Kapitel 3

CARLA STELLER: Perspektive

Ich wirbelte herum, mein Herz schlug bis zum Hals. Felix stand da, ein Schatten in der Dämmerung des Flurs. Seine Augen waren eisig, sein Blick fiel auf meine halb gepackte Tasche auf dem Boden. Er hatte sich so leise genähert, dass ich ihn nicht gehört hatte. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals.

Dann hörte ich Schritte hinter ihm. Claudius trat in den Türrahmen, seine Miene war ebenso kalt, aber seine Augen verrieten eine tiefe Traurigkeit. Und dann Madlen. Sie drängte sich zwischen sie, ihre Augen huschten über meine Tasche, und ein kaum merkliches, triumphierendes Zucken spielte um ihre Mundwinkel. Sie sah mich an, als würde sie mich durchschauen. Ich spürte, wie sich meine Hände zu Fäusten ballten.

Ich wollte ihnen die Wahrheit sagen. Alles. Von dem Projekt. Von dem Abschied. Aber ich hörte Felix' Worte in meinem Kopf: „Hör auf, Madlen die Schuld in die Schuhe zu schieben! " Er würde mir nicht glauben. Er würde es als weitere Manipulation abtun. Was nützte die Wahrheit, wenn niemand bereit war, sie zu hören? Also entschied ich mich für die Lüge. Für die Lüge, die sie hören wollten. Die Lüge, die mich schützen würde, indem sie mich unsichtbar machte.

Ich atmete tief durch. Meine Stimme war ruhig, aber ich spürte, wie mein Herz in meiner Brust hämmerte. „Ich packe. Wie du siehst. " Ich hob die Tasche an. „Ich habe gesagt, Madlen kann mein Zimmer haben. Für immer. "

Felix' Gesicht entspannte sich für einen Moment, dann verzog es sich wieder zu einer wütenden Grimasse. „Du bist unglaublich, Carla ", sagte er, seine Stimme war leise, aber gefährlich. „Du hast Madlen schon genug verletzt. Jetzt willst du sie auch noch aus ihrem Zimmer vertreiben, nur weil du wieder einen deiner Anfälle hast? Glaubst du, sie will in einem Zimmer schlafen, aus dem ich dich vertrieben habe? "

Ich sah ihn fassungslos an. „Ich bin doch schon gegangen ", sagte ich, meine Stimme war gezwungen ruhig. „Sie kann in das Gästezimmer ziehen. Ich… ich werde mir eine andere Unterkunft suchen. "

Felix' Blick verdunkelte sich noch mehr. Er dachte, ich wollte nur Aufmerksamkeit. Er dachte, ich würde bleiben und Ärger machen. Ich wollte das nicht. Ich wollte einfach nur gehen. Ohne weiteren Ärger. Ohne weitere Dramen.

Madlen trat vor, ihre Augen waren groß und unschuldig. „Oh nein, Carla. Das würde ich niemals tun. Ich will nicht, dass du wegen mir dein Zuhause verlässt. Das wäre unhöflich. " Ihr Lächeln war widerlich süß.

Ich sah sie an, meine Augen waren leer. „Ich werde nicht zurückkommen ", sagte ich. Meine Stimme war so kalt, dass ich mich selbst erschreckte.

Ein kurzes Zucken über Madlens Gesicht, das sie sofort wieder unter Kontrolle hatte. Felix lachte spöttisch. „Ach ja? Drohst du jetzt damit, wegzulaufen? Wir werden ja sehen, wie lange du es ohne uns aushältst, Carla. Komm schon, verschwinde, wenn du so mutig bist. "

Ich sagte nichts. Ich drehte mich um und packte weiter. Ich lebte fast mein ganzes Leben in diesem Haus. Überall waren Erinnerungen. Aber ich brauchte nur das Nötigste. Meine Bücher, meine Forschungsnotizen, ein paar Kleidungsstücke. Und die alte Brosche meiner Mutter, die ich immer trug, wenn ich Trost suchte.

Ich schloss meine Tasche. Sie war schwer. Viel zu schwer. Ich hob sie mühsam hoch.

„Du wirst bald wieder hier ankommen, Carla ", rief Felix hinter mir her, seine Stimme tanzte vor Spott. „Du wirst auf Knien zurückkommen und um Vergebung flehen. Du wirst sehen. "

Ich ignorierte ihn. Ich ging die Treppe hinunter, die Tasche auf meiner Schulter. Jeder Schritt war eine Qual. Draußen goss es in Strömen. Der Regen peitschte gegen die Fensterscheiben. Ich öffnete die Haustür und trat hinaus. Die kalten Tropfen trafen mein Gesicht, mischten sich mit den Tränen, die ich nicht länger zurückhalten konnte. Alles verschwamm vor meinen Augen.

„Geh nur, Carla! ", hörte ich Felix' Stimme, die durch den Regen drang. „Wir haben keine Schwester mehr! Du bist für uns gestorben! "

Meine Augen brannten. War es Regenwasser oder waren es Tränen? Ich wusste es nicht. Ich spürte ein Ziehen in meiner Schulter, dann ein warmes, klebriges Gefühl an meinem Arm. Ein roter Fleck breitete sich auf meiner hellen Jacke aus. Es war meine alte Verletzung. Die, die ich mir zugezogen hatte, als ich Felix bei einem Unfall in der Firma retten wollte. Er hatte sich selbst die Schuld gegeben. Ich hatte ihn getröstet, gesagt, es sei ein Unfall gewesen. Aber der Preis war hoch gewesen. Eine komplizierte Fraktur. Wochen im Krankenhaus. Wochen der Reha. Die Ärzte hatten gesagt, ich würde nie wieder meine volle Kraft zurückgewinnen. Ich hatte es für Felix getan. Für unsere Familie.

Ich spürte den Schmerz nicht wirklich. Nur eine seltsame Taubheit. Wo sollte ich hingehen? Was sollte ich tun? Ich wusste es nicht. Ich war nur ein Schiff ohne Anker, das in einem Sturm auf hoher See trieb.

Plötzlich hörte ich Schritte hinter mir. Madlen. Sie rannte mir nach, ihr Gesicht war tränenüberströmt. „Carla! Warte! Es tut mir so leid! Ich… ich weiß, du bist wütend. Aber bitte, komm nicht meinetwegen ins Unglück! Ich kann ja ins Gästezimmer ziehen. Dann kannst du bleiben! " Ihre Stimme war flehend, dramatisch.

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Zu spät für ihre Vergebung, Brüder

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