewegung war fließend, kontrolliert, wie ein Raubtier, das sich seiner Beute zuwendet. Sein Gesicht war ein Meisterwerk männlicher Schönheit, alles scharfe Winkel und unerbittliche Linien. Doch es waren seine Augen, die sie gefangen hielten. Sie hatten die Farbe einer Gewitterwolke, grau und intensiv, und sie musterten sie mit einer beunruhigenden Präzision, als könnten sie direkt durch ihre Haut, durch ihre sorgfältig konstruierten Lügen und in das verängstigte Chaos ihrer Seele blicken.
Sein Blick verweilte einen Schlag zu lange auf ihrem Gesicht, bevor er auf die Geschenkbox fiel, die sie in ihren Händen umklammerte.
„Das ist von Herrn Alistair Rhodes-Prescott", brachte sie hervor, ihre Stimme zitterte leicht. „Er bat mich, es zu überbringen."
Ihre Worte hingen in der Luft. Eine Idee, eine Chance zur schnellen Flucht, bot sich ihr.
Sie trat vor und legte die Schachtel auf die Ecke seines massiven Schreibtisches, einer Platte aus poliertem Ebenholz, die aussah, als wäre sie aus einem einzigen Baum geschnitzt worden.
„Das Geschenk ist überbracht", sagte sie und versuchte, geschäftig und effizient zu klingen. „Wenn es nichts Weiteres gibt, kehre ich an meinen Schreibtisch zurück."
Sie drehte sich um, ihr Körper schrie danach, zu entkommen, so viel Abstand wie möglich zwischen sie und ihn zu bringen. Ihre Finger waren nur wenige Zentimeter vom Türknauf entfernt.
„Habe ich gesagt, dass Sie gehen dürfen?"
Die Stimme war tief, gefährlich sanft, doch sie stoppte sie so effektiv wie ein körperlicher Schlag. Ihr ganzer Körper versteifte sich.
Langsam drehte sie sich zurück. Er hatte sich hinter seinen Schreibtisch begeben und saß nun da, die Hände vor sich gefaltet. Er sah aus wie ein König auf seinem Thron, ein Richter, der im Begriff war, ein Urteil zu fällen.
Verzweiflung krallte sich an ihre Kehle. Sie musste etwas sagen, etwas tun, um diese unerträgliche Spannung zu durchbrechen. Sie öffnete den Mund, um zu sprechen, um die Grenze zwischen Chef und Assistentin wiederherzustellen, doch die Worte wollten nicht kommen.
Sie trat einen Schritt zurück, ein ungeschickter, unwillkürlicher Rückzug. Ihr Absatz verfing sich am Rand des Plüschteppichs. Sie stolperte, ein kleiner, unwürdiger Ruck.
Und dann drehte sie sich um und floh.
Sie rannte nicht, nicht direkt, aber ihr Gang war schnell, ein panischer Schritt den stillen Korridor entlang. Sie bog um die Ecke in Richtung des Hauptbereichs der Assistenten, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen.
Sie stieß mit etwas Festem zusammen.
Eine Wand aus Muskeln, unnachgiebig und warm. Starke Hände packten ihre Oberarme, um sie zu stabilisieren, und sie blickte auf, ihr Atem stockte in ihrer Kehle.
Es war Beck Franco.
Sie starrte entsetzt, nicht auf die Tür, aus der er hinter ihr hätte kommen sollen, sondern auf eine diskrete, bündig montierte Platte am Ende des Flurs, die sie noch nie zuvor bemerkt hatte. Es war ein privater Eingang, der wahrscheinlich zu seinem persönlichen Aufzug oder einer angrenzenden Suite führte. Er hatte sie nicht verfolgt; er hatte sie erwartet.
Die Geschenkbox, die sie in ihrer Flucht unerklärlicherweise von seinem Schreibtisch zurückgerissen hatte, glitt aus ihren nervenlosen Fingern. Sie landete mit einem leisen, verdammenden Aufprall auf dem Teppich.
Er bückte sich und hob sie mit einer geschmeidigen Bewegung auf. Er warf einen Blick auf das Logo auf dem Geschenkpapier, dann hoben sich seine grauen Augen, um sich mit ihren zu verbinden. Sie waren unlesbar, Granitsplitter.
Er sprach nicht. Er neigte lediglich sein Kinn in Richtung des Büros, aus dem sie gerade geflohen war. Der Befehl war stumm, absolut.
Rein.
Aubree starrte in diese bodenlosen Augen und wusste mit einer Gewissheit, die sie bis auf die Knochen frösteln ließ, dass es dieses Mal wirklich keinen Ort mehr gab, an den sie fliehen konnte.
Kapitel 3
Die schwere Bürotür klickte hinter ihr ins Schloss. Das Geräusch war leise, doch es hallte in der höhlenartigen Stille wider, ein letztes, endgültiges Geräusch eines sich schließenden Käfigs.
Beck kehrte nicht zu seinem thronartigen Stuhl zurück. Stattdessen lehnte er sich an den Rand seines massiven Schreibtisches und verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust. Die Pose war lässig, doch die Wirkung war alles andere als das. Es war eine Haltung reiner, räuberischer Dominanz.
Er durchbrach die Stille, seine Stimme ein tiefes Grollen, das durch den Boden vibrierte. „Sie weichen mir aus, Aubree."
Es war keine Frage. Es war eine Feststellung.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten, eine Ruhe auszustrahlen, die sie bei Weitem nicht empfand. „Nein, Sir. Ich war nur... mit den Quartalsberichten beschäftigt."
