Kapitel 2

Anja POV:

Die Tage im Krankenhaus zogen sich wie Kaugummi, gefüllt mit dem Geruch von Desinfektionsmitteln und dem leisen Piepsen der Überwachungsgeräte. Alwine und ich lagen in nebeneinanderliegenden Zimmern. Sie kam oft zu mir, schlurfte vorsichtig herein, ihren Arm fest in der Schlinge, ihr Gesicht noch immer blass und eingefallen.

Eines Nachmittags setzte sie sich schwerfällig auf den Stuhl neben meinem Bett. Sie reichte mir eine Tasse Kräutertee, die eine Krankenschwester für mich zubereitet hatte. Ihre Bewegungen waren langsam, schmerzhaft. Ich sah die Anstrengung in jedem ihrer Züge.

"Wie geht es dir?", fragte sie leise, ihre Augen fixierten meinen leeren Bauch.

"Es ist still hier drin", flüsterte ich, meine Hand legte sich auf die Stelle, wo mein Baby hätte wachsen sollen. Die Stille war das Schlimmste. Keine Tritte mehr, keine kleinen Bewegungen. Nur Leere.

Alwine nickte. Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. Ich wusste, sie dachte an ihr eigenes gebrochenes Leben. An den Arm, der ihre Träume zerbrochen hatte. An die Karriere, die für immer beendet war.

"Ich hätte diesen Idioten niemals heiraten sollen", murmelte sie plötzlich, ihre Stimme rau vor unterdrückter Wut. "Diese Familie... ich habe alles für sie aufgegeben. Und jetzt?" Sie hob ihren verletzten Arm leicht an, eine Geste der bitteren Ironie. "Jetzt bin ich nutzlos."

"Das stimmt nicht, Alwine!", sagte ich, meine Stimme war heiser. Ich wollte sie festhalten, ihr Trost spenden, aber mein eigener Körper war noch zu schwach.

Ich erinnerte mich an Alwine, die auf ihrem Pferd saß, elegant und kraftvoll. Ihr Lächeln, wenn sie über ein Hindernis sprang, ihre Konzentration, wenn sie sich auf ein Turnier vorbereitete. Sie war eine der besten Springreiterinnen des Landes gewesen, kurz davor, international durchzustarten. Ihre Hochzeit mit Mauritius hatte sie in die High Society katapultiert, aber sie hatte nie ihren Sport aufgegeben. Bis jetzt. Jetzt war sie nur noch eine verletzte Frau, die ihren Arm kaum bewegen konnte.

Gerade als ich mich aufrichten wollte, um sie zu umarmen, klingelte mein Telefon. Ernst. Ich zögerte. Alwine starrte auf das Display. "Nimm ab", sagte sie, ihre Stimme war kalt. "Sag ihm, was für ein Arschloch er ist."

Ich drückte auf Annehmen. "Ja, Ernst?" Meine Stimme war flach, emotionslos.

"Anja! Was soll das Ganze?", brüllte er sofort los, ohne jede Begrüßung. "Ich habe gehört, ihr liegt im Krankenhaus! Was habt ihr schon wieder angestellt? Wisst ihr, was für einen Ärger ihr macht?"

Meine Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln. Ärger. Das war alles, was er sah.

"Unser Kind ist tot, Ernst", sagte ich ruhig, fast schon gelangweilt. "Und Alwine kann nie wieder reiten. Wir sind keine 'Ärger', wir sind verletzt. Wegen eurer Gleichgültigkeit, wegen Charlott."

"Hör auf, diesen Namen in den Mund zu nehmen!", zischte er. "Charlott hat gerade genug durchgemacht! Und was euer Kind angeht... warte, ich habe doch gesagt, ich muss mich um Charlott kümmern. Ihr hättet euch selbst verteidigen sollen! Wozu habt ihr Security? Das ist doch nicht mein Problem!"

"Es ist dein Problem, Ernst", sagte Alwine, die sich das Telefon schnappte. Ihre Augen sprühten vor Feuer. "Deine Frau hat euer Kind verloren! Und mein Traum ist zerplatzt, weil ich versucht habe, deine Frau zu retten, die du im Stich gelassen hast! Glaubst du wirklich, wir werden das einfach so hinnehmen? Wir werden euch das Leben zur Hölle machen, das verspreche ich dir!"

