Kapitel 1

Ich zog meinen Verlobten aus einem Autowrack, nur Sekunden bevor es explodierte. Das Feuer hinterließ meinen Rücken mit abscheulichen Narben, aber ich rettete sein Leben. In den vier Jahren, in denen er im Koma lag, gab ich alles auf, um ihn zu pflegen.

Sechs Monate nachdem er aufgewacht war, stand er bei seiner Comeback-Pressekonferenz auf der Bühne. Er sollte mir danken. Stattdessen machte er Isabelle, seiner Jugendliebe, die lächelnd im Publikum saß, eine große, romantische Liebeserklärung.

Seine Familie und Isabelle machten mir daraufhin das Leben zur Hölle. Sie demütigten mich auf einer Gala, zerrissen mein Kleid, um meine Narben zu entblößen. Als ich in einer Gasse von Schlägern, die Isabelle angeheuert hatte, verprügelt wurde, beschuldigte Julian mich, alles nur erfunden zu haben, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Ich lag verletzt und gebrochen in einem Krankenhausbett, während er an Isabelles Seite eilte, weil sie „Angst“ hatte. Ich hörte, wie er ihr sagte, dass er sie liebte und dass ich, seine Verlobte, keine Rolle spielte.

All meine Opfer, mein Schmerz, meine unerschütterliche Liebe – es bedeutete nichts. Für ihn war ich nur eine Schuld, die er aus Mitleid begleichen musste.

An unserem Hochzeitstag warf er mich aus der Limousine und ließ mich am Rande der Autobahn stehen, noch in meinem Brautkleid, weil Isabelle Bauchschmerzen vorgetäuscht hatte.

Ich sah zu, wie sein Auto verschwand. Dann winkte ich ein Taxi heran.

„Zum Flughafen“, sagte ich. „Und geben Sie Gas.“

Kapitel 1

Alinas Hand ruhte auf Julians Arm, ein leichter, stetiger Druck in der vibrierenden Dunkelheit des Wagens.

„Du musst das nicht tun, Julian.“

Er starrte geradeaus, seine Fingerknöchel auf dem Lenkrad seines maßgefertigten Porsche 911 GT3 waren weiß. Die Lichter der Stadt zogen an ihnen vorbei, ein verschwommener Streifen aus Neon und Ehrgeiz.

„Ich muss, Alina. Alle schauen zu.“

Seine Stimme war angespannt. Es ging nicht um den Nervenkitzel des Rennens. Es ging darum, seinen Thron zurückzuerobern. Julian von Altenberg, der Erbe des Frankfurter Finanzimperiums, musste beweisen, dass er zurück war.

Der Motor brüllte auf, ein tiefes Grollen, das Macht versprach. Vor ihnen stand ein anderes Auto, ein schnittiger, schwarzer Ferrari, an der informellen Startlinie. Isabelle von Schönfeld saß am Steuer. Sie ließ den Motor aufheulen, eine direkte Herausforderung, und warf ihm durch ihr offenes Fenster einen Blick zu – eine Mischung aus Verführung und Spott.

Dieser Blick war alles, was es brauchte.

Julian trat das Gaspedal durch. Der Porsche schoss nach vorne und presste Alina in den Ledersitz. Die Welt verschwamm zu einem Tunnel aus Geschwindigkeit und Lärm. Er war ein brillanter Fahrer, rücksichtslos, aber geschickt.

Dann scherte Isabelles Ferrari aus, eine scharfe, absichtliche Bewegung. Er touchierte ihr Hinterrad.

Die Welt drehte sich. Metall kreischte auf Asphalt. Alinas Seite des Wagens krachte gegen eine Betonbarriere, der Klang eine ohrenbetäubende Endgültigkeit.

Sie sah in Zeitlupe zu, wie der Motorblock Feuer fing. Flammen leckten an der zerknitterten Motorhaube. Julian war bewusstlos, über das Lenkrad gesackt, Blut sickerte aus einer Wunde an seiner Schläfe.

