Kapitel 1
Die schweren Eichentüren der Hochzeitssuite konnten den Schall nicht abhalten. Die große Orgel der Trinity Church hallte durch das dicke Holz, der Hochzeitsmarsch vibrierte gegen die Dielen.
Anissa Roy stand vor dem raumhohen Spiegel. Sie starrte die Frau an, die sich im Glas spiegelte. Das maßgeschneiderte Vera Wang-Kleid verschluckte sie in Schichten aus makellosem weißem Tüll.
Ihre Augen, normalerweise sanft und gefügig, veränderten sich. Der Nebel der Verwirrung löste sich auf, ersetzt durch eine Klarheit, die so kalt war, dass ihre Brust schmerzte.
Sie grub ihre manikürten Nägel in die Mitte ihrer Handfläche. Der scharfe, beißende Schmerz durchdrang ihre Haut. Ihr Atem stockte.
Sie war nicht tot. Der eisige New Yorker Schneesturm, der in ihrem früheren Leben ihr Herz zum Stillstand gebracht hatte, war vorbei. Sie war wirklich zurück. Zurück im Heute.
Die Tür der Suite flog auf. Sie schlug mit einem heftigen Knall gegen die Wand.
Connor Snow stürmte herein. Sein Telefon hielt er fest in der Hand, sein Gesicht war blass und panisch.
Er sah sie nicht einmal an. Er zupfte an seiner schwarzen Fliege, sein typisches Zeichen, wenn er in die Enge getrieben wurde oder log.
„Ich muss los", platzte Connor heraus, seine Stimme war angespannt. „Seraphina war am Set. Das Kabel ist gerissen. Sie hat sich das Bein gebrochen. Sie wurde gerade ins Mount Sinai gebracht."
In ihrem früheren Leben hatte Anissa gebettelt. Sie hatte geweint, bis ihr die Kehle blutete, und sich an sein Smoking-Jackett geklammert.
Jetzt sah sie ihn nur an. Ihr Gesicht war eine Maske aus Eis. Sie beobachtete, wie er panisch wurde, wie ein erbärmlicher Clown, der einen billigen Trick vorführt.
Connor hielt inne. Ihr Schweigen fühlte sich falsch an. Er runzelte die Stirn, ein Anflug von Verwirrung huschte über seine Augen, doch seine Panik begrub es schnell.
„Du musst da rausgehen", befahl er und zeigte zur Tür. „Kümmere dich um die Reporter von Page Six und Vanity Fair. Halte meinen Großvater Aurthur ruhig. Denk dir eine Ausrede aus."
„Ich mache es später wieder gut", warf er das leere Versprechen über die Schulter, sich bereits abwendend. Er sprintete ohne das geringste Zögern zum Hinterausgang der Kirche.
Aus dem Flur ertönten Schnappatmungen. Die Trauzeugen riefen seinen Namen. Connors Flucht sorgte bereits für Aufsehen.
Anissa ging langsam zum Fenster. Sie blickte hinunter in die Gasse. Connors silberner Aston Martin raste aus dem Parkplatz und hinterließ eine Abgasfahne.
Ein kaltes, spöttisches Grinsen zog sich über ihre Lippen.
Das scharfe Klicken von Absätzen hallte aus der offenen Tür. Ashlee Roy trat ein. Sie trug ein elfenbeinfarbenes Brautjungfernkleid, doch die maßgeschneiderte Anfertigung und der übermäßige Besatz mit Diamantakzenten am Oberteil machten es weitaus luxuriöser als ein Standardkleid einer Begleiterin, subtil entworfen, um die Braut zu überstrahlen, ohne die Grenze zur offensichtlichen Sabotage zu überschreiten.
Ashlees Gesicht war zu einer Maske tiefer Besorgnis verzerrt, doch der bösartige Glanz in ihren Augen verriet sie.
„Oh, Anissa", seufzte Ashlee laut, um sicherzustellen, dass die Brautjungfern im Flur es hören konnten. „Connor ist seinen Freunden einfach zu loyal. Du kannst ihm nicht vorwerfen, dass er gegangen ist."
Anissa drehte sich um. Sie zog ihren schweren Rock über den Teppich. Ihre Augen fixierten ihre Adoptivschwester, scharf wie zerbrochenes Glas.
Ashlee trat einen Schritt zurück. Ein plötzlicher, unerklärlicher Schauer kroch ihr den Rücken hinauf.
Sie zwang sich zu einem Lächeln und streckte die Hand aus, um Anissas Arm zu greifen. „Komm schon. Lass uns rausgehen und uns vor den Gästen verbeugen. Du musst dich entschuldigen."
