Kapitel 2
Khloe Tucker, Meagans Tochter, kochte vor Wut. „Lass sofort meine Mutter los, Arabella! Damals hat sie sich aus reiner Güte angeboten, dich und Daisy aufzunehmen. Und so dankst du es ihr? Du tauchst nach all den Jahren plötzlich wieder auf, gibst dich als Heldin aus? Was, bist du etwa abgehauen, schwanger geworden und hast ein Kind bekommen? Was für ein Witz!“
Khloe warf Arabella einen giftigen Blick zu, doch insgeheim hoffte sie, dass Arabella vielleicht doch bleiben würde. Ihre Rückkehr hätte bedeutet, dass sie im Haushalt mehr Hilfe hätten.
Doch Arabellas Augen waren längst zu Eis erstarrt. Ohne ein Wort zu verlieren, betrat sie das Haus und trat mit voller Wucht gegen den Esstisch. Geschirr flog durch die Luft, krachte zu Boden und zerbarst in Scherben.
Noch ehe jemand reagieren konnte, griff Arabella zwei Vasen und schleuderte sie direkt auf Khloe und ihren Vater. Sie traf sie mit voller Wucht, Blut lief über ihre Gesichter, während sie entsetzt aufschrien.
Ihre Stimme war so kalt wie Stahl: „Ihr habt einen Tag. Verschwindet aus meinem Haus.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, stürmte sie hinaus und hielt Daisy fest in den Armen. Sie hielt das erst vorbeifahrende Taxi an und brachte ihre Schwester mit rasender Eile ins Krankenhaus.
Zurück in der Villa brach Chaos aus.
„Mama! Diese Verrückte hat mich wirklich angegriffen!“ Khloe schluchzte und starrte im Spiegel auf die Kratzer in ihrem Gesicht. „Was, wenn Narben zurückbleiben?“
Meagan kochte vor Zorn. „Nach all den Jahren wagt sie es, sich so aufzuspielen! Wenn sie sich noch einmal blicken lässt, wird sie es bereuen. Wir sind keine unbedeutenden Leute mehr. Wir haben uns mit der Norman-Gruppe verbündet. Gegen uns kommt sie niemals an!“
Sie tätschelte Khloe beruhigend die Schulter. „Keine Sorge, Liebling. Ich bringe dich jetzt sofort ins Krankenhaus.“
***
Im Krankenhaus untersuchte der Arzt Daisy und runzelte die Stirn. „Ihr Bein ist schon länger gebrochen, dazu überall Prellungen. Einige Zähne fehlen ebenfalls. Was für eine Schwester lässt so etwas geschehen?“
Arabellas Stimme war leise: „Es ist meine Schuld.“ Ihre Ponysträhnen fielen ihr ins Gesicht und verbargen, was in ihren Augen lag.
Der Arzt, dem ihre Stille auffiel, sprach sanft: „Ich habe fürs Erste getan, was ich konnte. Aber wenn jemand euch beiden so etwas antut, müsst ihr es melden. Schweigen löst gar nichts.“
Arabella nickte schwach und trat an Daisys Krankenbett.
Daisy, inzwischen neunzehn, sah zerbrechlich bis ins Mark aus. Ihr schmaler Körper schien kaum die eigene Last tragen zu können, ihre Handgelenke wirkten wie dürre Zweige. Ihr kurzes Haar war ungleichmäßig, stumpf und struppig, als hätte jemand achtlos mit der Schere hineingeschnitten.
Vorsichtig hob Arabella die Decke an, während ihr Herz sich verkrampfte. Daisys Körper erzählte eine grausame Geschichte. Alte Peitschenhiebe zeichneten ihre Beine, dunkle Brandmale zogen sich über ihre Arme. Jede Narbe schrie von Grausamkeit. Arabellas Atem stockte, und ehe sie es verhindern konnte, rannen Tränen über ihre Wangen.
