Kapitel 3
Elinor POV
Die Dunkelheit war nicht leer. Sie war eine erstickende Leere, gefüllt mit Rauch, Schreien und der phantomatischen Hitze von Flammen, die immer noch an meiner Haut leckten.
Mein Bewusstsein trieb, losgelöst, zurück in die scharfen Kanten einer Erinnerung, die ich tief vergraben hatte.
Ich war wieder vierzehn. Die Luft roch nach Blut und nassem Fell. Die Alarmsirenen des Silver Moon Packs heulten und durchdrangen die Nacht, als Rogues den Perimeter durchbrachen. Ich kauerte zitternd in der Ecke der Bibliothek, ein wolfsloses Mädchen, das sich nicht verteidigen konnte. Ariel war auch da, ihren blutenden Arm umklammernd, ihre Augen weit vor Entsetzen.
Die Tür flog auf. Kein Rogue, sondern Adrian.
Er war damals jung, seine Alpha-Aura noch in der Entwicklung, aber die Autorität in seiner Präsenz war unbestreitbar. Er sah uns an – Ariel, blutend und zerbrechlich, und mich, die Tochter des Alphas, seine vertraglich Verlobte.
Für einen Bruchteil einer Sekunde sah ich das Zögern. Ich sah, wie seine haselnussbraunen Augen mit einer verzweifelten, herzzerreißenden Sehnsucht auf Ariel verweilten. Aber die Pflicht war eine Stahlkette um seinen Hals. Er packte meinen Arm. Er zog mich in Sicherheit und ließ Ariel zurück, um von einem Gamma bewacht zu werden.
Als er mich wegzog, blickte er zu ihr zurück. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war nicht Erleichterung, dass seine zukünftige Luna in Sicherheit war. Es war Schuld. Reine, quälende Schuld.
Die Erinnerung verdrehte sich, verwandelte sich in das Inferno des Alpha's Wing. Die Hitze stieg auf, brennend und real.
Er repariert es, flüsterte mein Unterbewusstsein durch den Schleier des Schmerzes. Vor sieben Jahren rettete er die Verpflichtung. Heute Nacht rettete er sein Herz.
Die Erkenntnis legte sich auf meine Brust, schwerer als der Rauch. Adrian hatte mich nicht nur im Feuer zurückgelassen; er korrigierte einen Fehler, den er jahrelang bereut hatte. Ich war der Fehler in der Gleichung seines Lebens, und das Feuer war der Radiergummi.
Ich trieb wieder ab, zurück zu dem Moment, als der Deckenbalken mich eingeklemmt hatte. Ich sah seinen Rücken, als er mit Ariel wegrannte. Der Alpha's Command lähmte immer noch meine Gliedmaßen, eine grausame Magie, die mich zwang, auf den Tod zu warten.
„Elinor!"
Eine Stimme hallte in der Dunkelheit wider. Sie klang wie Adrian, aber sie war verzerrt, panisch, vibrierte durch eine Mind-Link, auf die ich ohne Wolf keinen Zugriff hätte haben dürfen.
Nein, dachte ich bitter und schob den Klang weg. Lass ihn dich nicht verfolgen. Er hat nicht nach dir gerufen. Er hat dich zum Verbrennen zurückgelassen.
Dann änderte sich das Gefühl. Die sengende Hitze wurde durch eine kühle, statische Ladung ersetzt. Starke Arme hoben mich hoch. Ein Duft umhüllte mich – nicht das teure Eau de Cologne, das Adrian trug, sondern etwas Wilderes. Tiefe Erde. Zerdrückte Kiefernnadeln. Das elektrische Ozon eines aufziehenden Sturms.
Sicher, murmelte eine kleine Stimme in meinem Kopf. Sicher.
„Elinor? Ellie, kannst du mich hören?"
Die Stimme war sanft, zitternd. Sie zog mich nach oben, riss mich aus der tröstenden Dunkelheit.
Meine Augenlider fühlten sich bleiern an. Ich zwang sie auf, das grelle Licht des Zimmers brannte auf meinen Netzhäuten. Ich war nicht in den verkohlten Überresten des Alpha's Wing. Die Luft war sauber, roch nach Antiseptikum und Lavendel.
Ich war in der Krankenstation des Rudels.