Panik wich einem kalten, zielgerichteten Entschluss. Ihr eigener Körper schrie vor Schmerz, aber sie ignorierte es. Sie schnallte ihn ab, dann sich selbst. Das Feuer wurde heißer, der Geruch von brennendem Benzin lag schwer in der Luft.

Sie zerrte ihn, ein totes Gewicht, aus der Fahrerseite. Gerade als sie das Wrack verlassen hatten, explodierte das Auto. Die Wucht schleuderte sie nach vorne, und eine Hitzewelle überrollte ihren Rücken. Der Schmerz war sofort da, sengend, ein Feuer, das ihre Haut und ihre Zukunft verzehrte.

Ihr letzter Gedanke, bevor sie das Bewusstsein verlor, war sein Name.

Julian.

Vier Jahre lang war dieser Name ihre ganze Welt. Er lag im Koma, eine wunderschöne, zerbrochene Puppe in einem sterilen weißen Zimmer. Die Familie von Altenberg bezahlte die beste Pflege, aber es war Alina, die Tag und Nacht da war.

Sie gab alles auf. Ihre vielversprechende Karriere als Künstlerin, ihre Freunde, ihr Erbe von ihrer „neureichen“ Familie, das die von Altenbergs so verachteten. Sie lernte, seine Infusionen zu wechseln, stundenlang mit ihm über eine Welt zu sprechen, die er nicht sehen konnte, die mitleidigen Blicke auf die entstellenden Brandnarben zu ignorieren, die sich über ihren Rücken und ihren Hals zogen, eine permanente Erinnerung an ihr Opfer.

Dann, eines Tages, wachte er auf.

Und jetzt, sechs Monate später, stand er auf einer Bühne, zurück in einem maßgeschneiderten Anzug, der König, der in sein Königreich zurückgekehrt war. Eine Live-Übertragung streamte seine erste öffentliche Ansprache seit seiner Genesung.

Alina stand an der Seite der Bühne, ihr Herz hämmerte. Sie trug ein hochgeschlossenes Kleid, um die schlimmsten Narben zu verbergen. Das sollte auch ihr Moment sein. Der Moment, in dem er der Frau, die ihn gerettet hatte, der Frau, die er zu heiraten versprochen hatte, offiziell dankte.

Julian war magnetisch, er hatte das Publikum aus Reportern und Investoren fest im Griff. „Meine Rückkehr wäre ohne die unerschütterliche Unterstützung einer Person nicht möglich gewesen“, sagte er, seine Stimme voller Emotionen.

Er hielt inne, und seine Augen suchten die Menge ab. Für eine Sekunde dachte Alina, er suche nach ihr. Aber sein Blick ging an ihr vorbei und blieb an jemandem im hinteren Teil des Raumes hängen.

Isabelle von Schönfeld. Sie stand da in einem umwerfenden roten Kleid, ein Bild perfekter, unversehrter Schönheit.

„Es gab ein Versprechen, das vor langer Zeit gemacht wurde, unter einem Sternenhimmel auf Sylt. Ein Versprechen, immer zurückzukommen, egal was passiert.“

Die Worte trafen Alina mit der Wucht eines Schlages. Das war nicht ihre Erinnerung. Es war seine und Isabelles. Eine Geschichte, die er ihr einmal über seine erste Liebe erzählt hatte.

Sie verstand. Diese große, öffentliche Erklärung war nicht für sie. Sie war für Isabelle.

Eine Welle der Übelkeit überkam sie. Ihre vier Jahre der Hingabe, des Schmerzes, der Opfer... was war sie? Ein Platzhalter? Eine Krankenschwester, der er sich zu Dank verpflichtet fühlte?

Die Menge brach in Applaus aus und missverstand seine Worte als romantische Hommage an seine aufopferungsvolle Verlobte. Sie drehten sich zu ihr um und lächelten sie an, ihre Gesichter voller Bewunderung. Ihre Glückwünsche fühlten sich an wie Säure.

Ihre Sicht verschwamm. Die hellen Lichter der Bühne schienen sie zu verspotten, beleuchteten ihre Narben, ihre Dummheit. Sie konnte die raue Textur des Narbengewebes unter ihrem Kleid spüren, ein permanentes Brandmal ihrer einseitigen Liebe.

