Kapitel 2

Am nächsten Morgen war das Haus ein Grab der Stille. Konstantin war gegangen, bevor sie aufwachte, seine Seite des Bettes war kalt und unberührt. Ein schwacher Duft seines teuren Kölnischwassers hing in der Luft, ein Geist des Mannes, der dort lebte, aber nie wirklich anwesend war.

Eva packte einen einzigen Koffer. Sie nahm nur die Dinge mit, die ihr vor der Ehe gehört hatten. Ihre Bücher, ein paar einfache Outfits, die sie sich selbst gekauft hatte, und die Kiste mit dem Leben, das sie auf Eis gelegt hatte. Alles andere – die Designerkleidung, die Konstantin ihr gekauft hatte, ohne nach ihrer Größe oder ihrem Stil zu fragen, der Schmuck, der unberührt in seinen Schachteln lag, die Küchengeräte, mit denen sie seine Lieblingsgerichte perfektioniert hatte – ließ sie zurück. Es waren Requisiten in einem Stück, in dem sie nicht mehr mitspielte.

Als sie den Koffer schloss, klingelte es an der Tür. Der Ton war schrill in dem stillen Haus. Sie erwartete niemanden.

Sie öffnete die Tür und sah eine Frau, die aussah, als wäre sie von einem Magazincover gestiegen. Sie war groß und schlank, gekleidet in einen scharfen, weißen Hosenanzug, der wahrscheinlich mehr kostete als Evas monatliches Lebensmittelbudget. Ihr blondes Haar war perfekt gestylt, und ihr Lächeln war strahlend, einstudiert und ohne echte Wärme. Auch ohne Vorstellung wusste Eva, wer sie war.

Holly Becker.

„Hi“, sagte Holly, ihre Stimme so glatt wie Seide. „Du musst Eva sein. Ich bin Holly.“

Sie bot keine Hand an. Sie blickte nur an Eva vorbei ins Haus.

„Ist Konstantin da? Er wollte sich mit mir zum Frühstück treffen, um einige letzte Details für die rechtliche Prüfung meiner Marke zu besprechen.“

Bevor Eva antworten konnte, dröhnte Konstantins Stimme aus dem Flur. „Holly! Du bist früh dran.“

Er schritt an Eva vorbei, sein Gesicht erhellt von einem echten Lächeln, das sie seit Jahren nicht mehr auf sich gerichtet gesehen hatte. Er umarmte Holly herzlich, eine beiläufige Intimität, die von einer langen und tiefen Geschichte zeugte.

„Ich war gerade in der Nachbarschaft“, sagte Holly, zog sich zurück, behielt aber eine Hand auf seinem Arm. „Ich mache mir ein wenig Sorgen wegen dieser Sache mit dem geistigen Eigentum. Der Launch meiner neuen Linie ist diese Woche, und ich kann mir keine Pannen leisten.“

„Keine Sorge“, sagte Konstantin mit leiser, beruhigender Stimme. „Ich habe das im Griff. Ich habe bereits die relevante Rechtsprechung herausgesucht. Wir werden sie lahmlegen, bevor sie überhaupt wissen, was sie getroffen hat.“

Er führte sie ins Wohnzimmer und vergaß völlig, dass Eva in der Tür stand. Sie saßen auf der Couch, die Köpfe über ein Tablet gebeugt, das Holly aus ihrer Designertasche holte. Er war völlig vertieft, seine Konzentration absolut. Dieselbe Konzentration, mit der er unmögliche Fälle gewann. Dieselbe Konzentration, die er seiner Frau nie auch nur einmal geschenkt hatte.

Eva beobachtete sie. Sie sahen perfekt zusammen aus. Das Power-Paar von Hamburg. Er, der brillante Staatsanwalt. Sie, die berühmte Designerin. Sie waren ein passendes Set.

Eva fühlte nichts. Keine Eifersucht, keine Wut. Nur eine tiefe, eisige Klarheit. Sie war hier eine Außenseiterin. Ein Platzhalter. Eine Rolle, für die sie törichterweise vorgesprochen hatte, ohne zu merken, dass die Rolle bereits besetzt war.

Sie schloss leise die Haustür und ging zurück in ihr Zimmer. Sie nahm ihren Koffer.

Als sie am Wohnzimmer vorbeiging, hörte sie Holly lachen. „Oh, Konstantin, du erinnerst dich sogar daran, dass ich meinen Kaffee mit einem Zucker und einem Schuss Mandelmilch nehme. Du kanntest mich schon immer am besten.“

„Manche Dinge vergisst man nicht“, antwortete Konstantin mit leiser Stimme.

Eva hielt inne, ihre Hand am Türknauf. Sie hatte ihm drei Jahre lang jeden Morgen seinen Kaffee gemacht. Schwarz, zwei Zucker. Eine einfache Tatsache, an die er sich wahrscheinlich nicht erinnern könnte, selbst wenn sein Leben davon abhinge.

Sie verließ das Haus ohne ein Geräusch. Sie sah nicht zurück. Sie winkte ein Taxi zum Flughafen, die Hamburger Sonne fühlte sich rau und fremd auf ihrer Haut an.

