Kapitel 2
Ellyn brach auf die kalten Badezimmerfliesen zusammen. Ihre Knie trafen mit einem dumpfen Aufprall auf den Boden. Mit zitternden Händen griff sie hoch und drehte den Duschregler ganz nach links. Verbrühend heißes Wasser schoss aus dem Duschkopf, durchnässte das zerrissene Bettlaken und traf ihre verletzte Haut.
Sie saß unter dem Strahl, ihr Körper zitterte unkontrolliert. Das Wasser wusch die physischen Spuren von ihm ab, aber es konnte den tiefen, pochenden Schmerz zwischen ihren Schenkeln oder die hohle Leere in ihrer Brust nicht wegwaschen.
Sie zwang sich aufzustehen. Ihre Beine wackelten. Sie umklammerte den Rand des Marmorwaschbeckens, ihre Knöchel waren weiß, und beugte sich über das Becken. Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, um ihr System zurück in die Realität zu schocken.
Als das Wasser abfloss, bemerkte sie etwas Seltsames. Das Wasser, das sich um den silbernen Abflussstöpsel wirbelte, war mit winzigen, matten Schuppen abgestorbener Haut vermischt, wie alte Tapete, die sich ablöste.
Ellyn erstarrte. Ihr Atem stockte in ihrer Kehle.
Sie hob langsam ihre linke Hand und berührte ihre Wange. Sie berührte die Stelle, an der die abscheuliche, erhabene Narbe zwanzig Jahre lang gewesen war.
Ihre Fingerspitzen trafen nicht auf raues, totes Gewebe. Stattdessen lösten sich Hautstücke unter ihrer Berührung ab. Es fühlte sich an, als würde nasse Tapete von einer Wand abblättern.
Ein scharfes Keuchen entrang sich ihrer Lunge. Sie riss den Kopf hoch und starrte in den riesigen Spiegelschrank.
Der Dampf teilte sich. Ellyn hielt den Atem an.
Die Frau, die sie anstarrte, hatte keine Narbe. Die linke Seite ihres Gesichts war vollkommen glatt. Die Haut war makellos, porzellanfarben und perfekt. Das hässliche Mal, das ihr gesamtes elendes Dasein definiert hatte, war einfach verschwunden.
„Nein", flüsterte sie.
Sie rieb sich verzweifelt die Wange. Sie rieb die Haut, bis sie wund und rosa wurde, verängstigt, dass es ein Trick des Lichts, eine durch das Trauma hervorgerufene Halluzination war.
Aber es war echt. Die Narbe war verschwunden.
Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Ihre Gedanken rasten zurück zu dem, was gerade im Schlafzimmer geschehen war. Die erzwungene Intimität. Der Austausch von Körperflüssigkeiten. Ein wilder, unmöglicher Gedanke schoss ihr durch den Kopf.
Barons Körper war die Heilung. Seine physische Chemie hatte irgendwie die Heilung ausgelöst.
Bevor sie die Tragweite dieser Entdeckung verarbeiten konnte, hallte das schwere Geräusch von Schritten aus dem Schlafzimmer. Die Haupttür des Penthouses öffnete sich und schlug zu.
Baron war weg.
Panik ergriff sie. Wenn die Familie Hudson herausfände, dass ihr Gesicht geheilt war, würden sie sie nicht gehen lassen. Baron würde denken, sie hätte sich einer experimentellen, gefährlichen Operation unterzogen, nur um bei ihm zu bleiben. Sie würden sie wie einen Freak, ein Versuchskaninchen behandeln.
Sie riss die Schublade des Schminktisches auf. Ihre Hände flogen durch ihre Schminktasche. Sie schnappte sich einen dunklen, deckenden Concealer und eine Schachtel wasserfester Pflaster. Mit hektischen, ruckartigen Bewegungen verschmierte sie die dunkle Paste über ihre makellose linke Wange. Sie schichtete die Pflaster willkürlich über den Concealer und machte dabei ein Chaos. Ihre zitternden Finger schufen einen rauen, grotesken Klumpen. Obwohl weit entfernt von perfekt, reichte es im gedämpften Licht des Badezimmers aus, um vorübergehend jeden zu täuschen.
