Kapitel 3
„Mama, ich bin so glücklich, dass du zurückgekommen bist", rief eine kleine Stimme, zitternd zwischen Erleichterung und Angst. „Diese schreckliche Frau wollte mich weit wegbringen."
„Hab keine Angst, mein Champion", antwortete eine andere Stimme, sanft aber bestimmt. „Niemand wird dich von uns trennen. Dein Vater würde das niemals zulassen."
Diese Worte erreichten Luna Seraphine, bevor sie überhaupt die Augen öffnen konnte.
Sie schwebten in ihrem Geist, verschwommen, wie Fragmente eines Traums, den sie nicht greifen konnte.
Als sie schließlich blinzelte, erkannte sie die Holzbalkendecke des Lagerhauses. Vertraut, aber fern, als sähe sie sie durch beschlagenes Glas.
Sie wusste überhaupt nicht, wie sie hierhergekommen war.
Die letzte klare Erinnerung war brutal: ihre Beine, die nachgaben, ihr Körper, der zusammenbrach, als ihr die Ergebnisse des Tests aus den Händen glitten und zu Boden fielen.
Doch etwas stimmte nicht. Ihr Herz raste schmerzhaft. Sie war in jener Nacht schwanger geworden. In der Nacht, in der Ravyn sie gezwungen hatte.
Die Nacht, die ihre Verbindung besiegelt hatte, jene Ehe, die sie immer hatte glauben wollen, sei echt.
Sie hatte dieses Kind neun Monate getragen. Die Schmerzen, die Übelkeit, die ständige Erschöpfung... all das hatte sie bis zum Ende ertragen.
Sie hatte entbunden. Sie hatte einen Neugeborenenschrei gehört. Und dann war alles erloschen.
Warum also war sie hier?
Das Erste, was sie sah, als sie vollständig zu sich kam, war der eisige Blick von Alpha Ravyn.
Seine Augen waren hart, erfüllt von schneidender Wut.
„Du wagst es noch, dich meinem Sohn zu nähern?" sagte er kalt. „Suchst du den Tod?"
Séraphine blieb überraschend ruhig. Beta Corvine trat näher, um ihr beim Aufrichten zu helfen.
Ihr ganzer Körper schmerzte, doch sie ignorierte den Schmerz. Ihr Geist suchte bereits nach Antworten.
Etwas weiter entfernt beobachtete Daisy die Szene regungslos. Ein zufriedenes Lächeln lag auf ihren Lippen, als hätte sie gerade etwas Wichtiges gewonnen.
„Ravyn", sagte Séraphine leise, trotz des inneren Chaos. „In jener Nacht habe ich einen Jungen geboren. Wenn Bryan nicht meiner ist, wo ist dann mein Kind?"
Ravyn ließ ein kurzes, kaltes Lachen hören. Sein Blick war noch kälter geworden.
„Glaubst du wirklich", antwortete er langsam und kalkuliert, „dass ich dir nach dieser Nacht erlaubt hätte, mein Kind zu behalten?"
Seine Worte fielen wie präzise Schläge.
„Daisy hat in derselben Nacht ebenfalls entbunden", fuhr er fort. „Und ich habe das Problem gelöst. Dein Kind existiert nicht mehr."
Alles brach in ihr zusammen.
Mit einer plötzlichen Bewegung stürzte sie sich auf ihn. Ihre Hände schlossen sich um seinen Hals, ihre Instinkte übernahmen, ihre Zähne bereit hervorzubrechen.
Doch Ravyn war schneller. Er stieß sie mühelos und brutal zurück.
Sie prallte hart auf den Boden. Ein trockener Schmerz durchzuckte ihren gesamten Körper.
„Du bist stark", sagte er, während er über ihr stand, „aber du vergisst etwas. Ich bin der Alpha. Du bist nichts vor mir."
Sie zitterte, als sie sich wieder erhob. Ihre Stimme brach:
„Wo ist mein Sohn?"
Sein Blick flackerte einen Moment, verhärtete sich dann jedoch noch mehr.