Vier Jahre. Vier Jahre hatte sie seine Hand gehalten, ihm ermutigende Worte zugeflüstert und geglaubt, seine stille Anwesenheit sei ein Versprechen. Sie hatte ihre eigenen Firmenanteile verkauft, um experimentelle Behandlungen zu bezahlen, als die Ärzte der Familie von Altenberg aufgegeben hatten. Sie hatte mit seinem Vater, Carl, gestritten, einem kalten Mann, der in ihr nur eine notwendige Investition zur Rettung seines Erben sah.

Als Julian aufwachte, waren seine ersten Worte an sie: „Ich werde dich heiraten, Alina. Ich schulde dir mein Leben.“

Er schuldete es ihr. Er sagte nie, dass er sie liebte.

Die Erkenntnis war eine kalte, scharfe Klarheit, die den Nebel ihrer Hingabe durchdrang. Er hatte sie nie geliebt. Es war alles Dankbarkeit, eine Schuld, die er sich verpflichtet fühlte, zu begleichen.

Der Raum begann sich zu drehen. Sie musste hier raus. Sie drehte sich um und stolperte zum Ausgang, ihre Beine waren unsicher.

Julian sah sie gehen. Er beendete seine Rede, seine Stirn in Verwirrung gerunzelt. Er fand sie im Flur, wo sie sich an einer Wand abstützte.

„Alina? Ist alles in Ordnung? Ich wollte gerade zu dir kommen.“

Sie sah ihn an, sah ihn wirklich an, und sah nicht den Mann, den sie liebte, sondern einen Fremden. Einen emotional blinden Jungen im Körper eines Mannes.

„Warum hast du das gesagt? Über Sylt?“, fragte sie mit kaum hörbarer Stimme.

Er hatte die Güte, unbehaglich auszusehen. „Ich... es kam einfach so raus. Isabelle war da. Ich fühlte...“

Er beendete den Satz nicht. Er musste es nicht.

Genau in diesem Moment schwebte Isabelle selbst herbei, ihr Gesichtsausdruck eine Maske unschuldiger Besorgnis. „Julian, Liebling. Das war eine wunderschöne Rede. Und Alina, du siehst... müde aus. Das alles muss so überwältigend für dich sein.“

Julians Aufmerksamkeit richtete sich sofort auf Isabelle, sein Körper wandte sich physisch von Alina ab.

„Ist alles in Ordnung, Isabelle?“

„Ich... ich weiß nicht“, flüsterte Isabelle, ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Mein Fahrer... er hat mich einfach stehen lassen. Ich weiß nicht, wie ich nach Hause kommen soll. In meiner Wohnung gibt es ein Gasleck, ich kann heute Nacht nicht dort bleiben.“

Es war so offensichtlich gespielt, so durchschaubar manipulativ. Aber Julian fiel voll darauf herein.

„Keine Sorge. Ich bringe dich. Ich besorge dir eine Suite im Frankfurter Hof.“ Er wandte sich an Alina, sein Tonfall abweisend. „Alina, nimm du das Auto nach Hause. Ich muss mich darum kümmern.“

Er wartete nicht einmal auf ihre Antwort. Er legte seinen Arm um Isabelles Schultern und führte sie den Flur entlang, ließ Alina allein stehen.

Der Schmerz, den sie erwartet hatte, kam nicht. An seiner Stelle war eine seltsame, hohle Ruhe. Ein Gefühl der Befreiung.

Es war vorbei. Die Hoffnung, an die sie sich vier Jahre lang geklammert hatte, war endlich, gnädigerweise, gestorben.

Sie nahm das Auto nicht. Sie ging nach Hause, die kalte Nachtluft war ein Balsam auf ihren heißen Wangen. In ihrer Wohnung öffnete sie ihren Laptop. Ihre Finger flogen über die Tastatur und tippten „humanitäre medizinische Einsätze Afrika“.

Sie füllte einen Antrag für Ärzte ohne Grenzen aus, gab ihre alten Qualifikationen aus dem Medizinstudium und ihre Erfahrung als Langzeitpflegerin an.

