Kapitel 1

Claire Pages Augen rissen auf.

Das Erste, was sie wahrnahm, war der Schmerz. Jeder Muskel in ihrem Körper schrie auf vor Protest, ihre Hüften pochten mit einem tiefen, bis auf die Knochen gehenden Schmerz, der sie dazu brachte, sich zusammenzurollen und sich nie wieder bewegen zu wollen. Drei Sekunden lang lag sie still da und starrte an die unbekannte Decke der Präsidentensuite des Bulgari Hotels, während das Morgenlicht in dünnen, anklagenden Streifen durch die durchsichtigen Vorhänge sickerte.

Sie sog die Luft ein. Die Luft schmeckte nach teurem Kölnischwasser, nach Sex und nach etwas anderem, das sie nicht benennen wollte.

Claire drehte langsam den Kopf, ihr Nacken war steif, ihre Kopfhaut empfindlich. Die Bewegung ließ sie zusammenzucken. Dort, mehr als die Hälfte des Kingsize-Bettes einnehmend, lag der breite, nackte Rücken von Ellsworth Mosley. Seine Atmung war gleichmäßig, kontrolliert, der Rhythmus eines Mannes, der so schlief, wie er eroberte – tief, vollständig, ohne Träume.

Ihr Magen drehte sich um.

Sie stützte sich auf einen Ellbogen hoch, das Laken aus ägyptischer Baumwolle rutschte von ihrer Brust. Die Bewegung schickte einen stechenden Schmerz zwischen ihre Beine, und sie biss sich fest auf die Unterlippe, um den Laut zu unterdrücken. Ihre Zähne durchbrachen die Haut. Sie schmeckte Kupfer.

Claire schwang ihre Beine über die Bettkante. Ihre Füße berührten den kalten Marmorboden, und ihre Knie knickten sofort ein. Sie umklammerte den Nachttisch mit beiden Händen, ihre Knöchel traten weiß hervor, ihre Fingernägel gruben sich in das polierte Holz. Die Lampe klirrte. Sie hielt den Atem an und wartete.

Ellsworth rührte sich nicht.

Langsam richtete sie sich auf, ihre Wirbelsäule protestierte bei jeder kleinsten Bewegung. Ihr Blick fiel zu Boden. Dort, zu einem Haufen zerstörten Stoffes zerknüllt, lag ihr Kleid. Das burgunderrote Samtabendkleid, für das sie drei Monate gespart hatte. Es war an der Seite aufgerissen, der Reißverschluss sauber abgerissen, der zarte Ausschnitt irreparabel zerfetzt.

Ihr Gesicht brannte. Ihre Kehle schnürte sich zu.

Das Telefon auf dem Nachttisch vibrierte.

Claire zuckte so heftig zusammen, dass sie beinahe die Lampe umgestoßen hätte. Sie riss das Gerät an sich, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, ihre Augen schossen zum Bett. Ellsworths Atmung blieb unverändert. Mit zitternden Fingern entsperrte sie den Bildschirm.

Eine SMS von einer verschlüsselten Nummer, die sie als die von Leo Chen erkannte. Keine Begrüßung. Nur ein PDF-Anhang – eine Überweisungsbestätigung über eine Million Dollar auf das Konto in ihrer Personalakte. Im Verwendungszweck standen drei Buchstaben: NDA.

Zuerst überkam sie die Kälte. Dann das Zittern. Es begann in ihren Händen und breitete sich aus, ein heftiges Beben, das ihre Zähne klappern ließ. Sie umklammerte das Telefon, bis die Hülle knarrte, bis ihre Fingerabdrücke das Glas verschmierten. Eine Million Dollar. Für ihr Schweigen. Für ihren Körper. Für das, was sie niemals zurückbekommen würde.

Sie presste ihre freie Hand auf den Mund. Ihre Augen brannten, heiß und verzweifelt, aber sie würde nicht weinen. Nicht hier. Nicht, wo er aufwachen und es sehen könnte.

Claire stieß sich vom Nachttisch ab. Sie ging auf Beinen, die sich wie geliehen anfühlten, zum Badezimmer, jeder Schritt schickte neue Wellen des Unbehagens durch ihr Becken. Sie schloss die Tür mit einem leisen Klicken hinter sich und drehte den Schlüssel im Schloss um.

