Kapitel 3
Schließlich traf die Familie Palmer die Entscheidung, Kathryn zurückkehren zu lassen.
Kurz darauf erfuhr Kathryn von den Folgen – die Entscheidung hatte einen heftigen Streit zwischen Rhett und seiner aktuellen Ehefrau Rebecca Palmer ausgelöst.
Noch am selben Tag absolvierte Kathryn ihre erste Blutspende für Anna.
Da Anna eine gefährlich große Menge Blut verloren hatte, waren für die kommenden Tage mehrere Transfusionen angesetzt.
Um den Ablauf reibungslos zu gestalten, stellte das Krankenhaus Kathryn eine VIP-Suite zur Verfügung.
Ganz plötzlich vibrierte ihr Handy.
Sie griff danach und warf einen Blick aufs Display. Eine Nachricht von ihrer Freundin Lindsay Simpson war eingetroffen.
„Der Erbe der Familie Knight, Evan Knight, durchkämmt die ganze Stadt. Er sucht eine Frau um die zwanzig mit medizinischem Wissen und einem schwarzen Mondsichel-Tattoo am Schlüsselbein.“
Mit einem augenzwinkernden Tonfall antwortete Kathryn: „Seltsam. Klingt ganz nach mir.“
Lindsays Antwort kam sofort. „Ich meine das ernst! Was, wenn er wirklich dich sucht?“
„Unmöglich. Ich hab den Typen noch nie getroffen.“
„Bist du dir absolut sicher, dass du ihm nicht irgendwie auf die Füße getreten bist? Versuch dich zu erinnern.“
Kathryn verdrehte amüsiert und leicht genervt die Augen, während sie auf den Bildschirm sah.
„Ich bin doch gerade erst wieder in Wrille. Wahrscheinlich nur ein verrückter Zufall. Kein Grund zur Panik“, schrieb sie zurück.
Danach kam nichts mehr von Lindsay.
Das Gespräch endete ohne weitere Nachrichten.
Trotzdem blieb ein seltsames Gefühl zurück. Kathryn öffnete ihren Internetbrowser und startete eine kurze Suche.
Kaum hatte sie Evans Namen eingegeben, erschien eine einzige fett gedruckte Zeile auf dem Bildschirm: „Evan Knight, 28 Jahre alt.“
Mehr stand da nicht.
Kathryn starrte auf den Bildschirm, ihr Gesichtsausdruck war nicht zu deuten.
Warum so viel Geheimniskrämerei?
Getrieben von Neugier holte sie ihr Tablet aus dem Koffer, steckte einen USB-Stick ein und gab schnell Befehle ein, während Codezeilen über den Bildschirm flimmerten.
Nach kurzer Zeit verschwanden die Datenströme und wichen einer schlichten Schwarz-Weiß-Oberfläche.
„Hey, hilf mir, jemanden zu überprüfen.“
„Wen genau?“
Ohne zu zögern antwortete Kathryn: „Evan Knight.“
„Verstanden. Gib mir drei Tage.“
Als die Bestätigung kam, schloss Kathryn das Fenster und schaltete das Tablet aus.
Zur gleichen Zeit leuchtete die Lakeside-Villa, gelegen in einem der exklusivsten Viertel von Wrille, aus jedem Winkel.
„Gibt es Neuigkeiten?“
Evan stand aufrecht am großen Fenster des Schlafzimmers.
Trotz Bandagen und sichtbarer Verletzungen hatte seine Präsenz nichts von ihrer Autorität eingebüßt.
Zwischen seinen Fingern glomm eine Zigarette, deren Spitze im Halbdunkel flackerte.
In der Nähe stand Kayce Wilson mit gesenktem Blick. „Noch nichts, Herr.“
Evans Augen verengten sich, und er drückte die Zigarette mit einer ruhigen Geste im Aschenbecher aus. Dann sprach er mit leiser, aber entschlossener Stimme. „Weitersuchen.“
„Verstanden.“
Kayce griff in die Innentasche seines Mantels und zog ein goldgeprägtes Kuvert hervor, das er mit beiden Händen reichte.
