Kapitel 3

Nina wollte nicht zum Blackwell-Sommerbankett gehen. Wenn sie hinging, würde sie Julian und Aria dabei beobachten müssen, wie sie sich zärtlich miteinander umarmten.

Es wäre, als würde man ihr ein Messer direkt ins Herz stoßen.

Doch die Einladung war persönlich von Edmund verfasst worden. „Nina, die zehn Jahre sind fast vorbei. Dies wird das letzte Familienbankett sein. Du musst kommen.“

Sie verstand. Es war sowohl eine würdevolle Abschiedszeremonie als auch eine letzte Warnung. Als sie ging, durfte sie die Regeln der Familie Blackwell nicht brechen.

Das Bankett fand im jahrhundertealten Rosensaal des Blackwell-Anwesens statt. Einflussreiche Persönlichkeiten aus ganz der Ostküste waren anwesend, gekleidet in maßgeschneiderte Anzüge und funkelnde Juwelen. Unter den höflichen Lächeln und Gelächter jedoch trug jedes Wort eine scharfe Kante.

Sobald Nina in den Saal trat, richtete sich ihr Blick sofort auf den Ehrentisch. Julian stand dort in einem schwarzen, maßgeschneiderten Anzug, die Augen hinter goldgerahmten Brillen ruhig und tief wie das Meer blickend.

Aria lehnte neben ihm, gehüllt in ein weinrotes Meerjungfrauen-Kleid, das sie atemberaubend schön wirken ließ. Sie lächelte und strich ihm sanft die Krawatte glatt.

Plötzlich hob Julian sein Glas. Seine Stimme war leise, doch sie drang klar durch den Saal. „Heute stelle ich Aria Monroe allen hiermit offiziell vor. Sie ist meine Verlobte und die einzige Frau, die ich je lieben werde.“

Die einzige Frau, die er je lieben werde…

Nina bohrte ihre Nägel so tief in ihre Handfläche, dass der scharfe Schmerz das Einzige war, was verhinderte, dass sie die Kontrolle verlor.

Für einen Moment wurde es still im Saal.

Dann brach tosender Applaus los.

Doch Nina bemerkte deutlich, dass mehrere Patriarchen alter Familien sich verstohlen ansahen. Ihre Gesichter zeigten komplexe Züge und waren voller Bedeutung.

Sie alle wussten es.

Vor zehn Jahren war Julian nichts weiter als ein unehelicher Sohn, der von seinem Onkel unterdrückt wurde, und Nina war diejenige, die während drei Attentaten und zwei gewalttätigen Schießereien an seiner Seite geblieben war.

Sie wussten auch, dass die Mafia im letzten Jahr versucht hatte, ihn mit einer Lockvogel-Liste zu fangen und dass jene Frau am selben Abend ihre Glieder abgetrennt und ins Hafenbecken geworfen bekommen hatte.

Sie wussten auch, dass Julian niemals einer Frau nahegekommen war, außer Nina.

Einmal war Nina die einzige Ausnahme gewesen. Nun war Aria diejenige, die offen und legitim an seiner Seite stehen konnte.

Nina hob ihr Champagnerglas, um die Schmerzen in ihrem Inneren zu verbergen, doch ihr zitternder Finger verriet sie.

Zehn Jahre Leben und Tod an seiner Seite bedeuteten weniger als ein einziger Satz – die einzige Frau, die er jemals lieben würde.

Aria trat plötzlich näher, ein süßes Lächeln auf den Lippen. „Nina, du bist auch gekommen? Ich dachte, du traust dich nicht, dieser Situation zu begegnen.“

Nina blickte sie nicht einmal an. Sie nahm einen kleinen Schluck Champagner. „Welcher Situation? Der Reichtum, nach dem du nach zehn Jahren weg gewesen bist zurückgekehrt bist?“

Arias Gesicht erstarrte. „Was soll das heißen?“

„Genau das, was es klingt.“ Nina hob endlich ihren Blick, ihre Augen voller Verachtung. „Vor zehn Jahren, als Julian durch die Stadt gejagt wurde und in einem Hafengebäude Stalebrot aß, wo warst du? Du hast Hochzeitskleider im Ausland mit einem anderen Mann ausprobiert!“

Ihre Stimme war nicht laut, aber jedes Wort war deutlich. Gerade jetzt, wo er fest an der Spitze der Blackwell- Gruppe sitzt und die Hälfte der Ostklippe kontrolliert, tauchst du plötzlich wieder auf. Fräulein Monroe: Liebst du Julian oder den Erben der Blackwell-Gruppe?“

Arias Gesicht wurde aschfahl. „Das ist Unsinn! Meine Familie hat mich gezwungen wegzugehen!“

„Wirklich?“ Nina lachte kalt auf. „Dann warum suchte er drei Jahre lang nach dir – ohne eine einzige Antwort zu erhalten? Doch sobald vor einem Monat eine Finanzzeitschrift berichtete, dass der Wert der Blackwell-Gruppe eine Billion Euro überschritten hatte, da wurde dir plötzlich das Herz schwer vor Sehnsucht und du stürmtest zurück?

Rundherum taten die Gäste so, als würden sie weiter reden, doch alle Ohren lauschten gebannt auf das Gespräch.

Das war keine gewöhnliche Rivalität zwischen zwei Frauen. Das war das öffentliche Ablösen von Arias Maske.

Arias Augen wurden rot und ihre Stimme zitterte. „Julian! Siehst du nicht, wie sie mich beschimpft?“

Julian trat mit gerunzelter Stirn näher, während seine Stimme eine Warnung trug. „Nina, das reicht.“

Nina sah ihn an und lachte plötzlich. „Julian, glaubst du ihr wirklich? Die Frau, die davongelaufen ist, als du am Boden warst?“

Julians Blick verdunkelte sich. „Die Vergangenheit ist am besten in der Vergangenheit.“

„Gut.“ Nina stellte ihr Glas ab und drehte sich weg. „Ich wünsche euch beiden ein gemeinsames Leben. Möge euch niemals eine Trennung beschieden sein.“

Sie ging durch die Menge und verließ den Rosensaal.

Nina atmete tief durch. Sie hatte gerade eine Seitengasse betreten, um ein Auto zu rufen, als ein scharfer Schmerz ihren Nacken traf.

Jemand griff von hinten nach ihr und presste ein mit Betäubungsmittel getränktes Tuch auf Mund und Nase.

Sie wehrte sich, doch ihre Glieder wurden schnell schwach und ihre Sicht verschwamm.

Das letzte, was sie sah, war ein schwarzer Van ohne Kennzeichen vor dem Eingang der Gasse. Die Tür glitt auf und gab einen Blick auf gepolsterte Lederstiefel frei.

Eine Stimme sagte leise. „Herr Blackwell sagte, sie darf nicht getötet werden. Bringt sie zum Lagerhaus Nummer 3 am Hafen.“

Ninas Herzschlag setzte aus. Waren das Julians Männer?

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Er ließ mich ertrinken, ein anderer Mann lehrte mich die Liebe

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