Kapitel 3
„Du hast so viel durchgemacht, Amelia. Es tut mir von Herzen leid.“
Kaum betrat Amelia das Wohnzimmer, griff Laura eilig nach ihrer Hand und sprach mit sanfter Dringlichkeit.
Nicht ein einziges Jahr schien an Laura Spuren hinterlassen zu haben, obwohl sie bereits in den Fünfzigern war, hätte man sie dank ihrer sorgfältigen Pflege leicht für vierzig halten können.
Ihre sonst so gefassten Züge spiegelten jetzt aufrichtige Sorge wider.
Solange Amelia denken konnte, hatte Laura ihr stets Güte entgegengebracht. Immer wenn Jaxton sich danebenbenahm, war Laura da, um sie zu verteidigen und ihn zurechtzuweisen.
Doch Lauras Ermahnungen blieben stets mild und wirkliche Konsequenzen gab es nie.
Auch heute war es nicht anders.
Laura richtete ihren durchdringenden Blick auf ihren Sohn. „Entschuldige dich sofort bei Amelia.“
Normalerweise hätte Amelia die Situation heruntergespielt und gesagt, es sei nicht so schlimm.
Doch diesmal fühlte sie sich einfach nur müde. Bevor Jaxton den Mund öffnen konnte, sagte sie: „Laura, ich habe Kopfschmerzen. Ich lege mich oben ein wenig hin.“
Ein einziger Blick auf Amelias blasse Wangen reichte Laura. „Natürlich, ruh dich aus. Ich lasse dir Bescheid sagen, wenn das Abendessen fertig ist.“
Mit einem leichten Nicken ging Amelia leise die Treppe hinauf.
Kaum war sie außer Sicht, riss Laura die Geduld. Sie wandte sich scharf an ihren Sohn. „Bist du völlig verrückt geworden? Warum lässt du dich mit Rickys unehelicher Tochter ein?“
„Mutter, unehelich hin oder her, sie ist Rickys Tochter. Und außerdem kannte Janessa Ricky zuerst. Was sie hatten, war echte Liebe.“
„Du!“
Wut stieg in Laura so heftig auf, dass sie sich festhalten musste, als Schwindel sie überkam.
Sie atmete tief durch, zwang sich zur Ruhe und sprach dann mit gefasster Stimme: „Was du mit Dayna machst, ist deine Sache. Aber eines musst du dir merken, Amelia ist deine Verlobte. Nur sie wird von dieser Familie jemals als deine Ehefrau akzeptiert werden.“
Das war nicht das erste Mal, dass Laura das sagte. Jaxton hatte diese Worte schon unzählige Male gehört.
Doch diesmal fragte er sie: „Mutter, willst du Amelia als Schwiegertochter, weil du Katrina etwas schuldest, oder wegen der sechzig Prozent Firmenanteile, die ihr gehören?“
Profit stand für Geschäftsleute immer an erster Stelle.
Und Laura war keine Ausnahme.
Ihre Zustimmung zur Verlobung beruhte nie allein auf ihrer Freundschaft mit Katrina, Amelias Anteile wogen schwer in der Entscheidung.
Katrina hatte die Flynn-Gruppe selbst aufgebaut. Und selbst nach ihrem frühen Tod hatte sie Amelia sechzig Prozent der Firmenanteile hinterlassen.
Laura sagte: „Da du weißt, dass Amelia sechzig Prozent der Firmenanteile hält, solltest du sie gut behandeln. Jaxton, ich tue das alles nur zu deinem Besten. Eine Ehe mit Amelia ebnet dir den Weg zum Erfolg. Dayna kann ihr weder äußerlich noch in ihren Fähigkeiten das Wasser reichen. Wenn du dich weiter mit Dayna einlässt, wirst du nur Amelia verletzen und sie enttäuschen. Eines Tages wirst du das bereuen. Du—“
„Hör auf, Mutter. Das reicht. Ich habe nie gesagt, dass ich Amelia nicht heiraten werde.“ Verärgert fiel Jaxton ihr ins Wort und stürmte die Treppe hinauf.
Im Zimmer im zweiten Stock saß Amelia auf dem Sofa beim Fenster und blickte still auf den sanften Wasserstrahl des Brunnens im Garten hinab.
In diesem Moment vibrierte ihr Handy plötzlich mit einer eingehenden Nachricht.
Ihre Augen weiteten sich, als sie das Foto sah, das sie gerade erhalten hatte.
Darauf lagen zwei silberne Eheringe, die schlicht, elegant wirkten und genau ihrem Geschmack gehörten.
„Gefällt es dir?“ Wyatts Nachricht erschien unter dem Foto.
Amelia zögerte nicht, zurückzuschreiben: „Was ist das?“
„Gefällt es dir?“ Wyatt wiederholte nur die Frage.
Sie atmete tief durch, zögerte einen Moment und schrieb schließlich: „Ja, das tun sie.“
Nachdem die Nachricht gesendet worden war, blieb es auf Wyatts Seite still.
Amelia ahnte nicht, dass sich bei Wyatt ein kaum merkliches Lächeln auf seine Lippen stahl, als er ihre Antwort las.
Dieses ungewohnte Ausdruckspiel entging dem Mann an seiner Seite nicht. „Hast du gerade gelächelt? Wer bist du, und was hast du mit dem echten Wyatt gemacht?“, scherzte der Mann.
Wyatts Lächeln verschwand augenblicklich, als er den spöttischen Kommentar seines Freundes hörte.
Der Wechsel in seinem Gesicht war so abrupt, dass Marc fast glaubte, er hätte sich das Lächeln nur eingebildet.
„Wie geht es Frau Davis?“
Wyatt sprach von Amelias Großmutter.
Marcs Tonfall wurde ernst, als er antwortete: „Es hat sich nichts verbessert. Ihr Herz wird immer schwächer. Selbst wenn ich mein Bestes gebe, fürchte ich, sie hat nicht mehr viel Zeit.“
„Dann bist du wohl doch nicht so fähig, wie alle sagen.“
Kein Arzt mochte es, wenn an seinen Fähigkeiten gezweifelt wurde, da bildete Marc keine Ausnahme, schon gar nicht als international anerkannter Spezialist.
Er funkelte Wyatt an. „Was soll das heißen? Ich bin Arzt, kein Wunderheiler. Und was Frau Davis betrifft, ich verstehe nicht, warum du darauf bestanden hast, sie über das Angebot der Familie Morrison behandeln zu lassen.“
Diese Vereinbarung ließ ihn aussehen, als ginge es ihm nur ums Geld.
Wyatt aber gab keine Erklärung. Stattdessen richtete er seinen Blick auf die Zeichnungen, die über den Tisch verstreut lagen.
Auf dem Papier war das Design eines Ringsets zu sehen, das er genau Amelia gerade gezeigt hatte.