Kapitel 1
Jenseits der Stadtgrenzen von Wrille durchbrach ein donnerndes Platschen die mitternächtliche Stille – etwas war in den Fluss gestürzt.
Kathryn Palmer stand am Ufer, als eine eiskalte Welle sie unvermittelt traf.
Ein feiner metallischer Geruch schlich sich durch die Nacht.
Ihre Instinkte schlugen Alarm, denn sie hatte diesen Geruch schon einmal wahrgenommen.
Das war unverkennbar der Geruch von Blut.
Jemand war in den Fluss gestürzt und dieser Jemand war verletzt.
Bald darauf durchbrachen gedämpfte Stimmen die Dunkelheit und drangen zu ihr herüber.
„Weitersuchen!“
„Kein einziges Indiz darf uns entgehen!“
„Er darf nicht lebend davonkommen!“
Hastige Schritte kamen näher.
Kathryn schoss in die Höhe, bereit zu verschwinden. Doch dann packte eine Hand ihren Knöchel – eine stumme Bitte um Hilfe.
„Bitte… was immer du willst, hilf mir nur…“ Die Stimme des Fremden war kaum mehr als ein Hauch.
Sein Griff wurde schwächer, bis er das Bewusstsein verlor.
Kathryn fasste den Entschluss, dass das Schicksal einem Heiler nie grundlos jemanden in den Weg stellte. Wenn dieser Mann ihr direkt zu Füßen gefallen war, dann war es ihre Aufgabe, ihn zu retten.
Sie griff in ihre Tasche, holte ein kleines Fläschchen hervor, ließ eine Pille in ihre Hand gleiten und schob sie ihm vorsichtig zwischen die Lippen.
Mit jeder Sekunde kamen die Schritte näher. Fackelschein durchschnitt die Dunkelheit.
Den Atem anhaltend, ließ sie sich in die Umarmung des Flusses sinken und zog den Fremden fest an sich.
Kurz darauf durchsuchen schwarz gekleidete Männer das Ufer, ihre Augen scharf und ihre Bewegungen angespannt. Doch die Wasseroberfläche blieb ruhig – kein Hinweis, kein Laut.
Ergebnislos zogen sich die Männer schließlich zurück.
Als wieder Stille herrschte, zog Kathryn den Fremden zurück ans Ufer.
Eiskaltes Wasser lähmte ihre Glieder, während sie zitternd und niesend gegen die Kälte ankämpfte.
Eine schnelle Überprüfung zeigte ihr, dass der Puls des Mannes stabil war – er hielt also immer noch durch.
Ohne auch nur zu zögern, begann sie mit der Wiederbelebung.
Die Zeit verrann, bis der Mann plötzlich heftig zuckte und große Wassermengen hervorwürgte.
Eine sanfte Hand berührte seine Nase, und als Kathryn seinen Atem spürte, entfuhr ihr ein erleichtertes Seufzen.
Der Nebel verzog sich, und silbernes Mondlicht legte sich auf die Szenerie.
Das Gesicht des Fremden wurde sichtbar – auffallend schön, fast zu makellos.
Eine Bewegung fiel ihr auf. Er zuckte erneut.
Langsam öffneten sich seine Lider. Vor ihm kniete ein Mädchen.
Im Mondlicht zeichnete sich das schwarze Halbmond-Tattoo an ihrem Schlüsselbein ab.
Mit letzter Kraft versuchte Evan Knight, ihr Gesicht besser zu erkennen.
Doch die Erschöpfung war zu groß. Seine Augen schlossen sich erneut.
Kathryn blieb ruhig. Eine weitere Pille glitt über seine Lippen.
Während sie ihn nach Wunden absuchte, glitten Mondstrahlen über seinen durchnässten Körper. An seiner Hüfte hatte sich Blut gesammelt – eine tiefe Schnittwunde, doch nicht tödlich. Die Ohnmacht war bloß ein Schutzmechanismus seines Körpers.
Sie riss das durchnässte Hemd auf, reinigte die Wunde und streute Pulver darauf, um die Blutung zu stillen.
Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie fertig war. Sie konnte nicht widerstehen – ihre Finger kneiften sanft in seine makellose Wange.
„Zwei meiner seltensten Pillen – nur für dich. Ich hoffe, du bist den Aufwand wert.“
Überzeugt davon, dass er überleben würde, sammelte Kathryn ihre Sachen und wandte sich zum Gehen.
Doch etwas hielt sie zurück – seine Worte hallten in ihrem Kopf nach.