Sie starrte in den Spiegel. Das hässliche Entlein war zurück. Ihre Augen jedoch waren nicht länger von Angst erfüllt. Sie waren tot, kalt und klar.
Ellyn schloss die Badezimmertür auf und trat zurück ins Schlafzimmer.
Das Zimmer war ein Chaos. Das zerrissene Nachthemd lag auf dem Boden. Das Bett war ein Durcheinander aus verhedderten Laken.
Sie vergoss keine einzige Träne. Sie ging direkt zum begehbaren Kleiderschrank und zog einen ramponierten, billigen Koffer ganz von hinten hervor. Es war derselbe Koffer, den sie vor vier Jahren mitgebracht hatte.
Sie öffnete ihn auf dem Boden. Sie ignorierte die Reihen von Chanel-Kleidern, die Hermès-Taschen und die Samtschachteln mit Cartier-Schmuck, die Baron ihr für öffentliche Auftritte gekauft hatte. Sie schnappte sich ihre alten, verwaschenen Jeans, ihre einfachen T-Shirts und einen abgetragenen grauen Kapuzenpullover.
Als sie den Koffer zuschloss, hörte sie Stimmen auf dem Flur.
Ellyn erstarrte. Sie schlich zur Schlafzimmertür und presste ihr Ohr an das Holz.
„Hast du sein Gesicht gesehen, als er ging?", fragte Brenda, eine der älteren Hausmädchen. Ihr Englisch war stark von einem Bronx-Akzent gefärbt. „Er sah aus, als könnte er töten. Ich wette, die hässliche Schlampe wird heute Abend endlich rausgeworfen."
„Wurde auch Zeit", kicherte ein anderes Hausmädchen. „Mr. Hudsons Assistent hat gerade angerufen. Christine fliegt nächste Woche aus Paris zurück. Er räumt den Müll weg, um Platz für die wahre Dame des Hauses zu schaffen."
Der Name traf Ellyn wie ein physischer Schlag in den Magen.
Christine.
Sie stolperte rückwärts. Ihr Rücken traf mit einem schweren Aufprall auf den Türrahmen.
Die Hausmädchen draußen verstummten völlig. Schritte eilten den Flur entlang davon.
Ellyn stand erstarrt da. Die Kälte kroch ihr in die Knochen.
Jetzt ergab alles einen Sinn. Die plötzlichen Scheidungspapiere. Die absolute Gnadenlosigkeit. Die Eile, sie loszuwerden. Es war nicht nur, weil er sie hasste. Es war, weil seine erste Liebe, seine perfekte weiße Lotusblume, zurückkehrte.
Zehn Jahre, in denen sie ihn liebte. Vier Jahre, in denen sie sein Boxsack war. All das war nur ein Platzhalter, bis Christine bereit war zurückzukehren.
Ein hartes, trockenes Lachen schabte sich aus Ellyns Kehle.
Sie ging zum gläsernen Schminktisch. Sie sah auf ihre linke Hand. Sie umklammerte den schlichten Platin-Ehering und zog ihn von ihrem Finger.
Sie warf ihn auf die Glasoberfläche. Das Metall traf mit einem scharfen, endgültigen Klimpern auf das Glas.
Sie zog den grauen Kapuzenpullover über den Kopf und zog die Kordeln fest, ihr Gesicht in den Schatten verbergend. Sie packte den Griff ihres billigen Koffers.
Sie sah nicht zurück.
Ellyn verließ das Penthouse. Der Flur war leer. Das warme Leuchten der Wandleuchten machte sie krank.
Sie umging den privaten Aufzug. Sie stieß die schwere, metallene Brandschutztür auf, die zum Treppenhaus führte.
Ein Schwall kalter, abgestandener Luft traf ihr Gesicht. Die schwere Tür schwang hinter ihr zu und schnitt die Luxuswelt der Hudsons für immer ab. Sie umklammerte das Geländer und begann den langen Weg hinunter in die Dunkelheit.
