Kapitel 1
Die schweren Metalltore der Frauenstrafanstalt im Norden des Bundesstaates New York glitten auf. Das mechanische Schleifgeräusch war ohrenbetäubend, ein hartes Kratzen von Eisen auf Eisen, das in Abbey Dudleys Zähnen vibrierte.
Ein bitterer Frühherbstwind fegte über die karge Absetzzone. Er trug den Geschmack von Staub und Dieselabgasen mit sich. Abbey kniff für eine Sekunde die Augen zusammen, ihre Pupillen brannten, als sie versuchten, sich an das ungefilterte grelle Licht der Nachmittagssonne anzupassen.
Sie zog den dünnen Stoff ihres verblichenen grauen Hoodies enger über ihre Brust. Es war das einzige Stück Zivilkleidung, das die Wärter ihr ausgehändigt hatten. Der Stoff bot keinerlei Schutz gegen die Kälte, die an ihren Schlüsselbeinen nagte.
Abbey machte ihren ersten Schritt über die Betonschwelle.
Ein scharfer, elektrischer Schmerzstoß schoss ihr den rechten Oberschenkel hinauf. Ihr Atem stockte in der Kehle. Sie verlagerte ihr Gewicht auf ihr linkes Bein, ihr Körper neigte sich zu einem ausgeprägten, unschönen Hinken, nur um nicht auf den Asphalt zu kollabieren.
Sie blickte auf ihre Hände. Ihre Knöchel waren weiß, als sie die ausgefransten Riemen einer ramponierten schwarzen Segeltuchtasche umklammerte. Sie enthielt fünf Jahre ihres Lebens. Eine Zahnbürste. Ein Stück billige Seife. Ein paar Zettel. Nichts weiter.
Ein brandneuer, schwarzer Cadillac Escalade stand mitten in der Ladezone geparkt. Es war eine massive, aggressive Maschine, die vor der Kulisse aus Stacheldraht und Wachtürmen völlig fehl am Platz wirkte.
Das dunkel getönte Fenster der Fahrerseite summte, als es herunterfuhr.
Brecken Dudley lehnte seinen Arm an den Türrahmen. Sein Haar war perfekt frisiert. Sein Kiefer war zu einer harten Linie elitärer Arroganz geformt. Seine Augen, kalt und berechnend, musterten Abbey von Kopf bis Fuß.
Er sah ihren billigen, übergroßen Hoodie an. Er sah ihr verdrehtes rechtes Bein an. Ein Blitz reinen, ungefilterten Ekels huschte über sein Gesicht.
Brecken schlug seine Handfläche gegen die Mitte des Lenkrads. Die Hupe ertönte. Das plötzliche, durchdringende Geräusch ließ einen Schwarm Krähen vom Zaun auffliegen.
„Steig ein. Hast du uns nicht schon genug blamiert?"
Brecken schleuderte die Worte aus dem Fenster. Sein Ton triefte vor Herablassung, die Art von Stimme, die man benutzt, wenn man einem streunenden Hund eine Münze zuwirft.
Er ließ den Motor laufen. Er erwartete voll und ganz, dass Abbey tun würde, was sie vor fünf Jahren immer getan hatte. Er erwartete, dass ihre Augen voller Tränen sein würden. Er erwartete, dass sie ein pathetisches, eifriges Lächeln aufsetzen und zu ihm humpeln würde, verzweifelt nach jedem Krümel seiner Aufmerksamkeit.
Abbey blieb stehen.
Sie stand zehn Yards vom Escalade entfernt. Sie weinte nicht. Sie lächelte nicht. Sie starrte ihn nur an.
Ihre Augen wirkten auf den ersten Blick völlig tot. Sie waren zwei hohle, dunkle Gruben. Oberflächlich gab es keine Klage, doch unter dieser absoluten, eisigen Leere lag eine unterdrückte, kalte Müdigkeit, die sie nicht einmal die Mühe machte, freizusetzen. Es ließ sie wie eine an Fäden aufgerichtete Leiche aussehen.
Brecken spürte, wie sich ein seltsamer, kalter Knoten in seinem Magen bildete. Seine Finger umklammerten unbewusst das Lederlenkrad fester.
Er runzelte die Stirn, seine Irritation stieg, um das plötzliche Unbehagen zu maskieren.
„Ich sagte, komm sofort her!", Brecken erhob die Stimme und bellte den Befehl. Er musste die Kontrolle spüren, die er gewohnt war zu haben.
