Kapitel 2
Der Himmel riss auf.
Es gab kein Vorspiel, keinen sanften Nieselregen. Blitze zerrissen die Wolken und erleuchteten die verlassene Autobahn in einem Stroboskop aus grellem, weißem Licht. Eine Sekunde später folgte der Donner und ließ den Boden unter Clarisa's dünnen Sohlen erbeben.
Dann kam das Wasser.
Es goss in Strömen, schwer und kalt. Innerhalb von Sekunden war Clarisa's grauer Kapuzenpullover durchnässt und klebte wie eine zweite Haut an ihrer knochigen Gestalt. Die Kälte war nicht nur oberflächlich; sie kroch ihr in die Knochen und weckte jede alte Verletzung, die sie sich in den letzten drei Jahren zugezogen hatte.
Ihre geprellten Rippen pochten. Ihre linke Schulter schmerzte.
Sie ging los. Sie hielt den Kopf gesenkt und presste die Plastiktüte an ihren Bauch, um das Notizbuch trocken zu halten. Dieses Notizbuch war der einzige Beweis, den sie hatte, dass sie nicht verrückt war.
Ein Sattelschlepper donnerte vorbei und spritzte eine Welle braunen Schlamms über ihre Beine. Clarisa zuckte zusammen und trat seitlich auf den weichen Straßenrand.
Der Schlamm war glatter als Eis.
Ihr linker Fuß rutschte weg. Er landete in einem Abflussgraben, der vom überwucherten Gras verdeckt war.
Knacks.
Das Geräusch war widerlich laut, selbst über den Regen hinweg.
Clarisa brach im Schlamm zusammen. Sie schrie nicht. Schreien im Lager zog die Wachen an, und die Wachen brachten Schmerz. Stattdessen biss sie sich auf die Lippe, bis sie Kupfer schmeckte. Ihr Atem ging in kurzen, unregelmäßigen Stößen.
Sie blickte nach unten. Ihr Knöchel schwoll bereits an und drückte gegen den Stoff ihres billigen Turnschuhs.
„Steh auf“, befahl sie sich selbst. Ihre Stimme ging im Wind unter. „Steh auf, 402.“
Sie versuchte, ihn zu belasten. Weiße Flecken tanzten vor ihren Augen. Sie fiel zurück, und der kalte Schlamm sickerte in ihre Hose.
Zwei Lichtkegel durchschnitten die Dunkelheit hinter ihr. Xenon-Scheinwerfer. Grell. Teuer.
Die starken Lichtkegel strichen über die Straße und erfassten ihr Gesicht für einen einzigen, scharfen Moment, als sie aufblickte. Lass es ein Fremder sein, betete sie. Lass es nicht Brady sein, der zurückkommt, um zu lachen.
Das Auto wurde langsamer. Das Schnurren des Motors war tief und kraftvoll. Es war nicht der SUV.
Sie blinzelte durch den Regen. Es war ein silberner Rolls-Royce Phantom. Sie kannte dieses Auto. Sie kannte das Nummernschild: AM-I.
Ihr Herz hämmerte gegen ihre geprellten Rippen.
Ambrose.
Das hintere Fenster fuhr zur Hälfte herunter. Ein Gesicht erschien. Es war scharf, kantig, wie aus Marmor gemeißelt und genauso kalt. Ambrose Montgomery blickte auf den zitternden Haufen Lumpen am Straßenrand hinaus.
Clarisa wischte sich Schlamm von der Wange und versuchte, sich zu verstecken. Sie fühlte sich klein. Sie fühlte sich schmutzig.
„Steig ein“, sagte Ambrose. Seine Stimme drang mühelos durch den Sturm. Es war kein Angebot; es war ein Befehl.
Clarisa schüttelte den Kopf. Sie würde seine Almosen nicht annehmen. Nicht, nachdem er vor drei Jahren dabeigestanden und zugesehen hatte, wie sie sie mitnahmen.
Ambrose runzelte die Stirn. Er sah verärgert aus, als wäre sie ein Fehler in seiner Tagesplanung. „Zwing mich nicht, die Security rauszuschicken, um dich herzuzerren. Du weißt, dass ich es tun werde.“
Das würde er. Ambrose machte nie leere Drohungen. Er war ein Rüstungsunternehmer; er handelte in Absoluten.