„Mom?", meine Stimme war ein gebrochenes Krächzen, mein Hals rau vom Rauch.
Diane Ramsey saß an meinem Bett, ihr Gesicht bleich und von Sorge gezeichnet. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie meine Hand drückte. „Oh, Göttin sei Dank. Du bist wach."
Ich versuchte mich aufzusetzen, doch ein stechender Schmerz durchfuhr mein rechtes Bein. Ich keuchte und sank zurück in die Kissen. Erinnerungen an das Feuer stürmten auf mich ein – der Balken, die Hitze, der Verrat.
„Adrian…", würgte ich den Namen hervor, der Geschmack von Asche kehrte in meinen Mund zurück. „Er… er ist gegangen…"
„Pst, versuch noch nicht zu sprechen", beruhigte meine Mutter und strich mir eine verirrte Haarsträhne von der Stirn. Ihre Berührung war sanft, doch ihre nächsten Worte trafen mich härter als das fallende Holz. „Es ist vorbei, Ellie. Du bist in Sicherheit. Es war ein Wunder."
Sie stieß einen zittrigen Atemzug aus, ein Lächeln der Erleichterung zitterte auf ihren Lippen. „Der Mondgöttin sei Dank, Adrian war schnell genug. Er war derjenige, der dich aus den Flammen gezogen hat, Schatz. Er hat dich gerettet."
Die Welt blieb stehen.
Das gleichmäßige Piepen des Herzmonitors schien zu stocken. Ich starrte meine Mutter an und versuchte, den unmöglichen Satz zu verarbeiten, den sie gerade gesprochen hatte.
Adrian hat mich gerettet?
Nein. Ich habe ihn gesehen. Ich habe gesehen, wie er Ariel gewählt hat. Ich habe gesehen, wie er rannte. Ich spürte, wie der Command meine Muskeln blockierte, während das Feuer um mich herum tobte.
Und der Mann, der mich gerettet hatte… der Mann mit den sturmgrauen Augen und dem Duft des uralten Waldes… das war nicht Adrian. Er war massiv, still und furchterregend mächtig.
„Das… das stimmt nicht", flüsterte ich, Panik stieg in meiner Brust auf. „Er hat mich verlassen, Mom. Er hat Ariel mitgenommen und mich zurückgelassen."
Diane runzelte die Stirn, ihr Ausdruck wechselte von Erleichterung zu Verwirrung. „Ellie, du bist verwirrt. Es ist das Trauma. Die Rauchvergiftung… der Arzt sagte, du könntest desorientiert sein." Sie drückte meine Hand fester, als wollte sie mich an ihre Version der Realität fesseln. „Adrian hat dich herausgebracht. Er hat dich zum Waldrand getragen. Jeder hat ihn gesehen."
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Jeder hat ihn gesehen?
Hatte ich den Fremden halluziniert? War der Mann mit dem Sturmduft nur ein Fiebertraum, der von einem sterbenden Geist heraufbeschworen wurde?
Ich schloss die Augen und suchte nach der Erinnerung. Ich konnte immer noch die verweilende Statik auf meiner Haut spüren, eine phantomatische Wärme, die nichts mit dem Feuer zu tun hatte. Es fühlte sich real an. Realer als das sterile Bett, in dem ich lag.
Aber meine Mutter – meine eigene Mutter – erzählte mir, dass der Mann, der mich zum Sterben zurückgelassen hatte, mein Retter war.
Ein kalter Knoten der Angst zog sich in meinem Magen zusammen. Entweder wurde ich verrückt, oder eine Lüge war so schnell und so makellos gesponnen worden, dass sie bereits zur Wahrheit geworden war.
„Wo ist er?", fragte ich, meine Stimme hohl.
„Er ruht sich aus", sagte Diane sanft. „Er ist erschöpft, Elinor. Er hat jeden gerettet, den er konnte."
Jeden, den er konnte.
Ich drehte meinen Kopf weg und starrte aus dem Fenster auf die friedlichen, sonnenbeschienenen Bäume. Die Diskrepanz zwischen dem, was ich wusste, und dem, was mir erzählt wurde, war ein Abgrund, den ich nicht überwinden konnte.
Wenn Adrian mich gerettet hat, wer war dann der Mann im Schatten? Und wenn Adrian mich nicht gerettet hat… warum log das ganze Rudel?