Kapitel 2
Der Lippenstift fühlte sich an wie Kriegsbemalung.
Evia zog den Stift über ihre Unterlippe und beobachtete, wie der Spiegel ihr Gesicht verwandelte. Die Farbe war falsch. Zu kräftig. Zu auffällig. Genau das, was sie brauchte, um diese Nacht zu überleben.
Frederic erschien hinter ihr, sein Spiegelbild glitt ins Bild wie ein Geist, den sie nicht austreiben konnte. Er hielt die Rubinkette, die seiner Großmutter gehört hatte, die, die sie als Besitz kennzeichnete. Seine Finger streiften ihren Nacken, als er den Verschluss schloss. Das Metall war wie Eis auf ihrer Haut. Sie zitterte nicht. Sie hatte gelernt, nicht zu zittern.
„Atemberaubend." Seine Augen trafen ihre im Spiegel. „Absolut perfekt."
Evia betrachtete ihr Spiegelbild. Der gut aussehende Erbe. Die schöne Ehefrau. Die Lüge, die sie an Zeitschriften und Aktionäre verkauft hatten. Sie formte ihr Gesicht zu dem Lächeln, das sie erwarteten. Es fühlte sich an, als würde man Haut zu straff über Knochen spannen.
„Danke, Liebling."
Der Wagen wartete. Der Rolls-Royce, denn heute Abend war die Gala der McLaughlin Foundation, und der Schein war eine Währung. Frederic half ihr aus dem Wagen, sein Griff war fest, sein Lächeln für die Kameras blendend. Evia legte ihre Hand in seine und betrat den roten Teppich.
Blitz. Blitz. Die Fotografen riefen Namen. Sie lief Spießruten, ihr Rückgrat ein Stahlstab, ihre freie Hand ruhte leicht auf Frederics Arm. Drinnen verschlang sie der Ballsaal des Waldorf in Gold und Kristall. Dreihundert der feinsten Gesellschaft New Yorks, die Champagner tranken, Geld ausgaben und so taten, als kümmere sie Malaria in Ländern, die sie nie besuchen würden.
Evia nickte, lächelte, murmelte. Die McLaughlin-Ehefrau. Die McLaughlin-Maske.
Dann teilte sich die Menge.
Cordelia McLaughlin stützte sich auf ihren silbernen Gehstock, ihr Rücken mit zweiundachtzig Jahren ungebeugt, ihre Augen von demselben blassen Blau wie die ihres Enkels, aber ohne jede Wärme. Die Lautstärke im Raum sank. Gespräche wurden zu Flüstern, wurden zu Stille.
„Evia." Die Stimme der alten Frau trug weit. Darauf ausgelegt, weit zu tragen. „Wie schön, dich so … erholt zu sehen."
Das Wort landete wie ein Schlag ins Gesicht. Erholt. Nicht beschäftigt. Nicht arbeitend. Nicht beitragend. Erholt. Der Code war für jeden in Hörweite klar.
Cordelias Blick senkte sich. Auf Evias Bauch. Auf die flache Ebene unter dem Seidenkleid. Der Stock tippte einmal auf den Marmorboden. Ein Urteil.
„Ich habe letzte Woche mit Dr. Whitmore gesprochen", fuhr Cordelia mit unveränderter Lautstärke fort. „Dem Fruchtbarkeitsspezialisten. Bemerkenswerte Erfolgsquoten bei Frauen in deinem Alter. Schwierige Fälle." Sie lächelte, die Zähne zu weiß, zu spitz. „Ich könnte eine Beratung arrangieren. Diskretion natürlich zugesichert."
Um sie herum hoben andere Frauen, die Ehefrauen und Töchter, dezent ihre Champagnergläser, deren Kristallränder praktischerweise ihr Grinsen verdeckten. Das Lachen war gedämpft, aber unverkennbar.
Evias Hände fanden sich unter ihrem Rock. Ihre manikürten und abgerundeten Nägel bohrten sich in ihre Handflächen. Der Schmerz war fern. Nützlich. Sie spürte, wie die Haut aufriss, spürte die feuchte Wärme und ließ den Druck nicht nach.
Sie wandte sich an Frederic. Ihren Ehemann. Ihren Beschützer, theoretisch. Er blickte an die Decke, zum Kronleuchter, zu allem, nur nicht zu ihr. Sein Champagnerglas war halbleer. Sein Kiefer war angespannt. Er würde nichts sagen. Er sagte nie etwas.
Evia schluckte. Der Geschmack war kupfern. Blut von der Stelle, an der sie sich auf die Wange gebissen hatte.
