Kapitel 2
Die Hochzeitszeremonie begann.
Am Ende des Mittelgangs wartete Adrian, dessen maßgeschneiderter Anzug perfekt an seinem kraftvollen Körper saß. Mit breiten Schultern und schmaler Taille sah er wie der Mann des Tages aus.
Eine elegante schwarze Maske verdeckte sein Gesicht und ließ nur seine markante Kieferlinie erkennen. Die Gäste dachten unwillkürlich, dass Adrian ohne die Narben darunter wohl atemberaubend schön gewesen wäre.
Unter den Gästen sank Alice tiefer in ihren Stuhl, bis ihre Freundin sich mit leuchtenden Augen zu ihr beugte. „Warum hast du mich nicht gebeten, für dich am Altar einzuspringen? Der Mann hat den Körper eines Laufstegmodels. Ich würde alles für nur eine Nacht mit ihm geben.“
Alice warf einen Blick zu Adrian hinüber, der groß und athletisch am Altar stand. Eifersucht blitzte in ihren Augen auf, doch sie überdeckte sie mit Verachtung. „Was bringt dir ein perfekter Körper, wenn sein Gesicht ruiniert ist? Hast du diese Maske nicht gesehen? Er trägt sie nur, weil der Autounfall ihn so entstellt hat, dass er sein Gesicht nicht zeigen kann. Stell dir vor, du wachst jeden Tag neben jemandem wie ihm auf, hast du da nicht wenigstens ein bisschen Angst?“
Ihre Freundin zog schmollend die Lippen vor und blieb einen Moment lang sprachlos, konnte doch nicht widerstehen, Adrian noch einmal lange anzusehen.
In diesem Moment erfüllten die süßen Klänge einer Violine den Raum. Sophie betrat an Koltons Arm den Saal und schritt mit ruhiger Eleganz den Mittelgang entlang.
Aus der Menge heraus beobachtete David Sophie, während ihn eine Welle aus Reue überrollte, als er ihr strahlendes Lächeln erhaschte. Wenn er nicht untreu gewesen wäre, hätte er vielleicht eines Tages ihr Bräutigam sein können.
Was auch immer zwischen ihm und Alice gewesen war, spielte jetzt keine Rolle mehr. Die schöne und warmherzige Sophie war die Frau, die er wirklich wollte und hätte an seiner Seite haben sollen.
Alice bemerkte, wie David Sophie anstarrte, und spürte, wie sich Eifersucht in ihr regte. Sie beugte sich dicht zu ihrer Freundin und flüsterte mit giftigem Unterton: „Sie hat so getan, als wollte sie Adrian nicht heiraten, in Wirklichkeit war sie überglücklich. Schließlich ist die Familie Knight unfassbar reich.“
Hinter ihrem Schleier musterte Sophie den maskierten Mann, der am Altar auf sie wartete, und ihre Hand ballte sich unwillkürlich fester.
Kolton drückte sanft ihre Finger. „Du machst das großartig. Ich weiß, dass das nicht leicht für dich ist.“
Sophie sagte nichts und schüttelte nur den Kopf.
Die Entscheidung war bereits gefallen, und es brachte nichts, zurückzublicken.
Optimismus lag in ihrer Natur, und sie würde der Traurigkeit keinen Raum geben.
Damit sollte sie sich zum letzen Mal bei der Familie ihres Onkels für alles revanchieren.
Nach heute würde ihr Leben endlich ihr selbst gehören.
Kolton legte ihre Hand sanft in die von Adrian.
Ein nervöses Kribbeln durchfuhr Sophie, als sie die unerwartete Wärme seiner Berührung spürte.
Der maskierte Bräutigam strich mit dem Daumen behutsam über ihren Handrücken, als eine stille Geste der Beruhigung.
Die Zärtlichkeit dieser Bewegung überraschte sie.
Vielleicht war der Mann, den alle einen Frauenhelden nannten, doch ganz anders, als die Gerüchte behaupteten.
Seine Gesichtszüge blieben hinter der Maske verborgen, doch in seiner Haltung lag eine ruhige Eleganz mit einer leisen Sicherheit, die ihre Nerven ohne ein Wort besänftigte.
Er beugte sich zu ihr, sein warmer Atem streifte ihr Ohr. „Bist du bereit, unsere Geschichte zu beginnen, meine Braut?“
Der tiefe, volle Klang seiner Stimme jagte Sophie einen Schauer über den Rücken.
Plötzlich konnte sie verstehen, warum er so viele Herzen für sich gewann, trotz der Narben.
