Kapitel 2
Lelands Brust schwoll leicht an. Ein selbstgefälliges, zufriedenes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
Er glaubte wirklich, die drei Jahre der Isolation und der chemischen Ruhigstellung hätten ihr das Rückgrat gebrochen. Er glaubte, sie sei endlich der gehorsame, gebrochene Hund, den die Familie Campbell brauchte.
„Folge mir", befahl Leland.
Er drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Isolationsraum. Ella folgte ihm. Ihre Beine fühlten sich schwer und schwach an, aber sie zwang sich, gleichmäßige Schritte zu machen.
Sie gingen den sterilen, weißen Korridor entlang, bis sie die schwere Eichentür von Dr. Finchs Büro erreichten.
Leland stieß sie auf, ohne anzuklopfen.
Dr. Finch, ein Mann mit beginnender Glatze und einer Drahtbrille, schnellte aus seinem weichen Ledersessel hoch. Er wischte seine verschwitzten Handflächen an seiner Hose ab.
Leland warf die Entlassungspapiere auf den Mahagonischreibtisch. Sie landeten mit einem leisen Klatschen.
Finch rückte seine Brille zurecht. Er nahm das Papier auf, während seine Augen nervös zwischen Leland und Ella hin und her huschten. Er räusperte sich.
„Mr. Campbell, ich muss davon abraten", sagte Finch, seine Stimme triefte vor geheuchelter medizinischer Besorgnis. „Ellas Borderline-Persönlichkeitsstörung ist äußerst unbeständig. Sie neigt zu pathologischem Lügen und Gewaltausbrüchen. Ein weiteres Jahr intensiver Therapie –"
„Ein weiteres Jahr, in dem Sie den Treuhandfonds meiner Familie plündern, meinen Sie", unterbrach ihn Leland. Seine Stimme war wie ein Peitschenhieb.
Finch schluckte schwer. Die Gier in seinen Augen war offensichtlich.
„Ich kann ein gebrochenes Mädchen kontrollieren, Doktor", sagte Leland. Er beugte sich über den Schreibtisch und drang in Finchs persönlichen Bereich ein. „Unterschreiben Sie auf der gepunkteten Linie. Jetzt."
Finchs Schultern sackten in sich zusammen. Im Wissen, dass er seine Goldkuh verloren hatte, nahm er einen goldenen Stift und kritzelte seine Unterschrift hin.
Er öffnete seine oberste Schublade und zog ein kleines, durchsichtiges Glasfläschchen mit einer Flüssigkeit sowie eine versiegelte Spritze heraus.
„Nehmen Sie das", sagte Finch und schob das Fläschchen über den Schreibtisch. „Es ist ein hochwirksamer synthetischer Beruhigungsmittel-Cocktail. Wenn sie bei der Gala einen psychotischen Schub erleidet, injizieren Sie es direkt in ihren Oberschenkel. Es wird ihr Nervensystem unterdrücken und sie innerhalb weniger Minuten außer Gefecht setzen."
Leland nahm das Fläschchen. Er ließ es in seine Tasche gleiten.
Ella stand an der Tür. Sie beobachtete, wie die beiden Männer Drogen und Unterschriften austauschten, um sie zu handhaben, als wäre sie ein gefährliches Stück Vieh. Ihre Brust fühlte sich eng an, aber sie zwang sich, flach zu atmen. Sie empfand nichts als ein tiefes, hohles Mitleid für sie.
Eine Krankenschwester betrat das Büro. Sie trug einen ramponierten, zugeklebten Pappkarton.
„Ihre persönlichen Gegenstände von der Aufnahme", murmelte die Krankenschwester und schob Ella den Karton in die Arme.
Ella umklammerte den Boden des Kartons. Ihr Zeigefinger glitt an der Unterkante entlang. Sie spürte die leichte Wölbung unter dem doppelten Pappboden.
Ihr Herz schlug hart und plötzlich gegen ihre Rippen.
Die drei Notizbücher, gefüllt mit Notizen zu AP Calculus, Macroeconomics und Advanced Literature – Seite für Seite von einem mitfühlenden Hausmeister eingeschmuggelt – waren noch da. Ihre gesamte Zukunft war in diesem zentimeterbreiten Spalt verborgen.
Leland sah den schmutzigen Karton an. Er rümpfte die Nase.
„Geh zur Toilette den Gang runter", befahl Leland. „Zieh dieses widerliche Krankenhauskleid aus. Zieh an, was auch immer für Lumpen in diesem Karton sind. Du steigst nicht in mein Auto, wenn du wie eine psychiatrische Abteilung riechst."
Ella nickte. Sie drückte den Karton an ihre Brust und ging hinaus.
Sie betrat die kleine, flackernde Toilette und schloss die Tür ab. Das laute Klicken des Schlosses gab ihr einen plötzlichen Sauerstoffschub.
Sie stellte den Karton auf das Waschbecken und sah in den Spiegel.
Ihre Wangenknochen waren scharf genug, um Glas zu schneiden. Ihre Haut war von einem kränklichen, durchscheinenden Weiß. Aber ihre dunklen Augen brannten. Der tote, fügsame Blick war verschwunden, ersetzt durch eine wilde, furchterregende Klarheit.
„Heute Nacht", flüsterte sie ihrem Spiegelbild zu.
Sie streifte das Krankenhauskleid ab. Sie zog das verblichene, dunkelblaue Kleid hervor, das sie in der Nacht getragen hatte, als sie sie vor drei Jahren weggeschleppt hatten. Es war jetzt zu kurz, reichte ihr bis zur Mitte des Oberschenkels und spannte über ihrer Brust.
Sie strich den billigen Stoff glatt. Sie nahm ihren Karton, schloss die Tür auf und ging hinaus, um Leland zu treffen.