„Das ist sehr freundlich, Cordelia." Ihre Stimme klang gleichmäßig. Angenehm. Die Stimme einer Frau, die über das Wetter oder die Tischordnung spricht. „Ich werde es in Betracht ziehen."
Die Augen der alten Frau verengten sich. Sie hatte Tränen gewollt. Einen Zusammenbruch gewollt. Die Genugtuung gewollt, die unfruchtbare Frau ihres Enkels in der Öffentlichkeit zu brechen.
Evia hielt dem Blick stand. Hielt das Lächeln aufrecht. Hielt die Maske aufrecht.
Der Moment dehnte sich, elastisch, dann riss er. Cordelia wandte sich ab und tat sie mit einem Tippen ihres Stocks ab. Die Menge atmete aus. Der Lärmpegel stieg. Das Spiel ging weiter.
Evia bewegte sich die nächste Stunde wie auf Autopilot. Nickte in den richtigen Momenten. Lachte über die passenden Witze. Ihre Hände blieben umschlungen und verbargen die halbmondförmigen Abdrücke in ihren Handflächen. Sie spürte, wie das Blut trocknete, klebrig zwischen ihren Fingern.
Die Luft wurde dick. Parfüm und Körperwärme und der Druck von dreihundert beobachtenden Augenpaaren. Sie musste atmen. Musste ungesehen sein.
„Entschuldige mich." Sie berührte Frederics Arm, leicht, kurz. „Die Damentoilette."
Er sah sie nicht an. „Natürlich."
Sie ging nicht in Richtung der Toiletten, sondern zur Terrasse. Die schwere Glastür gab unter ihrer Handfläche nach, und dann füllte kalte Luft, echte Luft, ihre Lungen. Unter ihr breitete sich die Stadt aus, ein Gitter aus Licht und Schatten. Sie lehnte sich gegen das Geländer und ließ den Novemberwind den Ballsaal von ihrer Haut streifen.
Ein Geräusch erreichte sie. Aus der Ecke. Aus den Schatten, wo die Terrasse sich um die Kante des Gebäudes bog.
Ein Keuchen. Leise. Weiblich.
Evias Schultern spannten sich an. Nicht ihre Sorge. Nicht ihr Problem. Die Indiskretion eines anderen, das Risiko eines anderen. Sie drehte sich um, um wieder hineinzugehen.
Dann hörte sie die Stimme. Das Lachen. Frederics Lachen, das, das er privat benutzte, intim, unverkennbar.
Ihr Körper bewegte sich, bevor ihr Verstand nachkam. Sie streifte ihre Absätze ab, spürte den Biss des Marmors an ihren Sohlen und ging. Lautlos. Die Jahre des Balletts, des Benimmunterrichts, des Lernens, wie genau sich eine McLaughlin-Frau bewegte – sie dienten ihr jetzt. Ihre Füße fanden den kalten Stein, fanden den Rhythmus, fanden die Dunkelheit.
Die römische Säule erhob sich vor ihr, massiv, kanneliert. Sie drückte sich in ihren Schatten, wurde selbst zu Stein und blickte.
Sie waren zehn Fuß entfernt. Frederic drückte die blonde Frau gegen die Wand, seine Hand unter ihrem Oberschenkel, ihr Rock hochgerafft. Das Gesicht der Frau war dem Licht zugewandt, die Augen geschlossen, der Mund geöffnet.
Evia kannte dieses Gesicht. Sie hatte es auf Fotos gesehen. In Fortschrittsberichten. In Dankesbriefen, die in sorgfältiger Schreibschrift verfasst waren.
Penelope Vance. Zweiundzwanzig. Studentin der ersten Generation. Seit acht Jahren Stipendiatin der McLaughlin Foundation.
Evias Hand fand ihren Mund. Drückte fest zu. Der Schrei blieb drinnen, vibrierte in ihrer Brust, ihrer Kehle, ihren Zähnen.
„Sie ist eine verdammte Eisprinzessin." Penelopes Stimme, atemlos, triumphierend. „Kann nicht mal schwanger werden. Was soll man mit der?"
Frederic lachte wieder. Seine Hand bewegte sich. „Denk nicht an sie. Denk an die Wohnung. SoHo-Penthouse. Eine Aussicht für Tage."
„Und die Kette?", Penelopes Finger verfingen sich in seinem Haar, zogen daran. „Die mit dem Rubin. Ich will sie tragen, wenn wir –"
„Abgemacht." Er küsste ihren Hals. „Alles. Nur –"
Evias andere Hand bewegte sich. In ihre Clutch. Fand ihr Handy. Die Kamera-App. Sie dachte nicht über das Licht nach, nicht über den Winkel, nicht über das Risiko. Sie zielte. Sie nahm auf.