Clarisa wog ihre Optionen ab. Unterkühlung oder Demütigung.
Sie wählte das Überleben.
Sie drückte sich hoch und balancierte auf ihrem gesunden Bein. Sie hüpfte zum Auto und biss die Zähne zusammen gegen die Übelkeit, die in ihrer Kehle aufstieg.
Der Fahrer war bereits ausgestiegen und hielt einen großen schwarzen Regenschirm. Er griff nach ihrem Arm.
Clarisa schreckte zurück. Sie riss ihren Körper von seiner Hand weg und wäre dabei fast gestürzt. „Fassen Sie mich nicht an“, zischte sie.
Der Fahrer erstarrte.
Sie packte selbst den Türgriff und zog sich auf den Rücksitz.
Die Wärme traf sie wie ein körperlicher Schlag. Sie war erstickend. Sie saß auf der Kante des cremefarbenen Ledersitzes und versuchte zu verhindern, dass ihre schlammigen Kleider irgendetwas berührten. Wasser tropfte von ihren Haaren auf den weichen Teppich.
Sie drückte sich gegen die Tür, so weit wie möglich von Ambrose entfernt.
Ambrose rührte sich nicht. Er saß vollkommen still da, die Beine übereinandergeschlagen, ein Tablet auf seinem Schoß. Er blickte auf ihren Knöchel. Er pochte, und die Schwellung war selbst durch den Schuh hindurch sichtbar.
Seine grauen Augen wanderten zu ihrem Gesicht hinauf. Er betrachtete die Höhlen ihrer Wangen, die dunklen Ringe unter ihren Augen.
„Brady?“, fragte er. Ein Wort. Keine Emotion.
Clarisa starrte aus dem Fenster auf den verschwimmenden Regen. Sie antwortete nicht. Sie umklammerte nur ihre Plastiktüte fester.
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Kapitel 3
Die Stille im Auto war drückender als der Sturm draußen. Das einzige Geräusch war das rhythmische Klatschen und Zischen der Scheibenwischer und das Summen der Reifen auf dem nassen Asphalt.
Ambrose griff in die kleine Kühlschrankkonsole zwischen den Sitzen. Er zog eine Flasche Evian-Wasser heraus.
Er hielt sie ihr hin.
Clarisa starrte auf die Flasche. Ihre Kehle fühlte sich an, als wäre sie mit Sandpapier ausgekleidet. Sie war dehydriert, ihr war schwindelig. Aber sie anzunehmen, fühlte sich an, als würde sie eine Bestechung akzeptieren.
„Nimm sie“, sagte Ambrose.
Sie rührte sich nicht.
Er stieß scharf die Luft durch die Nase aus. Er beugte sich vor und drückte ihr die Flasche in die Hand. Seine Fingerspitzen streiften ihren Handrücken.
Clarisa zuckte heftig zusammen. Es war ein Ruck, der durch ihren ganzen Körper ging, als hätte er sie mit einer Zigarette verbrannt. Ihre Hand verkrampfte sich, und die schwere Glasflasche glitt aus ihrem Griff und schlug dumpf auf die Fußmatte.
Ambrose erstarrte. Er zog langsam seine Hand zurück, seine Augen verengten sich.
„Du hast Angst vor mir“, stellte er fest. Es war keine Frage.
Clarisa hob hastig die Flasche auf. Ihre Hände zitterten. „Nein. Meine Hände sind nur … kalt. Rutschig.“
Sie brach das Siegel und nahm einen Schluck. Sie wollte sie hinunterstürzen, zwang sich aber zu kleinen, abgemessenen Schlucken. Zeige keinen Hunger. Zeige keinen Durst. Zeige keine Bedürftigkeit.
Ambrose beobachtete sie. Er erinnerte sich an ein Mädchen, das wie ein Wasserfall redete, das sich an seinen Arm hängte und um seine Aufmerksamkeit bettelte. Diese Frau war ein Geist.