Ihr Blick glitt noch einmal zu ihm zurück, blieb an dem Anhänger auf seiner Brust hängen.
Das Mondlicht ließ den roten Edelstein darin aufleuchten. Ein Stück, das man nicht vergaß – einzigartig.
„Du hast gesagt, was immer ich will. Versprechen interessieren mich nicht. Aber ich habe eine Schwäche für ungewöhnliche Schätze.“
Sie beugte sich vor, schloss die Hand um den Anhänger.
„Du schuldest mir dein Leben. Ich nehme mir nur, was mir zusteht. Jetzt sind wir quitt.“
Kapitel 2
Am Morgen stieg Kathryn bereits aus einem Taxi im Zentrum von Wrille. Sie ging direkt ins Gipfel-Hotel und checkte ein, ohne sich aufzuhalten.
In der modern eingerichteten Suite streifte sie den Mantel ab und warf ihn auf einen Stuhl in der Nähe. Dann trat sie schnurstracks zum bodentiefen Fenster.
Als sie hinausblickte, sah sie alles, wovon sie so lange abgeschnitten gewesen war – hoch aufragende Gebäude, verstopfte Straßen und das stetige Chaos der Stadt.
Seit dem Tag, an dem ihre Welt zerbrach, hatte sie nichts davon gesehen. Sie war gerade einmal sechs Jahre alt gewesen, als ihre Mutter ermordet wurde und sie in die Berge verbannt wurde.
Und es war ihre eigene Familie gewesen, die das getan hatte.
Wäre das gutherzige Ehepaar nicht zufällig auf sie gestoßen, hätte sie keine Woche überlebt. Die Wildnis hätte sie verschlungen – spurlos.
Aber sie war noch da. Sie war nicht zurückgekommen, um nur einen Blick zu riskieren. Sie war hier, um abzurechnen und sich zurückzuholen, was ihr immer gehört hatte.
Ein jäher Impuls riss sie aus ihren kreisenden Gedanken. Sie griff in die Tasche und holte das Medaillon hervor, das sie dem verletzten Mann zuvor abgenommen hatte. Sie hob es ins Licht, damit die Sonne auf die Kanten fiel.
Jetzt, da er sauber war, funkelte der Edelstein mit überheblicher Brillanz – kalt, klar und offensichtlich wertvoll.
Etwas an der Art, wie er in ihrer Hand lag, wirkte wie ein Magnet. Kathryns Finger wollten ihn nicht loslassen.
Sie griff nach einem dünnen schwarzen Band, fädelte den Stein hindurch und legte es sich um den Hals. Vor dem Spiegel warf sie sich selbst einen prüfenden Blick zu.
Gar nicht mal schlecht. Im Gegenteil – er stand ihr. Also beschloss sie, ihn zu behalten.
Nachdem sie das Medaillon unter ihr Shirt geschoben hatte, griff sie zum Handy. Mit geübten Bewegungen verschleierte sie ihre IP-Adresse und öffnete ihre Nachrichten-App.
Auf der Startseite leuchteten aktuelle Meldungen auf, doch eine Schlagzeile sprang ihr sofort ins Auge.
„Palmer-Erbin Anna Palmer in kritischem Zustand – Familie bietet hohe Belohnung für Blutspender.“
Das ließ Kathryn aufhorchen. Ohne zu zögern tippte sie auf den Artikel.
Laut dem Bericht war Anna in einen schweren Autounfall verwickelt worden. Sie hatte viel Blut verloren und das Krankenhaus war verzweifelt auf der Suche nach Spendern mit Rhesus-negativem Blut.
Die Palmers hatten ein Vermögen geboten, aber trotz der hohen Belohnung war kaum jemand erschienen.
Kathryns Lippen verzogen sich zu einem höhnischen Lächeln, das sie nicht einmal zu verbergen versuchte.
Manchmal spielte das Schicksal einfach mit.
Sie hatte sich auf einen zähen und mühsamen Kampf eingestellt, um wieder Zugang zum Kreis der Familie Palmer zu erlangen. Stattdessen lag die perfekte Gelegenheit direkt vor ihr.
Während sie den Artikel noch im Kopf hatte, schloss sie die App, lehnte sich gegen das Sofa und schloss kurz die Augen, um ihre Gedanken zu sammeln.
Die Blutgruppe, nach der die Ärzte verzweifelt suchten? Die entsprach genau ihrer.