Ohne ein Wort nickte Sophie und ließ sich von ihm sanft zum wartenden Priester führen.
Die Gelübde wurden gesprochen, feierlich und bestimmt.
Der Ringträger trat mit einem Tablett vor. Als der Geistliche das Seidentuch vom Tablett hob, ging ein hörbares Raunen durch die Kapelle.
Überall weiteten sich die Augen, als der legendäre Edelstein zum Vorschein kam. „Ist das Abendflammen? Der berühmte rosafarbene Diamant, das perfekte Gegenstück zu dem, den die Prinzessin von Yharta trägt!“
Alices Hände ballten sich zu Fäusten, als sie sah, wie der gewaltige rosafarbene Zehnkaräter an Sophies Finger gesteckt wurde.
Dieser Ring hätte ihr gehören sollen.
Sie hatte Adrian immer als Niemanden abgetan, als vergessenen Sohn aus Mike Knights erster Ehe, entstellt und ungeliebt, ohne nennenswerten Besitz.
Wer hätte gedacht, dass die Familie Knight einem angeblich übersehenen Sohn solch einen Schatz schenken würde?
Alice redete sich ein, dass die protzige Geste der Familie Knight nur dazu sei, Adrian an seinem Hochzeitstag gut dastehen zu lassen.
Ihre Laune besserte sich, als sie an David dachte, der sowohl Charme als auch Geld besaß und eindeutig eine bessere Partie als irgendein hässlicher Mann war.
Dieser Gedanke beruhigte sie, wenn auch nur ein wenig.
Die sanfte Stimme des Priesters hallte durch den Raum: „Sie dürfen Ihre Braut jetzt küssen.“
Sophie spannte sich an und bereitete sich innerlich darauf vor. Einen Kuss mit einem völligen Fremden zu teilen, vor allem mit einem Mann, den sie erst heute kennengelernt hatte, fühlte sich unwirklich an.
Ihr gegenüber wirkte auch Adrian alles andere als gefasst.
Sophie konnte den Blick nicht von ihm abwenden.
War der berüchtigte Herzensbrecher, der angeblich Frauen reihenweise den Kopf verdrehte, in diesem Moment tatsächlich nervös?
Kapitel 3
Als die Gäste ausgelassen jubelten, spürte Sophie Adrians Atem ganz nah.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus, und instinktiv schloss sie die Augen. Ihre Wimpern zitterten und verrieten, wie nervös sie war.
Einen Augenblick später streifte eine warme, flüchtige Berührung ihre Stirn.
Überrascht öffnete sie die Augen.
Noch bevor sie das Geschehene verarbeiten konnte, war die Zeremonie vorüber.
Später beim Hochzeitsempfang im Hotel näherte sich ein Mann mit einem Weinglas dem frischvermählten Paar.
„Du hast Glück, so eine Schönheit zu heiraten, Adrian“, neckte er spielerisch.
Er sah zwar ganz anständig aus, hatte aber deutliche dunkle Ringe unter den Augen.
Sophie wich unwillkürlich zurück, und Adrian schob sich blitzschnell vor sie.
Der Mann grinste: „Kein Grund, nervös zu sein. Ich bin Rory Knight, der Halbbruder deines Mannes. Eigentlich tust du mir ein bisschen leid. Wusstest du, dass er als Kind einen schweren Autounfall hatte? Seitdem bleibt er entstellt und trägt immer diese Maske, nimmt sie nicht einmal für die Hochzeit ab. Vermutlich hat er Angst, dass du wegläufst.“
Sophie runzelte bei dieser Stichelei die Stirn.
Sie blickte zu Adrian und erwartete eine Reaktion, doch er verharrte vollkommen regungslos, als würde es ihn nicht im Geringsten kümmern.
Es war kein Wunder, dass die Leute sagten, dass Adrian von seiner Familie vernachlässigt werde. Sein eigener Halbbruder verhöhnte ihn offen an seinem Hochzeitstag.
Aber Adrian war jetzt ihr Ehemann. Wenn er sich nicht verteidigen wollte, würde sie es tun.
Sophie schob sich an seinem schützenden Arm vorbei und stellte sich Rory mit strengem Blick entgegen. „Ich wähle einen Ehemann nicht nach seinem Gesicht aus. Ich wähle ihn wegen seines Charakters. Das Aussehen spielt keine Rolle, wenn man nicht einmal seinen eigenen Bruder anständig behandeln kann. Das ist die wahre Hässlichkeit.“
Überrascht von der Kühnheit seiner neuen Frau hob Adrian eine Augenbraue.
