Kapitel 3
Maileen Lücke POV:
Daniel vermied meinen Blick. Er lehnte sich an Annabella, die ihren Kopf an seine Schulter schmiegte, den kleinen Finger um seinen Arm geschlungen. Eine Geste der Zärtlichkeit, die sie in diesem Moment für die Kameras inszenierten. Er drückte einen Kuss auf ihren Kopf. Eine Show, die so perfekt war, dass man fast vergessen konnte, dass sie eine Lüge war.
Ich spürte nichts. Keine Eifersucht, keine Wut. Nur eine kalte, amüsierte Verachtung. Es war grotesk. Diese Art von Liebe, die er Annabella gab, war eine billige Kopie dessen, was ich ihm einst gegeben hatte.
Ein junger Reporter, dessen Gesicht ich nicht kannte, trat vor mich. Sein Notizblock war schon gezückt. „Frau Lücke, Sie sind überraschend hier. Wie geht es Ihnen nach der Scheidung? Und was sagen Sie zu den Gerüchten um Herrn Siemens und Frau Schreyer? "
Ich lächelte leicht. Es war ein Lächeln, das keine Wärme enthielt. „Es geht mir ausgezeichnet. " Meine Stimme war sanft, aber bestimmt. „Und die Gerüchte? Die sind keine Gerüchte mehr, oder? Daniel und ich sind geschieden. Und ich wünsche ihm alles Gute mit seiner neuen Flamme. "
Der Reporter war überrascht von meiner Offenheit. „Sie sagen, ‚neue Flamme '? Aber Herr Siemens sprach von einer lange zerrütteten Ehe. Und er hat Ihnen immer die schönsten Geschenke gemacht. Die Diamantkette, die Sie zu Ihrer Verlobung bekamen zum Beispiel… "
Ich lachte leise. Eine bitterliche Ironie schwang in meinem Ton mit. „Ach, die Diamantkette. " Ich erinnerte mich nur zu gut daran. „Die hat Daniel gekauft, weil er vergessen hatte, dass unser dreijähriges Jubiläum war. Er hat sie schnell im Duty-Free-Shop am Flughafen gekauft, bevor er aus einer Geschäftsreise zurückkam. Er hat sie mir mit einem Lächeln überreicht und ich habe sie als Zeichen seiner Liebe missverstanden. "
Die Worte trafen den Reporter. Er notierte hastig. Meine damalige Verlobung, das war ein schneller Kauf gewesen, weil er einen Fehler ausbügeln wollte. Nicht aus Liebe. Ich hatte das damals nicht sehen wollen.
„Frau Lücke, eine letzte Frage ", sagte der Reporter, seine Augen bohrten sich in meine. „Lieben Sie Daniel Siemens noch? "
Die Frage hallte in der ohnehin schon lauten Halle nach. Die Kameras surrten leise, ihre Linsen waren auf mich gerichtet. Die Augenpaare der Anwesenden, neugierig, erwartungsvoll. Daniel, der sich gerade zu Annabella beugte, schien innezuhalten.
Ich spürte mein Herz. Es war ruhig. Kalt. Es gab keine Spur der alten Liebe. Nur die Narben, die er hinterlassen hatte. Ich sah den Reporter an, dann die Kameras, dann, für einen ganz kurzen Moment, zu Daniel. Sein Blick traf meinen. Ich sah seine Verwirrung.
„Nein ", sagte ich, meine Stimme klar und fest. „Ich liebe Daniel Siemens nicht mehr. Ich habe ihn einmal geliebt. Aber das ist lange her. Diese Gefühle sind verschwunden. Für immer. "
Ein Raunen ging durch die Menge. Daniel erstarrte. Annabella sah mich mit weit aufgerissenen Augen an, ihr Lächeln war zu einer bitteren Grimasse verzerrt. Ich hatte ihr die Show gestohlen.
Ich drehte mich um und ging. Ohne einen weiteren Blick zurück. Die Menge teilte sich wie das Rote Meer. Ich war frei.