Um in Wrille wirklich Fuß zu fassen, brauchte sie einen Titel, den man nicht einfach auslöschen oder leugnen konnte.
Mit festem Entschluss griff sie nach ihrem Mantel und verließ ohne Zögern die Suite.
Das war nicht bloß eine Rückkehr. Die Palmers würden kriechen. Sie hätten keine andere Wahl, als sie als rechtmäßige Erbin von allem, was sie ihr einst genommen hatten, zurückzubitten – nicht hinter verschlossenen Türen, sondern vor aller Welt.
Vor dem Allgemeinen Krankenhaus in Wrille stieg Rhett Palmer gerade aus seinem Wagen, als sich eine Gestalt in seinen Weg stellte. Er blieb wie versteinert stehen. Und da war sie. Die Farbe wich aus seinem Gesicht, als sich ihre Blicke trafen. Sein ganzer Körper spannte sich, als hätte er einen Geist gesehen.
„Du...“, brachte er kaum hörbar hervor.
Kathryn hielt seinem Blick mit stiller Selbstsicherheit stand, ihr Lächeln war sanft, aber gezielt. „Wie soll ich dich nennen? Herr Palmer… oder wäre ‚Vater' passender?“
Die Frage traf Rhett wie ein Schlag in die Magengrube.
Er öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus.
Kathryn wich keinen Zentimeter zurück.
Sie ließ ihn jede Einzelheit ihres Gesichts aufnehmen. Je länger er hinsah, desto schwerer fiel es, zu leugnen, was vor ihm stand – das Ebenbild ihrer Mutter.
Wenn irgendwo in ihm auch nur ein Funken Reue verborgen gewesen wäre, dann wäre jetzt der Moment gewesen, in dem er hätte aufbrechen müssen.
Keiner von beiden rührte sich. Die Luft zwischen ihnen blieb schwer vor unausgesprochener Erkenntnis.
Als Rhett schließlich seine Stimme fand, war sie kaum mehr als ein Hauch. „Bist du es wirklich… Kathryn?“
Keine Regung huschte über Kathryns Gesicht. „Willst du einen DNA-Test machen oder lieber deinem Instinkt vertrauen, Papa?“
Rhetts Hände begannen zu zittern. „Das ist nicht nötig. Du hast das Gesicht deiner Mutter… genau wie sie in deinem Alter.“
Ein kurzes, bitteres Lachen drang aus Kathryns Kehle.
Er hatte tatsächlich die Dreistigkeit, jetzt über ihre Mutter zu sprechen? Nach all den Jahren? Hätte er sie nicht für Geld und Ansehen im Stich gelassen, wäre ihre Mutter nie auf so tragische Weise gestorben.
Und nun wagte er es, die Frau zu erwähnen, die er einst ohne Rückblick zurückgelassen hatte?
„Ich bin Rh-negativ“, sagte sie kühl und knapp.
Dann drehte sie sich um und marschierte ohne eine Antwort abzuwarten ins Krankenhaus.
Rhett blieb einen Moment lang stehen, überwältigt vom emotionalen Schlag. Dann riss er sich zusammen und eilte ihr hinterher.
Sie blieben direkt vor der Intensivstation stehen.
Drinnen, umgeben von Schläuchen und Maschinen, lag ein regungsloses Mädchen im Bett. Ihre Haut war fahl, ihr Körper schlaff. Sie klammerte sich nur noch schwach ans Leben.
Kathryns Stimme durchschnitt die Stille. „Ich spende. Aber nur unter einer Bedingung.“
Sie sah Rhett nicht an. Ihr Blick war auf das Mädchen im Zimmer gerichtet. Dann legte sich ein langsames, unergründliches Lächeln auf ihre Lippen. „Du gibst mir meinen Platz in der Familie Palmer zurück. Und du machst es offiziell. Ich will, dass die ganze Welt es erfährt.“
Rhetts Kiefermuskeln spannten sich an, ein Schatten glitt über sein Gesicht. „Kathryn… wenn du nur ein Zuhause suchst, kann ich dir eine eigene Wohnung kaufen. Aber als Mitglied der Familie Palmer zurückzukehren… das ist kompliziert.“
Er musste es nicht aussprechen. Kathryn wusste es längst.
Selbst wenn er nachgeben würde, wäre die restliche Familie Palmer dazu nie bereit.
„Wenn deine Familie meine Bedingungen nicht akzeptiert, muss Anna Palmer damit rechnen, zu sterben“, sagte Kathryn, wandte sich ab und ging.