Für eine Sekunde verfinsterte sich Rorys Miene, doch schnell setzte er ein falsches Lächeln auf. „Wow, du hast ja eine scharfe Zunge.“
Er hob sein Weinglas. „Na gut, in Ordnung. Ich entschuldige mich für meinen Fehler vorhin. Betrachte dies als Drink zur Entschuldigung.“
Sophie zögerte unsicher und griff dann aber danach. Doch noch bevor sie den Rand berühren konnte, kippte Rory das Glas und schüttete den Rotwein über ihre Brust.
Die Flüssigkeit durchtränkte ihr Kleid und lief in klebrigen Bahnen an ihren Kurven hinab. Er starrte sie mit einem reuelosen, lüsternen Blick an.
„Ah!“, keuchte Sophie auf und presste die Hände auf ihr durchnässtes Kleid.
Rory schnalzte mit der Zunge, leicht enttäuscht, dass sie sich so schnell bedeckt hatte.
„Hoppla“, sagte er und heuchelte Unschuld. „Meine Hand ist abgerutscht. Tut mir leid.“
Er grinste Adrian an, als wollte er ihn herausfordern, einzugreifen.
Adrian verschwendete kein Wort, sondern zog ruhig sein Jackett aus und legte es Sophie um die Schultern.
Rory schnaubte verächtlich, wandte sich zum Gehen und murmelte: „Ups! Wie konnte meine Hand nur so abrutschen?“
Doch eine ruhige Stimme durchschnitt die Luft hinter ihm: „Wenn du nicht einmal ein Glas halten kannst, brauchst du diese Hand vielleicht gar nicht.“
Bevor Rory sich umdrehen konnte, ertönte ein scharfes Knacken brechender Knochen.
Schmerz schoss seinen Arm hinauf, als Adrian sein Handgelenk mit tödlicher Präzision verdrehte. Kalter Schweiß bildete sich auf Rorys Stirn, und sein Gesicht wurde kreidebleich.
„Was zur Hölle glaubst du, tust du da?“, zischte er.
Doch Adrian wartete keine Antwort ab.
In einer fließenden Bewegung trat er Rory gegen das Knie, sodass dieser Kerl stöhnend zusammenbrach und hart auf dem Boden aufschlug.
Adrian schnappte sich ein Glas Wein in der Nähe und riss Rorys Kopf an den Haaren nach hinten.
„Das ist von meiner Frau“, sagte er und kippte den Wein über Rorys Gesicht. Der Rotwein tränkte sein Haar, lief an seiner Kleidung herab und ließ ihn zutiefst gedemütigt zurück.
Die ganze Szene spielte sich in Sekundenschnelle ab und ließ den Bankettsaal in schockiertem Schweigen erstarren.
Genau in diesem Moment stürmte Adrians Vater Mike eilig nach vorn. „Du Idiot! Was fällt dir ein, das deinem Bruder anzutun?“
Adrian richtete ruhig seine Manschette, wobei seine Bewegungen beunruhigend bedächtig wirkten. „Wenn er keine Manieren lernt, bringe ich sie ihm eben selbst bei.“
Bevor jemand eingreifen konnte, landete ein weiterer schneller Tritt in Rorys Gesicht. Ein Zahn flog über den Teppich, und Rory stöhnte hilflos auf.
„Du bist zu weit gegangen! Entschuldige dich sofort, oder ich schwöre, ich werfe dich aus dieser Familie!“, brüllte Mike und zitterte vor Wut.
Adrians Augen waren eisig, doch ein schwaches Grinsen umspielte seine Lippen. „Wie du wünschst.“
Er griff Sophies Handgelenk und führte sie hinaus, ohne ein einziges Mal zurückzublicken.
Mikes wütende Rufe hallten hinter ihnen her. „Sperrt alle seine Konten! Zieht alles ein, was auf seinen Namen läuft! Wenn er ganz unten angekommen ist, kommt er angekrochen und bettelt!“
Der Saal verstummte erneut, dann breitete sich Gemurmel unter den schockierten Gästen aus.
In der Ecke konnte Alice sich ein Lachen nicht verkneifen. Jede Eifersucht, die sie gegenüber Sophie empfunden hatte, verflog augenblicklich.
Adrian war also doch keine unantastbare Figur, nur ein verwöhnter Sohn aus reichem Hause, der alles verloren hatte und zu einem mittellosen, vernarbten Wrack geworden war.
Die Vorstellung, dass Sophie an einen solchen Mann gebunden war, begeisterte Alice.
Sie nahm einen langsamen Schluck Champagner und grinste. In ihren Augen hatte Sophies Leiden gerade erst begonnen.