Anissa zögerte nicht. Sie schwang ihre Hand und schlug Ashlees Handgelenk weg.
Der Schlag war laut und deutlich.
Ashlee schnappte nach Luft. Sie hielt ihre Hand an ihre Brust. Die Haut auf ihrem Handrücken wurde leuchtend rot. Tränen sammelten sich sofort in ihren Augen.
Lorraine Roy drängte sich durch die Menge an der Tür. Sie sah Ashlee weinen und eilte vorwärts.
„Was zum Teufel ist los mit dir?", schrie Lorraine und zog Ashlee hinter sich.
Lorraine zeigte mit zitterndem Finger auf Anissas Gesicht. „Die Aktien der Familie Roy können nicht abstürzen, nur weil du zu erbärmlich bist, einen Mann in deinem Bett zu halten!"
„Mach dein Make-up in Ordnung", befahl Lorraine, ihr Atem war schwer. „Geh in die Haupthalle. Gib bekannt, dass die Hochzeit verschoben wird. Sag ihnen, es ist deine Schuld."
Das erdrückende Gewicht ihres früheren Lebens drückte auf Anissas Brust. Doch die wiedergeborene Anissa empfand nur ein tiefes, hohles Gefühl der Absurdität.
„Die Hochzeit wird nicht verschoben", sagte Anissa. Ihre Stimme war flach und durchdrang die Schimpftirade ihrer Mutter.
Lorraine und Ashlee erstarrten. Sie starrten sie an, überzeugt, dass die Demütigung sie endlich den Verstand verlieren lassen hatte.
Anissa erklärte nichts. Sie griff nach ihrem schweren Tüllrock, hob ihn an und ging direkt an den beiden Frauen vorbei.
„Wohin gehst du?", rief Ashlee von hinten. „Die gesamte Elite von New York wartet da draußen darauf, dich auszulachen!"
Anissa blickte nicht zurück. „Ich hole mir einen neuen Bräutigam."
Sie streckte die Hand aus und stieß die schweren Doppeltüren auf, die zum VIP-Korridor der Familie Snow führten.
Kapitel 2
Anissa stand vor den geschnitzten Holztüren der VIP-Suite. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, aber ihre Hände waren ruhig.
Zwei Männer in schwarzen Anzügen traten vor die Tür und versperrten ihr den Weg.
„Mr. Harding Snow befindet sich in einer geschlossenen Besprechung mit Mr. Aurthur Snow", sagte der Wachmann, seine Stimme emotionslos. „Keine Unterbrechungen."
Anissa sah ihn direkt in die Augen. Sie zitierte eine spezifische Unterklauselnummer. Es war eine streng geheime Notfalllücke bezüglich der Nachfolge des Snow-Familientreuhandfonds – ein streng gehütetes Geheimnis, von dem sie Connor betrunken prahlen gehört hatte.
Der Kiefer des Wachmanns spannte sich an. Er drückte zwei Finger an sein Ohrstück und flüsterte in sein verstecktes Mikrofon.
Drei Sekunden vergingen. Ein schweres mechanisches Klicken hallte aus dem Holz wider. Die Tür entriegelte sich. Die Wachmänner traten beiseite.
Anissa betrat den schwach beleuchteten Raum. Die Luft war dick vom scharfen Geruch von schwarzem Kaffee und teurem Zigarrenrauch.
Harding Snow saß in einem einzelnen Ledersessel. Seine langen Beine waren übereinandergeschlagen. Er blätterte beiläufig durch einen dicken Stapel Fusionsdokumente.
Aurthur Snow saß ihm gegenüber. Das Gesicht des alten Mannes war purpurrot vor Wut. Er wusste bereits von dem schändlichen Abgang seines Enkels.
Harding blickte auf. Seine tiefen, graublauen Augen fixierten Anissa durch seine goldgerahmte Brille. Sein Blick war ein Abgrund, der absolut nichts verriet.
Aurthur umklammerte seinen Stock. „Sind Sie hier, um die Zeremonie abzusagen, Anissa? Es tut mir zutiefst leid, was Connor getan hat."
Anissa richtete ihren Rücken auf. Sie sah die beiden mächtigsten Männer der Wall Street an und ließ die Bombe platzen.
„Die Hochzeit findet wie geplant statt", sagte Anissa klar. „Aber der Name des Bräutigams ändert sich."
Aurthur schnappte nach Luft. Seine Knöchel wurden weiß um seinen Stock. „Sind Sie verrückt? Wollen Sie einen zufälligen Trauzeugen zum Altar schleppen?"
Anissa verlagerte ihren Blick. Sie sah direkt den schweigenden Mann im Sessel an. „Ich heirate Harding Snow."
