Kapitel 2
Kiara sprang blitzschnell auf. „Wie kann so etwas überhaupt passieren?“
Auch Darin wirkte völlig aus der Fassung: „Das kann nicht stimmen. Da muss ein Fehler vorliegen.“
Früher hatte die Familie Jones vom Genie von Ellianas leiblicher Mutter, Rita Marsh, gelebt. Ihre medizinische Brillanz und die seltenen Rezepturen hatten den Namen der Familie groß gemacht. Doch nach Ritas Tod begann dieses Erbe zu verblassen. Die Verbindung zur Familie Evans war ihr letztes Rettungsseil. Diese Ehe musste zustande kommen, als hinge ihr Leben davon ab.
Elliana war zwar ebenfalls eine Tochter der Familie Jones, aber ihre Ehe hatte nicht annähernd das Gewicht wie die von Paige. Paige war diejenige, die sie wirklich schätzten.
Paige versuchte, gelassen zu wirken, doch ihre Fäuste waren so fest geballt, dass es in den Knochen knirschte. Trotzdem setzte sie ihre wohltrainierte Miene auf. „Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Hier muss ein Irrtum vorliegen.“
„Aber der Ehestatus von Herrn Evans ist im System eindeutig vermerkt“, entgegnete der Standesbeamte bestimmt.
Die Menge drängte sich um den Laptop. Und tatsächlich, dass im System Cole und Elliana als Ehepaar standen. Das Datum lag zwei Jahre zurück, es war eingetragen in einem anderen Land Podgend und zu einer Zeit, als Elliana gerade achtzehn war.
Darin und Kiara erstarrten. Auch Paiges makellose Fassade bekam Risse. Sie wirkte ratlos und ihre elegante Maske fiel in sich zusammen.
Nun richtete sich alle Aufmerksamkeit auf Cole. Ruben verengte die Augen und fragte scharf: „Willst du uns das erklären, Cole?“
Cole behielt sein unbewegtes Pokergesicht. „Ich bin genauso überrascht wie ihr.“
„Überrascht?“ Ruben wiederholte das Wort, seine Stimme schwoll vor Zorn an, während sein Schnurrbart fast vor Wut bebte. „Du willst mir sagen, dass du eine Ehe unterschrieben hast und keine Ahnung hast, wie das passiert ist?“
Coles Kopf drehte sich langsam zu Elliana, sein Blick leuchtete scharf wie eine Klinge. Sie hatte sich nicht bewegt und blieben immer noch gefangen in ungläubigem Staunen. Die Kälte in seinen Augen lenkte nun auch die Blicke der anderen auf Elliana. Plötzlich stand sie mitten in einem Sturm, den sie nicht hatte kommen sehen.
Elliana blinzelte langsam, zuckte unschuldig mit den Schultern und sagte: „Frag mich nicht. Ich weiß es auch nicht.“
Niemand hatte einen wirklichen Grund, ihr zu misstrauen. Sie war unsichtbar aufgewachsen: ins hinterste Eck des Hauses abgeschoben, kaum die Schule geschafft, eingepfercht in einer Abstellkammer, die kaum größer als ein Schrank war, und ständig wegen ihres Aussehens verspottet. Die Vorstellung, sie hätte sich heimlich nach Podgend geschlichen, um Cole zu heiraten, klang schlicht unmöglich.
„Das kann niemals echt sein! Jemand muss das Register manipuliert haben!“ Mit zusammengebissenen Zähnen fauchte Kiara: „Klärt die Wahrheit später. Jetzt sofort die Scheidung, Cole muss heute noch Paige heiraten.“
„Richtig, richtig. Die Hochzeit von Cole und Paige hat Vorrang!“, pflichtete Darin ihr bei.