"Hört mal zu, ihr Hysterikerinnen!", brüllte Ernst zurück. "Ich habe euch geheiratet, weil es für die Familie gut war, nicht aus Liebe! Und Charlott ist und bleibt die wichtigste Frau in meinem Leben! Wenn ihr so weiter macht, sorge ich persönlich dafür, dass ihr nichts mehr habt! Nichts! Verstanden?"

Dann legte er auf. Wieder. Mit einem Knall.

Alwine warf das Telefon aufs Bett, ihre Schultern sackten zusammen. Sie versuchte, die Tränen zu unterdrücken, aber es war zu spät. Sie liefen in Strömen über ihr Gesicht.

Ich legte meinen Arm um sie, so gut es ging. "Es ist in Ordnung, Alwine. Lass es raus."

Wir saßen da, zwei gebrochene Frauen, gefangen in unseren Schmerzen. "Ich kann das nicht mehr, Anja", flüsterte Alwine. "Ich kann nicht mehr."

"Wir gehen", sagte ich. Die Worte kamen ungeplant, aber mit einer plötzlichen Klarheit. "Wir gehen von hier weg. Von ihnen weg. Von all dem."

Alwine sah mich an, ihre Augen waren weit. "Aber wohin? Wir haben nichts..."

"Wir haben uns", sagte ich. "Und das ist mehr, als sie je haben werden."

Wir umarmten uns, zwei Schwestern, die alles verloren hatten, außer sich selbst. Die Tränen, die wir vergossen, waren nicht nur Trauer, sondern auch der Schmerz einer bitteren Erkenntnis.

Wir hatten sie geheiratet, die Schönemann-Brüder. Ich, Anja, hatte Ernst geliebt, hatte an die Ehe geglaubt, an die Möglichkeit einer echten Verbindung. Alwine, pragmatischer, hatte die Ehe als eine Chance gesehen, sich in der Gesellschaft zu etablieren und ihren Sport zu fördern. Wir waren die beneideten Schwestern, die in die mächtigste Dynastie des Landes eingeheiratet hatten. Die Boulevardpresse hatte unsere Hochzeiten als "Märchenhochzeiten des Jahrhunderts" gefeiert. Ernst und Mauritius hatten charmant gelächelt, uns zugeflüstert, wie glücklich sie seien. Ich hatte es geglaubt. Alwine hatte es gehofft.

Aber es war alles eine Farce gewesen. Eine arrangierte Ehe, um die Dynastie zu stärken, um ihren Ruf zu festigen. Wir waren Schachfiguren in ihrem Spiel. Ernst und Mauritius, die nach außen hin perfekte Erben, waren innerlich arrogant, emotional unreif. Ihre wahren Herzen gehörten Charlott Landau, ihrer Stiefschwester, die sich als zerbrechlich und hilfsbedürftig ausgab, in Wahrheit aber eine eiskalte Manipulatorin war.

Sie hatten uns ignoriert, uns vernachlässigt. Ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit – alles gehörte ihr. Wir waren nur schmückendes Beiwerk, die Frauen, die sie heiraten mussten, um den Erwartungen der Familie gerecht zu werden. Die Stunden, die sie mit uns verbrachten, waren Pflichttermine, oberflächliche Konversationen, leere Berührungen. Währenddessen suchten sie Trost bei Charlott, deren emotionales Drama sie immer wieder in ihren Bann zog.

Wir hatten uns an die kleinen Gesten geklammert, an die illusionäre Hoffnung, dass sich ihre Zuneigung eines Tages uns zuwenden würde. Wir waren blind gewesen, taub für die Wahrheit, die direkt vor unseren Augen lag. Wir hatten geglaubt, unsere Liebe könne sie verändern. Wie dumm, wie unglaublich naiv wir doch waren.

"Meine Hand", flüsterte Alwine plötzlich, ihre Stimme riss mich aus meinen Gedanken. "Der Arzt sagt, sie wird nie wieder so sein wie vorher. Ich werde niemals wieder ein Pferd halten, geschweige denn reiten können."

"Und ich", sagte ich, meine Hand legte sich auf meine Gebärmutter, die niemals mehr ein Leben in sich tragen würde. "Ich werde niemals ein Kind gebären können. Nie wieder."