Die Dusche lief bereits, als sie bemerkte, dass sie sie angestellt hatte. Sie stand unter dem Wasserstrahl, vollständig bekleidet mit dem Hotelbademantel, den sie an der Tür hängend gefunden hatte, und ließ das kalte Wasser auf ihren Schädel prasseln. Es rann ihr über das Gesicht, den Hals hinab und sammelte sich in der Mulde ihres Schlüsselbeins. Sie ließ den schweren, durchnässten Bademantel wie ein ertrunkenes Ding auf den Duschboden fallen und trat auf die flauschige Badematte. Sie wickelte sich in das dickste Handtuch, das sie finden konnte, bevor sie es wagte, sich ihrer Kosmetiktasche zu nähern. Sie sah zu, wie das Wasser spiralförmig im Abfluss verschwand, und stellte sich vor, wie sie mit ihm davongespült wurde.

Zwanzig Minuten später stand sie in geliehener Stille vor dem Spiegel. Die Frau, die zurückblickte, war eine Fremde. Blass. Mit hohlen Augen. Claire öffnete ihre Kosmetiktasche mit ruhigen Händen – den Händen einer Fachfrau, einer erstklassigen Vorstandsassistentin, die drei Kalender und siebzehn Zeitzonen managen konnte, ohne ins Schwitzen zu geraten.

Sie trug den Concealer in Schichten auf. Der Bluterguss an ihrem Kiefer. Die Male an ihrem Hals. Die fingerabdruckförmigen Schatten an ihren Oberarmen. Sie arbeitete methodisch und verblendete alles, bis ihre Haut wie Porzellan aussah, als wäre nichts geschehen, als wäre sie dieselbe Frau, die vor zwölf Stunden dieses Hotel betreten hatte.

Sie drehte ihr Haar zu einem strengen Knoten im Nacken. Sie zog den Gürtel des frischen, trockenen Hotelbademantels fest, den sie aus dem Schrank genommen hatte. In ihrer Tasche fand sie ihre Brille, das schwere schwarze Gestell, das sie streng, kompetent und unantastbar aussehen ließ.

Als sie die Badezimmertür öffnete, saß Ellsworth Mosley aufrecht im Bett.

Er lehnte am Kopfteil, das Laken an seiner Taille zusammengeschoben, sein Oberkörper nackt und von Muskeln durchzogen, die sich mit seiner Atmung bewegten. In seiner rechten Hand drehte er ein maßgefertigtes, mattschwarzes Feuerzeug immer wieder um, die Flamme loderte auf und erlosch, loderte auf und erlosch. Seine Augen – dunkel, unergründlich, raubtierhaft – fixierten sie mit einer Intensität, die sie dazu brachte, einen Schritt zurück ins Badezimmer machen und die Tür wieder abschließen zu wollen.

„Beeindruckend", sagte er. Seine Stimme war Schotter und Rauch. „Sie wechseln die Rollen schneller, als die NASDAQ eröffnet."

Claire blieb einen Meter vom Fußende des Bettes entfernt stehen. Sie hielt ihr Tablet wie einen Schild vor ihre Brust. „Ich muss in meine Wohnung zurück, um mich umzuziehen. Ich werde um halb neun im Büro sein."

Ellsworths Daumen hielt auf dem Feuerzeug inne. Etwas zuckte über sein Gesicht – Verärgerung vielleicht, oder etwas Heißeres, das sie nicht deuten konnte. Er hatte Tränen erwartet. Betteln erwartet. Erwartet, dass sie zurück ins Bett kriechen und versuchen würde, um mehr zu verhandeln.

Er deutete mit dem Kinn auf einen Kleidersack, der an der Tür der Suite hing. „Unnötig. Leo hat den vor einer Stunde geliefert. Ihre Größe. Und jetzt mein Terminkalender."

