Kapitel 3
Kaum hatte Claire das Schlafzimmer betreten, begann sie mit schnellen, geübten Bewegungen, ihre Sachen zu packen. Nachdem sie fertig gewesen war, holte sie ein zweites Handy hervor und öffnete eine Messaging-App, die sie seit Jahren nicht mehr genutzt hatte.
In einem kleinen Gruppenchat mit nur wenigen Mitgliedern schickte sie eine einzige Nachricht.
„Ich bin geschieden. Wieder Single.“
Fast augenblicklich begann ihr Handy ununterbrochen zu vibrieren, während die Antworten nur so hereinströmten.
Nate Singh, ihr Rennsportpartner, antwortete als Erster: „Warte. Was? Claire, hat jemand deinen Account gehackt?“
Direkt nach ihm kam die Antwort von Kenneth Wright, dem medizinischen Genie, das alle scherzhaft als „Wunderdoktor“ bezeichneten. „Das muss gefeiert werden. Du bist jetzt frei. Heute Abend wird getrunken. Keine Ausreden.“
Als Nächstes erschien die Nachricht von Zayne Ford, dem Hacker der Gruppe. „Soll ich deine digitalen Spuren verwischen? Schick mir deine IP. Ich mach's umsonst. Dann kann Cade dich nicht aufspüren.“
Offensichtlich begeistert mischte sich Jemma Scott, Claires Freundin und Schmuckdesignerin, ein. „Wurde auch Zeit. Ich habe dir doch gesagt, dass dieser Mann nie gut genug für dich war. Claire, ich schicke dir etwas aus meiner ‚Wiedergeburt'-Kollektion. Lass die Welt sehen, wie hell du strahlen kannst.“
Die Benachrichtigungen kamen so schnell nacheinander, dass der Bildschirm vor ihren Augen verschwamm.
Als Claire die Nachrichten las, spürte sie, wie etwas in ihr weicher wurde. Diese Freunde waren laut, stur und unerschütterlich loyal.
Mit ruhigen Fingern tippte sie eine kurze Antwort. „Ich meine es ernst. Die Scheidung ist durch. Wir sehen uns später am üblichen Ort.“
Nachdem sie das Handy zur Seite gelegt hatte, ging sie in die hinterste Ecke des begehbaren Kleiderschranks. Hinter einer Reihe hängender Kleider verbarg sich eine Schublade, die sich leise öffnete.
Darin befanden sich keinerlei Kleidungsstücke. Nur ein schwarzer Metallkoffer lag dort.
Claire legte ihren Daumen auf den Scanner und das Schloss sprang mit einem leisen Klicken auf.
Alles in dem Koffer war in tadelloser Ordnung angeordnet. Ein chirurgisches Skalpell warf einen kalten, metallischen Glanz zurück. Daneben lagen ein Satz einzigartiger Rennwagenschlüssel, ein eleganter High-End-Laptop sowie ein dicker Stapel Designentwürfe voller präziser Linien und sorgfältiger Details. Die Arbeiten waren so kunstvoll, dass sie in einer Galerie hätten hängen können.
Um als Cades Ehefrau leben zu können, hatte sie all das drei Jahre lang weggeschlossen.
Zu dieser Zeit hatte sie ihre scharfen Instinkte und ihren Ehrgeiz begraben und jede Spur ihres früheren Lebens ausgelöscht.
Jetzt würden diese Teile von ihr zurückkehren.
Claire hob den Laptop aus dem Koffer und schaltete ihn ein. Das vertraute System erschien auf dem Bildschirm, während ihre Finger schnell über die Tastatur flogen. Innerhalb weniger Augenblicke hatte sie sich in das interne Netzwerk der Willis-Gruppe gehackt.
Sie entfernte nacheinander jeden Eintrag über die Krisen, die sie in den letzten drei Jahren im Stillen gelöst hatte. Die Löschung umfasste auch die von ihr persönlich entwickelte Kerntechnologie – dasselbe Projekt, das die Willis-Gruppe für ihre Zusammenarbeit mit der Familie Morgan nutzen wollte.
Cade war stets der Meinung, dass diese Erfolge auf Glück oder fähige Mitarbeiter zurückzuführen waren.
Er würde nie erfahren, wie viele Nächte sie wach verbracht hatte, während er schlief, um alle Hindernisse aus seinem Weg zu räumen.
Als auf dem Bildschirm die Meldung „LÖSCHUNG ABGESCHLOSSEN“ erschien, blieb Claires Gesichtsausdruck ruhig.
Die Ehe war vorbei. Jetzt musste auch die letzte Verbindung zwischen ihnen gekappt werden.
Die Familie Willis hatte keinen Anspruch mehr auf sie. Ab diesem Moment würden sie nie wieder einen Vorteil aus ihren Bemühungen ziehen.
Nachdem sie den Laptop zugeklappt hatte, nahm Claire ihr Handy und schickte ihrer engsten Freundin Rylie Miller eine private Nachricht. „Ich bin wieder frei.“
Rylies Antwort kam fast sofort. „Gib mir zehn Minuten. Ich hole dich vor dem Haus dieses Idioten ab.“
So war Rylie eben. Wenn sie eine Entscheidung traf, handelte sie so schnell, dass es andere nervös machte.
Sie hatte zehn Minuten versprochen, doch schon nach weniger als sechs war das Aufheulen eines Motors auf der Straße zu hören.