„Sie haben dich früher rausgelassen“, bemerkte Ambrose in neutralem, forschendem Ton. „Was war der offizielle Grund?“
Clarisa umklammerte die Flasche, bis ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie sah ihn nicht an, ihr Blick war auf das schwappende Wasser im Inneren gerichtet. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, als wolle sie ein Geräusch vertreiben, das nur sie hören konnte. „Weiß nicht“, murmelte sie, die Worte kaum hörbar.
Das Wort hing in der Luft. Es war keine Lüge oder eine sarkastische Erwiderung. Es war eine Leere. Das Fehlen von Informationen, die sie nicht preisgeben wollte oder konnte.
Ambrose bemerkte etwas an ihrem Handgelenk. Ihr Ärmel war beim Trinken leicht hochgerutscht. Dort war ein Mal. Ein dunkler, violetter Bluterguss, der den Knochen umschloss. Eine Fesselspur.
Er beugte sich leicht vor. „Lass mich deinen Arm sehen.“
Clarisa riss ihren Ärmel herunter und vergrub ihre Hand im Stoff. „Kaleigh wartet wahrscheinlich auf dich. Du solltest nicht mit der Sträflingin gesehen werden. Das ist schlecht für den Aktienkurs.“
Ambrose spürte einen Anflug von Ärger. Sie wich aus. Und sie hatte recht, aber er hasste es, dass sie recht hatte.
„Du bist ja plötzlich sehr rücksichtsvoll“, sagte er, seine Stimme triefte vor Sarkasmus.
Clarisa lehnte ihren Kopf gegen die Kopfstütze und schloss die Augen. „Ich bin nur müde, Ambrose. Lass es einfach gut sein.“
Der Wagen wurde langsamer. Sie bogen in das Dillon Estate ein.
Die eisernen Tore – kunstvoller als die des Camps, aber dennoch Tore – schwangen auf. Das Haupthaus ragte vor ihnen auf, ein georgianisches Ungetüm aus Ziegeln und Glas, das in Lichtern erstrahlte. Es sah aus wie das Maul einer Bestie, die darauf wartete, sie im Ganzen zu verschlingen.
Der Rolls-Royce glitt unter dem Portikus zum Stehen.
Clarisa öffnete die Augen. Durch das regennasse Glas sah sie sie.
Ihre Mutter. Ihr Vater. Kaleigh.
Sie standen auf der Veranda, umrahmt vom warmen Schein des Eingangsbereichs. Ein perfektes Familienporträt.
Der Fahrer öffnete Clarisas Tür. Die kalte Luft strömte wieder herein.
Clarisa atmete tief durch. Showtime.
Sie schwang ihre Beine nach draußen. Als ihr verletzter Fuß den Asphalt berührte, knickte ihr Knie ein. Der Schmerz war blendend. Sie fiel nach vorn.
Ambrose war da. Er war auf seiner Seite ausgestiegen und schneller herumgekommen, als sie erwartet hatte. Er packte sie am Ellbogen, sein Griff war fest.
„Ich hab dich“, murmelte er.
Clarisa reagierte instinktiv. Sie stieß ihn heftig von sich. „Lass mich los!“
Der Schrei hallte unter dem steinernen Torbogen wider.
Ambrose stolperte einen Schritt zurück, die Hände in einer Geste der Kapitulation erhoben. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich.
Clarisa stand zitternd auf einem Bein und umklammerte ihre Plastiktüte. Sie sah ihn an, ihre Augen weit aufgerissen vor einer Art animalischer Panik. Dann wurde ihr klar, wo sie war. Ihr wurde klar, wer zusah.
Sie richtete sich auf.
„Ich kann laufen“, sagte sie, ihre Stimme zu einem Flüstern gesenkt. „Ich brauche deine Hilfe nicht.“
Sie drehte sich um und humpelte zur Haustür, ihren geschwollenen Fuß nachziehend. Ambrose stand im Regen und sah ihr nach. Er zog sein Handy aus der Tasche.
Er tippte eine Nachricht an seinen Sicherheitschef: Besorgen Sie mir ihre Akte aus dem Camp. Die echte. Heute Nacht noch.
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