Kapitel 3

Freya POV:

Die Erinnerung an unsere Bindungszeremonie war mit der Klarheit der Scham in mein Gedächtnis geätzt. Ich stand vor dem Rudel in den traditionellen weißen Fellen einer neuen Luna. Alan war neben mir, seine Hand in meiner, aber seine Augen suchten die Menge ab. Als der Älteste die alten Riten sang und sich auf den letzten, bindenden Akt vorbereitete – die Markierung –, hallte ein ersticktes Schluchzen durch den stillen Saal.

Fiona. Sie stand in der ersten Reihe, ebenfalls in einem weißen Kleid, Tränen strömten über ihr Gesicht. Sie öffnete eine Gedankenverbindung zu allen, ihre Stimme ein verzweifeltes, kindisches Wehklagen. „Alan, verlässt du mich?“

Er erstarrte. Seine Reißzähne zogen sich zurück. Das gesamte Rudel sah zu, wie ihr Alpha zögerte, zerrissen zwischen seinem Schicksal und seiner Besessenheit. Es war sein Beta, Philipp, der den Bann schließlich brach. Philipp trat vor, sein Gesicht eine Maske grimmiger Entschlossenheit, und eskortierte die weinende Fiona gewaltsam aus dem Saal.

Erst dann vollendete Alan die Zeremonie. Er hetzte sie ab, sein Biss war ungeschickt und oberflächlich. Die Markierung an meinem Hals war so blass, dass sie kaum sichtbar war, ein jämmerliches Symbol seines geteilten Herzens.

Unsere Hochzeitsnacht war eine Farce. Ich wartete in unseren Gemächern auf ihn, aber er verbrachte die ganze Nacht auf dem Balkon, sein Geist mit Fionas verbunden, um ihre Hysterie zu beruhigen. Er kam erst herein, als die Sonne aufging, seine Augen erschöpft. „Sie ist nur eine unschuldige, gebrochene kleine Wölfin, Freya“, hatte er erklärt. „Sie versteht das nicht.“

Am Anfang hatte ich Mitleid mit ihr. Das hatte ich wirklich. Ich ging sogar mit Alan zu ihr, brachte ihr seltene Heilkräuter aus meinem persönlichen Garten, um ihren ‚zerbrechlichen‘ Wolfsgeist zu beruhigen.

Aber Mitleid schlug schnell in Misstrauen um. Fionas Trauer fühlte sich nicht wie Trauer an. Es fühlte sich wie Besessenheit an. Ihre Augen, wann immer sie auf mir landeten, waren erfüllt von einer kalten, unverhohlenen Feindseligkeit. Sie sah mich nicht als eine zu respektierende Luna, sondern als eine zu besiegende Rivalin.

Die letzte Illusion zerbrach in einer stürmischen Nacht. Alan war auf Grenzpatrouille, als er mich per Gedankenverbindung kontaktierte, seine Stimme von Sorge durchzogen. „Fionas Wolf ist wieder instabil. Sie hat hohes Fieber. Kannst du bitte nach ihr sehen?“

Natürlich. Ich war die fürsorgliche, verständnisvolle Luna. Ich sattelte mein Pferd und ritt durch den sintflutartigen Regen zu dem abgelegenen Häuschen, das das Rudel ihr zur Verfügung gestellt hatte.

Ich fand ihre Tür unverschlossen. Das Zimmer war nicht das Krankenzimmer einer gebrechlichen Invalidin. Es war eine Höhle des Luxus. Leere Weinflaschen und Teller mit teurem Essen lagen auf den Tischen verstreut. Und Fiona selbst lümmelte am Feuer, nicht in einem Krankenhemd, sondern in einem seidenen Nachthemd, das so durchsichtig war, dass es praktisch transparent war.

Als sie mich in der Tür stehen sah, tropfnass, fiel ihr Gesicht in sich zusammen. Der Blick war nicht der einer kranken Wölfin, die für Hilfe dankbar war. Es war die pure, unverfälschte Enttäuschung einer Verführerin, deren beabsichtigtes Ziel nicht erschienen war.

In diesem Augenblick wusste ich es. Sie war nicht krank. Sie war nie krank gewesen. Sie hatte auf meinen Alpha gewartet. Meinen Gefährten.

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Seine gestohlene Luna, seine größte Reue

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