Ein auffälliger Sportwagen glitt an den Bordstein heran und kam abrupt zum Stehen. Rylie war ganz in Schwarz gekleidet und lehnte mit vollkommenem Selbstvertrauen am Fahrzeug. Als sie in diesem Moment Claire mit ihrem Koffer aus dem Haus treten sah, breitete sich ein breites Lächeln auf ihrem Gesicht aus.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Rylie strahlend. „Du bist endlich frei.“
Claire hatte noch nicht einmal den Mund aufgemacht, da zauberte Rylie plötzlich wie eine Bühnenmagierin eine Flasche Champagner hervor. Mit einer mühelosen Bewegung ihres Handgelenks ließ sie den Korken knallen.
Der Korken schoss in den Himmel und sprühender Schaum schoss im Schein des Sonnenuntergangs in die Luft, bevor er auf Claires Schulter landete.
„Ich hatte keine Zeit, etwas Ausgefallenes zu besorgen“, sagte Rylie mit einem verspielten Grinsen. „Also muss Champagner reichen. Feiern wir deinen Neuanfang.“
Die kalte Flüssigkeit sickerte durch Claires Bluse, doch sie nahm es kaum wahr. Stattdessen füllten sich ihre Augen mit Wärme und Tränen drohten aufzusteigen.
Es fühlte sich wundervoll an.
Jetzt, da sie Cade verlassen hatte, begann endlich ein neues Leben, das wirklich ihr gehörte.
Mit einem spitzbübischen Lächeln warf Rylie ihr die Schlüssel zu und hob eine Augenbraue. „Willst du fahren?“
„Steig ein.“ Claire fing die Schlüssel, glitt hinter das Lenkrad und trat ohne zu zögern aufs Gas.
Der Bugatti Veyron erwachte mit einem Brüllen zum Leben, schoss nach vorne und entfernte sich vom Haus, bevor er sich geschmeidig in den fließenden Verkehr einordnete.
Die Geschwindigkeit nahm schnell zu, doch das Auto blieb unter Claires Kontrolle vollkommen stabil.
Rylie lehnte sich tiefer in den Sitz und neigte den Kopf zu Claire. „Also, sag mal. Was hat dich endlich von deinem furchtbaren Männergeschmack kuriert?“
„Seine erste Liebe ist zurück“, sagte Claire gleichmütig und nahm dabei den Blick nicht von der Straße. „Sie sind wieder zusammen.“
Rylie explodierte beinahe. „Willst du mich verarschen? Sie haut ab, verschwindet und spaziert drei Jahre später einfach wieder herein? Gibt es keine anderen Männer auf der Welt? Musste sie sich ausgerechnet an deinen Mann ranmachen?“
Ihre Frustration stieg weiter an, und mit jeder Sekunde sprudelten die Worte schneller aus ihr heraus. „Und Cade? Was für ein Arschloch. Verheiratet und hängt immer noch an seiner ersten Liebe. Ehrlich. Er ist widerlich.“
Claire schwieg. Rylies Ausbruch war so heftig, dass sie nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte.
Rylie spürte das Unbehagen ihrer Freundin und räusperte sich leicht. „Ich bin einfach nur wütend deswegen. Die beiden machen einfach da weiter, wo sie aufgehört haben, und von dir wird erwartet, dass du leise verschwindest? Warum solltest du es ihnen so einfach machen? Und diese Dina, komm schon. Du solltest direkt mit ihr konkurrieren.“
Claire erwiderte ruhig: „Und was würde das bringen? Der ganzen Welt verkünden, dass ich die Frau bin, die abserviert wurde?“
„Aber die kommen viel zu leicht davon!“
„Das tun sie nicht“, sagte Claire leise, doch ihr Ton klang ruhig und gewiss. „Von jetzt an bin ich einfach nur Claire. Ich bin niemandes Anhängsel mehr. Und das werde ich auch nie wieder sein.“
„Das wollte ich hören.“ Rylies Stimmung schlug genauso schnell um, wie sie sich entzündet hatte, und der Zorn war wie weggeblasen. „Das verlangt nach einer Feier. Was trinken?“
„Das machen wir später“, sagte Claire und drehte das Lenkrad leicht. „Ich muss erst woanders anhalten. Ich verpasse mir einen neuen Look.“
„Endlich.“ Rylies Augen leuchteten vor Aufregung. Dann kam ihr ein anderer Gedanke, und sie beugte sich leicht vor. „Ach ja. Du warst drei Jahre lang einfach komplett von der Bildfläche verschwunden. In der Medizin sind echt viele Leute fast verrückt geworden, weil sie dich überall gesucht haben. Wann hast du vor, zurückzukehren?“
Claires Gesicht blieb ruhig. „Der Zeitpunkt fühlt sich jetzt richtig an. Lass die Nachricht sich verbreiten.“
Rylie kicherte, sichtlich amüsiert. „Apropos, Cade hat auch nach dir gesucht.“ Ihre Belustigung wuchs, als sie fortfuhr: „Anscheinend braucht seine erste Liebe eine Behandlung. Er wird die Wahrheit erst begreifen, wenn sie ihm direkt ins Gesicht schlägt. Ausgerechnet die Frau, die er so beiläufig weggeworfen hat, ist diejenige, die er verzweifelt um Hilfe bitten wollte: die legendäre Dr. L.“
Ein scharfes Lächeln bildete sich auf Rylies Lippen. „Ehrlich gesagt kann ich es kaum erwarten, seine Reaktion zu sehen, wenn er endlich kapiert, was los ist, und seine selbstgefällige Fassade Risse bekommt.“