Abbey bewegte sich nicht auf ihn zu. Sie hob langsam ihre linke Hand. Sie nahm den ausgefransten Riemen der Segeltuchtasche und wickelte ihn bewusst um ihr rechtes Handgelenk. Der grobe Stoff rieb an den dicken, gezackten Narben, die ihre Haut bedeckten.
Sie drehte ihren Kopf. Sie blickte an dem hunderttausend Dollar teuren SUV vorbei. Ihr Blick fixierte das verrostete Greyhound-Bushaltestellenschild am Ende des Feldwegs.
Brecken sah zu, wie sie ihn ignorierte. Ein heißer Zorneswall brannte in seinem Nacken.
Er stieß die schwere Autotür auf und stieg aus. Seine langen Beine überbrückten die Distanz zwischen ihnen. Die Sohlen seiner handgefertigten italienischen Lederschuhe knirschten laut auf dem losen Kies. Er brachte eine erstickende Welle von teurem Kölnischwasser und Einschüchterung mit sich.
„Hör auf, diese erbärmlichen Spielchen mit mir zu spielen. Die Familie ist schon großzügig genug, mich nur zu schicken, um dich abzuholen", höhnte Brecken und ragte über ihr auf.
Abbey hob schließlich den Kopf, um ihn anzusehen. Ihre rissigen Lippen öffneten sich leicht. Die Haut riss auf, ein winziger Blutstropfen sammelte sich in ihrem Mundwinkel.
Sie gab ihm keine einzige Silbe.
Sie zog ihr ruiniertes rechtes Bein vorwärts. Ihre Bewegungen waren quälend langsam, aber ihre Richtung war absolut. Sie trat zur Seite und umging Brecken's imposante Gestalt vollständig.
Als sie an seiner Schulter vorbeistrich, atmete Brecken ein. Der Geruch traf ihn sofort. Es war eine widerliche Mischung aus Industrieblauge, billiger Kernseife und abgestandenem Schweiß.
Er stolperte instinktiv einen halben Schritt zurück, seine Nase rümpfte sich vor Abscheu.
Er starrte auf ihren Rücken, als sie weghumpelte. Ihre rechte Schulter sank bei jedem Schritt schwer ab. Er sah sie an, als wäre sie eine außerirdische Spezies, die er nicht begreifen konnte.
„Bleib sofort stehen! Willst du, dass die Paparazzi die älteste Tochter der Familie Dudley dabei erwischen, wie sie sich in einen schmutzigen öffentlichen Bus quetscht?", brüllte Brecken ihr hinterher.
Abbey unterbrach ihren Schritt nicht. Die schwarze Segeltuchtasche schlug rhythmisch gegen die Seite ihres guten Knies.
Ein massiver, verrosteter Greyhound-Bus stöhnte, als er an den Bordstein fuhr. Eine dicke Wolke schwarzen Auspuffrauchs quoll aus seinem Auspuff, verdeckte die Bushaltestelle vollständig und versperrte Brecken die Sicht auf Abbey.
Brecken zupfte an seiner Seidenkrawatte. Der Knoten fühlte sich an, als würde er ihn erwürgen. Er konnte sie nicht in diesen Bus steigen lassen. Der PR-Albtraum für die Aktienkurse der Familie wäre katastrophal, wenn ein Reporter ein Foto von ihr machen würde, wie sie wie eine Obdachlose aussieht.
Er stürzte sich durch den Rauch nach vorne.
Er streckte die Hand aus und packte Abbeys Oberarm. Seine Finger umklammerten sie fest. Ihr Arm war schockierend dünn, der Knochen fühlte sich zerbrechlich genug an, um unter seinem Griff zu brechen. Er riss sie rückwärts, versuchte sie physisch zum Escalade zu ziehen.
Abbey verlor das Gleichgewicht. Ihr schlechtes Bein versagte. Sie stolperte heftig, ihre Schulter traf beinahe den Dreck.
Sie riss ihren Kopf herum.
Der Blick in ihren Augen traf Brecken wie ein physischer Schlag. Es war ein Blick von so reiner, konzentrierter Bosheit und eisiger Absicht, dass ihm der Atem völlig aus den Lungen gepresst wurde. Brecken erstarrte sofort, seine Muskeln verkrampften sich mitten auf der Straße.