„Bella...“ Daisys Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
Sofort griff Arabella nach ihrer Hand. „Ich bin hier“, sagte sie sanft und beruhigend.
„Ich... hab dich vermisst“, murmelte Daisy heiser.
Arabella umklammerte ihre Hand wie einen Rettungsanker. „Ich dich auch. Ich dachte, wenn ich hart genug arbeite, könnte ich dir ein besseres Leben ermöglichen. Aber ich habe mich getäuscht. Ich hätte dich niemals allein lassen dürfen. Ich schwöre dir, ich gehe nicht mehr fort.“
Die Wärme in Arabellas Stimme ließ Daisys Anspannung langsam weichen. Nach und nach glätteten sich ihre Züge.
Nachdem Arabella sich vergewissert hatte, dass Daisy sicher gebettet war, ging sie, um die Rechnung zu begleichen.
„Die Kosten sind bereits übernommen worden“, erklärte die Krankenschwester mit einem freundlichen Lächeln.
Arabella blinzelte überrascht. „Was? Wer hat bezahlt?“ Joshua kam ihr kurz in den Sinn, doch sie verwarf den Gedanken sofort. Es war unmöglich, dass er schon davon wusste.
„Können Sie bitte nachsehen, wer die Zahlung geleistet hat?“, fragte sie.
Die Krankenschwester schüttelte entschuldigend den Kopf: „Tut mir leid, diese Information ist vertraulich. Vielleicht hat ja ein Familienmitglied geholfen?“
Bei dem Wort Familie versteinerte Arabellas Gesicht. Mit einem knappen Nicken drehte sie sich um und ging wortlos davon. Wenn jemand geholfen hatte, würde sie es herausfinden.
Unterdessen schlenderte Meagan mit ihrer Tochter Khloe den Flur entlang, die gerade aus der Notaufnahme kam und deren Gesicht notdürftig verbunden war.
„Ich lasse Arabella damit nicht davonkommen“, fauchte Khloe und Bitterkeit vibrierte in ihrer Stimme.
„Beruhig dich“, schnitt Meagan scharf ein, „sonst reißt du dir die Nähte wieder auf. Nimm dir lieber ein Beispiel an deiner Schwester, Anmut unter Druck.“
Das schien Khloe aufzumuntern. Ein selbstgefälliges Lächeln spielte um ihre Lippen. „Solange meine Schwester glänzt, ist alles gut. Sie ist jetzt die jüngste Tänzerin von Griridge-Tanzensemble. Und Daisy dachte ernsthaft, sie könnte sie übertreffen? Reine Illusion. Dieses gebrochene Bein war nichts anderes als Karma, wenn du mich fragst. Und falls meine Schwester erfährt, wie Arabella mich behandelt hat, sie wird sie in Stücke reißen.“
„Sie hat bald einen großen Auftritt“, erinnerte Meagan sie, „lass uns sie nicht ablenken. Alles Schritt für Schritt.“ Sie tippte Khloe spielerisch auf die Nase, doch dann versteifte sich ihr Blick, als sie Arabella am Ende des Ganges erblickte.
Auch Khloe sah sie, und allein ihr Anblick ließ die Schmach sofort wieder aufflammen. Ihre Wut kochte über. Ohne nachzudenken riss sie ihre mit Nieten besetzte Handtasche hoch und schwang sie mit voller Kraft in Arabellas Rücken.
Doch Arabellas Instinkt setzte im selben Moment ein. Gerade als sie sich umdrehte, trat ein hochgewachsener Mann ins Bild. Mit blitzschnellen Reflexen und kräftigen Armen packte er den Riemen der Tasche und stoppte sie mühelos in der Luft.
Der plötzliche Zug riss Khloe aus dem Gleichgewicht, und sie stürzte mit einem gellenden Schrei zu Boden.