„Deine Tochter, meinst du", korrigierte er ohne Zögern. „Sie hat nie überlebt."
Eine eisige Kälte durchfuhr sie.
„Du lügst..."
„Ich habe dir die Wahrheit gesagt", antwortete er schlicht. „Sie ist in jener Nacht verschwunden."
Die Welt schien zu kippen. Ihre Beine trugen sie nicht mehr.
Sie hatte nicht nur ein Kind verloren. Sie hatte jahrelang in einer vollständigen Lüge gelebt.
Sie hatte alles für Bryan gegeben. Sogar die einzige Behandlung, die sie selbst hätte retten können.
Alles... für ein Kind, das nicht ihres war.
Eine noch grausamere Wahrheit setzte sich fest: Wenn sie die Scheidung früher akzeptiert hätte, hätte sie es nie erfahren.
Ravyn hätte es ihr niemals gesagt.
Ihre Stimme bebte zum ersten Mal.
„Ich habe dich nie verraten", flüsterte sie. „Du hast mich in jener Nacht gezwungen."
Ravyns Blick verhärtete sich sofort.
„Lüge", spuckte er. „Ich habe Beweise. Du hast alles inszeniert. Ohne dich wäre Daisy heute Luna. Du hättest deinen Platz kennen sollen."
Sie schloss kurz die Augen.
Sie verstand, dass er niemals zuhören würde.
Egal welche Wahrheit, er hatte seine bereits gewählt.
Eine Liebe zu verlieren war das eine. Zu entdecken, dass er ihr Kind zerstört hatte, war etwas anderes.
Ein Schmerz, den man nicht benennen konnte.
„Selbst wenn ich alles getan hätte, wie du sagst", murmelte sie gebrochen, „dieses Kind war deins. Wie kannst du so kalt sein?"
Ravyn blieb ungerührt.
„Ja", antwortete er schlicht. „Und genau deshalb durfte sie nicht existieren."
Er fuhr fort, ohne jede Emotion:
„Glaubst du wirklich, ich habe dich danach zufällig berührt? Du verstehst es immer noch nicht, Séraphine."
Sie hatte jahrelang alles ertragen. Ohne Liebe. Ohne Wärme. Ohne Anerkennung.
Sie hatte sechsmal geweigert zu gehen, nur wegen Bryan.
Und jetzt brach alles zusammen.
Daisy trat vor, ihre Stimme sanft, aber schneidend unter ihrer Fassade.
„Luna Sera, mach dir keine Sorgen", sagte sie. „Du kannst dich weiterhin um Bryan kümmern. Du hast gute Arbeit mit ihm geleistet."
Ein kaum sichtbares Lächeln glitt über ihre Lippen.
„Auch wenn dein eigenes Kind nicht überlebt hat, hast du meines großgezogen. Und dank dir geht es ihm gut."
Sie fügte fast sanft hinzu:
„Und ich habe immer noch die Behandlung, die du mir gegeben hast."
Was Daisy nicht wusste, war, dass diese Behandlung keine Heilung war.
Nur ein vorübergehendes Gleichgewicht.
Ohne sie kehrte Bryans Krankheit sofort zurück.
Deshalb hatte Séraphine ihn mitnehmen wollen.
Doch jetzt... war ihr alles gleichgültig.
Eine seltsame Ruhe breitete sich in ihr aus.
Sie hob den Kopf und sah Ravyn ohne Zittern an.
„Du hast mein Kind zerstört", sagte sie langsam. „Und ich habe deins gerettet. Möge die Mondgöttin über unser Schicksal entscheiden."
Sie wandte sich ab.
Ihre Schritte waren schwer, aber fest.
Sie wollte nur noch hier heraus.
Doch kaum erreichte sie den Ausgang, versperrte ihr eine massive Silhouette den Weg.
Kraftvoll. Imposant.
Ein kalter Blick ohne jede Spur von Menschlichkeit richtete sich auf sie.
Ein Blick, der jeden hätte zerdrücken können.
Séraphine erstarrte sofort.