Kapitel 3
Das Penthouse war still. Das einzige Geräusch war das Summen des Kühlschranks und das ferne Grollen der Stadt tief unten. Clementine stand in der Mitte des Wohnzimmers, ihre Absätze hatte sie auf den Marmorboden geschleudert, die Hand flach auf ihren Bauch gepresst.
Die Übelkeit hatte auf der Heimfahrt begonnen. Es war nicht nur der Champagner. Es war eine tiefe, wogende Welle der Übelkeit, die ihren Kopf schwindelig machte und ihr den Geschmack von Galle in den Mund trieb. Sie hatte das Abendessen kaum überstanden, hatte gelächelt und genickt, während sich ihr Magen umdrehte und ihre Haut von kaltem Schweiß prickelte.
Sie gab dem Stress die Schuld. Sie gab dem engen Korsett des Kleides die Schuld. Sie gab dem Geruch von Giselas Parfüm die Schuld, der in Donovans Auto zu hängen schien.
Sie wusste es nicht. Sie konnte unmöglich wissen, dass es etwas ganz anderes war. Eine winzige Ansammlung von Zellen, die sich teilten und wuchsen, sich des Kriegsgebiets, in dem sie gelandet waren, völlig unbewusst.
Die Eingangstür flog auf.
Clementine zuckte zusammen. Das Geräusch hallte wie ein Schuss durch die Wohnung.
Donovan stürmte herein. Seine Krawatte war gelockert, sein Kiefer angespannt. Seine Augen waren wild und brannten vor einer hektischen, gefährlichen Energie. Er hatte getrunken. Sie konnte den Scotch vom anderen Ende des Raumes riechen.
Er war spät nach Hause gekommen. Er war auf der Gala zurückgeblieben, und als er endlich auf ihre Nachricht geantwortet hatte, war seine Antwort ein einziges, kaltes Wort gewesen: Zuhause.
Er sah sie dort stehen, immer noch in ihrem Abendkleid, und sein Gesicht verzog sich.
„Wir müssen reden", knurrte er.
Er durchquerte den Raum mit drei langen Schritten. Seine Hand schoss vor und umschloss ihr Handgelenk. Sein Griff war eisern, seine Finger bohrten sich in die zarten Knochen unter ihrer Haut.
„Donovan, du tust mir weh", sagte Clementine mit angespannter Stimme. Sie versuchte, sich loszureißen, aber seine Hand schloss sich nur fester und zog sie in Richtung der Sitzecke.
Er zerrte sie zum Couchtisch und stieß ihr ein Tablet unter die Nase. Der Bildschirm zeigte eine Klatschseite. Bilder von ihr von der Gala. Auf jeder Aufnahme wirkte ihr Lächeln gezwungen, ihre Augen hohl.
„Sieh dir das an", zischte Donovan, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. „Sieh dir die Kommentare an. ‚Traurig.‘ ‚Leer.‘ ‚Wie eine Puppe, deren Fäden durchgeschnitten wurden.‘ Du hast heute Abend beinahe die ganze Vorstellung ruiniert."
Clementine sah sich die Bilder an. Sie sah die Fremde an, die sie vom Bildschirm anstarrte. Eine langsame, kalte Wut begann, die Übelkeit und die Angst zu verdrängen.
„Vielleicht solltest du nächstes Mal eine professionelle Schauspielerin engagieren", sagte sie, ihre Stimme leise, aber scharf. „Anstatt eine zu heiraten."
Die Worte hingen in der Luft. Es war das erste Mal, dass sie ihm widersprochen hatte. Das erste Mal, dass sie das Spiel, das sie spielten, anerkannt hatte.
Donovans Augen weiteten sich. Die Wut in ihnen schlug von kalt in lodernd um. Er trat näher, seine Brust streifte ihre, sein Atem war heiß auf ihrem Gesicht.
„Ehefrau?", höhnte er, das Wort triefte vor Gift. „Du bist ein Name, den ich gekauft habe. Eine Requisite. Ein Werkzeug, um sie daran zu erinnern, was sie verloren hat."
Er griff nach einer Handvoll ihrer Haare und zwang ihren Kopf zurück. Seine Augen waren blutunterlaufen, die Pupillen geweitet.
„Weißt du, warum sie mich heute Abend nicht sehen wollte?", schrie er. „Weil sie dich gesehen hat! Sie hat diese billige Kopie neben mir stehen sehen und war angewidert. Sie dachte, ich hätte ihr Andenken mit einer Ramschwaren-Imitation verraten!"
„Ich bin keine Kopie!", schrie Clementine. Die Worte rissen sich aus ihrer Kehle, roh und verzweifelt. Zwei Jahre, in denen sie ihren Stolz hinuntergeschluckt, sich auf die Zunge gebissen und die Demütigung weggelächelt hatte – all das explodierte in einem einzigen Moment des Trotzes. „Ich bin nicht dein Werkzeug, Donovan! Ich bin ein Mensch!"
Sie riss ihren Kopf aus seinem Griff und wandte sich ab. Sie konnte es nicht ertragen, ihn noch eine Sekunde länger anzusehen. Wenn sie bliebe, würde sie Dinge sagen, die sie nicht zurücknehmen könnte. Sie würde ihm von dem Geld erzählen. Von Aurelian. Davon, dass sie hundertmal mehr wert war als er.