Kapitel 3
„Khloe!“ Meagan stürzte zu ihrer Tochter, half ihr auf die Beine und warf dem wie aus dem Nichts auftauchenden Mann einen hasserfüllten Blick zu. „Wer zur Hölle bist du? Arabellas neuer Typ, oder was?“
Der Mann reagierte nicht. Seine scharfen Augen blieben undurchdringlich, wirkten kalt wie das stille und tiefe Meer, das seine Gefahren verbarg. Dann setzte er sich Schritt für Schritt in Bewegung, jeder Tritt hallte schwer über den Krankenhausboden.
Meagan wich instinktiv zurück. Ihr Brustkorb zog sich zusammen, das Atmen fiel ihr schwer. Tief in ihrem Innern wusste sie, dass dieser Mann kein gewöhnlicher Fremder war und Ärger brachte.
Meagan versuchte, ihre Angst mit Schärfe zu überspielen: „Arabella, überleg dir besser gut, ob du dich noch einmal mit uns anlegst. Du und deine Schwester könnt froh sein, dass wir euch überhaupt aufgenommen haben! Wenn du zurück willst, dann kriechst du, und vielleicht überlegen wir es uns.“ Sie zerrte Khloe am Arm und rauschte davon.
Arabella blieb stumm zurück und sah ihnen nach. Uns aufgenommen? Dieses Haus gehörte rechtlich Daisy und ihr.
Ihr Blick glitt dann zu dem Mann, für den Bruchteil einer Sekunde blitzte unter seiner Jacke eine Pistole auf, ehe sie wieder verschwand. Arabellas Augen verengten sich. Wer war dieser Typ?
Da wandte er sich zu ihr. Nun konnte sie sein Gesicht erkennen, attraktiv, markant und rau, mit eisigen Augen, die weder blinzelten noch jemals weich wurden. Er strahlte pure Gefahr aus, die Arabella noch nie erlebt hatte. Es war kein Wunder, dass Meagan geflohen war. Jeder mit Verstand hätte es getan.
„Arabella Stanley“, sagte er. Seine Stimme war ruhig und tief, doch in ihr lag eine Kälte, die ihr die Haut prickeln ließ.
Arabella musterte ihn scharf. „Sie sind derjenige, der für meine Schwester bezahlt hat, oder?“
Ein knappes Nicken. „Schnell erkannt. Nehmen Sie Ihre Sachen und kommen mit mir.“
Arabellas Stirn legte sich in Falten. „Wie bitte?“ Wer war dieser Mann überhaupt, der so geheimnisvoll auftrat und Befehle erteilte?
Bevor sich die Spannung verdichten konnte, trat ein weiterer Mann hervor, der sich weniger einschüchternd, aber ebenso ernst zeigte. „Fräulein Stanley, gestatten Sie, dass ich es erkläre. Das ist Herr Asher Gordon. Sein Vater und Ihr Vater dienten gemeinsam beim Militär. Bevor sein Vater verstarb, bat er Herrn Gordon, sich um Ihre Familie zu kümmern. Herr Gordon ist erst kürzlich aus dem Dienst zurückgekehrt und versucht seitdem, Sie zu finden.“
Das erklärte die militärische Ausstrahlung und die eisige Ruhe von ihm, auch seinen Verhaltensstil, der im Krieg geformt worden war. Arabella sah Asher erneut an. Bedrohlich wirkte er jetzt nicht mehr, sondern verschlossen, wie ein Mann mit Mauern um sich, die kein Mensch je überwinden konnte.
Sie blieb gelassen: „Haben Sie auch etwas, das das beweist? So etwas kann jeder behaupten.“
Asher griff in seine Tasche und zog ein abgegriffenes Foto hervor. Es zeigte zwei Männer in staubigen Uniformen: einer war zweifellos ihr Vater, während der andere ihm verblüffend ähnlich aussah.