Claires Blick wanderte zu dem schwarzen Sack und dann zurück zu ihm. Die schiere, invasive Vorbereitung raubte ihr den Atem. „Ihr Neun-Uhr-Termin mit Morgan Holdings wurde in Konferenzraum B verlegt. Die Due-Diligence-Unterlagen sind vorbereitet. Der Kaffee wird in vier Minuten eintreffen."

„Raus", sagte er.

Claire neigte den Kopf zu einem leichten Nicken. Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür, ihre Schritte abgemessen, jeder einzelne ein stiller Kampf gegen das Feuer in ihren Hüften, eine Maske professioneller Anmut, die die Qual darunter verbarg. Ihre acht Zentimeter hohen Absätze, die sie aus dem Wohnbereich geholt hatte, klickten in einem Rhythmus, der ihrem Herzschlag entsprach, auf den Marmor.

Sie zog die schwere Tür hinter sich zu. Das Schloss klickte mit endgültiger Wirkung.

In der Suite warf Ellsworth das Laken ab und stand auf. Er ging in Richtung Badezimmer, um zu duschen, um die Nacht von seiner Haut zu waschen. Sein Fuß verfing sich in etwas. Er blickte nach unten.

Das weiße Laken aus ägyptischer Baumwolle lag verdreht auf der Matratze. Und dort, genau in der Mitte, war ein rostfarbener, roter Fleck. Klein. Fast unsichtbar. Aber unverkennbar.

Ellsworth Mosley erstarrte.

Sein Verstand spielte die Nacht in Fragmenten ab. Die Art, wie sie sich unter ihm bewegt hatte. Die Anspannung in ihren Oberschenkeln. Die kleinen, unterdrückten Laute, die sie gemacht hatte und die er fälschlicherweise für Lust gehalten hatte. Der Widerstand, der zu schnell, zu vollständig nachgegeben hatte.

Er ging zum Telefon am Bett und wählte eine interne Nummer. Leo meldete sich nach dem ersten Klingeln.

„Sir?"

„Claire Page", sagte Ellsworth. Seine Stimme war leise, kontrolliert und unendlich gefährlich. „Ich will ihre Krankenakten. Finanzen. Jede Adresse, an der sie in den letzten fünf Jahren gelebt hat. Ich will es bis Mittag auf meinem Schreibtisch haben."

Er legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.

Kapitel 2

Claires Absätze klickten um 7:45 Uhr morgens über den Marmorboden der Lobby des Mosley Tower. Der Wachmann der Frühschicht nickte ihr zu. Sie setzte das Lächeln auf, das sie für Fremde benutzte – warm an den Rändern, leer in der Mitte.

„Morgen, Ms. Page."

„Morgen, Marcus."

Sie zog ihre Karte durch das Lesegerät am Vorstandsfahrstuhl und trat ein. Die Türen glitten mit einem leisen pneumatischen Zischen zu. In dem Moment, in dem sie allein war, fielen ihre Schultern nach unten. Ihr Rücken krümmte sich. Sie presste ihre Stirn gegen die kühle Metallwand und sog die Luft ein, als wäre sie am Ertrinken gewesen.

Der Fahrstuhl stieg. Sechzigster Stock. Einundsechzigster. Der Druckunterschied drückte auf ihre Trommelfelle, ihre Nebenhöhlen, den empfindlichen Bereich hinter ihren Augen. Ihr Magen drehte sich um.

Pling. Achtundsechzigster Stock.

Claire richtete sich auf. Sie glättete ihren Rock. Sie ging den Korridor entlang, das Kinn erhoben und den Blick auf die Fensterfront am anderen Ende gerichtet. Die Damentoilette war auf der linken Seite. Sie stieß die Tür auf, überprüfte die Kabinen – leer – und schob den Riegel vor.

Sie schaffte es bis zur letzten Kabine, bevor ihre Knie auf die Fliesen trafen.

Das Würgen begann sofort, heftig und trocken. Sie hatte nichts im Magen. Sie hatte seit dem Mittagessen gestern nichts mehr gegessen, vor der Gala, vor dem Hotel, vor allem. Säure brannte in ihrer Kehle. Ihre Bauchmuskeln verkrampften sich, und jede Kontraktion schickte eine neue Qual durch ihr Becken, durch die zerrissenen Stellen, die die heiße Dusche nicht geheilt hatte.