„Fürchte, das wird nicht gehen.“ Ruben atmete langsam aus. „Die Familie Evans hat strenge Traditionen. Ein Mann darf nur wieder heiraten, wenn seine Frau verstorben ist. Eine Scheidung kommt überhaupt nicht infrage. Diejenige, die heute zum Altar geht, muss Elliana sein.“
„Das ist doch nicht dein Ernst!“ Paige verlor die Beherrschung. Sie sprang auf, ihre Selbstkontrolle zerbrach, und Wut glitzerte in ihren Augen. „Ganz Ublento weiß, dass ich diejenige bin, die in die Familie Evans einheiraten sollte! Und jetzt wollt ihr mich einfach so gegen Elliana austauschen? Wie soll ich mich da noch irgendwo blicken lassen?“
Kiara ließ nun jede Höflichkeit fallen. Ihre Stimme wurde scharf und giftig: „Paige ist die rechtmäßige Frau für Cole! Dieses jämmerliche Gör Elliana hat in seiner Nähe nichts verloren!“
Kiara und Paiges Zusammenbruch zu beobachten, war köstlich. Elliana konnte ihr Amüsement kaum verbergen. Die Sache lief besser, als sie es je hätte planen können. Sie hatte sich schon oft ausgemalt, Cole nur aus purer Bosheit zu stehlen, um Paige und Kiara zu provozieren. Doch das Schicksal? Es war noch weiter gegangen. Es hatte ihr die Ehe auf dem Silbertablett serviert, ohne dass sie auch nur einen Finger rühren musste. Ob lächerlich oder nicht, sie würde es nicht aufgeben. Mit zuckersüßem Lächeln hob Elliana den Blick zu Cole: „Liebling, tut mir leid wegen all des Dramas.“
Das traf Paiges Stolz wie eine schallende Ohrfeige. „Du Schlampe! Er gehört mir! Wie kannst du es wagen, ihn so zu nennen?!“, schrie sie und stürmte in blinder Wut auf Elliana zu.
Schnell wie der Blitz duckte Elliana sich hinter Cole und legte die Hände auf seine Schultern, als würde sie sich hinter einem Schild verstecken. Mit einem neckischen Funkeln in den Augen beugte sie sich zur Seite und sagte süßlich: „Beruhig dich, Paige. Wo sind denn die polierten Manieren, auf die du so stolz bist?“
Paige stolperte an Elliana vorbei, mit geballten und zitternden Fäusten war sie bereit zur nächsten Attacke, bis Ellianas Worte sie mitten im Schritt erstarren ließen. Alles, was Paige aufgebaut hatte, sowohl ihr makelloser Ruf als auch ihr Ansehen auf der Oberschichte von Ublento, glitt ihr gerade aus den Fingern. Sie hatte sich an die Spitze gekämpft, und nun drohte eine einzige chaotische Szene, ihre jahrelange Arbeit zu zerstören.
Alle starrten sie an, als Paige, die eben noch wie eine Wahnsinnige geschrien hatte, plötzlich wieder in ihre sanfte, unschuldige Maske schlüpfte. „Cole, du kannst mich nicht verlassen. Niemand liebt dich so sehr wie ich…“
Darin und Kiara warfen Cole flehende Blicke zu und waren in der stummen Hoffnung, dass er irgendetwas sagen würde, um diese Katastrophe noch zu verhindern. Ruben war für seine Unbeugsamkeit bekannt, er brach niemals Regeln. Ihn umzustimmen war ein hoffnungsloses Unterfangen. Wenn sich noch etwas ändern sollte, dann musste es von Cole kommen.
Mitten im Sturm aus Stimmen und Anspannung stand Cole unnahbar und ohne jede Regung, wie eine Statue. Nachdem er über die Schulter einen Blick auf Elliana geworfen hatte, die sich immer noch still an ihn klammerte, richtete er den Blick wieder nach vorn. Seine Stimme schnitt klar und fest durch die Luft: „Als ein Evans ist es meine Pflicht, die Traditionen meiner Familie zu wahren. Ich werde nicht derjenige sein, der sie bricht.“
Die Worte schlugen ein wie ein Donnerschlag. Kiara und Paige erbleichten, als würde sich der Boden unter ihnen auftun.
Darins Blick schoss zu Ruben, in dem nackte Panik aufflackerte. „Ruben, es muss doch —“
Ruben streifte Ellianas übertriebenes Make-up mit einem kurzen Blick, doch seine Aufmerksamkeit blieb auf Cole gerichtet, der immer noch ruhig, gefasst und unerschütterlich wirkte. Er atmete lang und schwer aus. „Das ist unfair für dich, Cole. Aber die Traditionen unserer Familie lassen keine Ausnahmen zu“, murmelte Ruben innerlich.