Kapitel 3
Das Morgenlicht, das durch die bodentiefen Fenster der Lobby des Hudson-Penthouses fiel, war kalt und grau.
Ellyn zog ihren billigen Koffer aus der schweren Brandschutztür in die Lobby. Die Rollen quietschten auf dem polierten Marmorboden.
Sie schaffte es nicht bis zu den Eingangstüren.
Arthur Vance, Barons Hauptanwalt, saß auf dem mittleren Ledersofa. Er trug einen maßgeschneiderten dreiteiligen Anzug. Langsam setzte er seine Porzellantasse auf die Untertasse. Das Klirren war scharf in dem stillen Raum.
Er stand auf und trat ihr direkt in den Weg.
„Mrs. Hudson. Oder besser gesagt, Miss Martinez", sagte Arthur. Sein Englisch war knapp, professionell und triefte vor Herablassung.
Er öffnete seine Lederaktentasche und zog eine Manila-Mappe heraus. Er hielt sie ihr hin, zusammen mit einem frischen Blatt Papier.
Ellyns Blick fiel auf das Papier. Es war ein Bankscheck der Chase Bank.
Die darauf gedruckte Zahl ließ ihren Magen krampfen. Fünf Millionen Dollar.
„Mr. Hudson hat mich angewiesen, Ihre Abreise zu regeln", sagte Arthur, das Kinn erhoben. „Unterschreiben Sie diese Vertraulichkeitsvereinbarung. Nehmen Sie das Geld. Verlassen Sie Manhattan noch heute. Sie werden nicht mit der Presse sprechen, Sie werden kein Mitglied dieser Familie kontaktieren, und Sie werden verschwinden."
Er sah sie an, als wäre sie ein streunender Hund, der um Essensreste bettelte.
Die schiere Beleidigung ließ Ellyns Blut kochen. Die Hitze schoss ihr ins Gesicht und brannte unter ihrer falschen Narbe. Sie dachten, sie sei eine Hure, die man einfach abfinden könnte.
Ellyn stieß ein kurzes, hohles Lachen aus. Sie griff nicht nach dem Scheck. Sie trat einen Schritt zurück, ihre Augen fixierten Arthurs mit reinem Ekel.
Arthur runzelte die Stirn. Seine Geduld war dahin. „Seien Sie nicht gierig, Ellyn. Fünf Millionen sind mehr, als eine Frau Ihrer Herkunft in zehn Leben sehen wird. Die Geduld der Familie Hudson ist heute nicht existent. Nehmen Sie das Angebot an."
„Und wenn nicht?", fragte sie, ihre Stimme gefährlich leise.
„Wenn Sie nicht unterschreiben", drohte Arthur und trat näher, „wird Mr. Hudson Sie in Rechtsstreitigkeiten begraben. Sie werden keinen einzigen Cent sehen, und Sie werden uns Millionen an Anwaltskosten schulden. Sie werden ruiniert sein."
Etwas in Ellyn zerbrach.
Sie stürmte vorwärts und riss Arthur die dicke NDA aus der Hand.
Bevor er reagieren konnte, packte sie das Dokument oben und riss es genau in der Mitte durch.
Riiiiiitsch.
Arthurs Augen weiteten sich vor Schock. „Sind Sie verrückt?"
Ellyn hörte nicht auf. Sie stapelte die zerrissenen Hälften und riss sie wieder. Und wieder. Ihre Hände bewegten sich mit hektischer, wütender Energie, bis das Rechtsdokument nichts als ein Haufen Konfetti in ihren Fäusten war.
Sie hob die Hände und warf das zerfetzte Papier direkt in Arthurs arrogantes Gesicht.
Die weißen Stücke flatterten wie schmutziger Schnee um ihn herum. Arthur stolperte zurück, seine goldgerahmte Brille rutschte ihm von der Nase. Er zeigte mit zitterndem Finger auf sie.
