Kapitel 3
Alenas Sicht:
Als ich aus diesem Glasturm trat, wusste ich nicht, ob ich mich übergeben oder lachen sollte. Also ging ich einfach weiter, das unterschriebene Scheidungspapier ein geheimes Feuer in meiner Tasche.
Ich war frei. Ich hatte auch schreckliche Angst.
Zurück im Penthouse wartete eine E-Mail auf mich. Es war ein Zeichen. Ein Rettungsanker, den ich mir vor Wochen selbst zugeworfen hatte und der mir nun zurückgeworfen wurde.
Von: Künstlerresidenz Eifelhochebene
Betreff: Ihre Bewerbung
Sehr geehrte Frau Maybach,
wir freuen uns sehr, Ihnen einen Platz in unserem Herbstprogramm anbieten zu können. Ihre Arbeit war der einstimmige Favorit des Auswahlkomitees. Wir benötigen Ihre Entscheidung innerhalb von 48 Stunden. Die Residenz beginnt in zwei Wochen.
Zwei Wochen. Ein vierzehntägiger Countdown zu einem neuen Leben.
Ich tippte meine Antwort, bevor ich es mir anders überlegen konnte.
Ich nehme mit großer Freude an.
Ich buchte einen einfachen Flug nach Köln. Dann begann ich, mich aus dem Leben zu löschen, das ich zurückließ.
Die nächsten Tage verbrachte ich wie im Rausch damit, die wenigen Dinge zu packen, die wirklich mir gehörten – meine Bücher, meine Kleidung, meine Kunstmaterialien – und sie in ein Lagerhaus zu schicken. Der Rest war nur eine Kulisse. Designerkleider, in denen ich mich nie wohlgefühlt hatte, kalte Möbel, die ich nie ausgewählt hatte. Es war leicht, sie zurückzulassen.
Aber eine seltsame Erschöpfung hatte sich tief in meinen Knochen festgesetzt. Ich redete mir ein, es sei der Stress. Eine Woche später, als mich mitten in einem Künstlerbedarfsgeschäft eine Welle der Übelkeit so heftig traf, dass ich mich an einem Regal festhalten musste, um nicht umzufallen, redete ich mir ein, es sei die Grippe.
Dann rechnete ich nach.
Meine Periode war überfällig.
Eine kalte, scharfe und übelkeiterregende Furcht überkam mich. Nein. Das war nicht möglich.
Ich kaufte einen Schwangerschaftstest zusammen mit meinen Kohle-Stiften. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich kaum die Kassiererin bezahlen konnte.
Ich ging in mein Atelier, der einzige Ort in dieser Stadt, der wirklich mir gehörte. Der einzige Ort, der sich sicher anfühlte. Ich machte den Test und legte den kleinen Plastikstab auf den Rand des Waschbeckens.
Drei Minuten. Ich hatte meine Ehe in weniger als vierundzwanzig Stunden demontiert, aber jetzt musste ich drei Minuten warten, um herauszufinden, ob ich immer noch an ihn gekettet war.
Mein Herz hämmerte einen panischen, entsetzten Rhythmus gegen meine Rippen. Bitte, nein. Bitte, nein.
Der Timer auf meinem Handy klingelte.
Ich atmete tief durch und schaute hin.
Zwei rosa Streifen. Unmissverständlich. Positiv.
Die Welt kippte. Ich stolperte zurück, meine Beine gaben nach, und ich sank auf einen Hocker. Schwanger. Die Erinnerung an das letzte Mal mit Christian, vor nur wenigen Wochen, schoss mir durch den Kopf. Es war kein Akt der Liebe gewesen. Es war kalt, distanziert. Eine Pflicht.
Und jetzt war es ein Leben.
Mein einfacher Plan, zu verschwinden, als Alena Maybach neu anzufangen, war gerade zunichtegemacht worden.
Ich rannte nicht mehr nur vor ihm weg. Ich versteckte sein Kind.