Kapitel 3
Ein maßgefertigter, gepanzerter schwarzer Rolls-Royce Phantom stand mit laufendem Motor in der kreisförmigen Auffahrt des Sanatoriums. Die Abgase stiegen als Wolke in die eiskalte Morgenluft.
Arthur Sterling, der langjährige Fahrer der Familie Campbell, stand an der hinteren Tür. Er trug makellos weiße Handschuhe.
Als Leland näher kam, zog Arthur die schwere Tür auf und neigte leicht den Kopf. Leland glitt auf den geräumigen Hauptsitz aus weichem Leder.
Ella trat vor und umklammerte ihren Pappkarton. Sie wollte Leland in den Fond folgen.
Arthurs Arm schoss vor. Sein Ellbogen blockierte subtil, aber bestimmt ihre Brust.
Ella blickte auf. Arthurs Gesicht war eine Maske höflicher Gleichgültigkeit, aber seine Augen waren voller Abscheu. Er wies mit einem Ruck seines Kinns auf den rückwärtsgerichteten Notsitz – den engen, schmalen Klappsitz, der für Assistenten oder Gepäck gedacht war.
Ella stritt nicht. Sie verschwendete keinen Atem. Sie zwängte sich an Arthurs blockierendem Arm vorbei, beugte die Knie und setzte sich auf den harten Notsitz.
Arthur schlug die Tür zu. Der dumpfe Schlag schloss sie in einer schalldichten Blase ein.
Der Motor schnurrte. Die Limousine glitt vorwärts und ließ die eisernen Tore von Pine Ridge hinter sich.
Die Luft im Inneren des Wagens war erstickend. Die Heizung war zu hoch aufgedreht.
Leland öffnete die Kristallkaraffe in der Mittelkonsole. Er schenkte sich zwei Fingerbreit bernsteinfarbenen Whiskey ein. Er bot Ella kein Wasser an. Er sah nicht einmal nach, ob sie es bequem hatte.
Er nahm einen langsamen Schluck und ließ das Eis gegen das Glas klirren.
„Der gesamte Vorstand wird heute Abend da sein", sagte Leland und starrte auf die vorbeiziehenden Bäume. „Der Bürgermeister. Die Familie Thorne. Die Medien."
Er schwenkte den Whiskey.
„Denk nicht einmal daran, eine Szene zu machen, Ella. Du bist heute Abend ein Geist. Du existierst nur, um Ashlyn heller strahlen zu lassen. Du wirst ihnen zeigen, wie krank du warst und wie gnädig sie ist, dir zu vergeben."
Leland griff in sein maßgeschneidertes Jackett und zog eine schwere, geprägte Karte hervor. Er warf sie ihr auf den Schoß, wobei die scharfe Ecke ihren Oberschenkel streifte. „Lerne jedes einzelne Wort auf dieser Karte auswendig", befahl er, während sich seine Augen zu gefährlichen Schlitzen verengten. „Wenn du auch nur eine Silbe vergisst, werde ich dich persönlich in diesen Isolationsraum zurückschleifen."
Ella starrte aus dem getönten Fenster. Die kahlen Bäume verschwammen zu einem grauen Streifen. Ihr Gesicht war völlig gefühllos.
Ihre fehlende Reaktion ließ einen Muskel in Lelands Kiefer zucken. Er hasste es, wenn sie nicht weinte.
Er griff auf den Sitz neben sich. Er hob eine dicke, glänzend schwarze Papiertüte auf und warf sie hart nach Ella.
Die scharfe, steife Kante der Tüte traf Ellas Handrücken.
Ein scharfes Stechen durchzog ihre Haut. Eine dünne rote Linie erschien auf ihren Fingerknöcheln, auf der sich ein winziger Blutstropfen bildete.
„Zieh das an, wenn wir im Hotel ankommen", fuhr Leland sie an. „Du siehst aus wie eine Bettlerin, die aus einem Müllcontainer gekrochen ist. Ich werde nicht zulassen, dass du uns blamierst, bevor du überhaupt auf die Bühne gehst."
Ella blickte auf die Tüte hinab. Sie griff hinein und zog den Stoff heraus.
Es war ein Kleid. Es hatte eine stumpfe, leblose, aschgraue Farbe. Der Schnitt war formlos und konservativ, dazu entworfen, die Trägerin völlig unsichtbar erscheinen zu lassen. Es war das perfekte Kleidungsstück, um einen Kontrast zu dem glitzernden Kleid zu bilden, das Ashlyn tragen würde.
Ella legte den hässlichen Stoff über ihre blutende Hand.
„Danke, Bruder", sagte sie. Ihre Stimme war monoton, mechanisch und vollkommen leer.
Leland schnaubte verächtlich. Er drehte den Kopf und starrte für den Rest der Fahrt aus seinem Fenster.
Stunden vergingen. Die graue Landschaft wich den hoch aufragenden Stahl- und Glasbauten von Manhattan. Die Neonlichter der Straßen der Stadt schimmerten durch die getönten Scheiben und überzogen Ellas blasses Gesicht.
Sie blickte zur leuchtenden Spitze des Empire State Building hinauf.
Ihre Finger schlossen sich fester um die dicke Papiertüte. Die scharfe Kante grub sich in ihre Handfläche, aber sie begrüßte den Schmerz. Sie schluckte den dicken Kloß der Demütigung hinunter, der ihr die Kehle zuschnürte.
Die Limousine wurde langsamer. Sie hielt nicht am großen, mit rotem Teppich ausgelegten Haupteingang des Four Seasons. Stattdessen bog sie in eine dunkle, enge Gasse ab und hielt abrupt an der Servicetür des Hotels.