Tränen strömten über ihr Gesicht. Sie machte sich nicht die Mühe, sie abzuwischen.

Als die Krämpfe endlich aufhörten, sank Claire gegen die Trennwand. Ihre Stirn ruhte auf dem kühlen Metall. Sie schloss die Augen, und die Dunkelheit hinter ihren Lidern öffnete sich wie eine Tür.

Sie war wieder siebzehn. Der Frühlingsball der Stark Academy. Sie hatte drei Monate lang gespart, um das Kleid aus dem Secondhandladen zu kaufen, um sich die Haare im Salon des Einkaufszentrums machen zu lassen. Jerrad Tyler hatte sie gebeten, ihn am Brunnen zu treffen. Sie hatte gedacht–

Die Erinnerung setzte mit vollkommener Klarheit ein. Jerrad mit seinem Arm um Ashton Starks Taille. Ashtons Lipgloss, der unter den Lichterketten glänzte. Die Art, wie sie sie angesehen hatten, das Kleid, das sich bereits an der Naht auflöste, die sie zu verbergen versucht hatte.

„Hast du wirklich geglaubt, er würde dich mitnehmen?", hatte Ashton gefragt. Ihre Stimme war Honig und Arsen. „Ein Wohltätigkeitsfall? Ein Parasit, der von der Großzügigkeit der Familie Tyler lebt?"

Der Wein war rot gewesen. Cabernet, wahrscheinlich. Teuer. Er war gegen Claires Brust geklatscht und auf ihr Kinn, ihren Hals gespritzt und hatte den dünnen Stoff bis auf die Haut darunter durchtränkt. Er war kalt gewesen. So kalt.

„Halte dich von unserer Welt fern", hatte Ashton geflüstert. „Du gehörst hier nicht her."

Claires Augen rissen auf. Die Toilettenkabine roch nach Industriereiniger und ihrem eigenen Schweiß. Sie tastete nach ihrem Handy, ihre Finger waren ungeschickt. Der Bildschirm leuchtete auf. Eine Million Dollar. Sieben Nullen. Genug, um Ashton Starks gesamte Garderobe zu kaufen und sie zu verbrennen.

Sie lachte. Der Klang brach in ihrer Kehle.

Sie hatte es getan. Sie hatte es tatsächlich getan. Sie war letzte Nacht mit erhobenem Kinn in dieses Hotelzimmer gegangen, und ihr Herz hatte so heftig gehämmert, dass sie dachte, sie würde ohnmächtig werden. Sie hatte mit zitternden Händen nach seiner Krawatte gegriffen und versucht, die Art nachzuahmen, wie sie es bei Frauen in Filmen gesehen hatte – langsam, selbstbewusst, gefährlich.

Ellsworth Mosley hatte sie angesehen, als wäre sie durchsichtig. Als könnte er den Schrecken unter der Wimperntusche sehen, die Unerfahrenheit unter dem roten Lippenstift. Seine Augen – Gott, seine Augen – wie die von Raubvögeln, wie etwas, das von oben jagt und zuschlägt, bevor man merkt, dass man stirbt.

Sie hatte geglaubt, sie würde ihn jagen. Sie hatte geglaubt, sie wäre die Spinne.

Claire presste ihre Hand auf den Mund und schmeckte Salz. Ihr würde wieder schlecht werden.

Schritte auf dem Korridor. Hohe Absätze. Jemand versuchte, die Badezimmertür zu öffnen, stellte fest, dass sie verschlossen war, und ging weiter.

Claire wischte sich das Gesicht mit Toilettenpapier ab. Sie spülte. Sie stand am Waschbecken und ließ das Wasser laufen, bis es eiskalt war, dann spritzte sie es sich auf die Wangen, den Hals, die Kehlgrube. Die Frau im Spiegel sah aus wie eine Leiche mit guter Knochenstruktur.

Sie fand ihre Puderdose. Ihren Lippenstift. Das Rot, das sie extra ausgewählt hatte, weil es sie so aussehen ließ, als würde sie Männer zum Frühstück verspeisen. Sie trug ihn mit chirurgischer Präzision auf.