Panik überkam Rhett. Er schnellte vor und packte sie am Arm. „Warte – bitte. Geh nicht, Kathryn. Ich werde mit ihnen sprechen. Ich schwöre es.“
Kapitel 3
Schließlich traf die Familie Palmer die Entscheidung, Kathryn zurückkehren zu lassen.
Kurz darauf erfuhr Kathryn von den Folgen – die Entscheidung hatte einen heftigen Streit zwischen Rhett und seiner aktuellen Ehefrau Rebecca Palmer ausgelöst.
Noch am selben Tag absolvierte Kathryn ihre erste Blutspende für Anna.
Da Anna eine gefährlich große Menge Blut verloren hatte, waren für die kommenden Tage mehrere Transfusionen angesetzt.
Um den Ablauf reibungslos zu gestalten, stellte das Krankenhaus Kathryn eine VIP-Suite zur Verfügung.
Ganz plötzlich vibrierte ihr Handy.
Sie griff danach und warf einen Blick aufs Display. Eine Nachricht von ihrer Freundin Lindsay Simpson war eingetroffen.
„Der Erbe der Familie Knight, Evan Knight, durchkämmt die ganze Stadt. Er sucht eine Frau um die zwanzig mit medizinischem Wissen und einem schwarzen Mondsichel-Tattoo am Schlüsselbein.“
Mit einem augenzwinkernden Tonfall antwortete Kathryn: „Seltsam. Klingt ganz nach mir.“
Lindsays Antwort kam sofort. „Ich meine das ernst! Was, wenn er wirklich dich sucht?“
„Unmöglich. Ich hab den Typen noch nie getroffen.“
„Bist du dir absolut sicher, dass du ihm nicht irgendwie auf die Füße getreten bist? Versuch dich zu erinnern.“
Kathryn verdrehte amüsiert und leicht genervt die Augen, während sie auf den Bildschirm sah.
„Ich bin doch gerade erst wieder in Wrille. Wahrscheinlich nur ein verrückter Zufall. Kein Grund zur Panik“, schrieb sie zurück.
Danach kam nichts mehr von Lindsay.
Das Gespräch endete ohne weitere Nachrichten.
Trotzdem blieb ein seltsames Gefühl zurück. Kathryn öffnete ihren Internetbrowser und startete eine kurze Suche.
Kaum hatte sie Evans Namen eingegeben, erschien eine einzige fett gedruckte Zeile auf dem Bildschirm: „Evan Knight, 28 Jahre alt.“
Mehr stand da nicht.
Kathryn starrte auf den Bildschirm, ihr Gesichtsausdruck war nicht zu deuten.
Warum so viel Geheimniskrämerei?
Getrieben von Neugier holte sie ihr Tablet aus dem Koffer, steckte einen USB-Stick ein und gab schnell Befehle ein, während Codezeilen über den Bildschirm flimmerten.
Nach kurzer Zeit verschwanden die Datenströme und wichen einer schlichten Schwarz-Weiß-Oberfläche.
„Hey, hilf mir, jemanden zu überprüfen.“
„Wen genau?“
Ohne zu zögern antwortete Kathryn: „Evan Knight.“
„Verstanden. Gib mir drei Tage.“
Als die Bestätigung kam, schloss Kathryn das Fenster und schaltete das Tablet aus.
Zur gleichen Zeit leuchtete die Lakeside-Villa, gelegen in einem der exklusivsten Viertel von Wrille, aus jedem Winkel.
„Gibt es Neuigkeiten?“
Evan stand aufrecht am großen Fenster des Schlafzimmers.
Trotz Bandagen und sichtbarer Verletzungen hatte seine Präsenz nichts von ihrer Autorität eingebüßt.
Zwischen seinen Fingern glomm eine Zigarette, deren Spitze im Halbdunkel flackerte.
In der Nähe stand Kayce Wilson mit gesenktem Blick. „Noch nichts, Herr.“
Evans Augen verengten sich, und er drückte die Zigarette mit einer ruhigen Geste im Aschenbecher aus. Dann sprach er mit leiser, aber entschlossener Stimme. „Weitersuchen.“
„Verstanden.“
Kayce griff in die Innentasche seines Mantels und zog ein goldgeprägtes Kuvert hervor, das er mit beiden Händen reichte.