„Es gibt da noch etwas, das Sie sehen sollten.“
Evans Blick fiel auf den Umschlag, und ein Anflug von Verwirrung zog über sein Gesicht. „Von wem ist das?“
„Sie kommt von der Familie Palmer. Sie veranstalten ein Bankett, um Rhetts uneheliche Tochter offiziell willkommen zu heißen. Herr Andrew Palmer hat Sie ausdrücklich um Ihre Anwesenheit gebeten.“
„Gebeten oder verlangt?“, fragte Evan, wobei sich ein kaltes, amüsiertes Lächeln auf seinen Lippen zeigte.
Kayce zögerte kurz, bevor er erwiderte: „Soll ich absagen?“
Solche Einladungen landeten normalerweise ungeöffnet im Müll.
Hätte Andrew, das Oberhaupt der Familie Palmer, nicht persönlich darauf bestanden, hätte sich Kayce kaum die Mühe gemacht, sie ihm eigenhändig zu übergeben.
Evan griff nach dem Umschlag, sein Blick verfinsterte sich vor Neugier.
Wer auch immer diese uneheliche Tochter war – sie musste Eindruck hinterlassen haben. Dass die Familie Palmer derart großen Aufwand betrieben, konnte nur eines bedeuten: Dieses Mädchen war keine gewöhnliche Rückkehrerin.
Plötzlich änderte Evan seine Meinung. „Nein. Sag Andrew... ich komme.“
Am Tag des Banketts war der Himmel klar, die Sonne legte sich wie ein goldenes Tuch über die Stadt.
Kathryn verließ das Krankenhaus und lenkte ihren Wagen in Richtung der abgelegenen Gebirgsränder.
Der Weg war steil und gewunden, doch sie fuhr, als kenne sie jede Kurve auswendig.
Schließlich erreichte sie ein einsames, namenloses Grab – die letzte Ruhestätte ihrer Mutter. Kein Grabstein stand dort, nur ein unebener Fleck Erde, verborgen unter wild wucherndem Unkraut.
Wären da nicht die zahllosen Besuche, die sie über die Jahre gemacht hatte – selbst sie hätte es übersehen.
Kathryn kniete sich hin und begann vorsichtig, das Gras zur Seite zu ziehen.
Jede Bewegung war langsam und bedacht, als fürchte sie, die Stille des Grabes zu stören.
Nach einer Weile beugte sie sich tief nach vorn und legte die Stirn auf die kalte Erde. Sie verharrte vollkommen regungslos.
Es würde nicht mehr lange dauern. Bald schon würde ihre Mutter jene Gerechtigkeit erfahren, die ihr so lange verwehrt geblieben war.
Irgendwann richtete Kathryn sich auf und wandte sich ab, ohne ein einziges Mal zurückzublicken.
Das Bankett war für später am Tag angesetzt. Zurück im Hotel zog sie ein elegantes Kleid an und ließ sich von einer Visagistin stylen.
Als die Vorbereitungen abgeschlossen waren, war es bereits dunkel.
Sie lag etwas hinter dem Zeitplan. Auf ihrem Handy blinkte ein ganzer Schwung verpasster Anrufe – über zwanzig von Rhett.
Doch Kathryn ließ sich nicht hetzen. Nachdem sie im Erdgeschoss noch etwas abgeholt hatte, traf sie die letzten Vorbereitungen und machte sich auf den Weg.
Unterdessen warteten im Anwesen der Familie Palmer bereits alle Gäste gespannt auf die Ankunft der geheimnisvollen „verlorenen Tochter“.
Die Minuten zogen sich, doch die Ehrengästin ließ weiter auf sich warten. Leises Gemurmel begann sich durch die Räume zu ziehen.
Rebecca, die unzufriedener war als alle anderen, machte keinen Hehl aus ihrer Frustration.
„Kaum hab ich das Datum gesehen, wusste ich, dass sie's mit Absicht gemacht hat. Ausgerechnet der Todestag ihrer Mutter? Das ist pure Provokation!“
Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, und ihre Stimme war scharf wie Glas. „Und ist es nicht seltsam? Kaum hat Anna ihren Unfall, ist plötzlich nirgendwo mehr Rh-negatives Blut aufzutreiben – und dann taucht sie auf? Dieses Mädchen ist ein Fluch. Solange sie hier ist, wird es in diesem Haus keinen Frieden geben.“
Jedes Wort traf wie ein Stich.
Rhett saß schweigend da, den Kopf gesenkt. Eine Ader pochte deutlich an seiner Schläfe.
In diesem Moment kam es am Eingang zu einer Unruhe.