Kapitel 2
Brecken ließ ihren Arm los, als hätte er eine Handvoll glühender Kohlen gepackt. Er starrte auf seine eigene zitternde Handfläche. Seine Brust keuchte. Er konnte den plötzlichen, instinktiven Anflug von Terror nicht verarbeiten, der gerade sein Nervensystem gelähmt hatte.
Abbey wandte ihren Blick von seinem Gesicht ab. Die Leblosigkeit kehrte in ihre Züge zurück. Sie rieb die roten, fingerförmigen Striemen, die sich auf ihrem dünnen Bizeps bildeten. Sie drehte ihm wieder den Rücken zu und griff nach dem metallenen Handlauf des Greyhound-Busses.
Der Busfahrer lehnte sich aus seinem Fenster. Er tippte ungeduldig auf seine Uhr. Die Schlange der wartenden Passagiere starrte Abbey unverhohlen an. Ihre Blicke huschten zwischen ihrem zerlumpten Kapuzenpullover und dem Mann im maßgeschneiderten Anzug hin und her, der erstarrt hinter ihr stand.
Abbeys Finger streiften das eiskalte, verrostete Metall des Türrahmens.
Das Kreischen von Keramikbremsen zerriss die angespannte Stille. Ein silberner Porsche Panamera schwenkte gewaltsam in die Ladezone, seine Reifen rauchten, als er direkt hinter Brecken's Escalade ruckartig zum Stehen kam.
Die Fahrertür flog auf, bevor das Auto vollständig geparkt war.
Ein Mann stieg aus. Sein maßgeschneiderter Brioni-Anzug umschmeichelte seinen athletischen Körper perfekt. Seine Leder-Oxfords klickten in einem hektischen, dringenden Rhythmus auf dem Pflaster, als er zum Busbahnhof sprintete.
Abbey hörte diese spezifische Trittfrequenz. Ihr Rücken versteifte sich schlagartig. Die Finger, die auf dem Bus-Handlauf ruhten, krümmten sich nach innen und umklammerten das Metall so fest, dass ihre Knöchel durchscheinend weiß wurden.
Jeffery Glass.
Der Mann, der ihr vor fünf Jahren einen Verlobungsring an den Finger gesteckt hatte. Der Mann, der in einem Gerichtssaal gestanden und dem Staatsanwalt seelenruhig die gefälschten Beweise überreicht hatte, die sie in einen Käfig sperrten.
Er blieb ein paar Schritte entfernt stehen und keuchte leicht. Sein Gesicht war zu einer Maske perfekter, quälender Besorgnis verzerrt.
Er ignorierte Brecken völlig. Er trat direkt zwischen Abbey und die offenen Türen des Busses und blockierte so physisch ihren Fluchtweg.
„Abbey. Gott sei Dank bin ich noch rechtzeitig gekommen. Ich konnte dich nicht mit so einem Transport nach Hause fahren lassen", hauchte Jeffery. Seine Stimme war dick von geübter Emotion, triefend vor einer widerlich süßen Trauer.
Ein Windstoß wehte an ihm vorbei. Der schwere, holzige Duft von Tom Ford Oud Wood traf Abbeys Gesicht.
Ihr Magen zog sich gewaltsam zusammen. Eine Welle reiner, physiologischer Übelkeit überrollte sie. Säure brannte im hinteren Teil ihres Rachens. Sie presste die Kiefer zusammen, um nicht direkt auf seine teuren Schuhe zu erbrechen.
Sie machte einen ungeschickten Schritt rückwärts. Ihr schlechtes Bein schleifte über den Beton. Der Blick, den sie Jeffery zuwarf, ließ den Todesblick, den sie Brecken zugeworfen hatte, im Vergleich warm erscheinen.
Jeffery schien die absolute Abscheu, die aus ihren Poren strahlte, nicht zu bemerken. Er behielt seinen traurigen Ausdruck bei. Er streckte seine Hand aus, um sanft den ausgefransten Riemen ihrer Segeltuchtasche zu nehmen.
„Fass mich nicht an."
Abbeys Stimme klang wie zerbrochenes Glas, das über Stein reibt. Es war ein raues, kehliges Krächzen.
Sie schwang ihren linken Arm. Ihre Handfläche klatschte mit einem scharfen, widerhallenden Schlag auf den Handrücken von Jeffery.