Der Raum verfiel in eine tote, erstickende Stille. Aurthur sog scharf die Luft ein. Hardings Finger hörten auf, die Seite umzublättern.
Harding schloss langsam den Ordner. Er lehnte sich vor. „Haben Sie eine Ahnung, was Sie da gerade sagen?"
Anissa trat einen Schritt näher. „Die gegenseitige Nutzenvereinbarung, die wir letztes Jahr auf der Gala kurz besprochen haben."
Sie sah ihn mit absoluter, unerschütterlicher Sicherheit an. „Sie brauchen eine Frau, um den Vorstand zu beruhigen und den Druck der Familie bezüglich Ihrer Nachfolge zu bewältigen. Ich brauche eine Festung, um die Folgen des heutigen Tages zu überleben. Ihr Name ist der einzige, der stark genug ist, mich zu schützen, und ich bin die einzige Frau in New York, die verzweifelt genug ist, ihre Freiheit ohne Fragen zu unterschreiben. Es ist eine Win-Win-Situation."
Eine dunkle, unmerkliche Welle durchzog Hardings Augen. Er stand auf. Sein massiger Körper verschluckte sofort das Licht im Raum und strahlte pure Dominanz aus.
Er ging, bis er nur noch wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt war. Er blickte herab, seine Stimme ein tiefes Grollen in seiner Brust. „Wenn Sie diesen Vertrag unterschreiben, Anissa, gibt es kein Zurück mehr. Niemals."
Sie zuckte nicht zusammen. Sie hob ihr Kinn. „Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich habe keine Angst vor der Dunkelheit."
Aurthur stand plötzlich auf, sein Stock zitterte. „Tun Sie es, Harding! Das rettet das Ansehen der Familie. Und es schließt diesen undankbaren Bastard Connor vollständig von der Nachfolge des Treuhandfonds aus!"
„Wenn Sie zustimmen, Harding", atmete Aurthur schwer, „werde ich die Anwälte die Dokumente und die Kirchenbildschirme sofort ändern lassen."
Harding starrte in Anissas unerschütterliche Augen. Die Stille dehnte sich über zehn qualvolle Sekunden. Schließlich gab er ein einziges, langsames Nicken.
Er wandte sich an seinen Executive Assistant, der an der Wand stand. „Leiten Sie Plan B ein. Sie haben fünf Minuten Zeit, alle physischen und digitalen Materialien zu ersetzen."
Ein plötzlicher Tumult brach vor der Tür aus. Ashlee drängte sich an den Wachmännern vorbei und stolperte in den Raum.
Sie sah Anissa gefährlich nah bei Harding stehen. „Was tun Sie da?", kreischte Ashlee. „Versuchen Sie, Ihren Älteren zu verführen? Sie sind ekelhaft!"
Anissa sagte kein Wort. Sie überbrückte die Distanz zwischen ihnen, hob ihre Hand und verpasste Ashlee eine brutale Ohrfeige ins Gesicht.
Das scharfe Klatschen hallte von den Wänden wider. Ashlee stürzte zu Boden, umklammerte ihre brennende Wange und schrie vor Schock.
Harding blinzelte nicht. Er griff in seine Tasche, zog ein Seidentaschentuch heraus und reichte es Anissa.
„Machen Sie sich nicht die Hände schmutzig", sagte Harding sanft.
Kapitel 3
Der Korridor, der zur Haupthalle führte, war dunkel und schmal. Harding beugte seinen Arm und bot ihn ihr an.
Anissa schob ihre Hand durch die Beuge seines Ellbogens. Ihre Finger streiften den maßgeschneiderten Stoff seines Anzugs. Die plötzliche, intensive Wärme seines Körpers strahlte durch das Material.
Die Wärme traf sie wie ein physischer Schlag. Ihr Gehirn setzte aus. Eine heftige Welle von PTSD überrollte sie.
Die schwachen Wandleuchter verschwammen. Der Flur verdrehte sich und verwandelte sich in die eisigen, schneebedeckten Straßen von New York aus ihrem früheren Leben.
Sie erinnerte sich an die quälende Kälte. Ashlee hatte sie reingelegt. Die Familie Roy hatte sie ohne einen Cent rausgeworfen. Die Temperatur lag bei zwanzig Grad unter Null.
Sie erinnerte sich, wie sie Connors Nummer mit erfrorenen Fingern wählte. Sie erinnerte sich, Seraphinas süße, kichernde Stimme am anderen Ende zu hören, bevor die Leitung tot war.