Ein Mundwinkel hob sich zu einem Grinsen, das keinen Humor, nur Kälte barg. Er glaubte ihr nicht.
Er stieß sich vom Schreibtisch ab und machte einen Schritt auf sie zu. Die Luft knisterte, dick von einer Spannung, die sie schmecken konnte. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück. Dann noch einen, bis ihr Rücken flach gegen das kalte, unnachgiebige Holz der Tür gepresst war.
Er hielt nicht an. Er überbrückte die Distanz zwischen ihnen, legte eine Hand an die Tür neben ihrem Kopf und sperrte sie ein. Der Duft seines Kölnischwassers – Sandelholz und etwas Scharfes, wie Gin – erfüllte ihre Sinne, ein Geruch, den sie mit entsetzlicher Klarheit erinnerte. Es war der Geruch ihres größten Fehlers.
Die Übelkeit aus dem Restaurant kehrte mit voller Wucht zurück. Sie schluckte schwer und kämpfte dagegen an.
Er beugte sich vor, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. „Vor etwa einem Monat", begann er, seine Stimme sank zu einem rauen, intimen Flüstern. „Wir müssen reden."
Panik, scharf und blendend, ergriff sie. Das war es. Der Moment, vor dem sie sich gefürchtet hatte. Wenn sie das nicht sofort stoppte, wären ihre Karriere, ihr ganzes Leben vorbei.
Eine verzweifelte, waghalsige Idee bildete sich im Chaos ihres Geistes. Sie brauchte einen Schild, etwas so Absolutes, dass er keine andere Wahl hätte, als zurückzuweichen.
Sie hob ihr Kinn und zwang sich, direkt in seine stürmischen grauen Augen zu blicken. Sie mobilisierte jede Unze Kraft, die sie hatte, und sprach, ihre Stimme überraschend klar und fest.
„Sir, diese Nacht war ein Fehler. Ein Fehler, den ich nie wieder machen werde. Denn ich bin verlobt."
Die Luft im Raum schien zu gefrieren, sich in Millionen winziger Eissplitter zu kristallisieren.
Becks Ausdruck änderte sich nicht, doch sie sah etwas Tiefes in seinen Augen sich verschieben. Ein Flackern von... etwas. Ein kaltes Licht, das vorher nicht da gewesen war.
Um die Lüge glaubwürdig zu machen, sie vollständig zu verkaufen, fuhr sie fort, die Worte purzelten aus ihr heraus. „Mein Verlobter... wir heiraten bald. Diese Nacht... ich hatte zu viel getrunken. Ich fühle mich schrecklich wegen dem, was ich ihm angetan habe."
Sie nahm bewusst die ganze Schuld auf sich und positionierte sich als eine von Schuld zerfressene Frau, eine Frau, die jemand anderem gehörte. Eine Frau, die tabu war.
Es funktionierte. Er richtete sich langsam auf, zog sich zurück und schuf einen Abgrund von Raum zwischen ihnen.
Der Ausdruck auf seinem Gesicht hatte sich verwandelt. Die kalte Neugier war verschwunden, ersetzt durch einen Ausdruck von gemischtem Ekel und Verachtung.
Sie dachte, er sei von ihrer „Untreue" abgestoßen, dass ihre Lüge die Mauer, die sie so verzweifelt brauchte, erfolgreich errichtet hatte. Sie konnte nicht wissen, dass sie gerade in das eine, unmarkierte Minenfeld seiner Psyche gestolpert war. Beck Franco kümmerte sich nicht um One-Night-Stands, aber er hatte eine pathologische, unnachgiebige Verachtung für Illoyalität. In seinen Augen hatte sie nicht nur einen Fehler gemacht. Sie hatte betrogen. Und sie hatte ihn benutzt, um es zu tun.
Er dachte, er sei nur eine Schachfigur in ihrem schäbigen kleinen Drama.
Ein humorloses Lachen, kaum mehr als ein Lufthauch, entwich seinen Lippen. „Verlobt?", sagte er, das Wort triefte vor Verachtung. „Herzlichen Glückwunsch, Miss Hamilton."
Er kehrte ihr den Rücken zu und ging zu seinem Schreibtisch, nahm den Füller in limitierter Auflage aus der Geschenkbox. Er warf ihn von einer Hand in die andere.
„Da Sie bald die Frau eines anderen Mannes sein werden", sagte er, seine Stimme gefährlich sanft, „denke ich, um zukünftige... ‚Missverständnisse‘ zu vermeiden... sollten Sie Ihre Position hier überdenken."
Das Blut in ihren Adern gefror. Ihre Position überdenken? Feuerte er sie?
Ihre Lüge hatte sie nicht gerettet. Sie hatte ihm nur die Waffe in die Hand gegeben, um sie damit hinzurichten.
Sie öffnete den Mund, um zu protestieren, zu erklären, alles zurückzunehmen, doch es war zu spät. Er drückte einen Knopf an seiner Gegensprechanlage.
„Alex", sagte er, seine Stimme hart wie Stahl. „Informieren Sie die Personalabteilung, dass Miss Hamilton mit sofortiger Wirkung und auf unbestimmte Zeit beurlaubt ist. Alle Zugangsberechtigungen widerrufen. Ich möchte, dass sie nach Hause geht und weitere Anweisungen abwartet." Er hielt inne, seine kalten Augen fanden ihre, hefteten sie an die Tür. „Begleiten Sie sie aus dem Gebäude."