Kapitel 3

Die Dielen des Schmidt-Anwesens knarrten unter Elzas Füßen. Es war ein Geräusch aus ihrer Kindheit, ein Geräusch, das Verstecken bedeutete.

Heute versteckte sie sich nicht. Sie war in dem kleinen, feuchten Zimmer, das ihr gehört hatte, bevor sie an die Drakes verkauft worden war. Sie kniete am Bett und hebelte eine lose Diele hoch. Unter dem Staub lag eine verrostete Blechschachtel.

Sie öffnete sie. Darin, in ein seidenes Taschentuch gewickelt, lag eine Saphirkette. Sie war nicht besonders teuer, aber es war das Einzige, was ihre Mutter ihr vor ihrem Tod hinterlassen hatte.

Die Tür schlug auf.

Elza zuckte nicht zusammen. Sie schloss die Schachtel, stand auf und drückte sie an ihre Brust.

Clotilde stand in der Tür, flankiert von zwei Dienstmädchen. In ihrem weißen Leinenkleid sah sie makellos aus, ein krasser Gegensatz zu dem staubigen Zimmer.

„Leg das hin", sagte Clotilde, ihre Stimme triefte vor falscher Süße. „Das gehört zum Anwesen."

Elza rührte sich nicht. Ihr Griff um die Schachtel wurde so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

„Mach keine Schwierigkeiten, Elza. Ein Bastard bekommt keine Erbstücke. Nehmt es ihr ab", befahl Clotilde den Dienstmädchen.

Eines der Dienstmädchen, ein neues Mädchen, das es nicht besser wusste, streckte die Hand aus, um die Schachtel an sich zu reißen.

Elzas Blick veränderte sich. Der unterwürfige Schleier verschwand. Als die Hand des Dienstmädchens sich um ihr Handgelenk schloss, drehte Elza ihren Arm. Es war eine subtile, geübte Bewegung – nicht die einer trainierten Kämpferin, sondern die von jemandem, der aus reiner Notwendigkeit die Hebelwirkung aus einem Buch gelernt hatte. Sie blockierte das Handgelenk des Dienstmädchens und übte einen leichten Druck nach unten aus.

Das Dienstmädchen schrie auf und sank vor Schmerz auf die Knie.

Clotilde wich einen Schritt zurück, ihr Mund klappte auf. „Du …"

Elza ließ das Dienstmädchen los, das zurückwich und seine Hand hielt. Elza zog ihr Handy hervor. Sie tippte schnell und hielt Clotilde den Bildschirm vors Gesicht.

Ehevertrag, Abschnitt 14, Paragraph B: Alle persönlichen Gegenstände von Frau Elza Drake gelten als Sicherungsvermögen von Drake Holdings. Eingriffe in dieses Vermögen stellen eine Straftat nach dem Bundesinsolvenzgesetz dar.

Clotilde las den Text. Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich von Schock zu Wut. Sie hatte nicht erwartet, dass die Stumme Zähne zeigen würde. Oder einen Anwalt hatte.

„Glaubst du, du hast Macht, nur weil du diesen Kriminellen geheiratet hast?", zischte Clotilde und trat näher. „Er wird ins Gefängnis gehen, Elza. Und wenn es so weit ist, wirst du wieder hier sein und Böden schrubben."

Elza sah Clotilde an. Sie starrte sie nicht wütend an. Sie betrachtete ihre Halbschwester, wie ein Wissenschaftler eine Bakterienprobe betrachtet. Kalt. Analytisch.

Sie steckte die Schachtel ein und drängte sich an Clotilde vorbei, wobei sie die ältere Frau leicht aus dem Gleichgewicht brachte.

Im Flur telefonierte Victoria Schmidt, ihre Stimme hallte die Treppe hinunter. „Oh, ja, es ist tragisch. Elza ist … labil. Wir machen uns Sorgen, dass sie sich etwas antun könnte."

Elza hielt inne. Sie griff in ihre Tasche, tippte auf den Aufnahme-Knopf ihres Handys und nahm zehn Sekunden der Lügen auf. Dann ging sie aus der Haustür.

Als sie in das Drake-Penthouse zurückkehrte, stand Barron im Foyer und stritt sich mit seinem Anwalt. Er hielt inne, als er sie sah. Sein Blick fiel auf die verrostete Blechschachtel in ihrer Hand.

„In Mülltonnen gewühlt?", spottete er. „Ich dachte, ich hätte dir eine Kreditkarte gegeben."

Elza antwortete nicht. Sie machte eine kleine, steife Verbeugung – die perfekte, gehorsame Ehefrau – und wollte an ihm vorbeigehen.

Barron trat ihr in den Weg. Er war aufgewühlt und brauchte ein Ziel. „Ich rede mit dir."

Elza blickte auf. Für eine Sekunde vergaß sie, ihren Blick zu verbergen. Die Müdigkeit war da, aber darunter lag eine stählerne Härte, eine stille Wut, die die der Frau widerspiegelte, deren dunkle Augen ihn in der Badewanne im Pierre angestarrt hatten.

Barron hielt inne. Er runzelte die Stirn, ein Funke des Wiedererkennens zuckte durch sein Gehirn.

Dann blinzelte Elza, und der Blick war verschwunden. Sie war wieder nur das langweilige, stille Mädchen.

„Geh auf dein Zimmer", murmelte Barron und rieb sich die Schläfen. „Dein Anblick ist anstrengend."

Elza ging in ihr Zimmer. Sie schloss die Tür ab. Sie stellte die Blechschachtel auf ihren Nachttisch.

Sie klappte ihren Laptop auf. Der Bildschirm leuchtete im dämmrigen Zimmer blau. Sie loggte sich in ein sicheres Terminal ein. Die Kopfzeile lautete: THE ZERO - QUANTITATIVE TRADING.

Sie rief den Ticker für Schmidt Industries auf. Genauer gesagt, für die Tochtergesellschaft, die Clotildes Lifestyle-Marke verwaltete.

Verkaufen.

Sie gab das Volumen ein. Es war gewaltig.

Ausführen.

Sie drückte die Eingabetaste.

Auf dem Bildschirm begann eine rote Linie abzustürzen. Clotilde wollte über Vermögenswerte reden? Gut. Reden wir über Vermögenswerte.

Jetzt die ganze Geschichte lesen
Unterstütze den Autor und inspiriere weitere tolle Geschichten von Moboreader
Alle Kapitel freischalten

Die stumme Braut ist die heimliche Drahtzieherin

Kapitel 3
Kapitel
Anpassen
Nächstes Kapitel