Kapitel 3
ELENA Peters
Als mein Handy summte, erstarrte ich auf der Stelle. Doch mein Herz sackte in sich zusammen, als ich auf das Display schaute und es nicht der Mann war, von dem ich es mir erhofft hatte.
Eine Woche war seit jener Nacht vergangen, die wir miteinander geteilt hatten. Es war zweifellos der Alkohol gewesen, der aus mir sprach, als ich ihm sagte, ich würde nicht bereuen, was zwischen uns geschehen war.
Denn als ich am nächsten Tag nach Hause kam, heulte ich mir die Seele aus dem Leib. Nie hätte ich gedacht, dass ich etwas so Schmutziges tun würde, wie mit einem anderen Mann als meinem Gefährten zu schlafen. Und schlimmer noch, mit seinem Vater. Allein die Tatsache, dass ich es getan hatte, erfüllte mich mit abgrundtiefem Ekel vor mir selbst.
Ich hasste ihn augenblicklich und wollte nie wieder mit ihm sprechen. Doch dieser Hass verwandelte sich wenige Tage später in ein brennendes Sehnen und Verlangen.
Unablässig verspürte ich den Drang, ihn anzurufen, doch sobald ich das Handy in der Hand hielt, verließ mich der Mut. Und er hatte mich nicht angerufen. Gesehen hatten wir uns auch nicht. Gerade das beunruhigte mich am meisten.
Es brachte mich auf den Gedanken, dass er mich entweder ignorierte oder dass das, was zwischen uns gewesen war, ihm nicht genug bedeutete, um den Kontakt zu mir zu suchen.
Vielleicht war es für ihn nur eine einmalige Sache gewesen. Einfach irgendein bedeutungsloser Sex. Nichts weiter. Und obwohl ich eigentlich erleichtert darüber hätte sein sollen, tat ein Teil von mir entsetzlich weh.
Man korrigiere mich, falls ich falschliege, aber hatte er mir nicht das Versprechen abgenommen, dass ich nicht so tun würde, als wäre es nie passiert? Warum also tat er genau das?
Hatte er diese Worte nicht ernst gemeint, als er sie aussprach? Waren sie nur dazu da gewesen, den Moment aufzuheizen? Bereute er es genauso wie ich?
Vielleicht bedeutete es ihm einfach nichts. Und mir sollte es ebenfalls nichts bedeuten. Doch mein einsames Herz schien sich auf eine Weise nach ihm zu verzehren, gegen die ich machtlos war.
Ich starrte erneut auf seine Nummer, schüttelte dann den Kopf und entschied mich dagegen, ihn anzurufen. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und ging zum Frühstück hinunter.
Trent saß bereits am Tisch und war in sein Handy vertieft. Doch er legte es hastig weg, als er mich bemerkte.
Warum? Sprach er mit Tracy? Es fiel mir schwer, ihn darauf anzusprechen. Also konnte ich es nicht. Erst recht nicht, da ich wusste, dass ich genauso schmutzig war wie er, nachdem ich mich mit seinem Vater eingelassen hatte.
„Hey, Schatz", sagte er und beugte sich vor, um mich auf den Mund zu küssen. Ich wich dem Kuss unauffällig aus, sodass er auf meiner Wange landete.
Seit ich es herausgefunden hatte, ließ ich ihn mich weder küssen noch ficken. Seine Berührung widerte mich an. Und das Wissen, dass er seinen Schwanz in Tracy steckte, machte ihn für mich ganz gewiss nicht begehrenswerter.
Vielleicht würde ich ihn nie damit konfrontieren, aber ich würde mir mit Sicherheit keinen Schwanz mit meiner Schwester teilen. Das hätte den letzten Rest meines Stolzes zerstört.
Er zog mir einen Stuhl heraus, und ich ließ mich hineingleiten. Stets der Gentleman. Genau deshalb konnte ich einfach nicht begreifen, wie er mich betrügen konnte. Wie nur?
„Die Dinnerparty deines Vaters ist heute Abend“, erinnerte er mich.
Ja, Vater war der Alpha des Mondflocken-Rudels. Trents Vater war der Alpha des Purpurhügel-Rudels. Bis er sich vorzeitig zurückgezogen und die Position an Trent übergeben hatte.
Vater und Trents Vater Vince waren Jugendfreunde, und diese Freundschaft war mit ihnen gewachsen. Deshalb waren beide so überglücklich gewesen, als ich Trents Gefährtin wurde.
„Ja", erwiderte ich lustlos und versuchte zu essen, obwohl ich keinen Appetit hatte.