Eine Stunde später landete eine E-Mail in ihrem Posteingang. Es war eine Zusage.

Ihr Abreisedatum war in drei Wochen. Am selben Tag, an dem sie Julian von Altenberg heiraten sollte.

Kapitel 2

Alina ging zurück in das Penthouse, das sie einst als ihr Zuhause betrachtet hatte. Es fühlte sich kalt und leer an, ein Museum eines Lebens, das nie wirklich ihres gewesen war.

Julian war nicht da. Eine SMS leuchtete auf ihrem Handy auf: „Isabelle hatte eine Panikattacke. Bleibe heute Nacht bei ihr, um sicherzugehen, dass es ihr gut geht. Wir sehen uns morgen.“

Sie antwortete nicht. Stattdessen öffnete sie Instagram. Isabelle hatte bereits ein Foto gepostet. Eine Nahaufnahme von zwei Champagnergläsern, im Hintergrund die opulente Einrichtung einer Suite im Frankfurter Hof, unverkennbar. Die Bildunterschrift lautete: „Manche Menschen wissen einfach, wie man sich um einen kümmert. #WahreLiebe.“

Alina starrte auf den Bildschirm, ein bitteres Lächeln verzog ihre Lippen. Sie hatte vier Jahre damit verbracht, sich um ihn zu kümmern, und das war ihr Lohn.

Eine plötzliche, wilde Energie durchströmte sie. Sie würde kein Opfer sein. Sie würde kein Geist in ihrem eigenen Leben sein.

Sie begann im Schlafzimmer. Sie zog Julians teure, maßgeschneiderte Anzüge aus dem Schrank und warf sie auf den Boden. Seine Parfümflakons, seine Uhrensammlung, seine Fotos – alles landete in Müllsäcken. Sie arbeitete mit methodischer Wut und reinigte den Raum von seiner Gegenwart. Jeder Gegenstand, den sie wegwarf, war eine Kette, die sie sprengte.

Als die Sonne aufging, war die Wohnung kahl. Alle Spuren von Julian von Altenberg waren verschwunden.

Er kam kurz nach neun Uhr morgens herein und hielt eine Schachtel mit Gebäck als armseliges Friedensangebot in der Hand. Er blieb wie erstarrt im Wohnzimmer stehen, seine Augen weit aufgerissen vor Schock.

„Alina? Was... was ist hier passiert?“

Er sah sich um, seine Verwirrung war echt. Er verstand es wirklich nicht.

„Ich habe umdekoriert“, sagte sie mit flacher, emotionsloser Stimme.

Er zwang sich zu einem Lachen und versuchte, die seltsame Spannung abzutun. „Okay... nun, ich schätze, wir brauchten eine Veränderung. Wir können dieses Wochenende einkaufen gehen. Ich kaufe dir alles, was du willst.“

Er dachte, er könnte das mit Geld reparieren. Er dachte, ein neues Sofa könnte das klaffende Loch flicken, das er in ihr Leben gerissen hatte.

„Julian“, sagte sie mit fester Stimme. „Wir müssen über Isabelle reden.“

Er versteifte sich, sein leichtes Lächeln verschwand. „Es gibt nichts zu bereden. Ich habe dir gesagt, sie ist nur eine Freundin. Sie brauchte meine Hilfe.“

„Und wir werden heiraten“, fügte er schnell hinzu, als ob die Worte ein Zauberspruch wären, der alles wieder in Ordnung bringen könnte. „Unsere Hochzeit ist in drei Wochen. Alles ist vorbereitet.“

Sie starrte ihn nur an, die Stille dehnte sich zwischen ihnen aus. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen.

„Meine Familie veranstaltet heute Abend eine Gala“, sagte er und wechselte das Thema. „Du musst dabei sein. Wir müssen eine geschlossene Front zeigen.“

Sie wollte nicht gehen. Sie wollte die Tür abschließen und keinen von ihnen jemals wiedersehen. Aber sie wusste, dass eine öffentliche Szene jetzt alles nur noch schlimmer machen würde.

„In Ordnung“, stimmte sie zu.

