Kapitel 3
Das Erste, was Isolde spürte, war Gewicht.
Ein erdrückendes, erstickendes Gewicht auf ihrer Brust.
Sie schnappte nach Luft, ihr Körper zuckte heftig, als Luft in ihre Lungen strömte.
Ihre Augen rissen auf.
Sie war nicht im Gästezimmer. Sie stand.
Desorientierung überkam sie. Der Geruch von Rauch und Asche war verschwunden, ersetzt durch den aufdringlichen Duft teurer Lilien und … Santal 33. Graysons Cologne.
Orchestermusik dröhnte in ihren Ohren. Vivaldi.
Ein Kellner stieß gegen ihre Schulter. „Verzeihung, Mrs. Lancaster."
Isolde stolperte und erblickte ihr Spiegelbild in einer verspiegelten Säule.
Sie trug ein blaues Seidenkleid. Das Kleid, das sie in der Feuerschale verbrannt hatte. Ihr Haar war zu einem kunstvollen Chignon hochgesteckt. Ihr Gesicht … ihr Gesicht sah jünger aus. Müde, ja, aber der hohle, skelettartige Ausdruck der letzten drei Tage war verschwunden.
Sie berührte ihre Wange. Warm.
Sie blickte auf. Ein riesiges Banner hing quer über der Decke des Ballsaals.
ALLES GUTE ZUM 5. GEBURTSTAG, KAIDEN
& Effie
Der zweite Name stand da, aber er war ein nachträglicher Gedanke, gedruckt in einer so kleinen und zarten Schrift, dass er von den großen, fetten Buchstaben des Namens ihres Bruders fast verschluckt wurde. Auch ihr Geburtstag, und sie hatten ihren Namen zu einer Fußnote gemacht.
Isoldes Herz setzte aus, dann zog sie ihr Handy hervor.
Das Datum.
Es war genau vor einem Jahr.
Der Raum drehte sich. Sie umklammerte die Säule, um Halt zu finden. Halluzination? Fegefeuer? Hölle?
„Isolde!"
Die Stimme war scharf. Ungeduldig.
Grayson kam auf sie zu. Er sah genauso aus wie immer – makellos gekleidet, gut aussehend und verärgert. Aber es gab einen Unterschied. Er hatte nicht die leichten grauen Schläfen, die er bei der Beerdigung gehabt hatte.
„Was ist los mit dir?", zischte er und hielt seine Stimme leise, damit die Gäste es nicht hörten. „Du stehst da und glotzt wie ein Fisch. Belle braucht Hilfe beim Anschneiden des Kuchens."
Belle Escobar erschien an Graysons Seite, strahlend in einem roten Kleid, das mehr kostete als Isoldes Auto. Sie hielt eine Serviette hin.
„Oh, Isolde", sagte Belle, ihre Stimme triefte vor falscher Süße. „Hast du etwas verschüttet? Du siehst so blass aus."
Isolde starrte sie an. Dann sah sie es.
Eine aufblitzende Bewegung in der Nähe des Desserttisches. Ein kleines Mädchen in einem schlichten weißen Kleid, das versuchte, einen Keks zu erreichen.
Effie.
Isolde dachte nicht nach. Sie drängte sich an Grayson vorbei und stieß ihn mit der Schulter so heftig an, dass er ins Straucheln geriet.
„Isolde!", bellte er.
Sie ignorierte ihn. Sie ließ sich vor dem Mädchen auf die Knie fallen.
Effie drehte sich um, ihre Augen waren weit und ängstlich. Sie zuckte zusammen, weil sie erwartete, für das Berühren der Süßigkeiten gescholten zu werden.
„Mami?", flüsterte Effie.
Isolde packte sie. Sie zog ihre Tochter in eine so feste Umarmung, dass sie Effies kleine Rippen an ihren eigenen spürte.
Wärme.
Ein Herzschlag. Bumm-bumm. Bumm-bumm.
Es war das schönste Geräusch im Universum.
Tränen schossen aus Isoldes Augen. Nicht das stille Weinen der Beerdigung, sondern lautes, keuchendes Schluchzen der Erleichterung. Sie vergrub ihr Gesicht in Effies Hals und roch das Babyshampoo, die Süße ihrer Haut.
„Du bist hier", würgte Isolde hervor. „Du bist hier."
Die Musik schien zu verstummen. Die Gäste starrten. Die verrückte Ehefrau, die auf einer Geburtstagsfeier auf dem Boden weinte.
Grayson war sofort zur Stelle. Er packte Isoldes Oberarm, seine Finger gruben sich in ihr Fleisch.
„Steh auf", knurrte er ihr ins Ohr. „Du machst eine Szene. Hör sofort mit dieser Hysterie auf."
Isolde erstarrte.
Sie spürte die Hitze seiner Hand auf ihrem Arm. Die Hand, die die Scheidungspapiere unterschrieben hatte, ohne hinzusehen. Die Hand, die einen Golfschläger gehalten hatte, während ihre Tochter beerdigt wurde.
Langsam hob Isolde den Kopf.
Sie sah Grayson an.
Sie stand auf und ließ eine Hand auf Effies Schulter liegen.
Sie blickte auf Graysons Hand auf ihrem Arm.
„Lass. Los."
Grayson blinzelte, verblüfft von dem eisigen Befehl in ihrem Ton. „Isolde, fang nicht an …"
Isolde hob ihre freie Hand. Sie packte seine Finger. Mit einer schnellen, geübten Drehung, die sie seit sechs Jahren nicht mehr angewendet hatte – ein Muskelgedächtnis aus einem Leben, von dem er nichts wusste –, löste sie seine Hand von ihrem Arm.
Sie entfernte sie nicht nur. Sie schleuderte sie ihm entgegen.
Grayson stolperte einen Schritt zurück, der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Isolde richtete ihren Rücken auf. Sie glättete ihr Kleid.
„Ich sagte", wiederholte sie, und ihre Stimme hallte durch die plötzliche Stille im Raum, „fass mich nicht an."