Dann fixierte er Darin mit festem Blick. „Darin, ich habe deinem Vater ein Versprechen gegeben, das ist der einzige Grund, warum ich dieser Heiratsallianz überhaupt zugestimmt habe. Aber in der Verlobungsvereinbarung stand nie, welche deiner Töchter in meine Familie einheiraten würde. Jetzt, da Elliana Coles eingeschriebene Ehefrau ist, gilt die Abmachung trotzdem. Dränge mich nicht dazu, gegen die Traditionen zu verstoßen, die meine Familie seit Generationen bewahrt!“
Darin akzeptierte es widerwillig, wagte jedoch keinen Widerspruch, da er Ruben nicht gegen sich aufbringen wollte. Mit unterdrücktem Zorn gab er ein steifes Nicken. Damit war der Brauttausch endgültig besiegelt. Ohne zu zögern trat Elliana vor und schlüpfte in das Kleid, das ursprünglich für Paige bestimmt gewesen war…
Kapitel 3
An Cole Evans' Hochzeit war nichts dezent, sie schrie von jedem Detail her nach Luxus, getränkt in Diamanten und Macht.
Ein hundert Millionen Euro teures Kleid, besetzt mit über 400 000 Diamanten und Perlen, war das Kronjuwel der Zeremonie. Paige hatte sich seit jeher ausgemalt, in diesem Traumkleid den Gang entlangzuschreiten.
In dem Bewusstsein, wie groß der Unterschied zwischen der Familie Jones und der Familie Evans war, hatten Kiara und Darin keine Mühen gescheut, den Schein zu wahren. Sie hatten fünfhundert Millionen Euro als Hochzeitsgeschenk aufgebracht, um Paige in einer Pracht zu verheiraten, die die ganze Stadt in Ehrfurcht erstarren lassen sollte. Doch am Ende ging all das an Elliana.
Das Hochzeitskleid, das direkt aus dem Ausland von einer renommierten Brautmodenmarke eingeflogen war, schmiegte sich nun an Ellianas Körper. Kiara, Darin und Paige konnten nur zusehen, dass all die Opfer, die sie gebracht hatten, an der falschen Frau erstrahlten. Der Zorn raubte ihnen fast den Atem.
Elliana musste sich das Lachen verkneifen, doch mit Cole direkt neben sich zwang sie sich zu einem neutralen Ausdruck. Sein Ruf als gefährlicher, entschlossener und unberechenbarer Mann war eindeutig. Sie wusste besser, als sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Noch immer hatte sie keine Ahnung, wie sie zu seiner Frau geworden war, aber sie brauchte dringend Antworten.
Vor der Villa der Familie Jones summte ein Schwarm Reporter, sie waren gierig auf jede noch so kleine Lücke in der Geschichte. Anstatt den Rummel zu füttern, stieg Cole gar nicht erst ins Auto, sondern flog mit Elliana in einem Privathelikopter davon.
Tränen strömten über Paiges Gesicht, als der Helikopter in den Wolken verschwand. „Mama, ist mein Traum, die Frau des reichsten Mannes zu werden, wirklich dahin?“
„Auf keinen Fall!“ Kiaras Stimme triefte vor Gift, als sie sagte: „Cole wird es nicht dulden, so in die Enge getrieben zu werden. Elliana wurde ihm in die Arme gedrängt. Wer weiß? Vielleicht übersteht sie nicht einmal diese Nacht.“
Ein Funken blitzte hinter Paiges Tränen auf. „Glaubst du wirklich, er würde sie loswerden?“
Kiara lächelte kalt: „Sobald Elliana nicht mehr im Bild ist, wird Cole garantiert zu dir zurückkommen. Halte einfach deinen Platz als Ublentos führende Gesellschaftsdame. Du wirst am Ende seine Frau sein.“
Wenn selbst die beiden Dummköpfe Kiara und Paige sich vorstellen, dass Cole für eine schnelle Witwerschaft sorgen könnte, hatte Elliana mit ihrem scharfen Verstand diesen Gedanken schon längst in Erwägung gezogen.
Auch wenn Elliana Cole bis heute nie persönlich gesehen hatte, kannte sie jede Geschichte über ihn. Man beschrieb ihn als einen kaltblütigen, und grausamen Mann, der jeden zermalmte, der sich ihm in den Weg stellte. Wer es doch wagte, verschwand oder wünschte sich, es niemals getan zu haben. Sie hatte nicht die Absicht, einen Mann wie ihn auf die Probe zu stellen.
Während der gesamten Zeremonie hielt Elliana den Kopf gesenkt. Als sie das Schlafzimmer betraten, setzte sie sich wortlos auf die Bettkante.