„Ich habe heute Abend noch zu tun. Ich setze dich dort nur ab und fahre dann los, um mich darum zu kümmern. Aber morgen bin ich auf jeden Fall bei der Party dabei."
Ich nickte erneut. Ich hatte nichts zu sagen. Er log. Eine Lüge, die keine Antwort verdiente. Wenn überhaupt, dann trieb sie mir nur wieder die Tränen in die Augen.
„Ich habe keinen Hunger", sagte ich und eilte zurück in mein Schlafzimmer. Ich blieb eingeschlossen, bis es Abend wurde.
Trent fuhr mich zu Vaters Rudel. Wir fuhren auf das Gelände, und Vater wartete bereits auf der Veranda.
Ich stieg aus dem Auto und stürzte mich in seine Arme.
„Sachte, Kleines", lachte er und strich mir über den Rücken.
„Entschuldigung." Aber ich brauchte eine Umarmung. Verzweifelt.
Trent fuhr davon, nachdem er Vater begrüßt hatte. Ihm nachzusehen, wie er wegfuhr, drückte meine Stimmung noch tiefer.
Vater und ich gingen hinein, und dort waren Tracy und ihre Mutter, meine Stiefmutter.
„Hallo, Mutter." Ich umarmte sie. Sie würde wohl nie die Leere füllen können, die meine Mutter in meinem Herzen hinterlassen hatte, als ich vier war. Aber sie war gewiss sehr gütig zu mir, und das bedeutete mir viel.
„Hey, große Schwester", begrüßte Tracy mich mit ihrem üblichen, frechen Grinsen. Ein strahlendes Lächeln, das selbst das trübseligste Gemüt aufhellte.
Wie konnte jemand mit solch einem Lächeln so hinterhältig sein? Und ich liebte sie so sehr, dass ich auch nicht wusste, wie ich sie zur Rede stellen sollte.
Also war ich gezwungen, all meine Gefühle in mich hineinzufressen, und es schnürte mir so verdammt erbarmungslos die Luft ab. Und in diesem Moment musste ich nett zu ihr sein. Obwohl es mich innerlich zerriss.
„Hey, Tracy." Mein Lächeln währte nur eine Sekunde, dann erlosch es. Zum Glück bemerkte es niemand, und Vater führte uns zum Esstisch.
Es waren nur wir, sonst niemand. Keine weiteren Gäste. Nicht einmal … Vince. Auf dem Weg hierher hatte mir das Herz bis zum Hals geschlagen bei dem Gedanken, ihn hier anzutreffen. Doch dass er nicht da war, erfüllte mich zugleich mit Enttäuschung und Erleichterung.
„Hast du niemand anderen eingeladen?", fragte ich Vater, als ich mich neben ihn setzte. Tracy saß neben ihrer Mutter.
„Ich habe nur Vince eingeladen", erwiderte er und griff nach seinem Besteck.
Ich erstarrte, fing mich jedoch sofort wieder. „Warum …" Meine Stimme war rau, also räusperte ich mich. „… warum ist er nicht gekommen?"
„Ich weiß es nicht. Er sagte, es sei etwas dazwischengekommen. Etwas, das er nicht unbeaufsichtigt lassen konnte." Vater klang irgendwie enttäuscht.
Ich aß schweigend, während mich eine Welle der Schuld zu zerreißen drohte. Was, wenn Vince abgesagt hatte, weil er wusste, dass ich hier sein würde?
Was, wenn er sich wegen dem, was passiert war, elend fühlte? Etwas, das nur geschehen war, weil ich angetrunken und waghalsig und rachsüchtig gewesen war.
Vielleicht plagte Vince sich mit Schuldgefühlen. Denn schließlich war ich die Tochter seines besten Freundes. Und die Gefährtin seines Sohnes. Er musste sich gerade selbst hassen.
Und ich durfte nicht vergessen, dass ich diejenige war, die das Ganze angefangen hatte. Ich war es gewesen.
„Schon gut, Liebling. Er wird morgen bestimmt zur Party kommen." Mutter versuchte ihn zu trösten. Doch Vater konnte seine Traurigkeit nicht verbergen.
Ich fühlte mich so elend, dass ich kaum etwas hinunterbekam.
Endlich war ich in meinem Zimmer und starrte wieder auf mein Handy.
Mein Verhalten in jener Nacht könnte seine Freundschaft mit meinem Vater ruinieren und meine Beziehung zu Trent erst recht zerstören, wenn ich es nicht in Ordnung brachte. Ich musste Verantwortung für mein Handeln übernehmen. Ich musste mich entschuldigen und ihm seine Schuldgefühle nehmen.