Der Bildschirm zeigte sie in Miniatur, grotesk, obszön. Der Ton wurde ebenfalls aufgezeichnet. Die Versprechen. Die Verachtung. Der Verrat, gekleidet in Dollarzeichen.
Ihr Daumen schwebte über dem Stopp-Knopf. Ihr Herz hämmerte so stark, dass sie es in ihren Fingerspitzen spürte.
Ein Schritt. Hinter ihr. Nah.
Evias Blut gefror in ihren Adern.
Kapitel 3
Der Schritt hielt inne.
Evias Finger erstarrte über dem Bildschirm. Im Schatten hob Frederic den Kopf, seine Augen verengten sich in Richtung der Säule.
„Da ist jemand."
Er stieß sich von Penelope ab. Seine Hand fuhr zu seinem Jackett, glättete es, richtete es. Seine Schuhe trafen auf den Marmor, bedächtig, näher kommend. Evia presste sich an die Wölbung der Säule, das Handy an ihre Brust geklammert, den Atem so lange angehalten, dass ihre Lungen brannten.
Drei Schritte. Zwei. Jetzt konnte sie sein Kölnisch Wasser riechen, vermischt mit Penelopes Parfüm, dem Geruch ihrer eigenen Demütigung.
Eine Hand legte sich über ihren Mund.
Nicht die von Frederic. Eine große, kräftige Hand, die mit geübter Effizienz zupackte und sie augenblicklich zum Schweigen brachte. Der Arm, der dazu gehörte, war aus Eisen und zerrte sie rückwärts in den tieferen Schatten, wo zwei Säulen in einem Winkel aufeinandertrafen und eine Nische absoluter Dunkelheit bildeten.
Evia wehrte sich. Ellbogen zurück, Ferse nach unten, jeder Selbstverteidigungskurs, den sie je besucht hatte, auf reinen Instinkt reduziert. Der Arm zog sich fester. Ein Körper presste sich von hinten an ihren, unbeweglich, und eine Stimme hauchte an ihr Ohr, leise, amüsiert, gefährlich.
„Hör auf."
Sie kannte diese Stimme. Sie hatte sie bei Vorstandssitzungen gehört, bei Familienessen, bei der Beerdigung, auf der sie Frederics Vater beigesetzt hatten. Die Stimme des Mannes, der den Trust kontrollierte, der sie alle kontrollierte.
Callum Holt.
Frederics Schritte erreichten die Säule. Hielten inne. Aus ihrem Blickwinkel konnte Evia ihn sehen, die Verwirrung in seinem Gesicht, den Argwohn, der in Gleichgültigkeit überging. Ein Vorhang bewegte sich im Wind. Er entspannte sich, schüttelte den Kopf und murmelte etwas von Nervosität.
„Freddie." Penelopes Stimme, gereizt, nah. „Komm zurück. Mir ist kalt."
Er drehte sich um. Ging weg. Die Schritte entfernten sich, vermischten sich mit leiseren, und dann öffnete und schloss sich die Terrassentür, und sie waren fort.
Die Hand blieb über Evias Mund. Sie konnte Salz schmecken, Haut, den leichten Nachgeschmack von Tabak. Kubanisch. Teuer. Sie hörte auf, sich zu wehren. Es hatte keinen Zweck. Callum Holt war eins neunzig groß, gebaut wie die Jachten, die er sammelte, und ihr in jeder wichtigen Hinsicht um zwanzig Jahre voraus.
„Interessante Wahl der Unterhaltung." Wieder seine Stimme, kaum mehr als ein Flüstern, direkt an ihrem Ohr. „Deinem Mann nachspionieren wie ein Dienstmädchen."
Er ließ sie los. Evia stolperte vorwärts, fing sich an der Säule ab und drehte sich um.
Er füllte den Raum zwischen den Steinen aus, eine Silhouette vor den Lichtern der Stadt. Sie konnte das Glimmen seiner Zigarette sehen, den orangefarbenen Punkt, der sich bewegte, als er inhalierte. Der Rauch, der folgte, roch nach Zeder und etwas Dunklerem.
„Callum." Ihre Stimme klang fest. Sie wusste nicht, wie. „Was für eine Überraschung."
„Ist es das?" Er lehnte lässig am Stein, als würden sie über Markttrends diskutieren. „Ich hätte gedacht, die Dame des Hauses wäre drinnen und würde die zärtliche Aufmerksamkeit ihrer Schwiegermutter ertragen. Nicht im Dunkeln herumschleichen und die Indiskretionen ihres Mannes filmen."
Evias Hand umklammerte ihr Handy fester. Die Aufnahme lief noch. Sie konnte die Hitze des Prozessors durch die Hülle spüren.