Das Geräusch hallte über dem im Leerlauf laufenden Motor des Busses wider. Mehrere Passagiere, die sich aus den Fenstern lehnten, schnappten nach Luft und zückten ihre Telefone, um das Drama aufzuzeichnen.
Ein leuchtend roter Fleck blühte sofort auf Jefferys gepflegter Haut auf. Seine Maske tiefer Besorgnis rutschte für einen Bruchteil einer Sekunde. Sein Kiefer zuckte. Dann zwang er sich ein enges, herablassendes Lächeln auf sein Gesicht.
„Ich weiß, du hasst mich immer noch, Abbey. Aber die Beweise waren damals zu erdrückend gegen dich. Ich sagte dir, du solltest dich schuldig bekennen, damit ich dir eine mildere Strafe verschaffen konnte. Ich habe versucht, dich zu retten", senkte Jeffery seine Stimme, sein Tonfall wechselte in die sanfte, überzeugende Kadenz eines Strafverteidigers.
Die Worte schnitten wie Rasierklingen durch Abbeys Trommelfelle. Ihre Brust zog sich zusammen. Die Erinnerung daran, wie sie auf der Anklagebank stand und zusah, wie der Mann, den sie liebte, ihr Leben beiläufig zerstörte, um jemand anderen zu schützen, blitzte hinter ihren Augenlidern auf.
Sie stieß ein einziges, kurzes Lachen aus. Es war ein trockenes, hohles Geräusch, das nichts als absolute, bodenlose Verachtung enthielt.
Brecken trat schließlich vor und schüttelte seinen früheren Schock ab. Er funkelte Jeffery an.
„Was zum Teufel machst du hier, Glass? Weiß Emmie, dass du den ganzen Weg hierher gefahren bist, um eine Verurteilte abzuholen?", forderte Brecken.
Jeffery korrigierte schnell seine Haltung. Er wandte sich Brecken zu und projizierte das Bild eines vernünftigen, ehrenwerten Herrn.
„Emmie hat ein gutes Herz. Sie war besorgt. Sie bat mich, zu kommen und sicherzustellen, dass Abbey sicher nach Hause kommt", log Jeffery geschickt.
Der Klang von Emmies Namen ließ Abbeys Magen erneut krampfen. Sie biss sich fest auf die Unterlippe. Der metallische Geschmack von Kupfer überflutete ihre Zunge.
Sie sah die beiden Männer an, die ihren Weg versperrten. Der eine hatte sie den Wölfen zum Fraß vorgeworfen, um das Aktienportfolio seiner Familie zu schützen. Der andere hatte sie den Wölfen geopfert, um das Herz des Goldkindes der Familie zu gewinnen. Nun standen sie beide im Dreck und wetteiferten darum, wer den besseren Retter spielen konnte.
Der Busfahrer schlug seine Handfläche gegen das Armaturenbrett. Die pneumatischen Türen zischten und schlugen zu.
Der Bus ruckte vorwärts. Eine dicke Wolke heißen Auspuffs blies direkt in Abbeys Gesicht, als das Fahrzeug davonraste.
Abbey krümmte sich. Ein heftiger Hustenanfall zerriss ihre Brust. Ihre Lungen brannten. Sie presste ihre Hand auf den Mund, ihr dünner Körper zitterte heftig unter dem übergroßen Kapuzenpullover.
Jeffery sah eine Gelegenheit. Er machte einen Schritt vorwärts und hob die Hand, um beruhigende Kreise auf ihren zitternden Rücken zu reiben.
Abbey richtete sich schlagartig auf. Sie starrte auf seine schwebende Hand, als wäre es ein verrottendes Stück Fleisch, das von Maden wimmelte.
„Verschwinde. Glasscherbe."
Sie benutzte den alten Spitznamen, den sie ihm früher in den Hals flüsterte, als sie verliebt waren. Jetzt spuckte sie es ihm wie einen giftigen Fluch entgegen.
Jefferys Gesicht entfärbte sich. Seine Hand sank an seine Seite. Er war hierher gefahren und hatte erwartet, ein gebrochenes, weinendes Mädchen vorzufinden, das er leicht wieder zur Unterwerfung manipulieren konnte.
Abbey drehte ihm den Rücken zu. Sie schleifte ihr totes rechtes Bein über den Kies. Sie zögerte nicht. Sie ging direkt auf Brecken's im Leerlauf stehenden Escalade zu.