Die Maske saß wieder, als sie die Tür aufschloss.

Leo Chen stand im Flur, einen Stapel Akten unter dem Arm, das Handy ans Ohr gepresst. Als er sie sah, huschten drei Gesichtsausdrücke in schneller Folge über sein Gesicht – Erleichterung, Besorgnis und etwas anderes, das sie nicht deuten konnte.

„Claire. Gott sei Dank." Er beendete sein Telefonat, ohne sich zu verabschieden. „Er ist schon da. Er ist seit sieben Uhr hier. Er macht die Morgenbelegschaft fertig wie ein–" Leo hielt inne. Seine Augen verengten sich. „Ist alles in Ordnung mit dir?"

„Mir geht's gut." Sie nahm ihm die Akten ab. Ihre Finger zitterten nicht. „Welches Meeting zuerst?"

„Morgan Holdings um neun, aber – Claire, er fragt ausdrücklich nach dir. Er hat seinen Kaffee an die Wand geworfen, als ich sagte, du wärst noch nicht da."

Ihr Herz zog sich zusammen. Ein einziges, heftiges Pressen, dann nichts. „Ich kümmere mich darum."

Sie ging auf die Eichentüren am Ende des Korridors zu. Die Türen zu Ellsworth Mosleys Büro. Sie sahen aus wie die Tore zu etwas Biblischem. Etwas, von dem man nicht zurückkehrte.

Ihre Hand war ruhig, als sie anklopfte.

Kapitel 3

„Herein."

Claire stieß die Tür auf. Das Büro roch nach Leder und Zedernholz und dem besonderen Ozongeruch teurer Elektronik. Ellsworth saß hinter seinem Schreibtisch, eine Wand aus Glas und Stahl zwischen ihnen, seine Aufmerksamkeit auf ein Tablet gerichtet, das Zahlenkolonnen zeigte, die sie als die Vor-Fusions-Analyse von Morgan Holdings erkannte.

Sie ging zu seinem Schreibtisch mit dem Kaffee, den sie aus dem Pausenraum geholt hatte – schwarz, zwei Zucker, genau wie er ihn trank. Sie stellte die Tasse fünfzehn Zentimeter von seiner rechten Hand entfernt ab, drehte sich um und begann, sich zurückzuziehen.

Seine Hand schloss sich um ihr Handgelenk.

Der Griff war eisern. Seine Finger überlappten sich, drückten gegen den Knochen, und sie spürte ihren eigenen Puls gegen seine Handfläche hämmern. Er blickte nicht von seinem Tablet auf. Er übte einfach Druck aus und zog sie rückwärts, bis sie mit der Taille über den Schreibtisch gebeugt war, ihr Gesicht auf gleicher Höhe mit seinem, nah genug, um die Goldsprenkel in seinen dunklen Iriden zu sehen.

„Gut geschlafen?", fragte er. Sein Atem war warm. Minze und etwas Dunkleres.

„Danke für Ihre Sorge, Mr. Mosley." Ihre Stimme war ausdruckslos. Professionell. Die Stimme, die sie für Telefonkonferenzen mit Singapur um drei Uhr morgens benutzte. „Ich habe ausreichend geschlafen. Ihr Neun-Uhr-Termin…"

„Ihr Hals", unterbrach er sie.

Seine freie Hand hob sich. Sein Daumen fand die Stelle, an der ihr Abdeckstift am dicksten war, wo der bläuliche, empfindliche Fleck von seinem Mund unter dem Make-up saß. Er drückte zu. Fest.

Claires Sichtfeld blitzte an den Rändern weiß auf. Sie gab keinen Laut von sich. Ihre Zähne gruben sich in die Innenseite ihrer Wange, und sie schmeckte Blut, und sie hielt seinem Blick mit Augen stand, die nichts verrieten.

Ellsworths Daumen kreiste. Der Druck wandelte sich von Schmerz zu etwas anderem, etwas, das ihren Magen bei der Erinnerung verkrampfen ließ. Er beobachtete ihr Gesicht mit einer Intensität, die sich wie eine Sezierung anfühlte. Als ob er versuchte, die Schichten abzuschälen und die Maschinerie darunter zu finden.