Cole zog auf der anderen Seite des Zimmers seine Jacke aus und ließ sich auf das Sofa sinken. Sein Blick heftete sich intensiv und durchdringend auf sie, als könne er ihre Gedanken mit einem einzigen Augenaufschlag lesen.
Vor wenigen Stunden noch hatte sie wie ein Wrack ausgesehen: verschmierte Wimperntusche, zerzauste Haare und Make-up, das sie um zehn Jahre älter machte. Doch jetzt unter dem zarten Schleier, der ihr Gesicht verhüllte, wirkte sie in dem funkelnden Kleid wie aus einer anderen Welt. Ihre Haut strahlte, ihre Gestalt wirkte zart und gefasst. Sie war atemberaubend.
Elliana trug ihre eigene, düstere Legende mit sich. Mit fünf, so hieß es, hatte sie das Feuer gelegt, das ihre Mutter tötete und ihr eigenes Gesicht entstellte. Manche nannten sie verflucht. Andere beschrieben sie als eine Mörderin. Doch Unschuld sah niemand in ihr.
Während fast alle Leute sie für dumm erklärt und hässlich genannt hatten, sah Cole jedoch etwas anders in ihr. Ihre scharfen, verschlagenen Augen glänzten voller Leben, und verrieten sie. Sie war nicht ahnungslos, sondern berechnend. Was auch immer ihr Spiel war, sie beherrschte es perfekt. Als Paige vorhin auf sie losgegangen war, hatte Elliana sich mit unheimlicher Leichtigkeit hinter ihn geschoben. Andere hätten es vielleicht als instinktive Reaktion abgetan, doch er hatte die Kontrolle in ihren Bewegungen erkannt. Solche Präzision kam nicht aus Angst, sondern aus Training.
Doch all diese Finesse bedeutete ihm nichts im Vergleich zu der einen Frage, die wirklich zählte; wie war sein Name überhaupt mit dem ihren in einer Ehe verknüpft worden? Jemand hatte im Hintergrund die Fäden gezogen. Aber warum? Was hatten sie davon? Und war Elliana wirklich so unschuldig, wie sie sich gab?
„Eben hattest du noch keine Mühe zu reden. Warum jetzt so still?“ Coles Ton schnitt wie Glas durch die Stille.
Elliana versteifte sich, ein Schauer jagte ihr den Rücken hinauf, bevor sie ihn unterdrücken konnte. „Es ist ja nicht so, dass ich geplant hätte, mich nach oben zu heiraten… Ich werde nur dieses ungute Gefühl nicht los.“ Das Leben im Haushalt der Familie Evans kam mit Regeln, und Elliana hatte das schnell verstanden. Ein sanftes Lächeln hier und die richtigen Worte dort, das konnte über Leben und Untergang entscheiden.
Ein trockenes Lachen entwich Cole. Sie spielte ihm etwas vor, und er kaufte ihr keine Sekunde davon ab. Vorhin hatte sie ihn vor Paige „Liebling“ genannt, als wäre es das Natürlichste der Welt. Kein Anflug von Unsicherheit war in ihrer Stimme gewesen. Er würde einfach abwarten, wie lange sie die Fassade aufrechterhalten konnte.
Elliana wusste, dass er ihr nicht glaubte. Sie hatte es auch nicht erwartet. Sie musste ihm nur keinen Grund geben, zuzuschlagen.
Sie ging in Gedanken noch ihren nächsten Zug durch, als Cole plötzlich ohne jede Vorwarnung aufstand und den Raum mit langsamen, überlegten Schritten durchquerte. Ohne ein Wort beugte er sich zu ihr hinunter und hob sie hoch, bevor sie überhaupt reagieren konnte.
In seinen Armen wie eine Braut aus einem Märchen versetzt, stolperte ihr Herz. „Cole Evans, was… Was tust du da?“
Cole sah zu ihr hinab, ein schalkhaftes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. „Sag mir, nach deiner Meinung, was tun Frischvermählte in ihrer Hochzeitsnacht?“
Alles kippte, als er sie aufs Bett warf, und sein Körper schloss den Raum zwischen ihnen wie eine aufziehende Gewitterfront. Die Matratze gab unter ihr nach, sein Duft umhüllte sie völlig, als sie erstarrte. Mit dieser grässlichen Perücke und dem schrecklichen Make-up konnte Cole das tatsächlich durchziehen?