Die Gala war ein Albtraum aus glitzernden Kronleuchtern und falschen Lächeln. Sobald sie ankamen, wurde Julian von einem Meer von Geschäftspartnern verschluckt. Alina wurde allein gelassen, eine Außenseiterin in einer Welt, in die sie nie passte. Die anderen Frauen, alle aus „alteingesessenen“ Familien, sahen durch sie hindurch, ihre Blicke blieben an den schwachen Linien ihrer Narben hängen.

Sie fand eine ruhige Ecke auf einem Balkon mit Blick auf die Stadt. Sie brauchte Luft.

„Na sieh mal einer an, was die Katze hereingeschleppt hat.“

Alina drehte sich um. Julians jüngere Schwester, Janina, stand da, ein grausames Grinsen im Gesicht. Isabelle stand direkt hinter ihr, ein Schatten aus Seide.

„Solltest du nicht zu Hause sein und die Schuhe meines Bruders polieren?“, höhnte Janina. „Oder ist das zu viel für deine vernarbten Hände?“

Isabelle legte Janina sanft eine Hand auf den Arm. „Janina, sei nicht gemein. Alina ist unser Gast.“ Ihre Stimme war süß, aber ihre Augen waren eiskalt.

„Gast? Sie ist eine bessere Pflegerin, die meinen Bruder in die Falle gelockt hat“, zischte Janina, ihre Stimme wurde lauter. Die Leute begannen sich umzudrehen und zu schauen. „Sie ist nichts als eine Goldgräberin mit neureichem Hintergrund. Sie gehört hier nicht her.“

Isabelle seufzte dramatisch. „Es ist wahr, dass Julian jemanden verdient hat... der heil ist. Jemanden aus seiner eigenen Welt. Aber er hat ein Versprechen gegeben. Er ist ein Mann von Wort.“

Jedes Wort war ein sorgfältig gezielter Pfeil.

Janina, angestachelt von Isabelles Auftritt, trat einen Schritt näher. „Mein Bruder hat Mitleid mit dir. Das ist alles. Mitleid. Glaubst du wirklich, jemand könnte ein Monster wie dich lieben?“

Bevor Alina reagieren konnte, schoss Janinas Hand hervor. Sie packte den hohen Kragen von Alinas Kleid und riss ihn herunter.

Der Stoff zerriss mit einem widerlichen Geräusch. Das volle Ausmaß ihrer Narben an Hals und Schulter wurde plötzlich unter den grellen Lichtern des Ballsaals entblößt.

Ein kollektives Keuchen ging durch die Menge. Die Leute starrten, ihre Gesichter eine Mischung aus Schock und morbider Neugier. Geflüster verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

Demütigung überkam Alina, heiß und erstickend.

Janina war noch nicht fertig. Sie streckte erneut die Hand aus, als wollte sie auf die Narben zeigen. „Seht ihr? Das ist es, was sie ist!“

Etwas in Alina zerbrach. Sie bewegte sich aus reinem Instinkt, ihre Hand schwang nach oben und traf Janinas Wange mit einem lauten, scharfen Klatsch.

Der Raum wurde still. Janina stand wie erstarrt da, ihre Hand auf ihrer roten Wange, ihre Augen weit aufgerissen vor Unglauben.

Isabelle keuchte und eilte nach vorne. „Oh mein Gott, Alina! Wie konntest du nur?“ In ihrer gespielten Eile „stolperte“ sie und fiel in einem Haufen aus Seide und vorgetäuschtem Schmerz zu Boden. „Mein Knöchel!“, schrie sie.

In diesem Moment erschien Julian. Er erfasste die Szene mit einem einzigen Blick: Alina, die über einer weinenden Isabelle stand, und seine Schwester, die ihre Wange hielt. Er zögerte nicht.

Er ging auf Isabelle zu, sein Gesicht eine Maske der Wut. Er stieß an Alina vorbei und brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie stolperte zurück und prallte hart gegen das Balkongeländer. Er sah sie nicht einmal an.

„Isabelle! Bist du verletzt?“, fragte er mit panischer Besorgnis in der Stimme.