Es war alles mEs war alles meine Schuld. Ich hätte mich ihm nicht an den Hals werfen dürfen. Und dafür sollte ich mich entschuldigen.eine Schuld.
Mit einem tiefen Atemzug wählte ich seine Nummer. Was mich erschütterte, war, dass er bereits beim ersten Klingeln abnahm.
„Ganz schön lang gebraucht", brummte er rau.
„Es tut mir leid", sagte ich ruhig und versuchte, mein rasendes Herz unter Kontrolle zu bringen.
„Es ist …"
„Ich hätte mich dir nicht so an den Hals werfen dürfen." Ich sprach weiter und fiel ihm ins Wort. „Es tut mir leid, falls du dich schuldig fühlst. Aber das musst du nicht. Es war nur eine bedeutungslose einmalige Sache. Lass uns … lass uns einfach so tun, als wäre es nie passiert. Bitte."
Eisiges Schweigen lag zwischen uns. Und ich war versucht zu glauben, er hätte aufgelegt.
„Das ist es, was du mir sagen wolltest?" In seiner Stimme lag eine Schärfe. Eine beängstigende Schärfe. Sie jagte mir Schauer über den Rücken.
„J-ja …" Ich stammelte und umklammerte mein Handy fester. „Ist … ist es nicht das, was du hören willst?"
„Du hast keine verdammte Ahnung." Er zischte, und die Leitung war tot.
Ich war eine geschlagene Minute lang kreidebleich. Mein Gesicht glühte von der Intensität des dreiminütigen Telefonats mit einem Mann, der eigentlich der anständigste und gelassenste sein sollte.
Am Telefon hatte er nicht im Geringsten so geklungen. Wenn überhaupt, dann hatte er etwas Animalisches, Entfesseltes an sich gehabt, ganz wie in jener Nacht, als er mich durchgenommen hatte.
Was ging hier vor? Warum hatte ich das Gefühl, dass an ihm weit mehr war, als man auf den ersten Blick sah? Was … was ging hier wirklich vor? Denn ich hatte das Gefühl, mit diesem Anruf in ein Wespennest gestochen zu haben, obwohl ich ihn doch nur hatte beruhigen wollen.
„Ist etwas nicht in Ordnung?" Vaters Stimme ließ mich zusammenfahren. Ich wirbelte herum und ersetzte meinen blassen Ausdruck hastig durch ein Lächeln.
„Nichts, Vater." Wenn ich ihn doch nur fragen könnte, was für ein Mensch sein bester Freund wirklich war. Denn mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. War er nicht der warmherzige, freundliche Vince, den alle kannten?
Wer war dieser Vince, mit dem ich geschlafen hatte und den ich gerade noch am Telefon gehabt hatte? Er schien ein völlig anderer zu sein als der Vince, den wir alle über die Jahre kennengelernt hatten.
„Ich wollte dir gute Nacht sagen." Vater kam näher und umarmte mich kurz. „Danke, dass du gekommen bist, um den Abend vor meinem Geburtstag mit mir zu verbringen."
„Das ist mir eine Freude, Vater." Ich hielt mein Lächeln aufrecht, doch bei der Göttin, mein Herz glühte vor Schuld. Wie enttäuscht er sein würde, sollte er jemals davon erfahren.
„Ruh dich aus. Es tut mir leid, dass du heute Abend keinen Spaß mit deiner Schwester haben wirst."
Spaß haben … nun, normalerweise blieben Tracy und ich an Abenden wie diesen, wenn ich hier übernachtete, lange auf, schauten Horrorfilme und kreischten aus vollem Halse.
Aber heute würde ich das ganz bestimmt nicht mit ihr tun. Ich konnte sie keine volle Minute lang ansehen, wie sollte ich also ein Zimmer mit ihr teilen oder mit ihr lachen?
„Nein, Vater. Ich bin erschöpft. Ich muss mich ausruhen."
„Ach, ist nicht schlimm. Tracy ist sowieso nicht da. Sie ist gegangen. Sagte, sie müsse sich mit einer Freundin treffen."
„Was?" Doch alles, was mir als Antwort blieb, war das leise Geräusch der sich schließenden Tür. Vater war bereits fort.
Tracy … war nicht hier? Ich wollte mir nichts ausmalen. Ich sollte mich nicht so quälen. Vielleicht war es nicht das, was ich dachte.
Vielleicht …
Mein Handy piepte. Hastig öffnete ich die Nachricht. Wieder Fotos von Herrn Anonym.
Trent war splitternackt, und Tracy saß auf ihm und genoss offensichtlich jede Sekunde.
Und darunter stand:
„Dein liebenswerter Gefährte, Trent.“