Sie erinnerte sich an Lorraines Stimme auf der Mailbox. Stirb auf der Straße, Anissa. Blute nur nicht auf meine Teppiche.
Das Phantom-Eis krallte sich in ihre Lungen. Ihre Brust zog sich zusammen. Sie konnte nicht atmen. Ihre Knie knickten ein, und sie stolperte vorwärts.
Hardings Arm schoss hervor. Seine große Hand umklammerte ihre Taille und hielt sie fest. Er zog sie eng an seine feste Brust und stoppte ihren Fall.
„Hast du Angst?", dröhnte seine Stimme direkt an ihrem Ohr, tief und unglaublich erdend.
Anissa blickte auf. Sie starrte auf die scharfen, perfekten Linien seines Kiefers. Die Erinnerungen verschoben sich erneut.
Sie erinnerte sich, wie sie über ihrem eigenen toten Körper schwebte.
Sie sah Harding. Den rücksichtslosen Tyrannen der Wall Street, der in einer sterilen Leichenhalle stand. Er hatte seinen eigenen Wollmantel ausgezogen und ihn über ihre gefrorene Leiche gelegt.
Sie sah seine private bewaffnete Sicherheit das Roy-Anwesen stürmen und ihre Asche gewaltsam an sich nehmen.
Sie sah ihn allein auf einem privaten Friedhof in Long Island stehen, wo er eine Beerdigung für eine Frau abhielt, mit der er im Leben kaum gesprochen hatte.
Sie erinnerte sich an das erstickende Gewicht der Erde, die erschreckende Endgültigkeit des Todes. Sie erinnerte sich an den schieren, unbegreiflichen Schock, heute aufzuwachen, zu atmen, ihr Herz in ihrer Brust schlagen zu fühlen. Warum war sie zurück? Wie war sie zurück? Das Universum hatte ihr eine zweite Chance gegeben, eine wundersame Umkehrung des Schicksals, die jeder Logik widersprach. Und in diesem neuen Leben war der einzige Mann, dem sie vertrauen konnte, derjenige, der ihr Gnade erwiesen hatte, als sie nichts als eine Erinnerung war. Er hatte auf diesem eisigen Friedhof gestanden, eine einsame Gestalt absoluter Macht, und ihr die Würde im Tod gegeben, die ihr eigenes Blut ihr verwehrt hatte.
In der Gegenwart gruben sich Anissas Finger in seinen Arm. Ihre Knöchel wurden kreidebleich.
Sie holte einen keuchenden Atemzug. Sie schob die Verletzlichkeit tief in ihren Magen und schüttelte den Kopf. „Mir ist gerade klar geworden, dass es zu spät ist."
„Zu spät, um zu sehen, wer sie wirklich sind", flüsterte sie, ihre Stimme verhärtete sich zu Stahl. „Aber früh genug, um sie zu zerstören."
Harding blickte auf sie herab. Seine Augen fielen auf die leichte Rötung an den Augenwinkeln. Eine gewalttätige, erschreckende Dunkelheit blitzte in seinen Pupillen auf.
Die Stimme seines Assistenten knisterte über das Funkgerät. „Herr. Die Bildschirme in der Haupthalle sind neu gestartet. Die Presse ist in Position."
Harding hob seine Hand. Er richtete sanft den Rand ihres Spitzenschleiers. Die Sanftheit seiner Berührung widersprach völlig der tödlichen Aura, die ihn umgab.
„Sobald wir diese Türen aufstoßen", sagte Harding mit tiefer, rauer Stimme, „sind Sie die Gastgeberin von Manhattan. Niemand wird Sie jemals wieder dazu bringen, den Kopf zu senken."
Die Orgelmusik verstummte abrupt. Eine Sekunde später erschütterten die großen, imposanten Akkorde eines königlichen Hochzeitsmarsches die Wände.
Die schweren Eichentüren am Ende des Saals wurden langsam von zwei Platzanweisern aufgestoßen. Blendendes weißes Licht von Hunderten von Kamerablitzen ergoss sich in den dunklen Korridor.
Anissa streckte ihren Rücken. Sie hob ihr Kinn, ihre Augen verwandelten sich in Eisstücke. Sie sah aus wie eine Königin, die ein Schlachtfeld betritt.
„Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Onkel", flüsterte sie.
Harding hörte das Wort. Sein Kiefer zuckte. Ein dunkles, besitzergreifendes Grinsen berührte seine Lippen.
„Gemäß den juristischen Dokumenten, die gerade ausgearbeitet werden", korrigierte Harding sie, „werden Sie mich Ehemann nennen."
Die Türen öffneten sich vollständig. Tausend Augen und Kameralinsen richteten sich direkt auf sie.