Wir sahen uns an. Zwei Schwestern. Zwei Leben zerstört. Aber nicht durch Zufall. Sondern durch Verrat.

Kapitel 3

Anja POV:

Ein paar Tage später, als ich in meinem Krankenhausbett lag und versuchte, die Leere in mir zu fassen, sah ich es. Eine Nachricht auf dem großen Bildschirm im Wartebereich, der von meinem Zimmer aus sichtbar war. Die Schlagzeile flimmerte in großen Lettern: "Schönemann-Erben an der Seite der traumatisierten Charlott Landau – Ein Fels in der Brandung!"

Das Bild zeigte Ernst und Mauritius. Sie standen an Charlotts Seite, ihre Gesichter ernst, aber voller besorgter Zuneigung. Charlott, die ja angeblich so traumatisiert war, lehnte sich an Ernst, ihre Augen waren wässrig, aber ein triumphierendes Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie dachte, niemand sähe es. Mauritius legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter. Sie waren ihre Ritter, ihre Beschützer, während wir hier in unseren Krankenhausbetten lagen, gebrochen und vergessen.

Und dann sah ich es. Charlotts Hand lag sanft auf ihrem Bauch. Und dieser Bauch war leicht gewölbt. Nicht so groß wie meiner gewesen war, aber unverkennbar. Sie war schwanger.

Ein Schock durchfuhr mich, so kalt und brutal, dass mir der Atem stockte. Eine Welle der Übelkeit stieg in mir auf. Der Bildschirm schwenkte zu Interviews mit Passanten, die ihre Bewunderung für die Brüder zum Ausdruck brachten. "So fürsorglich!" "Was für ein Glück, so einen Mann zu haben!" "Sie ist so zerbrechlich, sie braucht ihren Schutz."

Nur eine Frau, eine ältere Dame mit strengem Blick, murmelte etwas von "den wahren Opfern", aber ihre Worte gingen im allgemeinen Chor des Lobes unter. Ihre Stimme wurde von den Reportern schnell abgewürgt. Die Welt war blind. Oder wollte nur das sehen, was sie sehen sollte.

Alwine, die an diesem Tag nicht bei mir war, musste es auch gesehen haben. Ihr Zimmer war nicht weit entfernt. Als sie kurz darauf hereinkam, war ihr Gesicht ausdruckslos. Sie setzte sich wortlos auf den Stuhl.

"Hast du es gesehen?", fragte ich leise, meine eigene Stimme klang fremd.

Sie nickte langsam. "Ja. Sie ist schwanger." Ihre Stimme war flach, jede Emotion schien aus ihr gewichen zu sein.

"Und sie... sie ist die ganze Zeit bei ihnen", fuhr ich fort, meine Hände ballten sich zu Fäusten. "Während wir hier liegen. Während unser Baby..."

Alwine hob ihre Hand, als wollte sie mich zum Schweigen bringen. "Spielt das noch eine Rolle, Anja? Wir wissen doch jetzt, wo wir stehen. Wir wissen, was wir ihnen wert sind. Nichts."

Ihre Worte waren wie ein Schlag. Aber es war die Wahrheit, eine rohe, unangenehme Wahrheit.

Ich atmete tief ein. Ein Gefühl der Befreiung durchfuhr mich. Die Wut, der Schmerz – sie waren noch da, aber sie wurden von einer undurchdringlichen Entschlossenheit überlagert. "Ich werde sie scheiden lassen", sagte ich, meine Stimme war fest. "Ich will nichts mehr von dieser Familie. Nichts von diesen Männern."

Alwine nickte. "Ich auch."

In diesem Moment traf ich die Entscheidung. Ich würde sie nicht mehr um ihre Liebe betteln. Ich würde sie nicht mehr um ihre Aufmerksamkeit flehen. Ich würde sie nicht mehr um irgendetwas bitten.

Ich griff nach meinem Telefon. Nicht um Ernst anzurufen. Sondern um meine Anwältin zu kontaktieren. Ich erklärte ihr die Situation, kurz und prägnant. Sie versprach, sofort die Scheidung einzuleiten und eine einstweilige Verfügung gegen Ernst zu erwirken.