Die nächsten Tage waren ein Medienspektakel. Die Zeitungen warfen mir vor, Daniel Siemens öffentlich gedemütigt zu haben. Ich war die „eiskalte Ex ", die „rachsüchtige Hexe ". Annabella wurde als „unschuldiges Opfer " dargestellt, das unter meiner „Grausamkeit " litt. Daniel war der „stolze Mann ", der seine „verletzte Liebe " schützte.
Daniel Siemens gab ein Statement ab, das seine PR-Berater ihm in den Mund gelegt hatten. „Meine Scheidung war einvernehmlich. Ich wünsche Maileen alles Gute. Aber ich werde Annabella vor jeder Anfeindung schützen, egal was es mich kostet. " Er betonte, dass meine Worte „unbegründet " seien und aus „Verbitterung " sprächen.
Die Öffentlichkeit verurteilte mich. Meine sozialen Medien wurden mit Hassbotschaften überflutet. Mein altes Leben wurde in den Schmutz gezogen. Meine Karriere als PR-Beraterin, die ich für Daniel aufgegeben hatte, war in diesem Moment unmöglich. Ich war das Feindbild.
Annabella veröffentlichte eine Reihe von Fotos, die sie weinend in Daniels Armen zeigten. Sie sprach von Panikattacken und Suizidgedanken. Das Mitgefühl der Öffentlichkeit war ihr sicher.
Eines Abends, als ich meine letzten Sachen aus dem Penthouse holte, stand Daniel vor mir. Er sah mich an, seine Augen waren leer. „Maileen, das… das war unnötig. Du hättest mich nicht so angreifen müssen. "
Ich schüttelte den Kopf. „Angriff? Ich habe die Wahrheit gesagt, Daniel. "
„Aber… ich habe dir versprochen, dass wir einen Weg zurückfinden würden. Ich habe dir versprochen, dich zu beschützen. " Seine Stimme war leise. Er klang verloren.
Ich sah ihn an. Ich sah die Reporter, die sich vor der Tür versteckten. Er versuchte immer noch, die Kontrolle zu behalten. Er versuchte immer noch, mich in seine Erzählung zu zwängen.
„Daniel ", sagte ich, meine Stimme fest. „Es gibt keinen Weg zurück. Ich werde Berlin verlassen. Für immer. "
Seine Augen weiteten sich. „Verlassen? Aber… wohin willst du? Ich kann dich nicht gehen lassen. Ich meine… das müssen wir doch besprechen. "
Ich lächelte, ein Lächeln, das ihn erzittern ließ. „Besprechen? Nein. Es gibt nichts zu besprechen. Ich habe dir gesagt, ich unterschreibe, ich verzichte auf alles, und ich verschwinde aus deinem Leben. Du hast zugestimmt. "
Er starrte mich an, unfähig, ein Wort hervorzubringen.
„Du hast geglaubt, ich würde warten. Du hast geglaubt, ich wäre dein Eigentum, das du nach Belieben weglegen und wieder hervorholen kannst, wenn es dir passt. Du hast dich geirrt. " Meine Stimme war ein eisiger Hauch.
Meine Gedanken rasten. In meinem früheren Leben hatte ich mich an seine Worte geklammert. Ich hatte geglaubt, er würde mich zurückhaben wollen. Ich hatte geglaubt, er würde mich retten. Ich hatte geglaubt, ich könnte ihn dazu bringen, mich wieder zu lieben. Aber ich hatte mich geirrt. Er hatte mich nie geliebt. Er hatte mich nur benutzt.
Ich hatte in meinem früheren Leben darauf gewartet, dass er mich zurückholt, bis ich zerbrochen war. Aber nicht diesmal. Diesmal war ich die Jägerin. Ich war diejenige, die die Regeln machte.
Ich drehte mich um, meine Hand am Griff meines kleinen Koffers. „Ich gehe nach München. Und ich werde dort ein neues Leben beginnen. Ohne dich. " Mein Lächeln war jetzt ein triumphierendes, kaltes Glühen. „Und Daniel, ich habe das Gefühl, das wird ein sehr interessantes neues Leben für mich. Und ein sehr… unglückliches für dich. "