Janina, die ihre Chance witterte, begann zu jammern. „Bruder, sie hat mich angegriffen! Und sie hat Isabelle gestoßen! Sie ist verrückt!“

Julian hob Isabelle sanft in seine Arme und wiegte sie, als wäre sie aus Glas. Er drehte sich um, seine Augen landeten endlich auf Alina. Sie waren kalt, voller Anschuldigung und Enttäuschung.

Er sagte kein Wort zu ihr. Er drehte sich einfach um und trug Isabelle weg, ließ Alina allein im Zentrum der stillen, starrenden Menge zurück.

Kapitel 3

Janina schlenderte herüber, ihr Gesicht triumphierend. „Siehst du? Er wird sich immer für uns entscheiden. Du bist nichts.“

Die Blicke der Menge lasteten auf Alina, ein erstickendes Gewicht aus Mitleid und Verachtung. Sie stand da, ihr zerrissenes Kleid ein Symbol ihrer zerfetzten Würde, die kühle Nachtluft ein grausamer Kuss auf ihren entblößten Narben. Sie fühlte nichts. Es war, als würde sie einen Film über das Leben eines anderen sehen.

Sie erinnerte sich an eine Zeit vor dem Unfall, als ein betrunkener Investor auf einer Party unhöflich zu ihr gewesen war. Julian hatte den Mann ruhig, aber bestimmt hinausbegleitet und den Rest des Abends schützend seinen Arm um sie gelegt.

Dieser Julian war verschwunden. Oder vielleicht hatte er nie existiert.

Sie verließ die Gala, ein Geist, der seine eigene Heimsuchung verließ. Sie machte sich nicht die Mühe, ein Auto zu rufen. Der lange Spaziergang durch die Straßen der Stadt fühlte sich wie eine notwendige Buße an, obwohl sie nicht mehr wusste, wofür.

Sie war einen Block von ihrer Wohnung entfernt, als ein dunkler Van neben ihr quietschend zum Stehen kam. Zwei große Männer sprangen heraus.

„Alina Weber?“, knurrte einer von ihnen.

Bevor sie antworten konnte, packten sie sie und zerrten sie in eine dunkle Gasse. Der Gestank von Müll stieg ihr in die Nase. Ein Mann schlug sie gegen eine Ziegelmauer, die raue Oberfläche schürfte ihre Wange auf.

„Das ist eine Warnung“, knurrte er, sein Atem heiß und übelriechend. „Isabelle von Schönfeld sagt, du sollst dich verdammt noch mal von ihrem Mann fernhalten.“

Der andere Mann lachte. „Eine vernarbte Schlampe wie du sollte ihren Platz kennen.“

Sie hielten sich nicht zurück. Schmerz explodierte in ihrem Bauch, dann in ihren Rippen. Es waren Profis, ihre Schläge präzise und brutal, darauf ausgelegt zu verletzen, aber nicht zu töten. Sie warfen sie zu Boden und traten auf sie ein, bis ihre Sicht an den Rändern zu verblassen begann.

„Bleib liegen, Abschaum“, sagte einer von ihnen und spuckte neben ihren Kopf. Dann waren sie weg.

Sie lag lange auf dem schmutzigen Boden, der Schmerz ein dumpfer, pochender Rhythmus, der zu ihrem Herzen passte. Mit einem Stöhnen zog sie ihr Handy heraus. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie drei Versuche brauchte, um den Notruf zu wählen. Bevor sie anrief, drückte sie die Aufnahmetaste ihrer Sprachmemo-App. Nur für den Fall.

Sie schaffte es, sich in die Notaufnahme zu schleppen. Die Polizei kam, nahm ihre Aussage auf. Sie spielte ihnen die Aufnahme vor, auf der die Schläger Isabelles Namen erwähnten. Der Beamte sah mitfühlend, aber unverbindlich aus.

Sie lag in einem Krankenhausbett, ein Flickenteppich aus blauen Flecken und Verbänden, als Julian endlich auftauchte. Er sah müde aus und war voller gespielter Reue.

„Alina. Mein Gott. Ich habe es gerade gehört. Es tut mir so leid.“

Er setzte sich an ihr Bett und versuchte, ihre Hand zu nehmen. Sie zog sie weg.