Im Flugzeug, als die weitläufige Stadt Hamburg unter ihr schrumpfte, öffnete Eva ihren Laptop. Dr. Seiler hatte ihr bereits die Akten für ihren ersten Fall zurückgeschickt. Eine brutale, hochriskante feindliche Übernahme. Der Mandant stand am Rande des Ruins, die gegnerische Kanzlei war eine notorisch rücksichtslose Firma. Man sagte, es sei ein nicht gewinnbarer Fall.

Eva las den vorläufigen Schriftsatz durch, ihr Verstand klickte wieder ein. Der vertraute Nervenkitzel der Herausforderung, die Suche nach der Schwachstelle, die Strategie, die sich in ihrem Kopf entfaltete. Es war, als würde sie wieder atmen, nachdem sie drei Jahre lang die Luft angehalten hatte.

Die Frau, die Blumen arrangiert und darauf gewartet hatte, dass ihr Mann nach Hause kam, war verschwunden.

Nemesis war bereits bei der Arbeit.

Kapitel 3

Konstantin bemerkte zwei Tage lang nicht, dass Eva weg war.

Er war völlig von Hollys Fashion-Week-Launch eingenommen. Er war ihr Begleiter auf exklusiven Partys, ihr Rechtsberater auf Abruf, ihr Vertrauter. Er bewegte sich mit leichtem Charme durch die glitzernde Welt der Hamburger Elite, Holly an seinem Arm. Er fühlte sich lebendig, belebt.

Erst am dritten Morgen, als er in seinem stillen, leeren Haus aufwachte und feststellte, dass ihm die spezielle Kaffeesorte, die Holly bevorzugte, ausgegangen war, überkam ihn ein vages Gefühl des Unbehagens.

Er rief Evas Namen. „Eva?“

Stille.

Er ging durch das Haus. Ihr Kleiderschrank war halb leer. Ihre Seite des Waschtischs im Bad war von ihren einfachen, unparfümierten Produkten befreit. Er runzelte die Stirn. Besuchte sie ihre Familie? Normalerweise sagte sie ihm Bescheid.

Er sah einen Stapel Papiere auf der Küchentheke, beschwert von der minimalistischen Vase, die sie mochte. Er hob sie auf.

ANTRAG AUF AUFLÖSUNG DER EHE

Die Worte schienen von der Seite zu schweben. Er starrte sie an, verständnislos. Scheidung?

Er lachte kurz und ungläubig auf. Das musste ein Witz sein. Ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit. Sie war in letzter Zeit launisch gewesen, erinnerte er sich vage. Das war nur eine weitere ihrer leisen, dramatischen Gesten.

Sein Telefon summte. Es war Holly.

Die After-Party ist heute Abend in der Himmel-Lounge. Sei nicht zu spät. Ich habe eine Überraschung für dich.

Er vergaß sofort die Papiere. Hollys Überraschung klang weitaus interessanter als Evas kleiner Wutanfall. Er warf die Dokumente zurück auf die Theke, schnappte sich seine Schlüssel und ging zur Tür. Er würde sich um Eva kümmern, wenn er zurückkam. Sie hätte sich bis dahin beruhigt. Das tat sie immer.

Er wollte gerade gehen, als sein Blick auf die Unterschrift auf der letzten Seite fiel. Evas Handschrift war elegant und präzise. Aber daneben, von ihrer Hand gekritzelt, war eine kleine Notiz.

Betr.: Becker Fashion vs. Atelier Noir – prüfe § 2(c) des IP-Vertrags von 1988. Deren Wettbewerbsverbot ist nach § 74 HGB unwirksam. Du suchst an der falschen Stelle.

Konstantin erstarrte.

Er riss die Papiere wieder an sich, sein Herz begann etwas schneller zu schlagen. Woher wusste sie das? Der Streit mit Atelier Noir war eine vertrauliche Angelegenheit, die er nur mit Holly und seinem eigenen Anwaltsteam besprochen hatte. Und der Vertrag von 1988... es war ein obskures Dokument, das sie erst gestern ausgegraben hatten.

Und noch wichtiger, woher wusste sie, dass es unwirksam war? Er und sein Team hatten stundenlang über genau diesen Punkt gestritten und waren sich immer noch nicht sicher.

Er starrte auf die Notiz. Die Handschrift war Evas, aber die kalte, scharfe juristische Analyse... das war etwas ganz anderes. Es war brillant. Es war genau das Argument, das er mühsam zu formulieren versucht hatte.

Ein Anflug von Verwirrung durchdrang seinen Ärger. Wer war diese Frau, die er geheiratet hatte? Diese stille, unscheinbare Hausfrau, die mehr über seinen Fall zu wissen schien als seine eigenen teuren Anwälte?

Sein Telefon summte erneut. Wo bist du?

Er schüttelte den Kopf und schob das seltsame Gefühl beiseite. Es war wahrscheinlich ein Glückstreffer. Vielleicht hatte sie ihn am Telefon belauscht. Es spielte keine Rolle. Holly wartete.

Er ließ die Scheidungspapiere auf der Theke liegen und trat hinaus in die Hamburger Sonne, die beunruhigende Notiz verblasste bereits aus seinem Gedächtnis.

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Die verstoßene Ehefrau: Aufstieg einer Rechtslegende

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