„Es gibt da noch etwas, das Sie sehen sollten.“
Evans Blick fiel auf den Umschlag, und ein Anflug von Verwirrung zog über sein Gesicht. „Von wem ist das?“
„Sie kommt von der Familie Palmer. Sie veranstalten ein Bankett, um Rhetts uneheliche Tochter offiziell willkommen zu heißen. Herr Andrew Palmer hat Sie ausdrücklich um Ihre Anwesenheit gebeten.“
„Gebeten oder verlangt?“, fragte Evan, wobei sich ein kaltes, amüsiertes Lächeln auf seinen Lippen zeigte.
Kayce zögerte kurz, bevor er erwiderte: „Soll ich absagen?“
Solche Einladungen landeten normalerweise ungeöffnet im Müll.
Hätte Andrew, das Oberhaupt der Familie Palmer, nicht persönlich darauf bestanden, hätte sich Kayce kaum die Mühe gemacht, sie ihm eigenhändig zu übergeben.
Evan griff nach dem Umschlag, sein Blick verfinsterte sich vor Neugier.
Wer auch immer diese uneheliche Tochter war – sie musste Eindruck hinterlassen haben. Dass die Familie Palmer derart großen Aufwand betrieben, konnte nur eines bedeuten: Dieses Mädchen war keine gewöhnliche Rückkehrerin.
Plötzlich änderte Evan seine Meinung. „Nein. Sag Andrew... ich komme.“
Am Tag des Banketts war der Himmel klar, die Sonne legte sich wie ein goldenes Tuch über die Stadt.
Kathryn verließ das Krankenhaus und lenkte ihren Wagen in Richtung der abgelegenen Gebirgsränder.
Der Weg war steil und gewunden, doch sie fuhr, als kenne sie jede Kurve auswendig.
Schließlich erreichte sie ein einsames, namenloses Grab – die letzte Ruhestätte ihrer Mutter. Kein Grabstein stand dort, nur ein unebener Fleck Erde, verborgen unter wild wucherndem Unkraut.
Wären da nicht die zahllosen Besuche, die sie über die Jahre gemacht hatte – selbst sie hätte es übersehen.
Kathryn kniete sich hin und begann vorsichtig, das Gras zur Seite zu ziehen.
Jede Bewegung war langsam und bedacht, als fürchte sie, die Stille des Grabes zu stören.
Nach einer Weile beugte sie sich tief nach vorn und legte die Stirn auf die kalte Erde. Sie verharrte vollkommen regungslos.
Es würde nicht mehr lange dauern. Bald schon würde ihre Mutter jene Gerechtigkeit erfahren, die ihr so lange verwehrt geblieben war.
Irgendwann richtete Kathryn sich auf und wandte sich ab, ohne ein einziges Mal zurückzublicken.
Das Bankett war für später am Tag angesetzt. Zurück im Hotel zog sie ein elegantes Kleid an und ließ sich von einer Visagistin stylen.
Als die Vorbereitungen abgeschlossen waren, war es bereits dunkel.
Sie lag etwas hinter dem Zeitplan. Auf ihrem Handy blinkte ein ganzer Schwung verpasster Anrufe – über zwanzig von Rhett.
Doch Kathryn ließ sich nicht hetzen. Nachdem sie im Erdgeschoss noch etwas abgeholt hatte, traf sie die letzten Vorbereitungen und machte sich auf den Weg.
Unterdessen warteten im Anwesen der Familie Palmer bereits alle Gäste gespannt auf die Ankunft der geheimnisvollen „verlorenen Tochter“.
Die Minuten zogen sich, doch die Ehrengästin ließ weiter auf sich warten. Leises Gemurmel begann sich durch die Räume zu ziehen.
Rebecca, die unzufriedener war als alle anderen, machte keinen Hehl aus ihrer Frustration.
„Kaum hab ich das Datum gesehen, wusste ich, dass sie's mit Absicht gemacht hat. Ausgerechnet der Todestag ihrer Mutter? Das ist pure Provokation!“
Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, und ihre Stimme war scharf wie Glas. „Und ist es nicht seltsam? Kaum hat Anna ihren Unfall, ist plötzlich nirgendwo mehr Rh-negatives Blut aufzutreiben – und dann taucht sie auf? Dieses Mädchen ist ein Fluch. Solange sie hier ist, wird es in diesem Haus keinen Frieden geben.“
Jedes Wort traf wie ein Stich.
Rhett saß schweigend da, den Kopf gesenkt. Eine Ader pochte deutlich an seiner Schläfe.
In diesem Moment kam es am Eingang zu einer Unruhe.