Lange starrte sie das Bild an, bevor sie erwiderte: „Ich werde darüber nachdenken.“
„Fair. Lassen Sie uns Nummern austauschen“, sagte Asher knapp und ohne Umschweife.
Arabella speicherte seine Kontaktdaten. Sein WhatsApp-Profilbild war nichts weiter als ein schwarzes Feld. Merkwürdig genug war ihres identisch. Es wäre ein seltsamer kleiner Zufall, dachte sie.
Dann fügte sich auch der Assistent hinzu: „Ich bin Dominick Powell, Herr Gordons rechte Hand. Melden Sie sich, wenn Sie irgendetwas brauchen, und jederzeit.“
Arabella nickte knapp: „Verstanden.“
Damit gingen die beiden Männer fort, und Arabella kehrte zurück in Daisys Krankenzimmer. Kurz darauf erschienen zwei schweigsame Leibwächter im Anzug vor der Tür, sie wurden eindeutig von Asher geschickt.
Arabella stellte keine Fragen. Sie machte sich sofort daran, Daisy frisch einzukleiden und ihr behutsam die Haare zu waschen, um das brüchige, ungleichmäßig geschnittene Chaos etwas zu ordnen. Doch als sie die Narben und Zigarettenverbrennungen sah, stiegen ihr erneut Tränen in die Augen.
Mit eisernem Willen hielt sie sie zurück und rieb vorsichtig ihre selbstgemachte Salbe auf die Wunden. Dann verschwendete sie keine Sekunde und öffnete ihren Laptop. Sie musste herausfinden, was Daisy in ihrer Abwesenheit zugestoßen war. Deswegen hackte sie sich in das Sicherheitssystem der Villa.
Die Aufnahmen schnürten ihr den Magen zu. Kurz nach Arabellas Weggang war Daisy aus ihrem eigenen Schlafzimmer vertrieben und gezwungen worden, in einer Hundehütte zu schlafen. Die fröhliche, lebhafte Schwester, die Arabella in Erinnerung hatte, lächelte nicht mehr.
In Videos sah sie, dass Daisy mehrere Nebenjobs jonglierte, nur um verspottet und schikaniert zu werden. Und trotzdem hatte sie weitergearbeitet und es bis an eine Spitzenuniversität geschafft. Doch schon im ersten Semester brach sie sich das Bein. Sie studierte Tanz und mit dieser Verletzung zerplatzten all ihre Träume.
Die Puzzleteile fügten sich zu glatt zusammen. Khloes Schwester, Elissa Tucker, war in derselben Klasse. Arabellas Instinkt sagte ihr, dass diese Verletzung alles andere als ein Zufall gewesen war.
Von da an verließ Daisy das Haus kaum noch. Wie eine Dienstmagd behandelt, schrubbte sie Böden, kochte Mahlzeiten und schlief weiterhin draußen in dieser verfluchten Hundehütte. Allerdings schrieb Daisy ihr jedes Mal dieselbe Lüge: „Mir geht's gut. Mach dir keine Sorgen. Kümmere dich nur um dich.“
Arabellas Blick verschwamm.
Während ihre Schwester Stück für Stück zerbrochen wurde, blühte die Familie ihrer Tante auf. Dank der lukrativen Zusammenarbeit mit der Vanguard-Gruppe liefen ihre Geschäfte reibungslos. Und Khloe, einst Schulabbrecherin, war plötzlich digitale Influencerin. Ihre ältere Schwester Elissa war an der Uni berühmt und beliebt. Noch Meagan drängte sich in die Kreise der feinen Damen, und ihr Mann war ein erfolgreicher Manager geworden.
Arabella presste die Kiefer zusammen und schlug mit der Faust auf den Tisch. Den Schmerz spürte sie kaum. All ihr erarbeiteter Erfolg hatte nur die Gier dieser verkommenen Familie genährt. Und die eine Person, die sie geschworen hatte zu beschützen, war die ganze Zeit über in stiller Qual zugrunde gegangen.