„Ich will keinen einzigen Cent seines schmutzigen Geldes", erklärte Ellyn. Ihr Englisch war makellos, scharf wie ein Rasiermesser. „Es macht mich krank."
Sie starrte ihn durchdringend an. „Sagen Sie Baron, er braucht sich keine Sorgen zu machen. Ich verschwinde heute aus seiner Welt. Ich würde nicht bleiben, selbst wenn er mich anflehen würde."
Sie kehrte dem fassungslosen Anwalt den Rücken zu. Sie packte den Griff ihres Koffers und marschierte auf die massiven Doppeltüren zu.
Der alte Butler stand am Eingang. Er sah sie mit einer Mischung aus Mitleid und Schock an. Er streckte die Hand aus, um ihre Tasche zu nehmen, aber Ellyn wich seiner Hand aus.
Sie stieß die schweren Türen selbst auf.
Ein heftiger Windstoß traf sie sofort. Der New Yorker Herbstregen prasselte in Strömen nieder und schlug gegen die Steinstufen.
„Miss Ellyn, bitte, lassen Sie mich ein Auto rufen. Nehmen Sie einen Regenschirm", flehte der Butler und hielt einen großen schwarzen Regenschirm hin.
„Nein", sagte Ellyn.
Sie zog ihre Kapuze hoch. Sie trat unter dem Portikus hervor und ging direkt in den sintflutartigen Regen. Der eiskalte Regen durchnässte ihre Kleidung in Sekundenschnelle, aber sie hielt ihren Rücken kerzengerade. Sie sah nicht zurück.
In der Lobby wischte Arthur ein nasses Stück Papier von seinem Revers. Sein Gesicht war purpurrot vor Wut. Er zog sein Telefon aus der Tasche und wählte die direkte Leitung zum Büro des Präsidenten.
Meilen entfernt, an der Spitze des Empire State Building, stand Baron am bodentiefen Fenster seines Büros. Er beobachtete, wie der Regen gegen das Glas peitschte.
Sein Telefon summte. Er nahm ab, sein Kiefer war angespannt.
„Mr. Hudson", kam Arthurs Stimme durch, zitternd vor Wut. „Sie hat das Geld abgelehnt. Sie hat die NDA zerrissen und mir ins Gesicht geworfen. Sie ist in den Regen hinausgegangen."
Barons Griff um das Telefon verstärkte sich. Seine Knöchel wurden weiß. Ein Anflug irrationaler Irritation flammte in seiner Brust auf.
Er stieß ein kaltes, spöttisches Schnauben aus. „Sie spielt die Unerreichbare. Sie glaubt, ein Wutanfall würde mich schuldig fühlen lassen."
„Was sind Ihre Befehle, Sir?"
„Sperren Sie jede Zusatzkreditkarte, die auf ihren Namen läuft", befahl Baron, seine Stimme emotionslos. „Kündigen Sie ihren Telefonvertrag. Blockieren Sie sie von jedem Hudson-Konto. Mal sehen, wie lange ihr Stolz hält, wenn sie auf der Straße hungert."
Er beendete den Anruf und warf das Telefon auf seinen Schreibtisch.
Er griff hoch und riss sich seine Seidenkrawatte locker. Er drehte sich um und fegte mit dem Arm über den Schreibtisch, wodurch ein Stapel Quartalsberichte auf den Teppich krachte.
Seine Brust hob und senkte sich. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte das Bild von Ellyns toten, leeren Augen von letzter Nacht in seinem Kopf auf. Sein Herz setzte einen schmerzlichen Schlag aus.
Er hasste dieses Gefühl. Er drückte den Gegensprechanlagenknopf.
„Schicken Sie ein Auto zum JFK", bellte Baron seinen Assistenten an. „Christines Flug landet nächste Woche. Stellen Sie sicher, dass sie alles hat, was sie braucht."
Draußen auf dem Highway wusch der Regen über Ellyns Gesicht. Der billige Concealer begann zu verlaufen, aber ihr Griff um den Koffer lockerte sich nie. Sie ging weiter.