„Ich habe nicht-"
„Lass es." Das Wort durchtrennte ihre Leugnung wie eine Klinge. „Ich habe zugesehen, wie du deine Schuhe ausgezogen hast. Eine ziemliche Geheimagentin." Er atmete Rauch aus. „Die Frage ist, warum. Erpressung? Ein Druckmittel für die Scheidung? Oder einfach nur das Hobby einer gelangweilten Society-Ehefrau?"
Evia richtete sich auf. Ihre nackten Füße waren eiskalt. Ihr Kleid war zerknittert. Sie hatte sich noch nie weniger wie eine McLaughlin gefühlt und war noch nie dankbarer dafür gewesen.
„Ich will Ihr Geld nicht." Die Worte klangen flach. Bestimmt. „Nichts davon."
Callums Kopf neigte sich. Die Zigarette glühte. „Wie erfrischend. Und doch waren Sie da. Und haben aufgenommen."
„Ich will einen Beweis." Sie trat auf ihn zu, nah genug, um die Zeder an seinem Mantel zu riechen, nah genug, um das Grau seiner Augen in der Dunkelheit zu sehen. Kalte Augen. Berechnend. „Ich will mit dem gehen, womit ich gekommen bin. Meinem Namen. Meiner Würde. Nichts weiter."
„Und der Ehevertrag?"
Sie fragte nicht, woher er es wusste. Jeder wusste es. Die Eheverträge der McLaughlins waren legendär, wurden an juristischen Fakultäten studiert und in Scheidungsgerichten hinter vorgehaltener Hand besprochen.
„Ich brauche Zeit." Das Eingeständnis kostete sie Überwindung. „Dreißig Tage. Vielleicht weniger. Ich werde den Aktienkurs nicht schädigen. Ich werde nicht zur Presse gehen. Ich muss nur-" Sie hielt inne. Ihre Hände zitterten jetzt, das Adrenalin ließ nach und hinterließ sie schutzlos. „Ich brauche Sie, um nichts zu sagen."
Callum musterte sie. Die Zigarette brannte, vergessen, zwischen seinen Fingern herunter. Sie konnte spüren, wie er sie abwog, sie mit jeder anderen Frau verglich, die versucht hatte, aus dieser Familie einen Wert zu ziehen.
„Sie sind nicht das, was ich erwartet habe." Die Feststellung war kein Kompliment. „Die kleine Kunstrestauratorin. Die stille Ehefrau. So fügsam. So zuvorkommend." Er stieß sich von der Wand ab, überragte sie, so nah, dass sie den Kopf neigen musste, um den Blickkontakt zu halten. „Und doch sind Sie hier. Verhandeln im Dunkeln. Eine ziemliche Vorstellung."
„Es ist keine Vorstellung."
„Alles ist eine Vorstellung." Er ließ die Zigarette fallen und drückte sie mit einem polierten Schuh aus. Der Funke erlosch. „Dreißig Tage. Kein Skandal. Keine Schlagzeilen. Keine Erschütterungen des Aktienkurses." Er streckte die Hand aus, fand ihr Kinn und neigte ihr Gesicht zum Licht. Seine Finger waren warm. Rauer, als sie erwartet hatte. „Brechen Sie Ihr Wort, Evia Conway, und ich werde Sie vernichten. Nicht die Familie. Nicht die Anwälte. Ich. Persönlich. Verstanden?"
Sie zuckte nicht zusammen. Sie hatte drei Jahre lang gelernt, nicht zusammenzuzucken.
„Ich habe verstanden."
Er ließ sie los. Trat einen Schritt zurück. Richtete seine Manschetten, die Geste präzise, gewohnheitsmäßig. „Dann sind wir uns ja einig."
Er drehte sich um. Ging zur Seitentür, die zu den Dienstgängen und den privaten Aufzügen führte. An der Schwelle hielt er inne.
„Wenn es Sie interessiert ..." Er blickte nicht zurück. „Ihr Mann ist ein Idiot."
Die Tür schloss sich hinter ihm.
Evia stand allein im Dunkeln. Ihre Füße waren taub. Ihr Handy nahm immer noch auf. Sie stoppte die Aufnahme, speicherte die Datei und lud sie mit nur leicht zitternden Fingern in ihre Cloud hoch.
Sie fand ihre Schuhe. Zog sie an. Die roten Sohlen waren abgewetzt, das Leder faltig. Sie glättete ihr Kleid, fuhr sich durchs Haar und ging zurück zu den Glastüren.
Drinnen tobte der Ballsaal. Sie trat ins Licht, lächelnd, und niemand sah zweimal hin.