Sie ging auf die große Treppe zu, die sich in den zweiten Stock schwang. Sie wollte einfach nur weg. Sie wollte sich im Gästezimmer einschließen und atmen.
„Wo willst du hin?", brüllte Donovan hinter ihr. „Wir sind noch nicht fertig!"
Seine Schritte hämmerten auf dem Marmorboden. Am Fuß der Treppe holte er sie ein. Seine Hand krallte sich auf ihre Schulter und wirbelte sie herum.
„Lass mich los!", schrie Clementine. Die Übelkeit stieg wieder in ihr auf, diesmal stärker, und ließ ihre Sicht verschwimmen. „Mir ist nicht gut, Donovan! Lass mich gehen!"
„Nicht gut?", spottete er, sein Gesicht zu einem hässlichen Grinsen verzogen. „Oder bist du nur eifersüchtig? Eifersüchtig, dass du niemals halb so eine Frau sein wirst wie Gisela? Du bist nichts als ein Schatten, Clementine. Ein billiger, jämmerlicher Schatten."
Die Worte trafen sie wie ein körperlicher Schlag. Die Wut wich aus ihr und wurde durch eine hohle, widerhallende Leere ersetzt. Er glaubte es wirklich. Er dachte wirklich, sie sei nichts.
Die Stille dehnte sich zwischen ihnen. Und dann, die Spannung durchbrechend, klingelte ihr Handy.
Es war in ihrer Clutch. Das Geräusch war laut und schrill.
Donovans Blick fiel auf die Tasche. „Wer ist das? Mit wem redest du über mich?"
„Es ist nur Debby", sagte Clementine und griff nach dem Handy. „Es ist nichts."
„Gib es mir", verlangte er und hielt die Hand auf. „Du schmiedest keine Pläne hinter meinem Rücken."
„Nein!" Clementine presste die Tasche an ihre Brust. Sie war ihre Rettungsleine. Debby war die einzige Person, die ihr wahres Ich kannte. Sie würde ihm das nicht auch noch überlassen.
Sie wandte sich von ihm ab und versuchte, das Handy abzuschirmen. Sie machte einen Schritt zurück.
Ihr Absatz verfing sich an der Kante der ersten Stufe.
Es war ein winziger Fehltritt. Ein Bruchteil eines Zentimeters. Aber es war genug.
Ihr Fuß rutschte ins Leere. Ihr Gleichgewicht verlagerte sich. Für eine schreckliche Sekunde schwebte sie, ihre Arme ruderten, ihr Mund zu einem stummen Schrei geöffnet.
Donovans Hand streckte sich noch nach ihr aus, aber er war zu langsam. Seine Finger streiften die Seide ihres Ärmels und griffen ins Leere.
Clementine fiel rückwärts.
Die Welt kippte. Die Decke schoss auf sie zu. Sie spürte die scharfe, harte Kante der Marmorstufen, die gegen ihren Rücken, ihre Rippen, ihren Schädel schlug. Ein blendend weißes Licht explodierte hinter ihren Augen. Der Schmerz war sofort da und alles verzehrend, eine heiße, feuchte Qual, die ihr den Atem aus der Lunge raubte.
Sie stürzte die Treppe hinunter, eine Stoffpuppe aus Seide und gebrochenen Gliedern, bis sie als zerknülltes Bündel am Ende landete.
Die Stille, die folgte, war ohrenbetäubend. Die Wohnung war vollkommen still. Sogar das Summen des Kühlschranks schien aufgehört zu haben.
Donovan stand oben an der Treppe, die Hand immer noch ausgestreckt, sein Gesicht eine Maske aus gefrorenem Schock. Der Alkoholschleier verflog augenblicklich und hinterließ eine kalte, scharfe Klarheit.
Er hatte sie nicht gestoßen. Das wusste er. Aber er hatte es verursacht. Er hatte sie gejagt. Er hatte sie gepackt.
Er machte einen zittrigen Schritt nach unten. Dann noch einen. Er bewegte sich langsam, als ginge er durch Wasser, sein Blick auf die reglose Gestalt am Ende der Treppe gerichtet.
„Clementine?", seine Stimme war ein brüchiges Flüstern.
Er erreichte das Ende der Treppe und fiel neben ihr auf die Knie. Ihre Augen waren geschlossen. Ihr Gesicht war aschfahl, das Make-up verschmiert und verlaufen. Ihr Kopf war in einem seltsamen Winkel abgewinkelt.
Und dann sah er es. Ein dunkler Fleck, der sich unter dem Rock ihres silbernen Kleides ausbreitete. Ein nasser, schwerer Fleck, der in den weißen Marmor sickerte.
Blut.
„Clementine?", versuchte er es erneut, seine Stimme brach. Er streckte die Hand aus und berührte ihr Gesicht. Ihre Haut war kalt. „Clem! Wach auf!"
Sie bewegte sich nicht. Sie atmete nicht.
Panik, roh und ursprünglich, krallte sich in seiner Kehle fest. Er nestelte nach seinem Handy, seine Hände zitterten so sehr, dass er es beinahe fallen ließ. Er stach mit einem zitternden Finger auf den Bildschirm.
911.
Er hielt das Handy an sein Ohr, sein Blick auf die wachsende Blutlache geheftet. Er hatte schon einmal Blut gesehen. Er hatte schon einmal Blut vergossen. Aber das hier war anders. Das war ihr Blut.
Und zum ersten Mal in seinem Leben hatte Donovan Bray Angst.