Dieselbe Luft wie Jeffery Glass zu atmen, ließ ihre Haut kriechen. Wenn sie ihr Gift wählen müsste, würde sie den feindseligen, beengten Raum des SUV ihres Bruders dem Stehen in der Nähe des Mannes vorziehen, der sie dazu brachte, sich die eigene Haut abkratzen zu wollen.
Kapitel 3
Abbey erreichte die Seite des Escalade. Sie packte den schweren Chromgriff der hinteren Tür und zog. Ihr Schultergelenk knackte bei der Anstrengung.
Brecken blinzelte, überrascht von ihrer plötzlichen Wendung. Er hatte nicht erwartet, dass sie nach der Szene, die sie gerade verursacht hatte, freiwillig in sein Auto steigen würde. Schnell fasste er sich wieder, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte zur Fahrerseite.
Jeffery stand wie angewurzelt auf dem Schotterstreifen. Er beobachtete Abbeys sich entfernenden Rücken. Ein dunkler, hässlicher Blitz aus verletztem Stolz und Irritation verzerrte seine schönen Gesichtszüge. Schnell glättete er seinen Ausdruck wieder zu einer Maske höflicher Besorgnis, bevor es jemand bemerken konnte.
Abbey umklammerte den Rand des Ledersitzes. Sie beugte ihren Oberkörper in die Kabine. Mit beiden Händen griff sie nach ihrem tauben rechten Oberschenkel und hievte ihr ruiniertes Bein über die Schwelle. Ein kalter Schweiß brach ihr vor lauter Anstrengung auf die Stirn.
Sie zog die Tür zu. Der schwere Aufprall schloss die Kabine ab und schnitt den Anblick von Jefferys heuchlerischem Gesicht hinter dem getönten, kugelsicheren Glas vollständig ab.
Brecken glitt auf den Fahrersitz. Er drückte den Zündknopf. Der Motor brüllte auf. Er stellte den Rückspiegel ein, seine Augen fixierten Abbeys Spiegelbild.
„Schön zu sehen, dass du noch einen Funken Selbstbewusstsein übrig hast", spottete Brecken und legte den Gang ein.
Abbey reagierte nicht auf die Beleidigung. Sie presste ihren Rücken fest gegen die Türverkleidung und kauerte sich in die hinterste, dunkelste Ecke des geräumigen Rücksitzes. Sie sah aus wie ein in die Enge getriebenes Tier, das sich auf einen Schlag vorbereitete.
Die Kabine war erstickend warm. Die Klimaanlage blies einen stetigen Strom eines teuren, speziell gemischten Zedernholz- und Vanilleduftes in ihr Gesicht.
Abbeys Augen huschten über das luxuriöse Interieur. Ihr Blick blieb an einem Stapel Gegenstände hängen, die achtlos auf den Mittelsitz geworfen worden waren.
Da war ein seidenes Hermes-Tuch. Drei schwere, strukturierte Bvlgari-Einkaufstaschen. Eine limitierte Chanel-Handtasche aus Lammleder lag prekär auf dem Stapel.
Der Name „Emmie Dudley" war in eleganter Kalligrafie auf einem Geschenkanhänger geschrieben, der an einer der Taschen befestigt war. Es war ein grelles Neonschild, das schrie, wer die wahre Prinzessin der Familie war.
Brecken bemerkte, wohin sie blickte. Sein Kiefer spannte sich an.
„Fass Emmies Sachen nicht an. Deine schmutzigen Hände ruinieren das Leder", warnte er, seine Stimme scharf und beschützend.
Abbey riss den Kopf weg. Sie blickte nicht aus Eifersucht. Die hellen, lebhaften Farben der Designertaschen taten ihren Augen körperlich weh. Fünf Jahre lang war ihre ganze Welt betongrau, rostbraun und blutrot gewesen.
Ihr Atem stockte plötzlich. Die Luft in der Kabine fühlte sich zu dick zum Einatmen an. Die weichen Ledersitze schienen sich um sie herum zu schließen.
Eine heftige Welle von Klaustrophobie schlug ihr in die Brust.
Sie kniff die Augen zusammen. Der Geruch des Zedernholzparfüms verschwand. Er wurde sofort ersetzt durch den scharfen, stechenden Gestank von Industrieblauge und rohem Abwasser.
Sie war nicht länger in einem Luxus-SUV. Sie war zurück im fensterlosen Waschraum des Gefängnisses während ihres ersten Monats. Es gab keine Überwachungskameras.
