Kapitel 3

Konstantin bemerkte zwei Tage lang nicht, dass Eva weg war.

Er war völlig von Hollys Fashion-Week-Launch eingenommen. Er war ihr Begleiter auf exklusiven Partys, ihr Rechtsberater auf Abruf, ihr Vertrauter. Er bewegte sich mit leichtem Charme durch die glitzernde Welt der Hamburger Elite, Holly an seinem Arm. Er fühlte sich lebendig, belebt.

Erst am dritten Morgen, als er in seinem stillen, leeren Haus aufwachte und feststellte, dass ihm die spezielle Kaffeesorte, die Holly bevorzugte, ausgegangen war, überkam ihn ein vages Gefühl des Unbehagens.

Er rief Evas Namen. „Eva?“

Stille.

Er ging durch das Haus. Ihr Kleiderschrank war halb leer. Ihre Seite des Waschtischs im Bad war von ihren einfachen, unparfümierten Produkten befreit. Er runzelte die Stirn. Besuchte sie ihre Familie? Normalerweise sagte sie ihm Bescheid.

Er sah einen Stapel Papiere auf der Küchentheke, beschwert von der minimalistischen Vase, die sie mochte. Er hob sie auf.

ANTRAG AUF AUFLÖSUNG DER EHE

Die Worte schienen von der Seite zu schweben. Er starrte sie an, verständnislos. Scheidung?

Er lachte kurz und ungläubig auf. Das musste ein Witz sein. Ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit. Sie war in letzter Zeit launisch gewesen, erinnerte er sich vage. Das war nur eine weitere ihrer leisen, dramatischen Gesten.

Sein Telefon summte. Es war Holly.

Die After-Party ist heute Abend in der Himmel-Lounge. Sei nicht zu spät. Ich habe eine Überraschung für dich.

Er vergaß sofort die Papiere. Hollys Überraschung klang weitaus interessanter als Evas kleiner Wutanfall. Er warf die Dokumente zurück auf die Theke, schnappte sich seine Schlüssel und ging zur Tür. Er würde sich um Eva kümmern, wenn er zurückkam. Sie hätte sich bis dahin beruhigt. Das tat sie immer.

Er wollte gerade gehen, als sein Blick auf die Unterschrift auf der letzten Seite fiel. Evas Handschrift war elegant und präzise. Aber daneben, von ihrer Hand gekritzelt, war eine kleine Notiz.

Betr.: Becker Fashion vs. Atelier Noir – prüfe § 2(c) des IP-Vertrags von 1988. Deren Wettbewerbsverbot ist nach § 74 HGB unwirksam. Du suchst an der falschen Stelle.

Konstantin erstarrte.

Er riss die Papiere wieder an sich, sein Herz begann etwas schneller zu schlagen. Woher wusste sie das? Der Streit mit Atelier Noir war eine vertrauliche Angelegenheit, die er nur mit Holly und seinem eigenen Anwaltsteam besprochen hatte. Und der Vertrag von 1988... es war ein obskures Dokument, das sie erst gestern ausgegraben hatten.

Und noch wichtiger, woher wusste sie, dass es unwirksam war? Er und sein Team hatten stundenlang über genau diesen Punkt gestritten und waren sich immer noch nicht sicher.

Er starrte auf die Notiz. Die Handschrift war Evas, aber die kalte, scharfe juristische Analyse... das war etwas ganz anderes. Es war brillant. Es war genau das Argument, das er mühsam zu formulieren versucht hatte.

Ein Anflug von Verwirrung durchdrang seinen Ärger. Wer war diese Frau, die er geheiratet hatte? Diese stille, unscheinbare Hausfrau, die mehr über seinen Fall zu wissen schien als seine eigenen teuren Anwälte?

Sein Telefon summte erneut. Wo bist du?

Er schüttelte den Kopf und schob das seltsame Gefühl beiseite. Es war wahrscheinlich ein Glückstreffer. Vielleicht hatte sie ihn am Telefon belauscht. Es spielte keine Rolle. Holly wartete.

Er ließ die Scheidungspapiere auf der Theke liegen und trat hinaus in die Hamburger Sonne, die beunruhigende Notiz verblasste bereits aus seinem Gedächtnis.

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Die verstoßene Ehefrau: Aufstieg einer Rechtslegende

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