Kapitel 2

Keely saß in der dunkelsten Ecke des exklusiven Privatclubs in Manhattan.

Sie starrte aus dem bodentiefen Fenster. Die belebten Straßen unter ihr sahen aus wie ein verschwommener Fleck aus grauem Metall und gelben Taxis.

Ihre Gedanken spielten ihr einen grausamen Streich. Sie ließen die Wohltätigkeitsgala von letzter Woche noch einmal ablaufen. Haden hatte vor den Kameras gestanden und ihr sanft den Handrücken geküsst.

Ein bitteres, humorloses Lächeln verzog ihre Lippen.

Sie zog ihr Wegwerfhandy hervor. Sie wählte die verschlüsselte Nummer von Veronica Cromwell, Manhattans rücksichtslosester Scheidungsanwältin und ihrer engsten Freundin.

Das Telefon klingelte dreimal.

„Hast du eine Ahnung, wie dumm der gegnerische Anwalt ist?", drang Veronicas Stimme durch, untermalt vom lauten Stimmengewirr eines Gerichtsflurs. „Der Richter schläft praktisch schon."

„Ich will die Scheidung", unterbrach Keely sie. Ihre Stimme war ausdruckslos.

Die Leitung war plötzlich still. Das Hintergrundgeräusch schien zu verschwinden.

„Keely, das ist nicht witzig. Haden ist ein Golden Retriever im Anzug."

Keely sagte kein Wort. Sie tippte auf ihren Bildschirm und schickte einen einmalig verschlüsselten Link zusammen mit einem dynamischen Passwort. „Zerstört sich in fünf Minuten", erklärte sie schlicht.

Fünf Sekunden vergingen.

„Heilige Scheiße", zischte Veronica.

Das Geräusch einer zuschlagenden schweren Tür hallte durch das Telefon. Veronica war in ein Treppenhaus gegangen. „Wann? Wo?"

„Vor einer halben Stunde. In unserem Gästezimmer." Keelys Tonfall änderte sich nicht.

„Ich sage meinen Nachmittag ab. Sei in dreißig Minuten in meinem Büro."

Eine halbe Stunde später betrat Keely Veronicas schallisoliertes, abhörsicheres Büro.

Sie legte ihren übergroßen Trenchcoat ab. Ihr Rücken war kerzengerade. Die Persona der hilflosen Trophäenfrau war vollständig verschwunden.

Veronica ging direkt zum Barwagen. Sie schenkte zwei Fingerbreit puren Whiskey ein und hielt ihr das Glas hin.

Keely schüttelte den Kopf. „Sodawasser. Ohne Eis."

„Du musst deine Nerven beruhigen", sagte Veronica.

„Ich brauche einen klaren Kopf", erwiderte Keely. „Alkohol macht nachlässig."

Veronica senkte das Glas. Ein Anflug von Respekt blitzte in ihren Augen auf. Sie setzte sich hinter ihren massiven Eichenschreibtisch.

Keely schloss ihr Handy an Veronicas isolierten Computer an. Sie übertrug das vollständige Video.

Veronica sah auf den Bildschirm. Ihr Kiefer spannte sich an. Ihr Gesicht wurde blass vor Abscheu.

Keely nahm einen langsamen Schluck von ihrem Sodawasser. „Ruf den Ehevertrag auf."

„Keely, du weißt, was drinsteht", warnte Veronica.

„Ich weiß, dass ich bei einer Scheidung ohne Schuldzuweisung eine lächerliche Abfindung bekomme", sagte Keely. „Ich werde nicht mit leeren Händen gehen. Ich will, dass er blutet."

Veronica öffnete die archivierte Datei. Sie begann, das dichte Juristendeutsch zu überfliegen.

Keely schlug die Beine übereinander. Sie legte die Hände auf ihre Knie. Ihr Blick war auf den leuchtenden Bildschirm geheftet, scharf und hungrig wie der eines Raubtiers.

Kapitel 3

Veronica knallte ihren roten Marker gegen das Whiteboard.