Sie spürte, wie das raue, mit Bleichmittel getränkte Handtuch brutal in ihren Mund gestopft wurde und ihre Schreie erstickte. Sie spürte das schwere, kalte Gewicht des Eisenrohrs, das durch die feuchte Luft schwang. Sie hörte das feuchte, widerliche Knirschen ihres eigenen Oberschenkelknochens, der in zwei brach.
Abbeys Körper begann zu zittern. Es begann als feines Zittern in ihren Fingern und eskalierte schnell zu heftigen, unkontrollierbaren Schauern. Sie biss auf den Handrücken, ihre Zähne sanken in ihr eigenes Fleisch, um die Phantomschreie in ihrer Kehle gefangen zu halten.
Brecken warf einen Blick in den Rückspiegel. Er sah sie in der Ecke krampfen. Er stieß einen lauten, genervten Seufzer aus.
„Was zum Teufel ist jetzt wieder los mit dir? Stellst du dich ernsthaft an, um mein Mitleid zu erregen?", höhnte Brecken. „Spar dir die Schauspielerei. Es hat vor Gericht nicht funktioniert, und es wird jetzt auch nicht funktionieren."
Die schiere Grausamkeit seiner Worte wirkte wie ein Eimer Eiswasser in ihrem Gesicht.
Der Rückblick zerbrach. Abbey schnappte nach Luft, ihre Lungen weiteten sich schmerzhaft. Langsam senkte sie ihre Hand vom Mund. Tiefe, halbmondförmige Zahnabdrücke bluteten träge in ihre Haut.
Sie öffnete die Augen. Der Schrecken war verschwunden. Die eisige, tote Leere kehrte zurück und fror ihre Pupillen wie eine Schicht Wintereis ein.
In der Höllenlandschaft des Gefängnisses hatte sie die absolute Überlebensregel gelernt. Tränen, Zittern und Schwäche luden die Raubtiere nur dazu ein, härter zuzuschlagen.
Sie zwang ihren Rücken gerade. Vorsichtig hob sie ihr rechtes Bein und legte es hinter ihren linken Knöchel, um die Deformation vor Breckens Blick zu verbergen. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte mit absoluter, tödlicher Wachsamkeit auf seinen Hinterkopf.
Brecken fing ihren Blick im Spiegel auf. Die Intensität ihrer Abwehr ließ seine Haut kribbeln. Er verspürte einen plötzlichen, irrationalen Drang, sich zu rechtfertigen, was ihn nur noch wütender machte.
„Ich warne dich jetzt schon", knurrte Brecken, seine Knöchel wurden weiß am Lenkrad. „Die Familie veranstaltet heute Abend ein Willkommensdinner für dich. Jede wichtige Persönlichkeit in New York wird da sein. Du benimmst dich besser und ruinierst den Abend nicht."
Abbey hörte die Worte „Willkommensdinner".
Der Mundwinkel ihres rissigen Mundes zuckte nach oben. Ein langsames, unglaublich dunkles Lächeln bildete sich auf ihren Lippen. Es war der furchterregendste Ausdruck, den Brecken je gesehen hatte.
Sie drehte den Kopf, um aus dem Fenster zu sehen. Die Bäume verschwammen am Glas vorbei. Ihr blasses, eingefallenes Spiegelbild starrte sie an.
Eine riesige, extravagante Dinnerparty für die entehrte, verurteilte Verbrecher-Tochter, mit der sie seit fünf Jahren nicht gesprochen hatten? Es war eine lächerliche, absurde Lüge.
Sie kannte das Drehbuch der Dudley-Familie. Dieses Dinner war eine Falle. Es war eine Bühne, perfekt inszeniert, um sie zu demütigen, sie bloßzustellen und sie an ihren Platz im Dreck zu erinnern.
Abbeys Finger glitten auf ihren Schoß. Sie streichelte sanft das raue Segeltuch ihrer Tasche. Tief im Futter vergraben war das einzige Druckmittel, das sie sich in den letzten fünf Jahren mit Blut und Schweiß erarbeitet hatte.
Sie atmete langsam und kontrolliert. Sie schloss ihr Trauma in einer Stahlbox in ihrem Kopf ein. Ihre Augen schärften sich zu den kalten, berechnenden Klingen eines Henkers. Sie war bereit für das Gemetzel.