„Ich habe mich um Janina gekümmert“, sagte er mit einer Stimme, die von falscher Autorität schwer war. „Ich habe ihre Kreditkarten gesperrt und sie auf unser Familiengut auf dem Land geschickt. Sie wird dich nicht wieder belästigen.“

Er sah sie an und erwartete Dankbarkeit.

„Was ist mit Isabelle?“, fragte Alina mit heiserer Stimme.

Julians Gesicht spannte sich an. „Isabelle hatte damit nichts zu tun. Das war alles Janina. Sie ist nur eine verwöhnte Göre, die ausgetickt ist.“

„Sie haben ihren Namen gesagt, Julian“, sagte Alina, ihre Stimme erhob sich mit einer Stärke, von der sie nicht wusste, dass sie sie besaß. „Die Männer, die mich angegriffen haben. Sie sagten, Isabelle hätte sie geschickt.“ Sie griff nach ihrem Handy. „Ich habe eine Aufnahme.“

Er ließ sie nicht abspielen. Er griff hinüber und schaltete das Telefon aus, seine Bewegungen scharf und befehlend. Der charmante, unreife Junge war verschwunden, ersetzt durch den kalten, rücksichtslosen CEO des von Altenberg-Imperiums.

„Hör auf damit, Alina“, sagte er mit leiser, gefährlicher Stimme. „Glaubst du nicht, ich habe genug um die Ohren? Meine Schwester ist ein Wrack, die Presse stürzt sich darauf, und du machst diese wilden Anschuldigungen. Ich bin enttäuscht von dir.“

Enttäuscht. Das Wort war ein Schlag ins Gesicht.

„Wir werden heiraten“, fuhr er fort, als wäre das das Ende der Diskussion. „Ich habe bereits mit der Polizei gesprochen. Die Anzeige wurde zurückgezogen. Wir werden das intern regeln. Das ist besser für die Familie.“

Er stand auf, seine Autorität war absolut. Er schützte seine Welt, und sie war nur eine unordentliche Komplikation darin.

Genau in diesem Moment klingelte sein Telefon. Der Bildschirm leuchtete mit Isabelles Namen auf.

„Julian, Liebling“, kam Isabelles weinerliche Stimme, laut genug, dass Alina sie hören konnte. „Ich habe solche Angst. Ich glaube, jemand verfolgt mich.“

Julians gesamte Haltung änderte sich. Er war sofort wieder ihr Beschützer, ihr Held. „Wo bist du? Beweg dich nicht. Ich bin auf dem Weg.“

Er legte auf und ging zur Tür.

„Julian, warte“, sagte Alina. Es war das erste Mal, dass sie ihn jemals um etwas gebeten hatte. Ihre Stimme war klein, gebrochen. „Bitte. Geh nicht. Bleib bei mir.“

Er zögerte an der Tür, den Rücken zu ihr gewandt. Für einen einzigen, herzzerreißenden Moment dachte sie, er könnte bleiben.

Dann drehte er sich um, sein Gesicht eine Maske angespannter Geduld. „Alina, ich muss gehen. Isabelle ist zu Tode verängstigt. Du bist hier im Krankenhaus sicher. Ich komme später wieder.“

Er ging.

Die Tür klickte hinter ihm ins Schloss, der Klang hallte im stillen Raum wider.

Alina starrte auf die leere Tür, und eine einzelne Träne bahnte sich einen Weg durch den Schmutz auf ihrer Wange. Dann noch eine. Bald weinte sie, aber sie lächelte auch. Ein seltsames, gebrochenes, befreites Lächeln.

Er würde sich immer für Isabelle entscheiden. Und jetzt, endlich, konnte sie sich für sich selbst entscheiden.

Jetzt die ganze Geschichte lesen
Unterstütze den Autor und inspiriere weitere tolle Geschichten von Moboreader
Alle Kapitel freischalten

Aus der Asche zum Phönix: Eine wiedergeborene Liebe

Kapitel 1
Kapitel
Anpassen
Nächstes Kapitel