"Im Fernsehen spielt er den perfekten Ehemann, und dann zieht er so etwas in deinem eigenen Haus ab. Er widert mich an."

Sie stützte sich mit beiden Händen auf ihrem Schreibtisch ab und starrte Keely an. "Wer ist sie? Dieses russische Model von der Gala, das ständig seinen Arm berührt hat?"

Keely stellte ihr Glas Sodawasser ab. "Darlene Sutton."

Veronica erstarrte. Der rote Marker glitt ihr aus den Fingern und schlug mit einem lauten Klacken auf dem Schreibtisch auf.

"Darlene?", keuchte Veronica. "Die Sekretärin, die heult, wenn der Drucker Papierstau hat? Sie sieht aus wie eine verängstigte Maus."

Keely stieß ein kaltes Lachen aus. "Genau. Haden ist ein Narzisst. Er braucht jemanden, der vollkommen von ihm abhängig ist, um sich mächtig zu fühlen."

Veronica atmete tief durch. Sie zwang sich zurück in den Anwaltsmodus.

Sie zeigte auf das Whiteboard. "New York ist ein No-Fault-Staat. Aber für Milliardäre gelten andere Regeln. In eurem Ehevertrag gibt es eine versteckte Moralitätsklausel."

Veronica tippte auf die Tafel. "Wenn wir beweisen können, dass Haden einen riesigen Teil des ehelichen Vermögens an seine Geliebte transferiert hat, können wir die Firewall des Treuhandfonds durchbrechen."

Sie setzte sich und hackte sich in die öffentlichen Finanzberichte der Tochtergesellschaften der Familie Jones.

"Mal sehen, was er ihr gekauft hat", murmelte Veronica. Der Bildschirm füllte sich mit endlosen Reihen von Zahlen und Diagrammen.

Keely stand auf. Sie trat hinter Veronicas Stuhl. Ihre Augen überflogen die Daten.

Ihr Doppelabschluss aus Wharton machte sich bemerkbar. Ihr Gehirn verarbeitete die Zahlen schneller, als der Computer sie laden konnte.

Weniger als zwei Minuten später zeigte Keely auf eine kleine Textzeile in der unteren rechten Ecke. Ihre Augen hatten nicht Zeile für Zeile gelesen; stattdessen hatte ihr Gehirn die Datenstrukturen blitzschnell nach Mustern durchsucht. Sie suchte nach einer bestimmten Anomalie, die ihr Professor in Wharton ein 'finanzielles schwarzes Loch' nannte – eine mikroskopische, unlogische Verschiebung im Cashflow. Sie erkannte dieses vertraute Signal fast augenblicklich.

"Da", sagte Keely. "Zeile 47. Gebühren für Marktforschung. Der Cashflow stimmt nicht."

Sie fuhr mit dem Finger über den Bildschirm. "Und hier. Diese beiden Konten stellen sich gegenseitig Rechnungen aus, um das Defizit zu verschleiern."

Veronica riss den Kopf hoch. Sie sah Keely an, als wäre sie eine Fremde.

"Wie hast du das entdeckt?", fragte Veronica. "Hast du einen Buchhaltungskurs belegt, während du bei der Maniküre warst?"

Keelys Gesicht blieb ausdruckslos. "Nennen wir es Intuition."

Sie tippte erneut auf den Bildschirm. "Folge dem Geld. Wo landet es?"

Veronica tippte wie wild. Sie verfolgte die umgeleiteten Gelder.

"Cayman Islands", flüsterte Veronica. "Es ist ein Offshore-Konto."

Keely musterte die Registrierungsdetails mit verengten Augen.

Hier ging es nicht darum, einem Mädchen eine Diamantkette zu kaufen. Das hier war ein systematisches Abziehen von Vermögenswerten.

Haden war nicht nur ein untreuer Ehemann. Er war ein Dieb.

Die Temperatur im Raum fiel um zehn Grad. Keelys Augen wurden zu Eis.

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Die gnadenlose Rache der Vorzeigefrau

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