Die Anwältin rief kurze Zeit später zurück. Die Gerichte hatten die Dringlichkeit erkannt, die Dokumente waren auf dem Weg zu Ernst. Doch die Tage vergingen, und es geschah nichts.

Der Schmerz in meinem leeren Bauch wurde zu einem physischen Brennen, das sich durch meinen gesamten Körper zog. Die Ungewissheit, die Gleichgültigkeit von Ernst – es war unerträglich. Ich konnte nicht länger warten.

Ich griff erneut zum Telefon. Eine Nachricht an Ernst. Eine letzte. "Wenn du die Scheidung nicht innerhalb der nächsten 24 Stunden unterschreibst, werde ich den Aufsichtsrat einschalten. Ich werde alles enthüllen. Alles."

Die Antwort kam prompt. Ein Anruf. Ernsts Stimme war voller Wut. "Was fällt dir ein, mich zu erpressen?", brüllte er. "Du kleine undankbare Schlampe! Glaubst du, du kannst mich so unter Druck setzen? Du wirst nichts bekommen! Nichts!"

Ich schwieg. Es war nutzlos. Er verstand es nicht. Er würde es nie verstehen.

Dann hörte ich im Hintergrund wieder Charlotts Stimme. "Ernst, mein Lieber, ist alles in Ordnung? Deine Ex-Frau ist doch nicht etwa wieder am Telefon, oder?" Ihre Stimme war süßlich, zuckersüß.

"Nein, mein Engel, natürlich nicht", sagte Ernst, seine Stimme wurde sanft. "Ich habe nur ein kleines Problem mit einem lästigen Anruf. Gleich bin ich wieder bei dir."

Ich konnte es nicht mehr ertragen. "Du bist ein Feigling, Ernst", sagte ich, meine Stimme war leise, aber eisig. "Und ein Verräter. Du bist nicht würdig, ein Vater zu sein. Nicht für unser Kind, nicht für irgendein Kind."

Wieder hörte ich Charlotts Stimme, diesmal lauter. "Hör zu, du Hexe! Lass Ernst in Ruhe! Er hat jetzt eine Familie, um die er sich kümmern muss. Wir reden hier von einem Schönemann-Erben! Du bist nur eine Vergangenheit, eine peinliche Erinnerung! Und dein Baby... wer weiß, von wem das überhaupt war! Vielleicht hast du es ja selbst verloren, weil du so unbeholfen bist!"

Ein Schrei entfuhr meiner Kehle. Meine Hände umklammerten mein Telefon, meine Nägel gruben sich in meine Haut. Meine Vision verschwamm. Mein Kopf pochte, mein ganzer Körper zitterte unkontrolliert.

"Anja?", hörte ich Ernsts Stimme, plötzlich klang er besorgt. "Was ist los?"

"Ich wünsche dir, dass du niemals glücklich sein wirst", krächzte ich, meine Stimme war kaum wiederzuerkennen. "Ich wünsche dir, dass du jeden Tag an das Kind denken musst, das du verloren hast, und an die Frau, die du verraten hast."

"Anja, warte!", rief Ernst, aber ich hatte bereits aufgelegt.

Ich brach zusammen, mein Körper zuckte unkontrolliert. Die Tränen liefen unaufhörlich, aber es war nicht nur Trauer. Es war eine tiefe, alles verzehrende Wut.

Alwine rannte herein, ihre Augen waren voller Panik. Sie umarmte mich, ihre gesunde Hand strich über meinen Rücken. "Nicht weinen, Anja. Nicht wegen ihnen. Sie sind es nicht wert."

"Sie hat gesagt...", schluchzte ich, meine Stimme war kaum verständlich. "Sie hat gesagt, mein Baby sei nicht von ihm... und dass ich selbst schuld sei..."

Alwine drückte mich fester. "Sie ist eine manipulative Schlange. Das wissen wir doch. Aber du hast recht. Es reicht."

Sie blickte mich an, ihr Blick war fest, voller Entschlossenheit. "Wir werden das nicht länger hinnehmen. Wir werden sie zwingen, die Scheidung einzureichen. Und dann werden wir dafür sorgen, dass sie für alles bezahlen, was sie uns angetan haben."

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Zwei Schwestern, ein neues Schicksal

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