„Interessant", murmelte er.

Er ließ ihr Handgelenk so plötzlich los, dass sie beinahe stolperte. Er nahm die Morgan-Akte und warf sie ihr an die Brust. Sie fing sie an ihrem Körper auf, ihre Arme schlossen sich um den schweren Ordner.

„Dreißig Minuten", sagte er. „Ich will die konsolidierte Finanzübersicht, die Haftungsbewertung und das prognostizierte EBITDA für die nächsten acht Quartale. Wenn es nicht perfekt ist, räumen Sie bis zum Mittag Ihren Schreibtisch."

Claire drehte sich um und ging hinaus. Ihre Knie gaben erst nach, als sie hinter ihrem Schreibtisch und außer Sichtweite war.

Sie setzte sich. Der Stuhl war ein ergonomisches Standardmodell, nichts Besonderes, aber der Druck auf ihre Hüften, auf die Stellen, die noch heilten, ließ ihr Sichtfeld vergrauen. Sie umklammerte die Kante ihres Schreibtisches und wartete darauf, dass die Welt wieder scharf wurde. Ihre Stirn war feucht. Ihre Bluse klebte an ihrer Wirbelsäule.

Sie klappte ihren Laptop auf. Ihre Finger fanden die Tasten. Sie begann zu tippen.

Durch die Lamellen der Jalousie hinter ihr beobachtete Ellsworth Mosley, wie ihre Schultern zitterten. Er sah, wie sie innehielt, ihre Hand zu ihrem Bauch fuhr, fest drückte, bevor sie zur Tastatur zurückkehrte. Er sah, wie sich ihre Wirbelsäule allein durch Willenskraft aufrichtete.

Er nahm sein Telefon und wählte ihre Durchwahl.

„Ja, Mr. Mosley?" Ihre Stimme war fest. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen.

„Meinen Reiseplan für nächste Woche. Bringen Sie ihn herein."

„Selbstverständlich, Sir."

Neunzig Sekunden später erschien sie in seiner Tür. Ihre Gesichtsfarbe war schlechter – gräulich, durchscheinend – aber ihre Hände hielten die Papiere ohne Zittern. Sie ging zu seinem Schreibtisch und reichte ihm die Mappe.

Ellsworth lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er verschränkte die Arme vor der Brust. Er nahm die Akte nicht.

Claire hielt sie ausgestreckt. Ihr Arm begann zu zittern. Zuerst die Finger, dann das Handgelenk, dann der ganze Arm, ein feines Beben, das bis zu ihrer Schulter wanderte. Sie senkte ihn nicht. Sie sprach nicht. Sie stand einfach da und bot ihm etwas an, das er nicht wollte, während die Sekunden verstrichen und ihr Körper sie Stück für Stück verriet.

Er ließ sie dreißig Sekunden lang so stehen. Fünfundvierzig.

Dann streckte er die Hand aus und zupfte ihr die Mappe aus den Fingern. Seine Berührung war kurz. Unpersönlich.

„Sie lernen", sagte er. „Bei Mosley Holdings nehmen wir, wofür wir bezahlt werden. Wir bieten einen Gegenwert für das Geld." Sein Blick hielt ihren fest. „Vergessen Sie niemals Ihre Position, Claire."

„Das tue ich niemals, Sir."

Die Worte trafen ihn falsch. Er konnte nicht sagen, warum. Er spürte sie wie einen Haken unter seinen Rippen, der an etwas zerrte, das er nicht untersuchen wollte.

„Raus", sagte er.

Sie ging. Die Tür schloss sich leise hinter ihr.

Ellsworth starrte auf die Stelle, an der sie gestanden hatte. Seine Hand fand das Feuerzeug in seiner Tasche und drehte es immer wieder um, das Metall erwärmte sich an seiner Handfläche.

Jetzt die ganze Geschichte lesen
Unterstütze den Autor und inspiriere weitere tolle Geschichten von Moboreader
Alle Kapitel freischalten

Gebunden durch den grausamen Vertrag des CEOs

Kapitel 1
Kapitel
Anpassen
Nächstes Kapitel